Syrische Flüchtlingskinder: "Wir sind ausgeliefert, wir können nicht zurück"

Seit fünf Jahren unterstützt ihr, liebe Leserinnen, mit dem "Schal fürs Leben" syrische Flüchtlingskinder im Nahen Osten. Lange war die Rückkehr in ihre Heimat die größte Hoffnung der Geflohenen. Jetzt, so erfuhr Autorin Meike Dinklage auf ihrer Reise nach Jordanien und in den Libanon, ist sie ihre größte Angst.

Nach einem langen Gespräch über das, was der Krieg in Syrien aus ihrem Leben gemacht hat, greift die Witwe Um Skeif*, 35, nach meiner Hand und sagt: "Kannst du uns nach Deutschland holen?" 

An den Wänden ihres Wohncontainers hängen Rosenposter und glitzernde Stoffe, Um Skeif will so viel Schönheit in ihre Unterkunft bringen wie möglich. Sie ist keine Frau, die aufgibt, nicht sich, nicht die Hoffnung auf eine Zukunft für ihre beiden Kinder. 2011 ist sie aus Syrien nach Jordanien geflohen, als eine der Ersten. "Wir dachten, es wäre vorübergehend" sagt sie. Seit 2012 lebt sie im Zaatari-Camp an der syrischen Grenze.

Es braucht nicht viel Geld, um den Kindern eine Chance auf Bildung zu geben

Vier Mal habe ich in den vergangenen Jahren für unsere Hilfsaktion "Ein Schal fürs Leben" syrische Flüchtlinge in den Camps und informellen Siedlungen im Libanon und in Jordanien besucht. Meist fuhr ich los mit einer klaren Vorstellung davon, wie die Situation vor Ort wäre; Syrien ist Dauerthema in den Nachrichten, die Lage war stets politisch kompliziert, aber humanitär eindeutig - anfangs ging es vor allem darum, die Grundversorgung der Millionen Flüchtlinge an den Grenzen zu sichern, später darum, sie psychisch und sozial zu stabilisieren. 

Von den Mitarbeitern unseres Partners, der Kinderrechtsorganisation Save the Children, lernte ich, wie entscheidend es für Kinder ist, wenigstens für ein paar Stunden am Tag in einem improvisierten Kindergarten spielen zu können. Wie man Eltern hilft, wenn deren Trauer über ihr verlorenes Leben die Güte ihren Kindern gegenüber blockiert. Ich lernte, dass das Fahrgeld für einen Schulbus ausreichen kann, um Kindern eine Chance auf Bildung zu geben. Und dass nichts junge Mädchen besser vor Frühverheiratung schützt als die Einsicht der Eltern, wie wertvoll ein Schulabschluss für ihre Tochter ist.

Im Zaatari-Camp in Jordanien leben 80 000 Menschen

Syrien-Rückkehrer sollen "wie Schafe behandelt werden"

Aber dieses Mal, im Sommer 2018, ist es anders. Die Nachrichten aus der Region sind uneindeutig: Einerseits scheint sich die Lage in Syrien nach dem Ende des IS-Terrors zu entspannen. Von Wiederaufbau und sicheren Rückkehr-Korridoren ist bereits die Rede, zumindest nach den Worten des Regimes von Baschar al-Assad und seinen Verbündeten. Es gibt Bilder von Flüchtlingen, die mit Bussen in ihre Heimat aufbrechen, Landesfähnchen in den Händen.

Wie es ihnen hinter der Grenze ergeht, erfährt man nicht. Wenig deutet auf ein Ende von Unterdrückung und Willkür im Land hin. Noch immer kämpft Assad gegen sein eigenes Volk, zuletzt ließ er die verbliebenen Rückzugsorte der Opposition im Süden und Nordwesten niederbomben. 920 000 Syrer, schätzen die UN, sind allein in den ersten vier Monaten dieses Jahres aus ihren Häusern vertrieben worden.

