Syrische Mütter verzweifeln: "Wir können unsere Kinder nicht in Würde aufziehen!"

Seit sechs Jahren unterstützt du, lieber Leser*in, mit der Spendenaktion "Ein Schal fürs Leben" syrische Flüchtlingskinder im Nahen Osten. Die Sicherheit, die sie anfangs in den Nachbarländern fanden, schwindet. Wir haben Familien im Libanon besucht, um zu sehen, was ihnen helfen könnte.

Sie kamen im Morgengrauen, um die Familien zu vertreiben

Die Soldaten kamen um fünf Uhr morgens, am ersten Tag des Ramadan. Es war Anfang Mai, der Lärm ihrer Lastwagen weckte das ganze Camp. Sie hämmerten an jede Tür, 117 Türen, so viele Häuser standen einmal im "Camp der Märtyrer", einer Flüchtlingssiedlung am Rande der Stadt Arsal im Nordosten des Libanon, nah der syrischen Grenze. Die Bewohnerinnen – fast alle Witwen, deren Männer im Syrienkrieg umgekommen waren –, öffneten, zu Tode erschrocken. "Sie sagten: Ihr müsst hier raus, eure Häuser sind illegal", sagt Nour*, 38, Mutter von acht Kindern. "Sie zeigten uns, wie hoch ein Meter ist. Alles, was höher war, sollte weg. Wenn wir es nicht selbst machten, kämen sie wieder."

Vier Monate ist das her. Heute leben Nour und ihre Kinder in einer aus Holz und Zeltplanen zusammengebauten Unterkunft, die ihnen eine befreundete Familie überlassen hat.

Ein Stapel Decken und Matratzen, ihre Kleidung, vier grüne Plastikboxen, die gestapelt an der Wand stehen – mehr gehört ihnen nicht.

Von ihrem alten Camp, gegenüber auf der anderen Straßenseite, ist nichts übrig geblieben. Sechs Wochen nach der ersten Drohung wurde es abgerissen. "Sie fingen mit fünf Häusern an. Die Bewohner hatten nicht mal Zeit, ihre Sachen hinauszuschaffen", sagt Nour. "Das war eine Botschaft an uns alle."

Camps mit gemauerten Häusern werden abgerissen 

Es gibt viele Arten, geflüchteten Menschen zu sagen, dass sie nicht willkommen sind. Ihnen die Häuser zu nehmen, die einzige Sicherheit, die man sich in der Fremde schaffen kann, ist eine davon.

Mehr als eine Million syrische Flüchtlinge leben im Libanon, 40 000 davon in Arsal; die Stadt liegt in 1400 Meter Höhe, schon ab Ende Oktober wird es kalt und schneit, im Frühjahr gibt es Überschwemmungen. Die Geflohenen dürfen sich im Libanon nur provisorische Unterkünfte bauen, sie sollen sich nicht dauerhaft im Land einrichten. In den Bergregionen aber tolerierten die Behörden massive Bauten – bisher.

Die Flucht aus Syrien - versteckt zwischen Schafen 

Nour ist eine große, selbstbewusste Frau; auch wenn strenge Falten ihren Mund rahmen, geht etwas Kraftvolles von ihr aus, ein starker Wille. Sie hat inzwischen wieder geheiratet, ihre zwei jüngsten Kinder sind aus dieser zweiten Ehe.

Wenn sie von den Wochen vor dem Abriss erzählt, dann nicht verzweifelt, sondern wie von einer weiteren Herausforderung. Ähnlich der, ihre Kinder nach dem Tod ihres Mannes – er war in den ersten Kriegsmonaten 2011 umgekommen, sie fand ihn erschossen in einem Flussbett – heil aus ihrem Dorf nahe der Hauptstadt Damaskus herauszubringen. Sie flohen auf einem Viehtransporter, versteckt zwischen Schafen, unter den Augen der Heckenschützen.

Nour streicht ihrem jüngsten Sohn, der auf ihrem Schoß eingeschlafen ist, durchs Haar und sagt: "Unser Haus im Camp hatte ein Dach, es hatte gemauerte Wände, eine Metalltür. Wir fühlten uns sicher. Das ist vorbei."

