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Schal fürs Leben 2022 Syrische Kinder: So viel hat eure Hilfe schon bewirkt

Ein Schal fürs Leben 2022: ein kleines Mädchen mit dunklen Haaren sitzt auf dem Boden
© Oliver Marsden / Save the Children
Einfach überleben: Das ist für Millionen Geflohene in und um Syrien inzwischen das einzige Ziel. Mal einen Spaziergang zu machen, sich hin und wieder satt zu essen – diese einfachen Dinge sind für sie ein Luxus. Unsere große Aktion "Ein Schal fürs Leben" hilft auch in diesem Jahr vor Ort – mit eurer Unterstützung, liebe Leser:innen. Die Geschichte dieser vier Mütter im Libanon zeigt, was eure Hilfe bewirken kann.

Hiba, die Kämpferin – Hiba* hat sich an die Dunkelheit gewöhnt. Sie findet auch tastend die Töpfe, um Essen zu kochen. Und den Griff an der Tür, hinter der der jüngere ihrer beiden Söhne auf einer Matte liegt und sich stöhnend wegdreht, als sie mit dem Handy in den Raum leuchtet. So liege er schon seit Tagen, sagt sie, er sei nicht krank, ihn habe einfach die Kraft verlassen. Er ist 18.

Im Zwiespalt zwischen Hoffnung und Verzweiflung

Hell wird es in ihrem Leben nur zweimal am Tag, dann kommt für eine halbe Stunde der Strom und macht aus dem fensterlosen Verschlag in der Geflohenensiedlung Baddawi nahe der nordlibaniesischen Stadt Tripoli so etwas wie einen Lebensraum – für Hiba, ihre Söhne, deren Frauen, ihre drei Babys. Und für Lina, die 13-jährige Tochter. Manchmal scheint sie kurz in der Dunkelheit auf, als lächelndes Gesicht auf Hibas Display, ein hübsches Mädchen mit einem dünnen weißen Schal, der ihr Gesicht umrahmt wie das einer Heiligen.

Lina ist nicht da, in der Siedlung unterwegs mit einer Freundin. Aber wir sprechen unentwegt von ihr, ihre Mutter hat kein anderes Thema. Nicht ihre Söhne, die mit Schrottsammeln versuchen, die 43 Dollar Miete aufzutreiben; nicht Hibas Flucht aus Syrien vor fünf Jahren nach dem Krebstod ihres Mannes und die ersten zwei Jahre danach in der Obdachlosigkeit. Sie kreist um ihre Tochter, denn der Schock sitzt tief. Lina hat mehrmals versucht, sich das Leben zu nehmen. Einmal wollte sie vom Dach eines achtstöckigen Gebäudes springen, ein Passant rettete sie. Und vor einem halben Jahr schaffte Hiba es gerade noch, ihr nachts zu Hause die Tabletten aus der Hand zu nehmen. "Was machst du?", hat sie gefragt. "Ich will sterben", sagte die Tochter. "Unser Leben wird besser werden", versprach Hiba. "Es wird nur besser, wenn ich tot bin", antwortete Lina. Hiba, eine kleine, rundliche Frau, wirkt stark, aber sie weint auf die Art, die den ganzen Körper vibrieren lässt.

Fast 90 Prozent der Geflüchteten leben in extremer Armut – die Zahl steigt rasant.

Es ist das neunte Jahr, in dem wir über die Lage der aus Syrien geflüchteten Familien berichten. Und ihr, liebe Leserinnen und Leser, bitten, unsere große Hilfsaktion "Ein Schal fürs Leben" zu unterstützen, die wir gemeinsam mit der unabhängigen Kinderrechtsorganisation Save the Children ins Leben gerufen haben. Das Geld, das durch euren Woll- und Schalkauf und eure Spenden (bisher sagenhafte 2,5 Millionen Euro!) zusammenkommt, hilft den Familien, den Frauen und Kindern ganz konkret vor Ort: In Syrien, wo 6,9 Millionen Binnengeflüchtete noch immer den direkten Kriegsfolgen ausgesetzt sind. Sie harren in armseligsten Unterkünften aus und hungern. Und in den Nachbarländern, unter anderem dem Libanon, wo jede:r sechste Einwohner:in aus Syrien kommt. 88 Prozent der Geflohenen leben laut UNHCR unterhalb der extremen Armutsgrenze – 2019 waren es noch 55 Prozent.

