Forscherin Angelique Todd: "Tote Gorillas gelten als Trophäen"

Gorillas sind ihr Leben: Ein Interview mit der Biologin Angelique Todd über ihre Arbeit und ihre Schützlinge, die Gorillas im Kongo.

Seit 1998 erforscht Angelique Todd (41) die vom Aussterben bedrohten Menschenaffen im afrikanischen Regenwald. 2007 übernahm die Biologin das Gorillaschutzprojekt von der Umweltschutzorganisation WWF im Kongobecken. Zur Zeit ist die berühmte Gorillaforscherin in Deutschland. Wir sprachen mit ihr über ihre Arbeit.

Fotoshow: Angelique Todd und ihre Gorillas

BRIGITTE.de: Seit elf Jahren beobachten sie Gorillas. Wie nah kommen Sie den Tieren dabei? Werden Sie von ihnen akzeptiert?

Angelique Todd: Ja, aber das ist ein langer Prozess. Er dauert ungefähr fünf Jahre. Die eine Gorillagruppe, die wir zur Zeit erforschen und auch unseren Touristen zeigen, haben wir seit dem Jahr 2000 an uns gewöhnt. Eine zweite Familie wird in wenigen Wochen für Touristen zugänglich sein.

BRIGITTE.de: Und wie machen Sie das?

Angelique Todd: Das erste Jahr folge ich ihnen, halte aber Abstand und bin sehr vorsichtig. Die Tiere sind ausgesprochen ängstlich. Im zweiten Jahr beobachten die mich, im dritten Jahr werden sie oft aggressiv - die bluffen zwar meistens nur, aber sie wollen mir dann zeigen, wie stark sie sind. Da muss man sich gelegentlich in Sicherheit bringen, aber behutsam dranbleiben. Dann fangen die Alten, die Silberrücken, an mich zu ignorieren. Die Jungen übernehmen das Verhalten. Nur die Weibchen machen weiter Schwierigkeiten.

BRIGITTE.de: Warum gerade die Weibchen?

Angelique Todd: Die empfinden mich offenbar als Konkurrenz und reagieren oft sehr gereizt. Ihnen scheint es unheimlich zu sein, dass ich ihren Männern folge, vermutlich haben sie Angst um ihre Babys oder fürchten, dass ich ihnen ihr Essen streitig machen will. Sie machen mir das Arbeiten manchmal richtig schwer. Zumal es auch so ist: Wenn ein Weibchen mich angreift, muss das Männchen mitmachen - wenn es gelassen bleibt, verlässt sie ihn. Denn ein Männchen, das sie nicht verteidigt, ist kein guter Partner. Insofern bin ich auch für ihre Partnerschaft eine Art Bedrohung.

BRIGITTE.de: Wurde es für Sie denn schon mal richtig gefährlich?

Angelique Todd: Oh ja, einige Male. So ein Silberrücken wiegt 200 Kilo und ist zehnmal stärker als ein kräftiger Mann. Sie könnten einen Menschen töten. Aber weil sie sich ihrer Stärke bewusst sind und so ein Kampf Energie kosten würde, bleibt es meist bei Drohgebärden. Es gab aber auch schon Situationen, da dachte ich: So, das war's. Es ist aber noch nie ernsthaft etwas passiert. Ich gehe allerdings auch immer in Begleitung von Keepern zu den Tieren, das sind Einheimische, die unsere Arbeit unterstützen und sich sehr gut im Regenwald auskennen - mehr Augen und Ohren sind immer von Vorteil, es lauern da ja viele Gefahren. Wir müssen immer sehr aufmerksam sein, denn auch bei der Gorillagruppe, die uns jetzt gut kennt, kann es noch gefährlich werden. Wenn ich zum Beispiel einfach über den Weg eines Weibchens laufen würde, gäbe es richtig Ärger.

Video: Angelique Todd und ihre Arbeit mit den Gorillas

Gesellschaft: Angelique Todd und ihre Gorillas

BRIGITTE.de: Und Sie leben direkt im Regenwald?

