Villa auf dem Wasser

Hausboot war früher - die neuen schwimmenden Häuser heißen Aquahouse oder Floating Home. Mit ihnen sollen in naher Zukunft ganz neue, exklusive Wohnquartiere entstehen. Wir haben schon mal ein Musterhaus besichtigt.


Spülmaschinentabs selber machen: Spülmaschine mit offener Tür und mit sauberem Geschirr befüllt

Andonis Warsakis sitzt auf der Terrasse, unterm weißen Sonnensegel und erwartet Gäste. Der Tisch ist gedeckt, der Kaffee gekocht - alles ganz normal. Bloß, dass Tisch und Stühle, Gartenbank und Blumenkübel quasi auf dem Wasser stehen - auf einem Ponton, genau wie das dazugehörige Haus. Die schmucke gelbe Villa mit den großen Rundbogen-fenstern wirkt im Binnenhafen von Hamburg-Harburg wie ein schillernder Exot - steuerbords liegt ein ausgemusterter Fischtrawler zur Seite, back-bord wird es vom Hausboot des Sängers Gunter Gabriel flankiert. Doch das Bild könnte sich bald ändern: Nach den Vorstellungen der Stadtplaner soll hier in naher Zukunft Hamburgs erste Siedlung mit "Floating Homes", schwimmenden Luxushäusern, entstehen.

Andonis Warsakis

Noch wohnt niemand in der Ponton-Villa, doch für Andonis Warsakis ist sie dennoch fast so etwas wie sein zweites Zuhause. Beinahe täglich führt er Interessenten durch das Musterhaus der Rostocker Firma Aquahaus, die seit zweieinhalb Jahren schwimmende Häuser entwickelt, baut und verkauft. "Hier im Norden bietet sich Wasser als alternative Wohnform ja geradezu an", sagt Warsakis und lobt den Harburger Liegeplatz: "Auch wenn das auf den ersten Blick nicht so aussieht, sind wir hier sehr glücklich, denn hier passiert demnächst doch einiges - die ganze Industrie rundherum kommt ja weg. Und wenn Sie abends hier sitzen, dann sehen Sie die Sonne unter- und den Mond aufgehen und ringsumher ist es absolut ruhig. Alles, was Sie hören, ist ein leichtes Plätschern. Das hat wirklich Flair."

Der Wohnraum mit Essplatz im Untergeschoss.

Über die Terrasse betreten wir das Haus sozusagen durch die Hintertür - der offizielle Eingang ist wegen der extrem hohen Kaimauer mit einer Reeling nicht erreichbar - und stehen darum gleich in der guten Stube. Die erste Überraschung: Es ist angenehm kühl. Die zweite: Das Haus ist komplett eingerichtet, wunder-schön, geschmackvoll, edel, und wirkt mit einer Mischung aus Kolonialstilmöbeln und Designerstücken wie eine Ruhe-Oase. Es ist alles da: Ein Sofa mit Sitzecke, Bücher-schrank, eine offene Küche und ein großzügiger Essplatz. Im hinteren Teil führt eine geschwungene Treppe ins Obergeschoss, wo Bad und Schlaf-zimmer untergebracht sind . Auch hier wurde sparsam möbliert, um mit wenigen ausgewählten Stücken und schönen Stoffen eine offene, freundliche Atmosphäre zu schaffen. Vom Bett aus kann man das Wasser sehen, als Lieblingsplatz und Blickfang erweist sich aber eine geschwun-gene Liege vor dem großen Fenster - wie geschaffen zum Lesen, zum Träumen, zum Bleiben. 70 Quadratmeter Wohnfläche bietet dieses Aquahaus - bezugsfertig eingerichtet, konstruiert mit den modernsten Materialien und ausgerüstet mit umweltfreundlicher Technik wie einem biologischem Mini-Klärwerk für die Abwässer und einer Wärmepumpe als Heizung.

Wohnen als Philosophie

Das Schlafzimmer

Wohnen auf dem Wasser ist für den Hausbootexperten Warsakis weder Spleen noch Spielerei. Dahinter steckt für ihn eine Lebensform: "An erster Stelle steht natürlich die Nähe zum Wasser, das ist immer etwas Tolles", sagt er. Und genau wie sein singender Nachbar schwärmt der Aquahaus-Vertreter von der besonderen Atmosphäre, spricht von einer regelrechten Philosophie: "Damit ist ja auch gesundes Wohnen verbunden. Das sanfte Schaukeln hat einen enorm beruhigenden Einfluss. Außerdem steuert der Körper durch die leichten Bewegungen ständig gegen, ist immer dabei auszugleichen. Das stärkt den Rücken. Aber so etwas kann man mit Worten schlecht beschreiben, das muss man erfahren", sagt er und erzählt von übel gelaunten Kunden, die nach einer kleinen Ruhepause auf dem Liegesofa vor dem Fenster regelrecht begeistert gewesen seien.

