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Marie Jelenka Kirchner Handarbeit und Feminismus – wie passt das zusammen?

Marie Jelenka Kirchner: Who made my clothes
© Marie Jelenka Kirchner
Sie bezeichnet sich als Political Knitter, promoviert im Bereich feministische Europastudien und verbindet auf ihrem Instagram-Account die Themen Handarbeit und Feminismus. Wie man mit Stricken politisch aktiv werden kann, erzählt Marie Jelenka Kirchner im Interview mit Brigitte Digital.

Liebe Marie,

du nennst dich "Political Knitter", was bedeutet diese Bezeichnung für dich? Wie kann man mit Stricken politisch aktiv werden?

Mir war es wichtig zu zeigen, dass Stricken für mich mehr als eine Handarbeit ist. Stricken ist ein essenzieller Teil meines Lebens und mein Leben ist einfach sehr politisch. Auf meinem Instagram-Kanal bringe ich diese zwei Teile meines Lebens – das Politische und die Handarbeit – zusammen. Das funktioniert sehr gut: Zum einen hat man die Fotos von schönem Geschaffenen durch Handarbeit und zum anderen kann man politische Botschaften in den Beschreibungen aussenden. Konkret bin ich über mein politisches Engagement an die Handarbeit gekommen.

Ich habe mich vor einigen Jahren mehr mit Fair Fashion und mit meiner Verantwortung als Konsumentin von Mode auseinandergesetzt und festgestellt, dass ich Fast Fashion nicht mehr konsumieren möchte. Gleichzeitig habe ich als Studentin aber auch nur ein gewisses Budget, entsprechend kann ich mir schöne Strickwaren nicht unbedingt leisten – Wolle aber durchaus. Daraufhin habe ich stricken gelernt, so kann ich meinem Modestil treu bleiben und muss gleichzeitig keine Fast Fashion mehr konsumieren. Demzufolge bin ich über das Politische zum Stricken gekommen. Ich finde daher, dass Political Knitter mich ganz gut beschreibt.

Du promovierst im Bereich feministische Europastudien. Welche Erfahrungen hast du an der Universität gemacht, wenn es um das Thema Handarbeit und Feminismus ging?

Ich habe im letzten Semester über das Thema eine Hausarbeit geschrieben und ein Referat gehalten. Dabei kamen auch Rückfragen, die in die Richtung gingen: "Handarbeit und Feminismus, wie passt das denn zusammen – das ist doch nicht kompatibel mit einem modernen Feminismusverständnis!". Ich denke, es sollte alles, was ich selbst als feministisch verstehe, auch feministisch anerkannt sein. Außerdem finde ich es unangebracht, wenn man in starren Kategorien denkt. Mit solchen Aussagen geht eine Abwertung der Handarbeit einher. Wenn ich höre: "Handarbeiten sind doch unfeministisch", höre ich sinngemäß: "Handarbeiten sind nicht so viel wert – ein Hobby, das nicht so viel Sinn und Nutzen hat".

Dem würde ich konsequent widersprechen! Ich finde, dass Handarbeiten etwas Faszinierendes sind. Wir können selbst Kleidung herstellen, Sachen reparieren, kaputter Kleidung ein zweites Leben geben, Wolle in wunderschöne Dinge verwandeln etc. Das sind großartige Fähigkeiten! Ich habe das Gefühl, dass Handwerk häufig nur dann wertgeschätzt wird, wenn es mit Männern identifiziert wird, wie z. B. Tischlerei, Elektrotechnik etc. Zusammenfassend hat es mich sehr überrascht, dass ich in der Uni in meinen Gender Studies-Seminar auf genau die gleichen Klischees gestoßen bin.

Welche Vorurteile begegnen dir bzgl. Stricken und Handarbeiten im Allgemeinen?

Wenn ich sage, dass ich viel stricke, werde ich meistens erst mal belächelt. Viele Leute stellen sich unter Handarbeiten Omas vor, die zum Zeitvertreib Socken stricken. Ich merke aber auch, dass diese Wahrnehmung schnell verändert werden kann, wenn ich auf das Selbstgestrickte, das ich trage, hinweise. Es besteht einfach ein kollektives Missverständnis darüber, was man mit Handarbeiten alles machen kann. Handarbeiten sind etwas Modernes, Zeitloses und auch Faszinierendes.

Ich glaube, die Handarbeit leidet darunter, dass sie mit Frauen assoziiert und dadurch abgewertet wird. "Frauensachen" werden in unserer Gesellschaft ständig als minderwertig betrachtet, das macht mich wütend! Gleichzeitig erlebe ich häufig folgendes Phänomen: Sobald Männer Nadeln in die Hand nehmen und handarbeiten oder stricken, fällt die Reaktion anders aus. Dann heißt es: "Wow, ein strickender Mann!". Handarbeiten können also durchaus Faszination ausüben, aber oft dann, wenn sie von Männern ausgeübt werden.