Ein Schal fürs Leben 2022: eine Frau mit Kopftuch steht in der Tür eines alten Hauses
Dunkelheit Hiba und ihre Kinder haben nur zweimal am Tag für eine halbe Stunde Strom
© Oliver Marsden / Save the Children

Die Menschen leben nur noch von einem Tag zum nächsten

Das Geld hat auch Hiba und ihrer Familie geholfen, denn sie bekommen, seit das Save-the-Children-Kinderschutzteam nach Linas Suizid-Versuchen Kontakt zu ihnen aufnahm, so genannte Kindswohlhilfe, eine monatliche Förderung für Familien mit Kindern in schweren emotionalen oder gesundheitlichen Krisen. Das Geld trägt dazu bei, den größten Druck von der Familie zu nehmen.

Die Lage im Libanon ist trostlos, für die Geflohenen, und auch für die Einheimischen. Der Staat ist bankrott, Inflation und Arbeitslosigkeit explodieren, die Detonation im Hafen von Beirut vor zwei Jahren hat der Wirtschaft nahezu den Todesstoß versetzt. Auch, weil es nun an Lagermöglichkeiten für den wenigen Weizen mangelt, der das Land seit dem Ukraine-Krieg noch erreicht. Bankguthaben wurden eingefroren, Benzin, Lebensmittel, Medikamente sind für viele unerschwinglich, Strom wird rationiert, was wiederum die elektrisch betriebenen Wasserpumpen lahmlegt, wodurch es an Trinkwasser mangelt. "Die Leute sind müde", sagt Baraa Shkeir, Mitarbeiterin von Save the Children im Libanon. "Sie leben von einem Tag auf den nächsten." Beinah jedes Jahr sind wir seit Beginn der Schal-Aktion in den Libanon gereist. Schlimmer als beim letzten Mal, denke ich jedes Mal, kann die Lage diesmal kaum sein. Doch das ist sie. Anfangs war es das Trauma der Flucht, später die Verzweiflung darüber, dass das Provisorium von Dauer sein würde, eine Rückkehr nicht in Sicht.

Nun ist es die dramatische soziale und finanzielle Not, das Gefühl des Unerwünschtseins, des Ausharrens in einem grundfalschen Leben, das die Geflohenen so sehr in die Enge treibt, dass viele wie gelähmt die Tage verstreichen lassen. Ohne eine Chance, aus eigener Kraft etwas für sich und ihre Kinder verbessern zu können, schwindet auch der Überlebenswillen.

Mütter haben Angst um ihre Töchter

Neu ist die Angst, die ich bei vielen Frauen spüre. Die Angst der Mütter, dass ihre Kinder ausgegrenzt, ihre Töchter sexuell belästigt und außerhalb der eigenen Unterkunft Opfer von Gewalt und Kriminalität werden. Und, wenn wir länger miteinander sprechen, auch die vorsichtig anklingende Frustration über die Macht und die Härte der Männer und Schwiegereltern – empfunden von Frauen einer Generation, die in der täglichen Improvisation der Flucht gelernt hat, auch allein zurecht zu kommen.

So wie Hiba, die zwei Jahre lang nachts Plastik sammelte, um ihre Tochter in einem Fitnessstudio anmelden zu können, denn Sport, dachte sie, könne ihr Selbstbewusstsein geben. Einen Monat sei Lina begeistert dabei gewesen, erzählt sie stolz, "sie ist richtig aufgeblüht". Aber dann ging sie aus Scham über ihre abgewetzte Kleidung nicht mehr hin, nahm zu und verbringt die Tage mit Youtube-Shows auf dem Handy.

"Der Wind weht nicht immer, wie die Schiffe es möchten", sagt Hiba, greift nach einem Stift und beginnt, ohne ein weiteres Wort, zu zeichnen. Eine Taube und ein Friedenszeichen. Sie drückt es uns zum Abschied in die Hand.

Sorge vor weiteren Schwierigkeiten in der Gesellschaft auch nach der Flucht

Samar, die Verlorene – Ein paar Straßen weiter, in der Wohnung von Samar, 32, ist es hell, aber das Licht macht die Räume nicht warm. Nur eine Matratze gibt es, einen Karton mit gespendeten Spielsachen und an der Wand einen kleinen Korb mit rosa Kinder-Haarreifen. Alles, was Samar sonst besitzt, steckt, seit sie im Juni Syrien verließ, noch in ihrem Rucksack.

