Hundeprofi Martin Rütter: Sitz, platz, aus!

Was in Martin Rütters TV-Sendung "Der Hundeprofi" passiert, ist Thema auf den Hundewiesen des Landes. Aber viele seiner Fans haben gar keinen Hund. Wie macht Martin Rütter das?

Zum Beispiel Chihuahua-Rüde Norbert. Total verwöhnt, hört nicht mal auf seinen Namen. "Scheich im Teich" nennt Martin Rütter so einen. Beim ersten Dreh zur laufenden "Hundeprofi"-Staffel hat das ganze Team so über Norbert gelacht, dass dem Kameramann die Kamera aus der Hand fiel. Martin Rütter hat dann den Besitzern die Regeln erklärt: tägliches Training. Ein Stück Futter, wenn der Hund auf seinen Namen reagiert. Erst in der Wohnung, dann draußen. Durchziehen, egal bei welchem Wetter. Aber beim nächsten Dreh ein paar Wochen später war es kein bisschen besser. Und Rütter, sonst kein Lauter, musste Klartext reden. Training - oder ihr fliegt aus der Sendung. "Richtig angeschnauzt hab ich die", sagt er. Dabei könnte man meinen, dass ein sturer Hund und seine unbelehrbaren Halter ein Glücksfall fürs Fernsehen sind. Schließlich geht es um Unterhaltung, den Eckpfeiler jedes TV-Coachings, ob Tier, Kind oder Schuldner. Aber genau das will Rütter nicht: "Wer in meiner Sendung war, soll danach noch einkaufen gehen können. Die Leute dürfen sich ungeschickt anstellen, die sollen sich ja entwickeln. Aber wir liefern niemanden der Kamera aus."

Martin Rütter, 41, ist der Geist, der über den Hundewiesen schwebt. Samstags um 19.10 Uhr coacht er auf Vox Problemhunde, vor allem aber ihre Halter. "Wenn ich an die Leute nicht rankomme", sagt er, "hat das ganze Training keinen Zweck." Er beobachtet erst mal, das Kinn auf die Handfläche gestützt. Man sieht dann, wie es in ihm arbeitet, alle Sinne auf Hund und Mensch gerichtet. Meistens weiß er schon nach 30 Sekunden, was falschläuft. Und wie man Abhilfe schafft. Immer. Rütter, das ist das personifizierte Versprechen: Jedes Problem ist lösbar.

Was im "Hundeprofi" passiert, ist Thema auf den Freilaufflächen des Landes. Der Labrador, der frisst, was er zwischen die Lefzen kriegt. Die zwei alles rammelnden Westies. Kurt, die Bulldogge, der die ganze Bude in Schutt und Asche legt, und Frauchen sitzt daneben und sagt zu Martin Rütter: "Kurt bleibt eben authentisch." Das sind moderne Klassiker, nicht nur unter Hundehaltern. 1,55 Millionen Zuschauer schalten ein, zwei Drittel davon haben gar keinen Hund. Hundetraining ist für Rütter Herrchen-Therapie, und genau wie ein guter Therapeut verschwindet er hinter seiner Aufgabe, weshalb eine ganze Reihe von Adjektiven auf ihn passt, die bei Leuten mit anhaltendem TV-Erfolg eher selten zutreffen. Er ist respektvoll, ohne Anmaßung und auf eine entspannende Weise normal. Dass er im Fernsehen gelandet ist - erst als Berater für Hundefragen, 2003 bekam er im WDR seine eigene Coaching-Sendung, seit 2008 dreht er für Vox den "Hundeprofi" - und nebenbei ein Buch-, Show-, Markenimperium aufgebaut hat, ist für ihn eine erfreuliche Begleiterscheinung, die aber an seiner eigentlichen Mission, wie er sie versteht, nicht rührt. "Ich könnte im Job nicht auf das Thema Hund verzichten", sagt er, "ich weiß, wo meine Leidenschaft liegt."