Schockierend sind die Äußerungen des Chefs des syrischen Luftwaffengeheimdienstes, den die Website Syrian Observer zitiert. Er spricht von drei Millionen Syrern, die auf den Fahndungslisten des Regimes stehen, und kündigt an, die Rückkehrer "wie Schafe" zu behandeln. "Wir werden die schlechten aussortieren und die guten nutzen."

Schal fürs Leben 2018

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Und dennoch redet alle Welt davon, dass bald Frieden und Sicherheit in Syrien herrschen. Auch in Europa,
 wo man hofft, einen Teil der aufgenommenen Syrer - in Deutschland sind es 650 000 - guten Gewissens zurückschicken zu können.

Doch die, die jetzt gehen, kehren heim in ein Land, in dem 70 Prozent der Menschen in extremer Armut lebt, mehr als eine Million Kinder nicht zur Schule geht, 11,3 Millionen Menschen keinen Zugang zu ärztlicher Versorgung haben und drei von vier Jugendlichen keine Arbeit. 

Wie sieht es wirklich aus vor Ort? Sind die Menschen im Grenzgebiet in Aufbruchsstimmung, brauchen sie unsere Hilfe noch? Oder brauchen sie die mehr denn je? Ist die Aussicht auf eine mögliche Rückkehr eine Ermutigung? Oder ihre größte Angst?

Wer im Lager lebt, ist zwar in Sicherheit, aber auch gefangen

Ich reise nach Jordanien, Zaatari-Camp, mit 80 000 Menschen das größte Flüchtlingslager des Landes, auf fünf Quadratkilometern in grauen Wüstensand hineingewachsen. Das Camp funktioniert wie eine Kleinstadt, es gibt zwölf Sektoren, jeder wählt einen eigenen Bürgermeister.

42 humanitäre Organisationen sichern das Überleben der Menschen; Grundnahrungsmittel werden über die UN gestellt, 24 Euro erhält jeder Bewohner pro Monat, ausbezahlt über eine Chipkarte.

Wer hier lebt, ist in Sicherheit, aber er ist auch gefangen. Um außerhalb arbeiten zu können, braucht man eine Genehmigung; im Lager selbst gibt es außer bei den NGOs nichts zu tun. Es gibt 30 Schulen, aber keine Jobs, keine Ausbildungsplätze, nur den Handel der Bewohner untereinander.

Armut und Langeweile entladen sich zunehmend in Gewalt. "Es ist hier normal, dass in den Familien geschlagen wird", sagt Nizar Yousef, Koordinator für Gesundheitsfragen im Camp und selbst Psychologe. "Am schlimmsten ist es dort, wo niemand Arbeit hat." Die Menschen flüchten sich in das, was ihnen scheinbar Stärke verleiht - mehr Kinder. 80 Babys kommen jede Woche zur Welt.

Anfangs hatten die Kinder vor allem Angst, vor Flugzeugen, lauten Stimmen, fremden Leuten, sie wollten sich nicht von ihren Eltern trennen

Die jüngeren Kinder wissen nichts mehr über Syrien. In den drei Kindergärten, die Save the Children in Zaatari betreibt, ist "Mein Land" ein Unterrichtsthema, neben "Tiere", "Familie", "Transport" und "Hygiene".

Baria Shinaneh führt mich durch den Kindergarten "Little Hands", eine mit Zäunen gesicherte quietschbunte Oase inmitten des grauen Container-Camps; Stühle, Tische, Brotdosen, Roller, Plakate - was irgend geht, ist in Knallfarben angemalt. 

Baria Shinaneh ist in Zaatari, seit 2012 die ersten Flüchtlinge kamen. "Anfangs hatten die Kinder vor allem Angst, vor Flugzeugen, lauten Stimmen, fremden Leuten, sie wollten sich nicht von ihren Eltern trennen", erzählt sie. "Die Sieben-, Achtjährigen heute kennen die Heimat ihrer Eltern nur aus Erzählungen. Wenn sie Syrien zeichnen sollen, malen sie einen Strich." Die Kinder von Um Skeif, Rabin, 14, und Jamila, 13, erinnern sich an Syrien, aber sie sprechen nicht darüber, beide sind so schüchtern, dass sie kein Wort herausbringen. Jamila mag nicht mal auf meine Frage antworten, ob sie zur Schule geht. Sie lacht verlegen und rückt näher zu ihrer Mutter.

