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Ein Schal fürs Leben "Sie wäre fast verhungert"

Ein Schal fürs Leben: Unterernährtes Kind
© Save the Children
Seit sieben Jahren unterstützt ihr, liebe Leser*innen, mit der Spendenaktion "Ein Schal fürs Leben" syrische Flüchtlingskinder. Bitte tut das weiter. Inzwischen ist die Lage so desolat, dass Mütter Angst um das Leben ihrer Babys haben.

Es gibt Bilder, die es schaffen, das Drama eines ganzen Landes in einem einzigen Moment zu verdichten. Fotos wie das des kleinen Mädchens, das in einem bunten Kleid in der Schale einer Waage sitzt, einen Butterkeks in der Hand, den Blick vor sich nach unten gerichtet. Es schaut, als wollte es lieber nicht dort sein, eine kleine, unglückliche Menge Mensch, noch kein Jahr alt.

Unterstützung für syrische Flüchtlingskinder

Reem* heißt das kleine Mädchen. Krieg, das ist für sie das Gefühl von Hunger. Jetzt geht es ihr sichtbar besser, aber noch vor ein paar Wochen wäre sie beinah daran gestorben. 

Ein Schal fürs Leben: Unterernährtes Kind
Rettung Eine mobile Ernährungsklinik im Camp in Syrien versorgte die kleine Reem mit Kalorien und Vitaminen
© Syria Relief/Save the Children

Zum siebten Mal bitten wir euch, liebe Leser*innen, in diesem Jahr um eure Unterstützung für syrische Flüchtlingskinder. Und zum ersten Mal, seit wir die Aktion "Ein Schal fürs Leben" 2014 gemeinsam mit der unabhängigen Kinderrechtsorganisation Save the Children ins Leben gerufen haben, wenden wir dabei den Blick nicht in die Nachbarländer, zu den 5,6 Millionen Geflohenen, die in Camps und provisorischen Unterkünften im Libanon, in Jordanien oder der Türkei ausharren, sondern direkt nach Syrien. Wir erzählen von den Müttern und Vätern, die im eigenen Land als Vertriebene leben und versuchen müssen, ihre Kinder unter schwierigsten Bedingungen durchzubringen, ihnen Nahrung und Bildung zu verschaffen.

Ein Schal fürs Leben: Mangelernährtes Kind
Reem vor ein paar Monaten. Mangel­ernährung zeigt sich unter anderem am Ober­arm­umfang. 
© Syria Relief/Save the Children

Den Kontakt zu ihnen bekamen wir über lokale Hilfsorganisationen, mit denen Save the Children zusammenarbeitet. Denn natürlich konnten wir die Familien nicht selbst besuchen – nicht nur wegen der Beschränkungen durch Corona. Die Lage im Nordwesten Syriens ist durch den anhaltenden Krieg so unsicher, dass selbst NGOs nur unter größtem Risiko arbeiten. Aber wir konnten mit den Mitarbeiter*innen vor Ort sprechen, sie brachten unsere Fragen zu den Familien, die ausführlich antworteten. Viele von ihnen fühlen sich von der Welt vergessen. Denn Syrien ist so gut wie aus den Nachrichten verschwunden. Das Leid, mit dem die 6,2 Millionen Binnenvertriebenen – rund 30 Prozent der Bevölkerung – leben müssen, vollzieht sich still.

Hungern für ein Päckchen Milch

Reem lebt mit ihrer Familie in einem Camp in Idlib im Nordwesten Syriens, der Provinz mit der höchsten Zahl an Binnenflüchtlingen. Mindestens jeder zweite Bewohner wurde hier seit Kriegsbeginn 2011 mehrfach vertrieben. Die letzte große Welle fand zu Jahresbeginn statt, als Regierungstruppen mit russischer Hilfe den endgültigen Sieg über die Region herbeibomben wollten. Die Raketen waren auch auf Kranken- und Wohnhäuser gerichtet, etwa eine Million Menschen, 60 Prozent davon Kinder, flohen an die nahe türkische Grenze. Dort sitzen viele noch heute fest, weil die Türkei die Übergänge geschlossen hält.