Man trifft Martin Rütter am südlichen Rand von Bonn, wo er das Gebäude einer ehemaligen afrikanischen Vertretung gemietet hat. Sein Büro ist das Botschafterzimmer, roter Teppichboden, zwei postergroße Fotos seiner vier Kinder an den Wänden, vor dem Schreibtisch ein überdimensionierter Stoffhund; das Ganze sieht aus wie ein großes Spielzimmer, und ein bisschen trifft das die Stimmung im Haus. Seine Mitarbeiter sagen, Martin habe die Losung ausgegeben, seine Firma solle eine "arschlochfreie Zone" sein.

Er trägt wie immer Jeans und Turnschuhe, und weil er einer ist, der nur 30 Sekunden braucht, merkt er sofort, dass sein Büro für ein intensives Gespräch zu wuchtig ist, und sucht einen kleineren Raum aus. Und weitere 30 Sekunden später beginnt er zu erzählen, nur unterbrochen von einer Mitarbeiterin, die klopft und sagt: "Ich geh zum Bäcker - wollt ihr was?" Rütter bestellt ein Croissant, was dazu führt, dass er kurz das Thema Gewicht streift, das bei ihm ein großes ist, weil er zum Jojo neigt.

Neulich bekam er das Angebot, eine tägliche Talkshow zu moderieren - ohne Hunde. Er lehnte empört ab

Rütters Begeisterung für Hunde gründet überraschenderweise nicht auf eigenen frühen Erfahrungen. Er wollte einen Hund, aber die Eltern sagten Nein. "Die hatten für Tiere nichts übrig", sagt er. Also las er über Hunde, was er in der Stadtbücherei fand, auch im Unterricht. Der Preis dafür: Er flog ein halbes dutzend Mal von der Schule. "Schule war für mich ein Spiel", sagt er, "mir ging da alles zu langsam." Seine Tante Thea hat ihn dann endgültig auf die Hunde-Schiene gesetzt. Sie hatte in den 70er Jahren eine Pflegestelle für Hunde, aber kein Händchen dafür. Besucher saßen bei ihr im Schneidersitz auf den Stühlen, weil Pudel Arko in jeden Fuß biss. Auch wegen Thea dachte er, dass er das erforschen wollte: welchen Einfluss Menschen auf Hunde haben.

Er belegte Kurse in Tierpsychologie und begann als Hundetrainer zu einem Zeitpunkt, als es nur Hundevereine mit Drill und Stachelhalsband gab. Mit 25 gründete er seine eigene Hundeschule. "Wenn ich mit einem Hund trainiere, geht das unheimlich leicht", sagt er. "Ich war nie ratlos." Mina, seinen ersten eigenen Hund, suchte er unter 400 Welpen aus, er sollte ihn bei der Arbeit begleiten und sich nicht von randalierenden Hunden aus der Ruhe bringen lassen. Dafür musste er ein bisschen dumm sein, Rütter nennt das "im unteren Drittel bei der kognitiven Intelligenz liegen". Nur bei einer Golden-Retriever-Hündin sprang der Funke über.

Mina ist auf den Covern seiner Fachbücher und auf dem Roman, den er über sein Trainerleben geschrieben hat, Mina läuft mit ihm im Vorspann zum "Hundeprofi" über eine Wiese, er nennt seine Firmen nach ihr: Mina Trading ist ein Netzwerk von 50 Hundeschulen, in der rund 100 Trainer nach seinem System unterrichten. Mina TV produziert seine Sendungen, Mina Entertainment seine Bühnentournee: ein Soloprogramm, oft Wochen im Voraus ausverkauft, mit dem er unter anderem die Berliner O2 World füllt und zwei lustige Stunden ein wenig über Hunde und sehr viel über die Schwächen ihrer Besitzer erzählt und über die Fehler, die aus zu viel Nachsicht geschehen.