Ihr altes Zuhause ist nicht mehr sicher

"Es ist schwer hier, allein", sagt Um Skeif, die Witwe. "Aber Allah passt auf mich auf." Sie weiß nicht, was aus ihrem Haus wurde, dem kleinen Laden, den sie in Syrien hatte.

Ihr Mann kam bei einem Luftangriff gleich zu Beginn des Krieges ums Leben, Um Skeif floh über die nahe Grenze, den ersten Winter verbrachte sie mit den Kindern in einem Zelt, es gab kaum Wasser, keinen Strom. Nach acht Monaten bekamen sie den Wohncontainer zugeteilt, eine Solarzelle versorgt sie inzwischen mit Strom für den auf Raten gekauften Kühlschrank.

Nachbarn von ihr sind vor ein paar Wochen zurückgegangen, in ihr altes Wohnviertel im Süden Syriens. Sie sagen ihr am Telefon: Es ist alles zerstört, es ist nicht sicher. Kommt nicht hierher.

Um Skeif sagt, wenn Jordanien sie ausweist und sie zurück muss, dann muss sie ein zweites Mal fliehen, und sie wüsste nicht wohin. Um Skeif ist Sunnitin, wie viele der Menschen im Zaatari-Camp, die meisten kommen aus der Region um Daraa, wo viele Bewohner die syrische Opposition unterstützen. Es ist heikel, im Camp über seine früheren politischen Aktivitäten zu sprechen, auch hier gibt es Konfliktlinien, das Thema ist nicht nur Fremden gegenüber tabu. Ich höre von Listen, verbreitet von der Oppositionswebsite Zaman, mit den Namen der Menschen, die vom syrischen Geheimdienst gesucht werden. Für sie ist die Rückkehr brandgefährlich.

80 Prozent der geflohenen Syrer leben in Jordanien

Gesundheitskoordinator Nizar Yousef sagt, dass Stresserkrankungen wie Bluthochdruck und Diabetes in letzter Zeit rapide zunehmen. Save the Children macht inzwischen täglich Hausbesuche, um Familien zu identifizieren, in denen ein Elternteil selbstmordgefährdet ist, und schult seine Mitarbeiter in Erster Hilfe, falls sie zu einer Familie kommen, in der jemand eine Panikattacke hat. "Sie hören Geschichten von denen, die an der Grenze umgebracht oder festgenommen wurden", sagt Nizar Yousef. "Das zeigt Wirkung." 

In den Gesprächen in Camp höre ich immer wieder davon, dass der Druck der Gastgeberländer auf die Flüchtlinge spürbar steigt. 667 000 Syrer sind offiziell in Jordanien registriert, die jordanische Regierung schätzt ihre Zahl mehr als doppelt so hoch. 80 Prozent der Geflohenen leben irgendwo im Land verstreut, in Zelten, Bauruinen, einfachen Mitwohnungen, bei Verwandten - die meisten in absoluter Armut.

Jordanien hat vor zwei Jahren seine Grenzen geschlossen. Wie der Libanon, der rund eine Million Menschen aufnahm, ruft der Staat zur Rückkehr auf.

In Jordanien ist es sicher - nur das zählt für Rana

Syrien - das war für Rana Amin, 36, lange Zeit die abstrakte Hoffnung auf ein wieder instandgesetztes Leben. Jetzt ist es eine Bedrohung. Rana, Mutter von sieben Kindern, lebt wie ihre Nachbarin Um Skeif seit sechs Jahren im Zaatari-Camp.

