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Schal fürs Leben 2021 Das alles habt ihr schon für syrische Kinder erreicht

"Ein Schal fürs Leben 2021": Lara
Zukunft ungewiss Lara, 7, lebt mit ihrer Familie in einem syrischen Auffanglager. Ihr Lichtblick: das neue Lerncenter im Camp
© Save the Children
Mehr als 5,5 Millionen Kinder wurden in und um Syrien vertrieben. Bildung, Sicherheit, Geborgenheit – das ist es, was sie am dringendsten brauchen. Und ihr, liebe Leser:innen, tragt dazu bei: indem ihr auch in diesem Jahr unsere große Aktion "Ein Schal fürs Leben" unterstützt. Was du bewirken kannst, liest du hier.

Als die Eltern ihr sagten, sie solle packen, sie seien zu Hause nicht mehr sicher, stopfte Lara*, damals 4, ihre liebsten Spielsachen in eine Tasche. Sie dachte, es wäre nur für kurz, der Beschuss würde aufhören und sie könnten danach zurück in ihr Haus in Idlib, einer Region im Nordwesten Syriens. Die Tasche hat sie seither nicht mehr ausgepackt.

Seit drei Jahren ist sie, gemeinsam mit ihre Eltern und ihren acht Geschwistern, jetzt auf der Flucht. Sie sind Binnenvertriebene, wie 6,7 Millionen andere Menschen in Syrien. Menschen, die dauerhaft im eigenen Land in Auffangcamps und Übergangslagern leben müssen, weil ihre Heimatdörfer und -viertel beschossen oder vom Regime gezielt aushungert wurden. Im Moment lebt die Familie in einem Camp auf dem Land in einem dünnen Zelt. Die Eltern fürchten den Winter, den Schnee, und noch mehr den Tag, an dem das Essen nicht mehr für alle reicht – mehr als 13 Millionen Menschen sind nach UN-Angaben auf humanitäre Organisationen angewiesen. In der Region, in der Lara und ihre Familie leben, ist beinah jedes dritte Kind chronisch mangelernährt. Laras Familie hält aus, harrt aus. Ein Leben ist es nicht.

Wir haben schon viel erreicht

Im vergangenen Jahr haben wir in BRIGITTE über Familien berichtet, die in Syrien als Binnenvertriebene unter ärmsten Umständen zurechtkommen müssen. Und ihr, liebe Leser:innen, habt mit großem Mitgefühl reagiert und mehr als 460.000 Euro für unsere Aktion "Ein Schal fürs Leben" gespendet. Ihr habt damit sehr viel Gutes bewirkt, Schicksale gewendet, ganz konkret Hoffnung geschenkt, in Syrien und in den Nachbarländern, die mehr als 80 Prozent der aus Syrien Geflohenen aufgenommen haben. Gemeinsam mit der unabhängigen Kinderrechtsorganisation Save the Children setzen wir jetzt im achten Jahr unsere Hilfsaktion fort. Wieder bitten wir euch, den Kindern zu helfen. Denn in Syrien herrscht immer noch Krieg, gehen der Hunger und das Sterben weiter, auch wenn sich der Blick der Medien wie der der internationalen Gemeinschaft immer wieder anderen, akut krisenhaften Regionen zuwendet.

Die syrischen Kinder brauchen eure Unterstützung weiterhin; wir möchten euch Danke sagen – und zeigen, welche Wirkung es haben kann, wenn man sich dauerhaft und fachkundig wie Save the Children und seine Partnerorganisationen vor Ort für die Geflohenen einsetzt. Fünf Lern- und Spielräume konnte Save the Children mit Ihrer Hilfe in den Camps im Norden Syriens errichten. Lokale Helfer:innen schulten ehrenamtliche Lehrkräfte und sorgten dafür, dass 1200 Mädchen und Jungen Lehrmaterialien erhielten und langfristig wieder unterrichtet werden können.

Auf in eine bessere Zukunft

Lara zum Beispiel geht jetzt in ein Lerncenter in ihrem Camp; es ist keine Schule, aber ein Ort, an dem sie das Alphabet lernt, mit anderen Kindern spielen und neue Sachen ausprobieren kann: basteln, eine Geschichte per Stille Post ins Ohr der Nachbarin flüstern, mit allen singen. Sie hat jetzt Bücher, in denen einfache Wörter unter bunten Zeichnungen stehen, manche kann sie schon entziffern. Und sie bekommt Unterstützung, psychologisch und sozial, was ihr hilft, sich besser auf andere Kinder einzustellen. Sie sei wieder fröhlicher geworden, sagt ihre Mutter. Ihre Tasche mit dem Spielzeug will Lara dennoch erst auspacken, wenn sie wieder zu Hause ist.