Er liebt diese Auftritte. An diesem Abend steht er backstage im Gloria-Theater in Köln, ohne jede Aufregung, in der Jeans vom Vormittag und mit ein bisschen Styling im Haar aus einer Tube, die er immer im Auto hat. Er geht auf die Bühne, Hände in den Taschen, fragt das Publikum nach den Macken ihrer Hunde, und jemand erzählt, dass sein Hund nur aufhört zu bellen, wenn er ihm mit einer Bierflasche droht, "mit Selter klappt das nicht", und Rütter sagt: "Dat ist Köln" und erzählt gleich ein paar Anekdoten über Hunde, die ihren Leuten nach 17 Uhr nicht erlauben, vom Sofa aufzustehen, und Herrchen sagt: "Ist das nicht süß?" Aber auf keinen Fall will Rütter ein Comedy- Typ sein, auch die Bühnenshow ist für ihn Aufklärung.

Trotzdem macht ihn der Erfolg stolz - die Nominierung für die Goldene Kamera 2010, die Auftritte bei Raab und Lanz und "Zimmer frei" , und gleichzeitig muss er es kleinreden als den "vielen Blödsinn", den er mitmacht. Seine Frau Bianca, von Beruf Visagistin mit dem Schwerpunkt Bodypainting, hat, sagt Rütter, "eher Angst vor Hunden", und sie meidet die Öffentlichkeit, weil sie "nicht als Spielerfrau mitlaufen will". Wenn sie doch mal gemeinsam auf eine Party gehen, geht sie durch die Hintertür. Vier Kinder hat das Paar, die Söhne sind 12 und 8, die Mädchen 6 und 3, und seine Dreißiger hat Martin Rütter "mit einem schreienden Baby auf dem Arm, einem Handy am Ohr und links noch einem Hund am Halsband" verbracht. "Es gab für mich damals keinen Stopp", sagt er.

Bis vor vier Jahren, da bekam er, mit 37, einen Herzinfarkt. "Ich habe in einem Jahr 100 Vorträge und 45 Wochenend-Seminare gegeben. Es hat Spaß gemacht, es sprudelte nur so." Er war in einem Hotel in der Schweiz, bekam ein Gefühl im Hals, als habe er ein Bonbon verschluckt, dann Schmerzen in der Brust, im Arm. Er nahm zwei Paracetamol, dachte, das wird schon. Später, im Krankenhaus, lag er da und dachte: Wenn die Kinder jetzt ohne Vater aufwachsen, bin ich selber schuld. Im Nachhinein war der Infarkt seine Rettung. Er passt jetzt mehr auf sich auf. Mina hat ihn die letzten 16 Jahre begleitet. Seine Mitarbeiter erzählen, wie rührend es war, als sie älter wurde und Martin und sein Hund einen ähnlichen, leicht watschelnden Gang annahmen.

Im Juli musste er Mina beim Tierarzt einschläfern lassen. "Es gab keinen akuten Zustand", sagt er, und man merkt seine Trauer, weil sich seine Augen röten und er manchmal nicht "Mina" sagt, sondern "der Köter", um sich die Gefühle ein bisschen vom Leib zu halten. "Sie war einfach alt. Wir haben am letzten Tag alle mit ihr im Garten gesessen, das war, was die Familie betrifft, für mich der bisher schlimmste Moment." Sie haben Mina noch mal gefüttert, dann hat er sie zum Auto getragen, und sie ist auf seinem Arm eingeschlafen. Vier Tage hat er danach alle Termine abgesagt, im Haus gewerkelt, was er sonst nie tut. Auf Minas Napf im Garten gestarrt.

Aus ihrer Asche will er sich einen Diamanten für einen Ring machen lassen. Neulich kam ein Angebot für eine tägliche Talkshow, und Rütter fragte den Sender: Ihr wollt im Ernst jeden Tag über Hunde reden? Und als sich dann herausstellte, dass das Format nichts mit Hundecoaching zu tun haben sollte, hat Rütter, richtig empört, sofort abgelehnt.

Text: Meike Dinklage Foto: Katrin Binner Ein Artikel aus der BRIGITTE 25/11
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