Sie ist eine gelassene Frau, bei der man spürt, dass ihre Wärme die Familie zusammenhält. Sie hat, während sie erzählt, ihre jüngste Tochter im Blick, ein blondes Mädchen mit blauer Blume im Haar, das unausgesetzt an ihr herumklettert. Ein Standventilator surrt in der Ecke, ein Stieglitz fliegt in einem kleinen Käfig an der Decke umher. "Meine Heimat ist jetzt hier", sagt Rana. "Hier ist es sicher. Nur das zählt." 

Es gelingt ihr, diesem Leben etwas abzugewinnen - "auch wenn die jordanischen Behörden uns nicht alle hierhaben wollen". Ihr Mann hat einen Job, drei Tage in der Woche arbeitet er auf einer Baustelle, für 12 Euro am Tag.

Die Tochter wird verheiratet - damit sie in Sicherheit ist

Rana hat dafür gesorgt, dass die Kinder gleich nach ihrer Flucht in die Frühbetreuung gingen und danach in die Schule. Nur für ihre älteste Tochter Salwa konnte sie wenig tun. "Wir haben sie mit 15 verheiratet", sagt sie, "an einen Mann außerhalb des Camps. Ich wollte es nicht, aber ich hatte Angst um sie, dass ihr hier etwas passiert. Draußen ist es sicherer. So viele Männer hielten um ihre Hand an, dass ich dachte, vielleicht ist es ihr Schicksal." 

Sohn Majd ist 13, er geht in die 8. Klasse, ein hagerer Junge mit Sommersprossen und dem kämpferischen Blick, den viele der Kinder in den Camps haben und der unvermittelt in eine kindliche Weichheit kippen kann.

Nur weil jetzt Ferien sind, erlaubt Rana ihm, ein bisschen Geld dazuzuverdienen. Majd zieht mit einem Eselskarren durchs Lager, sammelt trockenes Brot ein, das dann eingeweicht und neu verkauft wird oder friert Orangensaft in Beuteln ein und verkauft sie als Eis auf der Straße. Zwei Euro kann er so am Tag verdienen, dafür kauft er Gemüse fürs Abendessen. "Majd hat Talent", sagt Rana, "der wird mal Verkäufer." 

Majd möchte zurück, er findet es im Camp "zu schmutzig", und immer hat er Angst, dass der Wohncontainer abbrennt, wegen der Gasflaschen. Wenn er an zu Hause denkt, dann denkt er an die Sofas, die sie hatten. Rana aber will bleiben, aus Angst um ihre Söhne, die in Syrien zum Militärdienst eingezogen würden oder von bewaffneten Gruppen rekrutiert. Sie will die Familie zusammenhalten, dafür nimmt sie die Armut in Kauf. "Ich habe sie hierher gebracht, jetzt muss ich auch für sie sorgen", sagt sie.

Rana Amin und Sohn Majid erzählten BRIGITTE-Redakteurin Meike Dinklage von den Möbeln, die sie früher besaßen

Syrien ist ein Scherbenhaufen 

Ich spüre bei den Gesprächen, dass sich nichts geändert hat im Konflikt des syrischen Regimes mit seinem Volk. Die Menschen in den Camps sagen mir, dass Assads Friedensbekundungen keine Einladung an alle seien, sondern nur an jene, die dem Regime recht sind. Die Rückkehrwilligen bräuchten eine Genehmigung der Behörden, durchliefen ominöse Sicherheitsüberprüfungen. Im Libanon höre ich später, dass von mehreren Tausend Syrern, die einen Antrag auf Rückkehr stellten, die Behörden nur ein paar Hundert einreisen ließen. 