Auch Reems Familie floh. Ihr Dorf im ländlichen Idlib wurde schon vor Jahren zerbombt. Früher bewirtschaftete Vater Mazen, 44, sein eigenes Land, Eltern und Schwiegereltern lebten in der Nähe, die Kinder gingen zur Schule. Mehrmals musste die Familie vor Angriffen fliehen, jedes Mal kehrte sie zurück, bis schließlich ihr Haus komplett zerstört wurde. "Ich weiß noch, dass es an diesem Tag regnete und sehr kalt war", sagt Jude, 36, eine sehr schmale, jugendliche Frau, Mutter von sieben Kindern. "Wir flohen in die Berge, klopften an die Tür eines Hauses, aber die Frau, die uns öffnete, ließ uns nicht hinein. Bis sie sah, dass meine Kinder fast erfroren waren."

Ein Schal fürs Leben: Familie lebt unter einer Plane
Leben unter einer Plane Mehrfach wurde Reems Familie innerhalb der Region Idlib vertrieben, geblieben ist ihr so gut wie nichts.
© Syria Relief/Save the Children

Fünf Tage nach Reems Geburt wurde auch das Gebiet, in das sie geflohen waren, unter Beschuss genommen, wieder musste die Familie weichen. "Reem kam als gesundes Mädchen zur Welt", sagt Jude, "aber nach einer Weile wurde sie schwächer. Ich hatte das Gefühl, dass meine Muttermilch nicht reichte. Wir hungerten, damit wir für sie ein Päckchen Milch kaufen konnten."

Zehn Millionen Menschen sind auf Lebensmittelhilfen angewiesen

Die Familie lebt in einem Zelt, unter einer einfachen Plane, eine Matratze ist das einzige Möbelstück. Nichts hält im Sommer die Hitze ab, nichts im Winter die Kälte. Ihre Armut verdient den Begriff nicht mehr; die Familie ist nicht arm, sie hat überhaupt nichts mehr. "Ich bin seit 36 Jahren auf der Welt, ich habe mich noch nie so sehr gedemütigt gefühlt wie in diesen Tagen", sagt Jude. Lebensmittel sind für sie nahezu unerschwinglich, die Preise, die seit Jahren aufgrund der Inflation im Land steigen, sind explodiert, seit der Libanon, Hauptgeschäftspartner Syriens, im Frühjahr wirtschaftlich zusammengebrochen ist. Die einfachste Mahlzeit kostet drei Dollar, ein Brot 32 Cent. Unbezahlbar, nicht nur weil Mazen seit Beginn der Corona-Pandemie keine Jobs mehr findet. Die Familie lebt von 50 Dollar, die ihnen ein Schwager monatlich aus dem Libanon schickt.

Etwa zehn Millionen Menschen, weit mehr als jeder zweite Einwohner Syriens, ist auf Lebensmittelhilfen angewiesen, die nicht jedes Camp zuverlässig erreichen. Die Zahl der Kinder unter fünf, die in Syrien an Unterernährung sterben, nimmt stetig zu, Hilfsorganisationen melden immer neue Fälle an die WHO.

Ein Schal fürs Leben: Mobile Ernährungsklinik
Hilfe unterwegs In den Camps wiegen und versorgen mobile Ernährungskliniken die vom Hunger bedrohten Kinder. 
© Syria Relief/Save the Children

Reems Rettung war eine mobile Ernährungsklinik der Organisation Syria Relief, die von Save the Children unterstützt wird. Die Ärzte kamen ins Camp, sahen Reems Lebensbedingungen und ihren Zustand und baten ihre Mutter, mit ihr zur Untersuchung zu kommen. Sie maßen den Umfang ihres mittleren Oberarms und erklärten Jude, dass ihre Tochter an Unterernährung leide und was jetzt zu tun sei. "Sie wog nur fünf Kilo", sagt Jude. "Sie gaben mir für sie Kekse, Erdnussbutter und Vitamine."

