"Die Wohnungssuche in einer deutschen Großstadt wird immer entwürdigender!"

Wer sich in Deutschland auf Wohnungssuche begibt, muss starke Nerven vorweisen – vor allem, wenn sich die Wohnung in einer Großstadt befinden soll. Ein Kommentar einer resignierenden Betroffenen.

In Deutschland herrscht erheblicher Mangel an bezahlbaren Wohnungen. Und je mehr man sich einer Metropole nähert, desto grausiger wird die Aussicht auf eine beziehbare Wohnung. Ob München, Berlin, Köln oder – wie in meinem Fall – Hamburg: Die Wohnungen sind rar – Wohnungssuchende gibt es hingegen reichlich. Ein Ungleichgewicht, das Immobilienmaklern beziehungsweise Wohnungseigentümern erhebliche Macht verleiht. Ich komme nicht umher, an Filme wie etwa Das Experiment (der übrigens auf wahrer Begebenheit beruht) zu denken, bei denen die Machtposition den Höhergestellten zu Kopfe steigt und die Niedriggestellten erheblich darunter leiden.

Doch sehen wir uns das Prozedere einer Wohnungssuche in Hamburg mal genauer an: Wie läuft das ab?

Es herrscht ein Ungleichgewicht zwischen Vermietern und Mietern. Es erinnert an den Film Das Experiment

In der Regel gilt: Wird eine neue Wohnung frei und auf Immobilienscout, Immonet, Immowelt & Co. angeboten, muss man schnell sein. Und zwar richtig schnell! Soll heißen: Wird die Wohnung morgens inseriert, hat man abends keine Chancen mehr, zu einer Wohnungsbesichtigung eingeladen zu werden. Man ist also gezwungen, alle paar Stunden die entsprechenden Apps oder Newsletter zu checken, prompt sein Interesse zu bekunden und neben Telefonnummer und E-Mail-Adresse auch ein paar "Eckdaten zur eigenen Person" abzugeben, wie etwa Beschäftigungsstatus und Nettoeinkommen der Mietinteressenten. Mit anderen Worten: Man muss blank ziehen – und das, bevor man überhaupt die Wohnung betreten hat oder den Vermieter/Immobilienmakler zu Gesicht bekommen hat.

Gezwungen wird man dazu natürlich nicht, jene Angaben zu machen. Allerdings kann man sich sicher sein, dass man im Falle fehlender Angaben gar nicht erst zur Wohnungsbesichtigung eingeladen wird. Der Vermieter/Immobilienmakler sitzt nun mal am längeren Hebel. Und gibst du ihm nicht, was er verlangt, wirst du rasch von der Liste gestrichen – schließlich gibt es noch eine Menge anderer Mietinteressenten, auf die sie zurückgreifen können. Was bleibt einem da anderes übrig, als sich zu vergläsern?

Was bleibt einem anderes übrig, als sich zu vergläsern?

Hat man das einmal getan, wird man – mit einer großen Portion Glück – zum Vorstellungsgespräch...äääähm...Besichtigungstermin eingeladen. Ist man Vollzeit berufstätig, kann das Wahrnehmen des vorgegebenen Termins sehr schwierig werden. In der Regel sehen die Einladungsmails nämlich wie folgt aus:

"Sehr geehrte Frau X, vielen Dank für Ihre Anfrage. Wir können Ihnen einen Besichtigungstermin für die 3-Zimmer-Wohnung für morgen, 15 Uhr anbieten. Können Sie den Termin wahrnehmen? Mit freundlichen Grüßen Y"

Realitätsferne Besichtigungstermine, Massenandrang von Mietinteressenten

Als Otto-Normal-Verbraucher starrt man jetzt also auf diese Mail und fragt sich: Bin ich im falschen Film?! 15 Uhr? Da arbeiten die meisten Menschen in der Regel. Und auch um 9:30 Uhr, 11 Uhr, 14 Uhr, 16 Uhr und an ähnlich skurrilen Besichtigungszeiten auch! Fasst man sich ans Herz, atmet tief durch und schreibt freundlich zurück, dass man diesen Besichtigungstermin aus beruflichen Gründen nicht wahrnehmen kann und gerne nach 17 Uhr – mit open end – von der Arbeit zu jener Wohnung rasen könnte, bekommt man die Antwort:

"Danke für Ihre Rückmeldung. Im Moment haben wir keinen weiteren Termin. Sollten wir nächste Woche noch einen Termin ansetzen, werde ich Ihnen Bescheid geben. Mit freundlichen Grüßen, Y"

Und schon wieder sitzt man da, starrt ungläubig auf die Mail, leicht brodelnden Gemütes. Ist das deren Ernst? Wer soll zu dieser Uhrzeit Zeit haben? Teilzeitarbeitende könnten sich jene 3-Zimmer-Wohnungen im Zentrum einer Großstadt kaum leisten. Was erwarten die Immobilienmakler/Vermieter? Dass man sich Urlaub nimmt, um eine Wohnung zu besichtigen –  und das, ohne jegliche Garantie darauf, dass man sie im Anschluss auch bekommt, falls Interesse besteht?!

Da bekommt man ein Gefühl für Massentierhaltung – nur ist das nicht Sinn und Zweck der Besichtigung

Nun ja, das Verfluchen dieses Prozederes hilft nicht viel weiter. Gut, dass einige Besichtigungstermine auf 17:30 Uhr oder später gelegt werden. Da weiß man direkt: Der Vermieter / Immobilienmakler scheint sein Hirn nicht komplett ausgeschaltet zu haben, sondern denkt mit. Fein!

Also begibt man sich als Wohnungssuchender zu diesem Termin. Dieser ist in der Regel nicht einem allein vorbehalten. Stattdessen gibt es eine Massenbesichtigung vom Feinsten. Ich habe schon eine 50 qm-Wohnung mit etwa 21 (!) anderen Menschen besichtigt. Und das war nur der erste Schwung Interessenten! Da bekommt man ein richtiges Gefühl für Massentierhaltung – nur dass das nicht Sinn und Zweck der Besichtigung sein sollte.

Nun heißt es also: Gegen den Rest der Menschen konkurrieren, aus der Masse hervorstechen. Eine Kollegin – ebenfalls auf Wohnungssuche – erzählte von einem Mietinteressenten, der vor allen anderen dem Vermieter anbot, 200 Euro mehr Miete im Monat zu bezahlen, die Wohnung sei es ihm Wert. Das grenzt nicht nur an Bestechung, würde ich sagen. Der Vermieter schien verlegen geworden zu sein, während alle anderen den Mietinteressenten anstarrten.

Es geht zu wie im Krieg: Jeder kämpft für sich, soziales Verhalten wird abgelegt

Man muss wissen: Bei Massenbesichtigungen geht es zu wie im Krieg. Die Grenzen zwischen Gut und Böse verschwimmen, jeder kämpft für sich selbst, moralische Regeln werden ignoriert, soziales Verhalten abgelegt. Survival of the fittest lautet die Devise. Der Schwächste wird schneller aus der Mieter-Liste gestrichen, als er sein Interesse an der Wohnung überhaupt bekunden kann.

Nach dem Rundgang, bei dem man möglichst wenige kritische Fragen stellen sollte und stattdessen die Schönheit, Brillanz, Einzigartigkeit und Glorie der Wohnung äußern kann, bekommt man bei Wohlwollen des Vermieters/Immobilienmaklers einen Zettel in die Hand. Nein, es ist kein GNTM-Foto, das einen hier in die nächste Runde bugsiert, sondern die sogenannte Selbstauskunft. Was ist das?

Mit einer Selbstauskunft wollen sich Vermieter/Immobilienmakler absichern, dass sie keinen kriminellen, verschuldeten Drogenabhängigen in die Wohnung lassen, sondern möglichst die Creme de la Creme der Sozialisation. Auf diesem Zettel werden Dinge abgefragt, die der Beweis dafür sind, dass gegenseitiges Vertrauen in unserer Gesellschaft schon lange nicht mehr zum Standard gehören. Stattdessen herrscht Misstrauen, so weit das Auge reicht.