1200 Kinder aus den Camps können nun zur Schule gehen - dank eurer Hilfe

Auch Karma haben sie geholfen, auch sie vertrieben im eigenen Land. Sie ist 33, Mutter von drei Kindern, Ziehmutter von drei weiteren, die in ihrer Familie leben, seit deren Mutter bei einem Bombenbeschuss in Karmas Heimatdorf umkam. Karmas Mann ist Hirte, Geld kann er damit in dem Camp, in dem sie derzeit leben, nicht verdienen. Ihr drittes Kind brachte Karma im Juni zur Welt; kurz vor der Entbindung besuchte sie das Team einer mobilen Gesundheitsstation, die Save the Children mit den Spendengeldern der Schal-Aktion finanziert. Die Ärztinnen und Sozialarbeiter versorgen Babys und junge Mütter, helfen auch psychisch, kämpfen mit Screenings gegen die grassierende Unterernährung der Kleinsten. Die Nahrungslage hat sich durch Corona weiter verschlechtert, weil die Verteilung von Lebensmitteln, Wasser und Medikamenten zeitweilig kaum mehr möglich ist. Insgesamt 8400 Kleinkinder, Mütter und schwangere Frauen konnte das Team bisher versorgen.

Aufklären und die Angst nehmen

Sie fühle sich furchtbar unter Druck, erzählte Karma dem Mobil-Team, sie habe große Angst, dass sie nicht stillen könne oder ihre Milch zu wenig nahrhaft sei. Sie habe aber auch kein Geld für Säuglingsmilch. Ihre älteren Töchter habe sie mit Kuhmilch und wässriger Stärke durchgebracht, aber nicht mal das könne sie mehr bezahlen.

Das Team der Gesundheitsstation machte ihr Mut, zeigte ihr rechtzeitig vor der Entbindung, wie man am besten stillt und die Milch reguliert, erklärte ihr, warum das Stillen so wichtig ist, und sprach mit ihr auch über ihre psychischen Probleme. Im ersten Monat nach der Geburt besuchte es sie regelmäßig und hielt über WhatsApp Kontakt – bis Karma so weit war, ihr Baby allein zu stillen, was inzwischen gut funktioniert.

Im vergangenen Jahr sind alle Spenden in Projekte innerhalb von Syrien geflossen; aber auch die Hilfe im Libanon geht weiter und braucht eure Unterstützung. Dort hat sich die Lage für die 1,5 Millionen syrischen Geflohenen weiter verschärft, auch weil das Land selbst spätestens seit der zerstörerischen Explosion im Hafen von Beirut 2020 ökonomisch am Ende ist. Die Währung verfällt, die medizinische Versorgung ist zusammengebrochen. Medikamente, Strom, Benzin, viele Lebensmittel sind knapp, nicht mehr zu bekommen oder, wenn doch, fast unerschwinglich.

Der Alltag ist geprägt von Ausgrenzung und Armut

Die Verzweiflung der Libanesinnen und Libanesen spüren auch die syrischen Kinder, immer häufiger werden sie gemobbt, in der Schule, auf der Straße. Die zwölfjährige Layla hat es erlebt. Sie lebt mit ihren Eltern, ihrem 13-jährigen Bruder und der sechsjährigen Schwester seit sechs Jahren in der Bekaa-Ebene, einer Hochebene im Osten des Landes. Früher, in Syrien, hatten die Eltern gute Jobs, die Mutter als Fremdenführerin, der Vater war im Landwirtschaftsministerium. Jetzt leben sie in einem schäbigen Haus, die Mutter arbeitet die Miete im Haushalt der Vermieter ab, zwölf, 13 Stunden jeden Tag.