Große Gefahr, an Unterernährung zu sterben

Über Monate hinweg betreute das Team das Kind, päppelte es langsam auf. "Nach einer Weile sah ich, wie Reems Appetit zunahm", sagt Jude. "Sie hat schon fast zwei Kilo zugenommen."

Die Gefahr, dass Kinder an Unterernährung sterben, ist in den Camps inzwischen real. Etwa 60 Kinder kann die mobile Klinik am Tag untersuchen. Die Mütter bekommen Nahrungsergänzungsmittel, einen Behandlungsplan und werden über die richtige Corona-Hygiene aufgeklärt. Viele der Frauen müssen erst einmal zum Stillen motiviert werden – aus Angst, ihre Muttermilch reiche nicht, versuchen sie, ihre Kinder mit Joghurt und anderen Lebensmitteln zu füttern.

Auch Jumana, 21, die in einem Camp weiter östlich lebt, hat das Dilemma erlebt. Sie war schwanger, als sie ihr Dorf verlassen musste, ihr Haus wurde von einer Mörsergranate getroffen. Erst mieteten ihr Mann und sie ein Abbruchhaus in einer nahe gelegenen Stadt, dann konnten sie sich auch das nicht mehr leisten und zogen in ein Flüchtlingscamp. Zwei Monate nach ihrer Ankunft brachte Jumana Hiyam, ihr erstes Kind, zur Welt.

Ein Schal fürs Leben: Zelt
Kein Schutz Im Winter dringt die Kälte ungehindert durch die dünnen Zeltwände.
© Syria Relief/Save the Children

Keinerlei Hygienemaßnahmen in den Camps

Jumana erzählt, im Camp sei das Gerücht umgegangen, dass Muttermilch den Babys nicht genüge, weil die Mütter selbst mangelernährt seien. Die Familie verkaufte Teile ihrer Lebensmittelrationen, um Babynahrung zu kaufen, aber es reichte nicht. "Ich habe mir ein paar Mal Geld geliehen", sagt Jumana, "aber mein Mann wollte das nicht, weil wir das Geld nicht zurückzahlen können, er hat keine Chance, einen Job zu finden. Meine einzige Möglichkeit war, Hiyam eine Wasser-Zucker-Mischung und manchmal Joghurt zu geben. Ich weiß natürlich, dass sie nahrhaftes Essen braucht, aber wir können es uns nicht leisten. Nicht in diesen schwierigen Zeiten."

Auch ihr half ein mobiles Ernährungsteam, nachdem es bei Hiyam eine schwere Unterernährung feststellte, die mit dem Durchfall durch das Zuckerwasser zu tun hatte. Nach über zwei Monaten besserte sich Hiyams Zustand langsam. Dann erkrankte sie erneut an Durchfall, aufgrund der hygienischen Zustände im Lager. Ob sie es schafft, ist offen, noch ist sie in Behandlung. "Ich habe Angst um sie", sagt Jumana. "Sie ist unterernährt und hat ein sehr schwaches Immunsystem. Ich weiß nicht, ob sie überleben kann, wenn sie jemals an Corona erkrankt."

Schützen kann sie sie vor dem Virus nicht; Hygienemaßnahmen gibt es nicht, wenn es an etwas so Grundlegendem wie Wasser fehlt, und die Enge in den überfüllten Camps macht es unmöglich, Abstand zu halten. Die Quarantänezeiten hält niemand ein – Menschen, die halbwegs genesen sind, beginnen sofort wieder, nach Arbeit zu suchen.