Wenn sie erzählt, wie die vergangenen Monate waren, greift sie immer wieder nach den Enden ihres lachsfarbenen Kopftuchs und wischt sich die Augen. Sie habe Angst, sagt sie, um ihre Tochter und ihren Sohn, 5 und 3, dass andere Kinder sie mobben, weil sie aus Syrien sind. Vor den Frauen in der Nachbarschaft, die in ihr, der Witwe, eine Konkurrentin sehen, eine, die ihnen ihre Männer wegnehmen will.

Ein Schal fürs Leben 2022: eine Familie sitzt auf Kissen auf dem Boden
Isolation Wie an einer Endstation angekommen – so fühlt sich das Leben für Samar an
© Oliver Marsden / Save the Children

Samars Mann war Soldat, er starb vor drei Jahren bei einem Angriff, ihr Schwiegervater warf sie danach aus dem Haus, drohte, ihr die Kinder wegzunehmen. Sie versteckte sich, erst in Syrien, später brachte sie ein Menschenhändler über die Grenze, setzte sie an einer Tankstelle ab. Samar hatte Glück, ein altes Paar nahm sie und die Kinder auf und mietete ihr die Wohnung, in der sie jetzt leben, "einfach so", sagt sie, "aus Güte".

Sie sagt sich immer wieder, es sei gut, dass ihr Mann zurück ist – aber sie glaubt sich selbst nicht.

Mittags kocht sie ein Gericht aus Bohnen, Zwiebeln, Tomaten, Knoblauch, sie zeigt uns die Reste auf dem Herd, sie essen einmal am Tag davon. Auch Samar lebt, wie Hiba, von der Kindswohlhilfe aus unserer Schal-Aktion. Es ist alles, was sie hat, um zu überleben. Sie ist erschöpft, mental und körperlich, man merkt es an den zitternden Händen, der leisen Stimme, den vielen Tränen. Als wir gehen, küsst sie mich auf die Wange und schaut danach fast erschrocken.

Zum Überleben müssen die Kinder beim Geldverdienen unterstützen

Jana, die Macherin – Einige Kilometer nördlich von Tripoli, in einem weißen UN-Zelt, lebt Jana, 35. Das Zelt ist ein Provisorium, im Winter rinnt eisiges Wasser die Wände entlang, kriecht in den gerüschten Gardinenstoff, mit dem Jana die Regale dekoriert hat, nur der kleine Fernseher steht offen, einschaltbereit. Wenn der Strom kommt – sie wissen nie, wann und für wie lange –, streiten sich ihr Sohn Adil, 9, und Tochter Rima, 14, welches Programm sie schauen, und Jana lädt schnell die Handys, macht den kleinen Kühlschrank an, von dem sie überlegt, ihn zu verkaufen, weil er sich so gar nicht lohnt.

Jana ist eine warmherzige Frau; sie wirkt selbstsicher, zumindest heute, denn heute ist ihr Mann nicht da, er hat für ein paar Tage Arbeit auf dem Feld. Sechs Jahre, sagt sie, sei er fort gewesen, in einem Gefängnis in Syrien, die Gründe für die Haft kenne sie nicht. Sechs Jahre glaubte sie, er käme nicht zurück, sie managte die Familie, traf die Entscheidungen, auch die zur Flucht.

Ein Schal fürs Leben 2022: eine Mutter steht mit ihrem beiden Kindern vor einem Zelt
Ungewissheit Jana mit ihren Kindern. Sechs Jahre war ihr Mann in Syrien im Gefängnis. Nun ist er zurück und überlegt, Tochter Rima bald zu verheiraten. Für Jana ein unerträglicher Gedanke
© Oliver Marsden / Save the Children

Sie hat dafür gesorgt, dass die Kinder zur Schule gingen, solange sie den Bustransport, 30 Dollar pro Monat, bezahlen konnte. Sie hat es ausgehalten im engen Zelt mit ihren Eltern und gearbeitet, so viel sie konnte, als Schneiderin. Aber sie konnte nicht verhindern, dass ihre Kinder dazuverdienen mussten, Adil im Akkord in einer Fabrik für Waschbecken, Rima in einem Gewürzladen. Adil brach sich die Hand, Rima wurde im Laden belästigt, seither leben sie von den 30 Dollar, die sie monatlich von Save the Children bekommen, aus einem Programm, das mit Bargeldzahlungen verhindern will, dass Kinder arbeiten müssen.