Nour in der Unterkunft, in der sie seit dem Abriss ihres Hauses wohnt. Bald zieht sie mit ihren Kindern in ein Zelt

Nichts ist besser geworden in Syrien

Seit sechs Jahren berichtet BRIGITTE für die Spendenaktion "Ein Schal fürs Leben" aus den Nachbarländern Syriens, zum vierten Mal aus dem Libanon. Doch bei diesem Besuch wirkt die Lage der Menschen verzweifelter als früher. Denn obwohl die Kämpfe in Syrien andauern, steigt der Druck auf die Flüchtlinge, zurückzukehren in ein Land, in dem immer noch dieselben Machthaber regieren, die viele erst zur Flucht gezwungen haben. Wohnhäuser, Schulen, Krankenhäuser, die ganze zivile Infrastruktur ist zerstört, 6,2 Millionen Menschen leben als Vertriebene im eigenen Land. Nichts ist besser geworden in Syrien.

Lange hatte der Libanon die hohe Zahl der Flüchtlinge – sie machen ein Viertel der Bevölkerung aus – toleriert, die Grenzen waren durchlässig. Das ändert sich jetzt. Die Regierung weist ihnen eine Mitschuld an der miserablen Wirtschaftslage im Land zu – der Staat ist hoch verschuldet, die Arbeitslosigkeit liegt bei fast 40 Prozent. Immer mehr Checkpoints werden errichtet, die die Geflohenen kontrollieren und ihre Bewegungsfreiheit einengen; die Behörden stempeln willkürlich Ausreiseverfügungen in die Pässe jener, die kommen, um ihre legalen Aufenthaltsgenehmigungen verlängern zu lassen.

Die Abrisse erhöhen den Druck weiter. Etwa 2300 Familien verloren bereits ihre Häuser, vor allem in Arsal, aber auch in anderen Regionen. "Für die Familien bedeutet das Kampf, psychisch wie finanziell", sagt Ahmed Bayram von der Hilfsorganisation Save the Children. "Die Umstände treiben sie wieder in Richtung Grenze, nach Syrien, in Gegenden, die für sie und ihre Kinder nicht sicher sind."

Zum zweiten Mal verlieren die traumatisierten Kinder ihr Zuhause

Am deutlichsten spüren die Helfer*innen vor Ort die Folgen bei den Kindern. "Sie haben den ersten Verlust von Heimat überwunden, jetzt verlieren sie erneut ihr Zuhause", sagt Ahmed Bayram. "Viele mussten, weil der Vater fehlt, sogar selbst mithelfen, ihre Häuser zu demolieren, die Mauern klein schlagen, den Schutt wegräumen. Das ist, nach den Erlebnissen vor der Flucht, wie ein zweites Trauma für sie. Viele mussten mit ihren Eltern danach im Freien schlafen oder in Sammelunterkünften. Jetzt müssen sie erst wieder lernen, dass es für sie Sicherheit gibt und eine Gemeinschaft."

"Die Kinder hier sind sehr energiegeladen, viele sind aggressiv, auch körperlich. Aber sie haben eine gute Natur, man muss sich nur um sie kümmern", sagt Qamar Houjeiry, 25. Sie ist Lehrerin in einem von Save the Children kurzfristig eingerichteten Treffpunkt für die Kinder aus den Abriss-Camps, einem sogenannten Child Friendly Space – ein Schutzraum, in dem sie für ein paar Stunden am Tag auf andere Gedanken kommen und singen, rangeln, basteln, toben können.

Kinder aus den Abriss-Camps im "Child Friendly Space", ihrem Schutzraum

Es sind nur drei Container mit Tischen und Stühlen, aufgestellt am Eingang eines Flüchtlingscamps, in dem die Menschen noch damit beschäftigt sind, ihre demolierten Häuser wieder einigermaßen bewohnbar zu machen; sie stopfen Woll- und Isolierdecken unter die eilig zusammengezimmerten Dachbalken, spannen Plastikplanen an die Mauerreste. "Wir mussten auf die Krise reagieren", sagt Lehrerin Qamar Houjeiry. "Wir wollen den Kindern zeigen, dass nicht alles zerfällt, wenn sie ihr Haus verlieren."

Schon in Syrien mussten sie alles zurücklassen

An der Wand eines der Container, in der eine Gruppe Zehn- bis Zwölfjähriger gerade "Stille Post" spielt, kleben Zeichnungen mit Herzen und Bäumen, dazwischen ein Diagramm, in dem steht, was das bedeutet, Kind zu sein, auch hier, unter diesen Umständen: Lernen, Spielen, Frieden, das Recht auf ein Zuhause. Nicht alle Kinder schaffen es, sich den kurzen, zugeflüsterten Satz zu merken und weiterzugeben, ein paar fragen wieder und wieder nach, dann geben sie auf, klettern stattdessen über die Tische oder ziehen sich zurück.