Lebenssinn: Der Versuch, alle durchzubringen

In einem Abbruchhaus im ländlichen Idlib versucht Hala, 57, ihre Kinder und Enkel durchzubringen. Als ihr Mann noch lebte, verließ sie ihr Haus nur, um zum Haus ihrer Eltern zu gehen. Das Gebäude, in dem sie jetzt lebt, hat nicht einmal eine Tür. Jeder kann herein; Hala und ihre Kinder sind völlig schutzlos. Dennoch lebt sie lieber hier als in einem Flüchtlingscamp, wegen der Enge und der Infektionsgefahren. Früher war das Haus eine Art Müllsammelstelle, Strom und Wasser gibt es nicht. "Wir putzen, seit wir hier angekommen sind, aber es ist trotzdem kaum bewohnbar", sagt sie. Sie ist allein, verwitwet, Hilfe von Verwandten bekommt sie nicht.

Ein Schal fürs Leben: Kinder vor einem Abbruchhaus
Kaum bewohnbar Halas Kinder vor dem Abbruchhaus, in dem die Familie lebt; auf dem Stuhl Sohn Aysar, der teure Medikamente braucht.
© Syria Relief/Save the Children

Ihr größtes Problem ist, Medikamente für ihren Sohn Aysar, 13, zu beschaffen, der nach einer Hirnblutung an einer geistigen Behinderung leidet und ohne Arznei so aggressiv wird, dass er beginnt, seine Neffen und Nichten zu schlagen. "Der Jüngste ist zwei Monate alt, einmal hätte er ihn fast erwürgt."

120 Dollar bekam sie von Save the Children als Soforthilfe, dazu Hygienekits und Sachleistungen. Eine Gasflasche hat sie dafür gekauft, und Brot, und die Medikamente für Aysar, "auch wenn das für uns bedeutet, dass wir weniger zu essen kaufen können".

Wie lange 120 Dollar reichen, wenn alles fehlt, weiß sie nicht, sie lebt von einem Tag auf den nächsten. Die Kinder gehen nicht zur Schule, sie sind den ganzen Tag zu Hause, sie balgen, langweilen sich. Ihr Lebenssinn, sagt Hala, sei der Versuch, alle durchzubringen. Trotzdem gibt es ihr Hoffnung zu wissen, dass ihre Geschichte in einer deutschen Zeitschrift erzählt wird. "Vielen Dank für Ihre Hilfe", sagt sie am Ende des Interviews. "Wir möchten nicht, dass Sie uns vergessen. Es gibt viele Menschen wie uns."

*Alle Namen zum Schutz der Geflohenen geändert

Ein Schal fürs Leben: Mutter in Sorge
In Sorge Jumana wagte nicht mehr, Hiyam zu stillen – aus Angst, ihre Milch sei nicht gut für ihre Tochter.
© Syria Relief/Save the Children

Hilfe für die Kinder

Unterernährung ist eine große Gefahr für die Kinder in Syrien. "Aber die Situation ist zusätzlich gerade für Mädchen besonders kritisch", sagt Ahmed Bayram vom für Syrien zuständigen Regionalbüro von Save the Children. "Über zwei Millionen Kinder gehen nicht zur Schule, weitere 1,3 Millionen sind vom Schulabbruch bedroht. Der Druck auf die Kinder ist angesichts der wirtschaftlichen Unsicherheit hoch. Kinderarbeit, häusliche Gewalt, sexuelle Ausbeutung und Kinderehe sind für Mädchen reale Gefahren. Die Pandemie verschärft die Lage weiter."

Save the Children hilft seit Beginn des Syrien-Konfliktes in der Region. In Syrien selbst hat die Organisation 2020 bisher fast 250000 Menschen geholfen, darunter knapp 150000 Kinder. Kinderschutz und Bildung sind besonders wichtig, aber die NGO unterstützt Familien u. a. auch mit Bargeld, Hygiene-Aufklärung und Materialien für ihre Unterkünfte.

Hier erfahrt ihr weitere Infos über die Spendenaktion "Ein Schal fürs Leben".

BRIGITTE 23/2020

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