Sie kommen in ein Land, in dem ein Drittel aller Häuser unbewohnbar sind. Eine halbe Million Syrer ist tot, die Hälfte der Bevölkerung im In- und Ausland auf der Flucht. Das sind die Zahlen der Hilfsorganisationen und der Vereinten Nationen. Aber was im Land wirklich vor sich geht, ist von außen schwer zu erkennen, es gibt kaum unabhängige Berichterstattung. Wie viel ist Propaganda? Wo gehen wir, die Zuschauer aus dem Westen, dem Assad-Regime und seinen russischen Verbündeten, die im Ausland bereits intensiv um Geld für den Wiederaufbau werben, auf den Leim? Baut das Regime nicht in Wahrheit das Land längst nach seinen Plänen um? Noch immer fehlt jede Rechtsstaatlichkeit, in den Gefängnissen sitzen nach wie vor Menschen, die Opfer von Willkür oder Sippenhaft wurden.

Tarek Awad war unschuldig - und wurde trotzdem gefoltert

Einer von ihnen war Tarek Awad, 36, aus Homs. Seine Familie treffe ich im Libanon, der zweiten Station meiner Reise. Tarek Awad wurde festgenommen, als er 2013 versuchte aus Syrien zu fliehen, und ins Gefängnis gesteckt, weil er heißt wie einer, der auf der Liste des Regimes stand. Eine Verwechslung, sagt seine Frau Suzi, 32, roter Schal, entschlossener Blick, im 9. Monat schwanger, auf dem Betonboden ihres Hauses in einer kleinen Stadt im Nordlibanon sitzend.

Das Haus war mal ein Lager, es hat hohe Decken, keine Fenster, keine Einbauten; es gibt nur ein paar mit Tüchern verhängte Regale. Trotzdem zahlt die Familie 125 Dollar im Monat Miete, nur für das Dach über dem Kopf. Eine Verwechslung, für die die ganze Familie bezahlte - vor allem die Kinder, mit ihrer Zukunft. Der Anwalt, den Suzi Awad vom Libanon aus beauftragte, verschwand mit ihrem Geld; erst nach eineinhalb Jahren erfuhr die Familie, dass Tarek noch lebte.

Suzi schickt ihre fünf Kinder hinaus, als sie von der Haft erzählen will; der Folter, an den Armen habe man ihren Mann aufgehängt, auf Nägel gestellt, die dritte Rippe sei gebrochen. Nach drei Jahren bemerkten die Behörden, dass er unschuldig war, "er kam als kranker Mann zurück", sagt Suzi, und jetzt erst senkt sie die Stimme, "er hat versucht, auf dem Bau zu arbeiten, so wie früher. Nach drei Tagen hat er wegen der Verletzungen aufgegeben."

Er nimmt Schmerzmittel, streift jeden Tag umher, auch heute, er wollte bei dem Gespräch dabei sein, aber kurz vorher hat er es doch nicht ausgehalten. "Er geht immer fort, er verliert sich in seinen Gedanken. Manchmal ist er verrückt vor Angst, wenn er Gerüchte hört, dass wir ausgewiesen werden", sagt Suzi. Alle reden davon.

Im Libanon verschlimmert sich die Lage für die Flüchtlinge zusehends

Die Regierung des Libanon betont wiederholt öffentlich, dass die Flüchtlingssituation auf kurze Sicht nicht mehr handhabbar ist. Die sozialen Spannungen steigen, im Land brannten bereits Camps. Um zu verhindern, dass sich die Flüchtlinge auf Dauer im Land einleben, untersagen die Behörden größere Ansiedlungen. Die regelmäßig zu erneuernde Registrierung, an die auch die Arbeitsgenehmigung gekoppelt ist, kostet mehrere Hundert Dollar pro Person, was die Flüchtlinge um ihre ohnehin kargen Jobs bringt. "Wir sind diesem Land ausgeliefert", sagt Suzi. "Wir können nicht zurück."

Die Kinder lässt sie nicht mehr zur Schule gehen, sie wurden gemobbt, wie viele Flüchtlingskinder an den staatlichen Schulen. Der Schulbusfahrer habe sie nicht mitnehmen wollen, sagt Suzi, weil sie "dreckig" seien, er habe ihre Tochter auf die Straße gestoßen, so brutal, dass sie sechs Tage im Krankenhaus lag. Nun gehe sie nur noch an ihrer Hand nach draußen.