Ein Leichtgewicht

Das Baumaterial Epoxyd: leicht, dünn und extrem belastbar.

Techniker interessieren sich auch noch für den Baustoff: "Unser Vorteil ist, dass wir mit einem ganz besonders leichten und extrem stabilen Material bauen", erklärt Warsakis, und holt zwei Materialproben hervor: "Da steckt wirklich Know-how drin. Der Ponton zum Beispiel wird aus einer nur 40 Millimeter dicken Epoxydharz-Platte mit spezieller Honigwabenstruktur gefertigt, härter und zäher als Stahl. Die dünnen Wände schaffen im Innern des Pontons einen zusätzlichen, 90 Quadratmeter großen, trockenen Stauraum - das wäre bei herkömmlicher Stahl- oder Betonbauweise nicht möglich." Die nur zehn Zentimeter dünnen Hauswände sind leicht wie Styropor, nicht brennbar und bieten dazu noch eine hervorragende Isolation. Warsakis: "Dieses Material ist so stabil, dass auf einen Quadratmeter eine Last von über 20 Tonnen drücken kann - denken Sie an Eisgang. Stahl würde da schon Dellen bekommen.

Ab nach Dubai

Die Dubai-Villa

Wie viel Neugierde ein schwimmendes Haus auslöst, davon konnte sich Warsakis überzeugen, als die Villa im vergangenen Sommer zur Internationalen Bootsaus-stellung über die Elbe in den Hamburger Hafen geschleppt wurde: "In den acht Tagen drängelten sich über 7000 Besucher durch die Tür, um einen Blick ins Innere zu werfen". Dabei ist das Modell "Wismar" schon ein Veteran - der erster Prototyp, den die Firma gebaut hat. Mittlerweile gibt es 20 verschiedene Aquahaus-Modelle - vom fahrbaren Hausboot in klassischer Form bis zur Dubai-Villa mit integriertem Swimmingpool und 450 Quadratmeter Wohnfläche, die gerade an den Arabischen Golf verkauft wurde. "Wismar wurde von uns damals gebaut, ohne zu wissen, wie die Nachfrage nach schwimmenden Häusern sein wird", erzählt Warsakis. Über das Interesse braucht er sich heute bei täglich 20 bis 25 Anfragen keine Sorgen zu machen. Was ihm Kopfzerbrechen bereitet, sind die fehlenden Genehmigungen für diese Häuser.

Mindestens sieben schwimmende Häuser sollen nach den Vorstellungen der Stadtplaner im Harburger Binnenhafen festmachen. "Aber ob die Siedlung jemals entstehen wird, kann ich gar nicht mehr sagen", meint Warsakis leicht resigniert, "das ist jetzt Sache der Stadt, die die rechtlichen Vorraussetzungen dafür schaffen muss." Das Problem: Die Behörden müssen ein völllig neues Genehmigungsverfahren für Wohnen auf dem Wasser entwerfen, und damit tun sie sich schwer: "Keiner weiß, wer wirklich dafür zuständig ist. Jeder schickt Sie woanders hin."

Unterwegs auf der Elbe: kommt ein Haus geschwommen...

Weil das Hamburger Hafengesetz ausdrücklich schwimmendes Wohnen verbietet, hilft sich die Firma derzeit mit einem Trick und deklariert die Aquahäuser als Sportboote. "Damit können wir uns überall dahin legen, wo auch Sportboote liegen dürfen. Rechtlich ist es einwandfrei, aber für unsere Firma ist es nicht schön, solche Schleichwege zu beschreiten. Und die Ämter fühlen sich natürlich auch verschaukelt." Allerdings versteht Warsakis auch die Strenge nicht, mit der die modernen Floating Homes behandelt werden: "Hausboote gibt es hier schließlich schon seit Jahren, da möchte man manchmal gar nicht wissen, was da im Wasser angeschwommen kommt. Aber wir mit unserem sauberen Haus, mit einem biologischen Klärwerk und einem schönen Anblick - wo ist auf einmal das Problem?" Dann zweifelt er daran, ob die Schwimmhäuser in Hamburg tatsächlich gewollt sind. "Aber schön wär’s, weil die Stadt dafür einfach perfekt geeignet wäre."