Wie setzt du konkret Strickprojekte ein, um auf politische Sachen hinzuweisen?

Im Frühjahr hatte ich zusammen mit einer befreundeten Designerin ein feministisches Make Along organisiert, bei dem alle Teilnehmer:innen auf Instagram zu einem vorgegebenen Thema mitstricken, häkeln oder nähen konnten. Über sechs Wochen haben wir handarbeitende Menschen auf Instagram aufgefordert, mit uns gemeinsam eine "feminist uniform" (feministische Uniform; Anm. d. Red.) zu produzieren. Wir wollten ein Outfit erschaffen, mit dem wir uns als Feminist:innen gut, sicher und außergewöhnlich fühlen. Es war sehr spannend zu sehen, wie das die Leute für sich interpretieren. Ich hatte z. B. einen lila Pulli mit dem Weiblichkeitssymbol darauf gestrickt. Den kann ich anziehen, wenn ich z. B. zu feministischen Demos, Frauen-Streiks oder Streiks gegen Paragraf 218a gehe. Jede Woche gab es dazu außerdem ein Überthema, dass alle Teilnehmer:innen anregen sollte, über Feminismus zu reflektieren, und das wiederum mit dem kreativen Schaffensprozess zu verbinden.

An dieser Stelle hat unsere Redaktion Inhalte aus Instagram integriert.
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Die Aktion kam sehr gut an und hat viel Spaß gemacht. Ich glaube, es gibt viele Menschen in der Strickcommunity auf Instagram, die großen Rede- und Austauschbedarf haben. Durch dieses Make Along wollten wir eine Plattform schaffen. Ich selbst poste oft auf Instagram ein Foto und stelle in der Beschreibung dazu ein Thema in den Raum, was mit Feminismus zu tun hat. Außerdem berichte ich viel über meine eigenen Erfahrungen mit Sexismus oder Diskriminierung, die ich als Frau erlebe, und rege dann zu Diskussionen an. Ich gehe gern in den Austausch mit der Community, weil ich merke, dass man Stricken wunderbar mit anderen Themen verbinden kann.

Was tut sich generell in der Strickcommunity, gibt es Tendenzen, die für dich spürbar werden?

Da ich selbst eine Hausarbeit über Handarbeiten und Feminismus geschrieben habe und in der Strickcommunity drin bin, neigt man dazu, die Handarbeitscommunity ein bisschen zu glorifizieren. Ich glaube aber, dass die Strickcommunity letztendlich nicht so viel politischer, feministischer oder antirassistischer ist, als die allgemeine Bevölkerung – die Community ist wahrscheinlich ein guter Querschnitt durch die Gesellschaft. Durch dieses gemeinsame Hobby vermischen sich allerdings sehr viele soziale Bubbles.

Das ist unglaublich spannend: Ich komme dadurch mit ganz vielen Meinungen und internationalen Themen in Verbindung, mit denen ich sonst keine Berührung hätte. Durch Handarbeiten bin ich z. B. sehr in das Thema Fashion Revolution eingestiegen. Bei Menschen, die selbst handarbeiten und ihre Kleidung produzieren, ist oft diese grundsätzliche Achtsamkeit vorhanden – das macht viele Menschen in der Community für die sozialen Herausforderungen unserer Zeit empfänglich.

Ich freue mich sehr, dass die verschiedensten Fragen in der Community ausgehandelt werden können. Ich glaube aber auch, dass einige noch ein bisschen mutiger in der Kommunikation werden könnten. Es gibt viel Redebedarf und sehr viele Meinungen, aber dennoch besteht da oft das Gefühl: "Ich habe ja nur ein Strick-Account und möchte Stricken nicht mit politischen Themen vermischen". Da würde ich mir manchmal ein bisschen mehr Mut zur eigenen Meinung in Verbindung mit dem Handarbeiten wünschen. Es gibt sehr viele spannende Frauen in der Community, von denen ich gern erfahren würde, wie sie auf das Leben blicken und welche Erfahrungen sie schon gemacht haben.

Hast du in nächster Zeit wieder eine Aktion geplant, die man unter das Motto political Knitting setzen könnte?

Wir würden gern nächstes Jahr im Frühjahr eine zweite Edition des feministischen Make Alongs starten. In näherer Zukunft ist sonst jetzt erst mal nichts geplant. Grundsätzlich bin ich aber immer begeistert, zu Aktionen dazu zukommen und mein Netzwerk in der Strickcommunity zu nutzen. Außerdem gibt es natürlich auch oft im Winter Strickaktionen, z. B. für Bedürftige oder Obdachlose Mützen oder Socken etc. stricken – das gehört auch zum politischen Stricken, da man hier durch sein Hobby konkret einen Beitrag leisten kann.

Vielen Dank für das Gespräch und viel Erfolg für alle weiteren Projekte, liebe Marie!

Brigitte

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