Laylas Vater und ihr älterer Bruder sind während der Zeit auf Arbeitssuche, zuletzt jobbten sie auf einem Markt am Gemüsestand. Auch Layla würde arbeiten gehen, um mitzuhelfen, sie hat es den Eltern schon angeboten, aber die erlauben es nicht. Sie macht jetzt den Haushalt, putzt, kocht, kümmert sich um die Großmutter und die kleine Schwester. Der schönste Moment am Tag, sagt sie, ist, wenn beim Frühstück noch alle zusammen sind. Zur Schule geht sie nicht mehr, weil sie in der Klasse einen schweren Stand hatte. Die anderen mobbten sie wegen ihrer Kleidung, ihres Akzents. Niemand durfte mit ihr befreundet sein; fand Layla doch eine Freundin, setzten sie sie unter Druck: Wieso redest du mit der? Die ist aus Syrien. Die ist arm.

Es ist, als würden die Ängste, je älter sie wird, mit ihr wachsen.

Layla konnte sich nicht wehren, sie zog sich zurück, bekam Albträume. Seither lassen die Eltern sie nicht mehr aus dem Haus. "Layla weinte immer mehr", sagt ihre Mutter. "Es ist, als würden die Ängste, je älter sie wird, mit ihr wachsen." 

Ihre Rettung war ein Computerkurs, den Save the Children in ihrer Nähe anbietet. Drei Mal in der Woche geht sie nun dorthin. Weil der Weg sicher ist, erlauben es die Eltern. Sie saugt alles Wissen in sich auf, auch einen Englisch-Kurs hat sie schon besucht. Die Kurse ersetzen keinen Abschluss, aber sie stärken ihr Selbstbewusstsein. Albträume, sagt sie, habe sie kaum noch. 

Statt Kindheit ruft die Arbeit

Der achtjährige Walid ist ein Junge mit einem Kämpferblick, auf Fotos verschränkt er gern die Arme und schaut finster. Das hat er sich auf der Straße angewöhnt, wo er Papiertaschentücher verkauft hat, von morgens um sieben bis nachmittags um zwei. Oder er zog durch die Nachbarschaft, um Plastik aus Mülleimern zu sammeln und es zu verkaufen. Einen Dollar verdiente er so am Tag.

Er ist der älteste von drei Geschwistern, die Familie lebt in Beirut, der Vater findet selten Arbeit, auch er sammelt manchmal Flaschen. Ihre Wohnung besteht aus einem Raum; das Haus ist von der Hafen-Explosion beschädigt, aber bewohnbar, sagen die Vermieter. Fragt man die Mutter, warum ihr Sohn arbeiten musste, sagt sie: "Wir hatten ja keine Wahl." 

Walid ist oft verprügelt worden, auf der Straße, beim Flaschensammeln oder beim Herumstreunen. Er zog sich zurück und war oft traurig, vor allem weil er eigentlich so gern zur Schule gehen wollte – weder er noch seine Brüder hatten bisher eine Schule besucht.

Ich wollte, dass meine Geschwister aufhören, vor Hunger zu weinen.

Walid sagt: "Ich habe die Arbeit gehasst, aber ich musste meinem Vater helfen, er ist immer müde. Und ich wollte, dass meine Geschwister aufhören, vor Hunger zu weinen." Wenn Kinderarbeit nicht anders zu verhindern ist als durch die Linderung der unmittelbaren materiellen Not, gewährt Save the Children Bargeld-Hilfe, im Falle von Walids Familie sind es monatlich rund 180 Dollar. Das Save-Team klärte die Eltern außerdem darüber auf, was es für Walids Leben bedeutet, wenn er nicht zur Schule geht und gleichzeitig eine Verantwortung schultern muss, die viel zu groß ist für ihn. Und es machte ihnen klar, wie dringend er seine Eltern braucht, wenn er sich niedergeschlagen fühlt oder aggressiv wird.

Walid muss nun nicht mehr arbeiten. Er kann seit diesem Schuljahr regelmäßig zur Schule gehen. Seine Mutter erzählt, sie habe ihn lange nicht so glücklich gesehen wie in dem Augenblick, als das Save-Team ihm seine neuen Bücher und Hefte übergab. Walid sagt, er wolle eines Tages Häuser bauen – vor allem ein großes, stabiles, für seine ganze Familie.

*Alle Namen zum Schutz der Geflohenen geändert

Hilfe für Kinder

Save the Children hilft seit Beginn des Syrien-Konfliktes vor mehr als zehn Jahren in der Region. Kinderschutz und Bildung stehen im Vordergrund, aber die NGO unterstützt Familien unter anderem auch mit Bargeld. Weitere Schwerpunkte sind die Hygiene-Aufklärung, Gesundheitsversorgung und die Beschaffung von Material für die Unterkünfte.

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23/2021 Brigitte

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