Infos: Aqua House International GmbH, Neuendorfer Straße 4 18184 Neu Roggentin www.neptun-aquahaus.com Es gibt bereits Liegeplätze von Aquahäusern in Stralsund, auf Fehmarn und auf Rügen. Preis für ein Haus je nach Modell ab 80 000 Euro. Modell Wismar beispielsweise kostet komplett rund 230 000 Euro. Da Wasserflächen nicht gekauft werden können, zahlt man später eine Liegeplatzgebühr statt Grundsteuer. Bislang können Hausboote und Schwimmhäuser nicht als erster Wohnsitz angemeldet werden, man benötigt zusätzlich eine Meldeadresse an Land.

Hier sind Floating Homes geplant

Leben auf dem Wasser heißt der neue Wohntrend in Deutschland. Architekten entwickeln mittlerweile vielfältige Visionen für die amphibische Wohnform - von der Luxusvillen mit Yachtanleger und Swimmingpool bis zur Kleinstadtsiedlung am Steg. Was allerdings in anderen Ländern wie den USA oder Niederlanden historisch gewachsen ist, muss sich bei uns erst als neue und exklusive Wohnform etablieren: bislang wurden Hausboote bestenfalls geduldet. Vielerorts wird derzeit aber über eine neue Nutzung von ehemaligen Industriekanälen und Gewässern nachgedacht, denn das Wasser in den Städten ist durch verbesserten Umweltschutz und abwandernde Industriebetriebe deutlich sauberer geworden - eine der Grundvoraussetzungen, die Wohnen auf dem Wasser überhaupt erst attraktiv macht. Deutsche Großstädte tun sich allerdings noch schwer mit der Ausweisung von Wasserflächen zu Wohnzwecken und es fehlt an ordentlichen Genehmigungsverfahren.

Hamburg

Hausbootbewohner werden bislang nur geduldet, rechtlich leben sie in einer Grauzone. Offiziell auf Dauer festmachen darf man an Hamburger Ufern nirgendwo. Der Startschuss für offiziell erlaubtes Wohnen auf dem Wasser soll im Oktober fallen, dann will der Senat über 100 mögliche Liegeplätze für Floating Homes - etwa am Alsterlauf, im Billebecken, am Eilbek- und Osterbekkanal, in der HafenCity und im Harburger Binnenhafen - entscheiden. Die Stadtentwicklungsbehörde hat bereits einen Plan ausgearbeitet, wo die neue Wohnform erlaubt sein könnte. Vorher muss allerdings noch ein einheitliches Genehmigungsverfahren erarbeitet werden. Interessenten können sich per E-Mail bei der Behörde melden: . Weitere Ideen und Entwürfe von schwimmenden Häusern gibt es beim Netzwerk www.SchwimmendeHaeuser.de. Kontakt: Petra Diesing (Neustadtarchitekten) Röhrigstraße 11, 22763 Hamburg.

Berlin

In Berlin wird im großen Stil geplant. An zwei Standorten sollen Siedlungen mit schwimmenden Häusern entstehen - in der Rummelsberger Bucht auf der Halbinsel Stralau und in Berlin-Spandau. Im Jahr 2002 hatte die Berliner Projektentwicklungsgesellschaft Wasserstadt GmbH einen Architekturwettbewerb für Pontonhäuser ausgeschrieben. Sieben Teams haben dazu elf verschiedene Hausentwürfe entwickelt. Die ersten sollten eigentlich längst bereits fertig sein. Aber auch hier haben die fehlenden notwendigen behördlichen Genehmigungen zu Verzögerungen geführt. In Spandau wurde gerade grünes Licht gegeben. Ulrike Brandstätter von der Wasserstadt: "Für die Rummelsburger Bucht rechnen in Kürze mit einer Genehmigung, dann geht’s los." Infos und virtueller Showroom unter www.wasserstadt.de.

Flensburg

In der Flensburger Förde ist 2004 auf dem Grundstück eines ehemaligen Marinestützpunktes das neue Meer-Dorf Sonwik entstanden. Auch hier sind schwimmende Häuser geplant. Eine weitere Variante sind Einfamilienhäuser auf Pfählen mit eigenem Bootsanleger vor der Tür. Infos: www.sonwik.de.

Kiel

Eine Schiffswerft, ein Architekturbüro, zwei Ingenieurbüros und der Architekturfachbereich einer Kunsthochschule haben sich zur "Arbeitsgemeinschaft Living on water" zusammengeschlossen mit dem Ziel, die Entwicklung und Realisierung von schwimmenden, ökointelligenten Gebäuden und Siedlungen zu fördern.

Uta Bangert
Themen in diesem Artikel

Unsere Empfehlungen

Brigitte-Newsletter

Brigitte-Newsletter

Trends und Tipps aus den Bereichen Mode & Beauty, Reise, Liebe und Kochen - lies zum Wochenstart das Beste von Brigitte.