Auch Aya, Nours zwölfjährige Tochter, ist in dieser Gruppe, auch sie kann sich den Satz keine zwei Sekunden merken. "Aya ist begabt", sagt Qamar, "aber sie ist hypermotorisch, und ihr Geist ist ständig mit etwas anderem beschäftigt." Fragt man Aya, wie es war, ihr Haus zu verlieren, schaut sie verlegen weg und fühlt mit der Hand nach den Glitzersteinen an ihrer schwarzen Jeans. Ihre Augen leuchten erst, als sie von Syrien erzählt, von ihrer Puppe, die singen konnte. Sie blieb zurück wie die anderen Spielsachen; als sie in Arsal ankam, hatte sie nicht mal mehr beide Schuhe an den Füßen.

Aya, Nours zwölfjährige Tochter, trägt immer ein Totenlied für ihren Vater bei sich 

117 Zelte, mit weißer Folie bespannt, stehen in langen Reihen jetzt da, wo das Märtyrer-Camp einmal stand. Eine arabische NGO hat sie für die Frauen gebaut, jede Einheit ein paar Quadratmeter groß, einfache Konstruktionen aus dünnem Holz, die auf einer niedrigen Mauer aufsetzen, ohne Isolation. Sie wirken wie Campingkabinen für einen Strand gemacht.

Wie sie darin den Winter überstehen sollen, wissen die Frauen nicht.

Manche sitzen vor ihren unfertigen Häusern im Staub, ratlos. Noch scheint über dem Camp die Spätsommersonne.

Das "Camp der Märtyrer" liegt auf 1400 Meter Höhe am Rand der Stadt Arsa

"Es ist wie Sklaverei" 

Es gibt viele Möglichkeiten, Flüchtlingen zu sagen, dass sie gehen sollen. Man kann ihnen die Häuser nehmen. Oder jede Lebensgrundlage, indem man es ihnen unmöglich macht, Geld zu verdienen.

Viele von Syrern betriebene Geschäfte wurden in den letzten Monaten geschlossen; nur noch auf dem Bau, in der Landwirtschaft und als Putzkraft dürfen die Geflohenen offiziell arbeiten. Es gibt Razzien in Restaurants und Läden – Libanesen, die Syrer beschäftigen, müssen mit Bußgeld rechnen.

In einer Kleinstadt, etwa 140 Kilometer südlich von Arsal, leben in einem kleinen Verschlag neben dem Eingang einer Mittelklasse-Apartmentanlage Hiba, 24, und ihr Mann Adam, 33. An vier Tagen im Monat fanden sie noch bezahlte Arbeit, etwas Essen können sie dafür kaufen, so wenig, dass man ihren Kindern den Mangel bereits ein wenig ansieht, Sarah, 3, und Samir, 5, sind schmächtig für ihr Alter.

Zwei dünne Matratzen liegen auf einem Betonboden, darüber eine Plastikweinrebe an der Wand als Dekoration. Ein riesiger Kühlschrank ist das einzige Möbelstück, darin die Getränke der Mieter – der Mieter, denen die beiden, damit sie kostenlos in dem kleinen Raum wohnen dürfen, rund um die Uhr zur Verfügung stehen müssen, für Reparaturen, Botengänge, Handreichungen.

"Es ist wie Sklaverei", sagt Adam, und Hiba nickt. Sie sitzt bei ihm, schmal und jung und grau um die Augen, ihre Tochter Sarah in ihrem Arm, und weint mit schief gelegtem Kopf.

Der Hinterhof ist der einzige Spielplatz für Adams und Hibas Kinder

Die Kinder können nicht in Würde aufwachsen 

Adam hat ein weiches Gesicht, das so kummervoll wie intelligent wirkt; er redet schnell und ausführlich, er möchte, dass man wirklich versteht, wie unverschuldet seine Not ist und wie existenziell. Anfangs verdiente er noch Geld, erst in einem Café, dann in einer Gewürzfabrik. Er bekam nur halb so viel wie die Libanesen, die ihn manchmal einen "syrischen Hund" schimpften, aber der Job war okay, sagt er. Als im Frühjahr die Razzien nach illegal beschäftigen Syrern begannen, wurde er entlassen. Jetzt überlebt die Familie nur, weil Hiba an einer dreimonatigen Computer-Ausbildung von Save the Children teilnehmen kann, an die ein Essenszuschuss gekoppelt ist.