Angelique Todd: Ja, ich lebe mit wenigen Unterbrechungen seit 11 Jahren in einem Camp - 30 Kilometer von der nächsten Ortschaft entfernt. Von dort aus folgen wir den Gorillas jeden Tag.

BRIGITTE.de: Ist das nicht sehr einsam?

Angelique Todd: Nein, gar nicht. Es gibt eine Reihe netter Menschen im Camp. Das einzige, was ich vermisse, ist: Käse.

BRIGITTE.de: Beschreiben Sie uns doch mal einen normalen Alltag.

Angelique Todd: Wir arbeiten in zwei Schichten. Die erste bricht um 6.30 Uhr auf, die zweite gegen Mittag. So bleiben wir alle frisch, denn das Klima und die Hitze sind sehr ermüdend. Im Camp müssen wir natürlich auch für die alltäglichen Dinge sorgen, wie Wäsche waschen und Essen kochen. Außerdem bin ich für unser gesamtes Touristenprogramm verantwortlich, plane Touren, kümmere mich um die Versorgung, mache die gesamte Administration.

BRIGITTE.de: Zur Zeit tagt in Deutschland eine Internationale Konferenz zum Schutz der Gorillas. Wie viele dieser bedrohten Tiere gibt es denn noch?

Angelique Todd: Das ist schwer zu sagen. Oft wird gesagt, es sind noch 125 000. Denn normalerweise werden Gorilla-Nester gezählt, wenn ihre Population erfasst werden soll. Aber es gibt Gorillas, die bauen kein Nest - und es gibt welche, die bauen mehrere. Ich schätze, es gibt noch etwa 100 000.

BRIGITTE.de: Was muss zum Schutz dieser Tiere getan werden?

Angelique Todd: Die größten Gefahren für Gorillas sind das Ebola-Fieber, die Wilderei, die oft mit der Abholzung des Regenwaldes einhergeht und das Verschwinden ihres natürlichen Lebensraumes. Allein beim letzten großen Ausbruch von Ebola sind 5000 dieser wunderbaren Tiere gestorben. Wenn wir jetzt nichts tun, wird es in 30 Jahren keine Gorillas mehr geben. Deshalb muss die Ebola-Forschung vorangetrieben werden - zumal auch Menschen an dieser Krankheit sterben. Außerdem setzt sich der WWF dafür ein, dass der natürliche Lebensraum der Gorillas erhalten bleibt, unterstützt naturnahe Holzwirtschaft und betreibt dieses große Schutzprojekt, auch um sanften Tourismus zu fördern und so die Menschen für das Überleben ihrer Verwandten im Regenwald zu sensibilisieren.

BRIGITTE.de: Und was können wir hier in Deutschland für den Schutz der Gorillas tun?

Angelique Todd: Einiges: Am besten kaufen Sie nur noch Holzprodukte, die aus einer verantwortungsvollen Holzwirtschaft stammen, zu erkennen am so genannten FSC-Siegel (Forest Stewardship Council). Für Tropenholz ohne diese Bescheinigung werden Schneisen in den Regenwald geschlagen - und die machen sich Wilderer zu Nutze, um Gorillas zu erlegen. Das so genannte Buschfleisch ist immer noch ein riesiges Problem. Getötete Gorillas gelten als Trophäen und als Delikatesse - in meinen Augen ist das fast Kannibalismus, denn immerhin sind 98 Prozent ihrer Gene mit unseren identisch. Natürlich können Deutsche auch helfen, indem sie Organisationen wie den WWF unterstützen, für Projekte spenden, Patenschaften für unsere Gorillas übernehmen oder eine Reise zu uns buchen. Außerdem sollten sie nur Regierungen unterstützen, die sich wirklich für die Umwelt engagieren.

Fotoshow: Angelique Todd und ihre Gorillas

Interview: Silke Baumgarten Fotos: WWF

Wer hier schreibt:

Silke Baumgarten
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