Eine Zwangsheirat ihrer Tochter kommt für Jana nicht infrage

Vor acht Monaten rief plötzlich ein Schwager an, ihr Mann käme frei. Seit einem Monat wohnt er nun wieder bei ihr. Seither versucht sie, sich zu sagen, dass es gut ist, dass er zurück ist, aber es gelingt nicht richtig. Es sei schwierig, sagt sie, "er ist verändert, oft wütend und verwirrt, aber auch sehr bestimmend." Sie wurde mit ihm verheiratet, als sie 21 war. Ob er ein guter Mann war? Sie lächelt, zieht eine Braue hoch: "Er war nicht sehr verantwortungsvoll." Ihre größte Angst ist, dass er Rima verheiratet, sobald die Unterstützung von Save the Children, die befristet ist, endet. Das habe er schon angedroht. Niemals werde sie das zulassen, sagt Jana. Wie sie es verhindern will, weiß sie nicht, noch kommt das Geld. Noch drei Monate.

Aya, die Eingeschlossene – Wir fahren nach Beirut, der Hauptstadt, und treffen Aya. Sie lebt mit ihren fünf Töchtern in der Geflohenensiedlung Shatila, die wie eine Welt für sich ist: schmale Gänge mit Stromkabelknäueln darüber, viel Müll, den die Bewohner:innen mit Wasser die Wege hinabspülen.

Ein lichtloses Treppenhaus führt zu ihrer Wohnung im vierten Stock. Vor einer Tür mit löchrigem Plastikeinsatz stehen Mädchenschuhe, kleine, größere, Ayas Töchter sind zwischen sechs und 15. Sie haben zwei Zimmer, eines mit einem Schrank und ein paar Matten, das andere mit einer Spüle und einer Holzdecke, durch die manchmal Ratten kommen. 

Das Überleben hängt von der Geldhilfe von Save the Children ab

Aya, 33, ist seit zwölf Jahren im Libanon, seit dem Winter lebt sie in dieser Wohnung. Vor zweieinhalb Jahren ging ihr Mann in die Niederlande, versprach, sie und die Mädchen nachzuholen. Jetzt hört sie nur noch selten von ihm. Er schickt kein Geld, aber das mache keinen großen Unterschied, sagt sie, Geld habe er auch vorher nicht verdient, es gab einfach keine Jobs. 23 Dollar zahlt sie im Monat an Miete, sieben Dollar für Strom. Manchmal findet sie einen Putzjob, aber ihr Überleben hängt an der monatlichen Bargeldhilfe von Save the Children. Ihre Bettdecken, Töpfe, Teller, fast alles hat sie schon verkauft.

Sie muss viel aushalten, wenn sie die Wohnung verlässt, Männer bieten ihr Geld für Sex, zwei Dollar, ihr, der Frau ohne Mann, ohne Sohn, sie geht dann schnell weiter. Die Mädchen lässt sie gar nicht mehr aus dem Haus, sie sitzen den ganzen Tag auf ihren Matten, keine Schule, keine Freundinnen, sie reden nur miteinander, reichen das Handy herum, teilen das wenige Essen. Die beiden Jüngsten sind so dünn, dass die Gliedmaßen wie bekleidete Knochen wirken.

Ein Schal fürs Leben 2022: Eine Mutter mit 5 Kindern sitzt auf dem Boden in einer leeren Wohnung
Angst Ihr Mann ging nach Europa, nun fühlt sich Aya mit ihren fünf Töchtern ständig bedroht. Die Älteste (2. v. l.) würde gern Friseurin werden, aber es gibt in ihrer Siedlung keine Ausbildungsplätze
© Oliver Marsden / Save the Children

Wir sitzen den ganzen Vormittag zusammen, versuchen zu verstehen, was es heißt: ein Leben, in dem der größte Luxus ein gemeinsamer Spaziergang im kleinen Park neben dem Camp ist. Nachts schläft Aya schlecht, aus Angst, dass jemand die löchrige Tür aufbrechen könnte. Ihr jüngste Tochter Dalal hat diese Angst auch, die Wahnvorstellung, dass fremde Männer in der Wohnung sind. Dalals Augen wirken riesig in ihrem hageren Gesicht. Manchmal wacht Aya nachts auf, durch ein Geräusch, aber dann sind es nur die Ratten. Neulich lag eine schlafend eingekuschelt in ihrer Hand.

* Namen zum Schutz der Geflohenen geändert

Praktische Hilfe für die Kinder

Save the Children engagiert sich in der Region seit Beginn des Syrien-Konfliktes. Kinderschutz und Bildung stehen im Vordergrund, die NGO unterstützt Familien aber u.a. auch mit Bargeld als Überlebenshilfe. Weitere Schwerpunkte sind die Hygiene-Aufklärung, Gesundheitsversorgung und Beschaffung von Material für die Unterkünfte.

Brigitte

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