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Kunst aus Alltagsdingen


Sie bringt einen Wischmopp zum Leuchten und verwandelt billige Fliegenklatschen in einen bunten Vorhang: Judith Milberg zeigt in ihrem neuen Buch, wie gewöhnliche Gebrauchsgegenstände zu einzigartig schönen Wohnobjekten werden. Wir haben mit der Frau des Schauspielers Axel Milberg gesprochen.

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Brigitte.de: Frau Milberg, wie kommt man auf die Idee, einen Wischmopp in einen Lampenschirm zu verwandeln?

Judith Milberg: Stellen Sie sich vor, Sie schlendern durch ein Haushaltswarengeschäft, und Ihr Blick fällt auf einen Wischmopp. Sie betrachten ihn einen Moment, und plötzlich fällt Ihnen auf, was für ein wunderschönes, ja ausgeflipptes Objekt das ist. So geht mir das ständig. Hat man diese Schönheit erst entdeckt, ist der Weg zum Lampenschirm nicht mehr weit. Ich überlege mir dann sofort, wie ich die Dinge weiter verfremden und ihre Schönheit unterstreichen kann. Auf diese Weise bekommen sie den Glamour, den sie längst verdient haben.

Brigitte.de: Kann man diesen Blick für das Besondere im Alltäglichen lernen?

Judith Milberg: Ja, man muss es nur ausprobieren. Gerade die alltäglichen Dinge, die nur ihrer Funktion wegen geschaffen wurden, entwickeln eine besondere Schönheit, wenn man sie in einen anderen Kontext stellt. Das kann ein Wischmopp sein, ein Trichter oder auch eine leere Waschmittelflasche. Versuchen Sie einfach, die Dinge wie im Kunstmuseum zu betrachten und ihre eigentliche, schnöde Aufgabe zu vergessen. Und schon sind sie faszinierend. Glauben Sie mir, wenn man einmal damit angefangen hat, kann man gar nicht mehr anders gucken.

Brigitte.de: Seit wann gucken Sie denn so in die Welt?

Judith Milberg: Sicherlich spielt mein Studium eine Rolle, denn in der Kunstgeschichte lernt man, auf Details zu achten. Abgesehen davon hatte ich schon immer ein Faible für formschöne Dinge, mein ganzes Haus ist voll davon. Sie begegnen mir überall, auf Flohmärkten, in Baumärkten, in der Drogerie. Andere Menschen sammeln Zuckertüten, ich horte lieber Plastikhaken. Das war schon immer so.

Brigitte.de: Das klingt nach überquellenden Kisten und Chaos im Keller - was sagt denn Ihre Familie zu Ihrer Sammelleidenschaft?

Judith Milberg: Ich bin zum Glück kein Messie, sondern sehr ordentlich und strukturiert. Alle meine Objekte sind systematisch in Metallkörben und Umzugskisten sortiert, und ich habe auch keine Hemmungen, mal etwas zu entsorgen, wenn ich es nicht mehr brauchen kann. Ordnung muss sein, sonst geht man unter.

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Brigitte.de: Angenommen, ich habe nun den besonderen Blick gelernt und eine Idee entwickelt - etwas handwerkliches Geschick braucht man aber sicher auch?

Judith Milberg: Natürlich ist ein bisschen Geschick von Vorteil. Aber ich will vor allem kreative Ideen vorstellen, die jeder nachmachen kann. Im Prinzip kann man die Objekte aus meinem Buch alle am Küchentisch bauen, dafür braucht man keine Werkstatt oder einen Hobbykeller. Das zeigt sich auch an den Kategorien, in die ich die Anleitungen eingeteilt habe: Von "kinderleicht" für die ganz Ungeschickten bis "Frauensache!" für Fortgeschrittene (lacht).

Brigitte.de: Heißt das, dass die Frauen den Männern in Sachen Heimwerken den Rang abgelaufen haben?

Judith Milberg: Generell denke ich, dass sich Frauen und Männer hier in nichts nachstehen. Aber es hat sich schon etwas verändert in den vergangenen Jahren: Immer mehr Frauen strömen in die Baumärkte, und auch viele Studien zeigen, dass es in der Regel die Frauen sind, die den Hammer in die Hand nehmen. Das ist bei uns zu Hause oder bei meinen Freunden nicht anders. Vor allem, wenn es um Gestaltung und Dekoration geht, haben die Frauen die Nase vorn.

Brigitte.de: Haben Sie Ihre Familie denn mit Ihrer Werkellust angesteckt?

Judith Milberg: Vor allem, als meine Kinder kleiner waren, haben wir fast täglich gebastelt. Heute sind sie nicht mehr ganz so engagiert, aber sie finden es trotzdem ganz cool, was ich so mache. Und mein Mann ist sowieso mein größter Fan. Er bringt mir, sofern es seine Zeit zulässt, von seinen beruflichen Reisen immer kuriose Dinge mit, die ich für meine Objekte brauchen kann.

Brigitte.de: Kaufen Sie überhaupt noch fertige Wohnaccessoires?

Judith Milberg: Nein, überhaupt nicht. Gestern zum Beispiel habe ich festgestellt, dass die Kerzen flackern, wenn sie auf der Heizung stehen. Nun könnte ich natürlich einfach Windlichter kaufen, aber ich denke mir lieber selbst etwas Eigenes aus. Irgendwo habe ich bestimmt noch ein paar gebrauchte Gefäße, die sich hervorragend dafür eignen.

Brigitte.de: Haben Sie ein Lieblingswerkzeug?

Judith Milberg: Die Heißklebepistole, die gibt es auch in einer kleinen Version für die Handtasche. Noch viel wichtiger ist allerdings ein ganz einfaches Werkzeug: die Schere. Eine kräftige Allzweckschere, mit der man auch Metall schneiden kann - die habe ich für nahezu jedes Objekt aus meinem Buch gebraucht.

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Judith Milbergs Buch "Mein Design - Lustobjekte aus Alltagsdingen" ist erschienen im Callwey Verlag, ISBN-10: 3766717111, 19,95 Euro.

Interview: Michèle Rothenberg Fotos: Callwey Verlag

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