Manchmal findet Hiba einen Putzjob, manchmal Adam für einen Tag Arbeit auf dem Bau. Es ist viel zu wenig. "So können wir unsere Kinder nicht in Würde aufziehen", sagt Hiba. Würde, das hieße: genug zu essen zu haben. Wohnraum. Einen sicheren Ort, an dem die Kinder spielen können. Samir und Sarah spielen auf dem schmalen Korridor zwischen Haustür und der Mauer, die die Anlage umgibt. Gleich daneben liegt der Parkplatz der Mieter, die Fahrer sehen nicht immer, wenn da Kinder zwischen den Reifen sind.

Samir ist ein ruhiger Junge, sein Asthma zwingt ihn dazu. Aber Sarah mit ihrer Löwenmähne ist ein Wildfang, für sie ist die enge Wohnung ein Käfig, sie dreht und windet sich und turnt über den Boden, die beiden Matratzen, beißt in alles, was sie findet, Hosen, Beine, Ärmel. Hiba lässt sie, sieht nur zu.

Syrische Mütter verzweifeln: "Wir können unsere Kinder nicht in Würde aufziehen!"

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Drohungen, Mangelernährung und ein Leben als Leibeigene 

Etwa ein Drittel der syrischen Flüchtlinge im Libanon leiden unter Mangelernährung, fast alle sind auf Nahrungsmittelhilfen angewiesen. In Syrien hat Adam, der Arabistik studiert hat und Lehrer werden wollte, selbst für eine NGO gearbeitet, er schmuggelte Lebensmittel in das von der Armee abgeriegelte Viertel, in dem er mit Hiba lebte. Dafür kam er ins Gefängnis; Hiba brachte Samir allein in einem stillgelegten Krankenhaus zwischen Toten zur Welt. Sie floh 2014, nachdem in dem Haus, in dem sie lebte, das Stockwerk über ihr weggebombt worden war.

Zwei Jahre später kam Adam frei und floh ebenfalls. Noch heute bekommt er WhatsApp-Drohungen, in denen steht: "We kill you". "Ich kann nicht zurück", sagt Adam, "Für die Behörden bin ich ein Terrorist." Wenn sie sich schlafen lege, sagt Hiba, habe sie noch immer die Hoffnung, dass es morgen besser wird. Adam denkt manchmal, der Tod wäre besser.

Hibas Handy blinkt, ein Mieter aus dem Apartmentanlage, sie soll ein Medikament aus der Apotheke holen, sofort, wenn die Gäste sie davon abhalten, ihre Arbeit zu tun, sollen sie gehen. Hiba vertröstet, aber man spürt, dass ihre Anspannung steigt, da ist immer die Angst, ihre Unterkunft zu verlieren. Neulich musste sie 20 Liter Wasser auf dem Markt kaufen und in den vierten Stock tragen, ihren asthmakranken Sohn dabei, der die Treppen kaum laufen konnte. Manchmal muss sie aus ihrem Computerkurs gehen, weil jemand ein Stück Seife möchte.

Einmal, sagt Hiba, habe sie einen Dank erhalten. Es war ein Bonbon.

*Die Namen der Geflüchteten und ihre Herkunftsorte in Syrien sind zu ihrem Schutz geändert

Der "Schal fürs Leben" 2019 - darum ist er so unglaublich wichtig!

DIE HILFE IM LIBANON

Die Kinderrechtsorganisation Save the Children konnte seit Beginn des Syrien-Konfliktes über 3,8 Millionen Menschen in der Region helfen, darunter knapp 2,5 Millionen Kindern. Im Libanon hat die Organisation 2019 bisher fast 122 000 Menschen das Leben erleichtert, davon knapp 66 500 Kindern. Kinderschutz und Bildung sind besonders wichtig, aber die NGO unterstützt Familien u. a. auch mit Materialien für ihre Unterkünfte.

So könnt ihr helfen!

Seit Beginn unserer Aktion "Schal des Lebens" vor sechs Jahren sind durch euch schon sagenhafte 1,3 Millionen Euro für Syriens Kinder zusammengekommen! Wir ihr auch dieses Jahr helfen könnt (mit oder ohne Schal), erfahrt ihr im Artikel Was ist der Schal fürs Leben?

BRIGITTE 23/2019

Wer hier schreibt:

Meike Dinklage
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