Es herrscht Misstrauen, so weit das Auge reicht

Du bist unschuldig, so lange deine Schuld nicht bewiesen wurde? Denkste! Was vor Gericht gilt, ist bei der Wohnungssuche eine utopische Vorstellung! Mit der Selbstauskunft muss der Mietinteressent dermaßen transparent werden, dass es an die Grenzen der Legalität stößt. Deswegen gibt es auch den kleinen Vermerk auf dem Zettel, dass man mit seiner Unterschrift bestätigt, man wisse, dass man jene Informationen über sich natürlich rein freiwillig aushändigt. Die da wären:

  • sein Monatliches Nettoeinkommen (belegt mit der Kopie dreier Gehaltsnachweise!),
  • der Arbeitgeber und die Auskunft, ob man befristet oder unbefristet angestellt ist
  • ob man weitere finanzielle Verpflichtungen hat (z.B. Unterhaltszahlungen an Kinder)
  • die aktuelle Schufa-Auskunft (die alle "kreditrelevanten Informationen" des Mietinteressenten zusammenfasst)
  • Kopie des Personalausweises

Bürokratischer Striptease: Die Mieterselbstauskunft stößt an die Grenzen der Legalität

Gekrönt wird die Abfrage durch variierende persönliche Zusatzinformationen, wie etwa Anzahl und Alter (!) der Kinder, ob man ein Musikinstrument spiele oder Haustiere halte (und wenn ja: welche?). Einige Immobilienmakler/Vermieter verlangen nach einer Massenbesichtigung auch gerne ein Foto des Mietinteressenten, damit er sich an ihn bei Bedarf erinnern kann (oder anhand des Fotos vielleicht analysieren kann, ob es ein Ja-Sager ist oder hinter diesem Menschen doch die Gefahr lauert, dass er auf seine Rechte besteht, falls es mal Probleme in der Wohnung gibt?).

Hat man diesen bürokratischen Striptease hingelegt, sollte man die geforderten Unterlagen möglichst schnell an den Vermieter/Immobilienmakler senden. Aber natürlich hat man schon zuvor die Information bekommen, dass man nur im Falle einer Zusage eine Antwort erhält. Entscheidet sich der Vermieter / Immobilienmakler für einen anderen Interessenten (vermutlich den, der ein höheres Gehalt bezieht, unbefristet angestellt ist, keine Haustiere und Kinder hat, kein Musikinstrument spielt und sehr leise atmet), hört man nie wieder etwas von ihm. Die Daten verschwinden in einer Art schwarzem Loch, das die Traumwohnung mit sich in den Abgrund zieht. Auf Nimmerwiedersehen, Tschüss und Goodbye!

Die Wohnungssuche in einer deutschen Großstadt wird immer entwürdigender

Hört man nichts mehr von dem Vermieter/Immobilienmakler, denkt man frustriert an die Zeit zurück, die man in diese unerreichbare Wohnung investiert hat: Die Hetzerei nach der Arbeit zur Besichtigung, die Stunden vor Scanner und Laptop, um die geforderten Unterlagen zusammenzutragen und natürlich die Wohnungssuche an sich. Es ist frustrierend und gleichzeitig furchteinflössend, welche Zustände auf dem deutschen Immobilienmarkt herrschen.

Und es wird nicht besser, sonder (viel) schlimmer. Immer öfter verlangen Vermieter/Immobilienmakler die Selbstauskunft schon vor dem Besichtigungstermin. Frei dem Motto: Beweis uns erst, ob du es wert bist, zu einem Besichtigungstermin eingeladen zu werden – dann sehen wir weiter. So wird die Suche nach einer Wohnung in einer deutschen Großstadt immer entwürdigender. Auf der einen Seite sitzen die Immobilienhaie auf ihrem riesigen Hebel. Auf der anderen Seite die Durchschnittsverdiener, die nichts zu melden haben, auf dem winzigen Hebel, der sie bei Ungehorsam in den Abgrund katapultiert.

Willkommen in Deutschlands 21. Jahrhundert.

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