Weil sie sich beschwerte, wurde ihr die Wohnung gekündigt, der Fahrer und der Vermieter waren befreundet. Erst vor zwei Wochen sind sie in die neue Unterkunft gezogen. Es soll nun ein Neuanfang sein, Suzi hat die Kinder auf einer anderen Schule angemeldet. Kassem, 13, ihr ältester Sohn, könne nur noch seinen Namen schreiben, "er verliert die Buchstaben", sagt Suzi.

Familie Awad ohne Vater Tarek. Er wurde in syrischer Haft gefoltert und ist physisch wie psychisch zerstört. Sohn Kassem (r.) muss für ihn arbeiten gehen

Die Last liegt auf den Kindern - sie gehen arbeiten statt in die Schule

Kassem muss ausgleichen, was der Krieg dem Vater nahm: seine Arbeitskraft. Mit elf begann er, Papiertaschentücher an der Schnellstraße zu verkaufen, jeden Tag stand er an Kreuzungen und wurde, wenn es gut lief, acht Packungen los, für zwei Dollar am Tag. Jetzt hat er einen neuen Job in einer Kfz-Werkstatt, er poliert Autos, wischt sie aus, holt Öl, Benzin, sechseinhalb Tage die Woche.

Save the Children versucht die Familie zu entlasten, indem sie ihr monatlich Geld gibt, damit Kassem weniger arbeitet und zur Schule gehen kann. Kassem sagt, dass er die Arbeit hasst. Nicht mal auf einen Stein darf er sich zwischendurch setzen, um sich auszuruhen. Morgens kann er kaum aufstehen vor Müdigkeit. Seine Mutter macht ihm Frühstück, Joghurt, Brot und Tee, er schleicht sich dann am schlafenden Vater vorbei nach draußen.

Kassem sagt: "Ich sollte nur arbeiten, wenn ich erwachsen bin." Er gibt alles Geld seiner Mutter, sie kauft einmal in der Woche eine Tüte Chips nur für ihn. Suzi schaut ihn an, streicht über seinen Kopf, mit einer Geste, die sagt, dass sie ihn hört, aber ihm die Last nicht nehmen kann.

Wie soll es bloß weitergehen? 

Ich denke an Um Skeif, die Witwe unter den Rosenpostern in Jordanien, wie sie meine Hand nahm und mich fragte, ob ich sie nach Deutschland holen kann. Und ich ihr sagte, dass es mir leid tue, aber dass das nicht gehe. Und ich nicht wusste, wie ich erklären sollte, dass es für sie das Deutschland, das Flüchtlinge am Bahnhof mit Schokolade empfängt, nicht mehr gibt. Sondern nur noch dieses Lager, und Syrien, irgendwann, womöglich.

Sie schaute mich an, ihr Ehemann erschossen, die Tochter stumm vor Schüchternheit. Ich sagte, dass ich niemanden kenne, der ihnen den Weg nach Deutschland ebnen könnte. Und Um Skeif nickte, weil sie es ja gewusst hat, und wir waren beide still.

*Alle Namen zum Schutz der Geflohenen geändert

VIDEOTIPP: Warum der "Schal des Lebens" so wichtig ist

Schal fürs Leben - das Video

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HILFE IN JORDANIEN UND IM LIBANON

Save the Children konnte seit Beginn des Syrien-Konfliktes über drei Millionen Menschen helfen. In Jordanien baut die Organisation Lernzentren, bietet psychosoziale Betreuung und kämpft gegen Kinderarbeit und Frühverheiratung. 2017 hat sie so fast 600 000 Kinder und ihre Familien unterstützt. Im Libanon leben viele Familien in notdürftigen Unterkünften. Save the Children hilft, sie mit den nötigsten Materialien zu versorgen. 2107 half sie so 90 000 Menschen, die Hälfte davon Kinder. Geflüchtete Kinder werden in extra Schutz-  und Spielräumen sicher betreut.

Wer hier schreibt:

Meike Dinklage
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