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Liebe ohne Grenzen "Man muss sich zeigen, um was zu ändern"

Amed Sherwan und Katrine Hopp
© Amed Sherwan
Amed ist 22, seine Freundin Katrine 50. Was sie unterscheidet, sind das Alter und die Kultur. Was sie zusammenhält, ist die Liebe – doch das wollen viele Menschen nicht sehen.

27 Jahre trennen Amed und Katrine – zumindest auf dem Papier. "Auf den ersten Blick fällt den Leuten unser Altersunterschied meist nicht auf. Doch sobald sie ihn bemerken, gucken sie komisch und haben gleich Vorurteile", sagt Amed. "Das könnte ihr Sohn sein", kann man dann in ihren Blicken lesen. Noch deutlicher wird das Ganze auf Facebook:

  • "Also wer ihm abkauft, dass der die liebt, ist verrückt. Könnte seine Schwieger-Mutti sein.“
  • " ... Er ist mit ihr zusammen, damit er einen Pass kriegen kann.“

Es ist eine Liebe, die anderen Menschen nicht ins Konzept passt. Als politischer Aktivist und Geflüchteter ist es Amed gewohnt, einer Menge Hass ausgesetzt zu sein. In seiner Heimat, dem irakischen Kurdistan, wäre er jetzt nicht mehr am Leben. Er ist Atheist, saß im Gefängnis und wurde gefoltert, weil er nicht an Allah glaubt – seine Familie hatte ihn verraten. Aus Angst, zu sterben, musste er seine Heimat verlassen und flüchtete nach Deutschland.

Zusammen haben Amed und Katrine eine Autobiografie über Ameds Leben als Atheist und Geflüchteter geschrieben.
Zusammen haben Amed und Katrine eine Autobiografie über Ameds Leben als Atheist und Geflüchteter geschrieben.
© PR

"Ich habe mich endlich wieder nützlich gefühlt"

Amed und Katrine lernten sich am Bahnhof in Flensburg kennen. Dort entstand 2015 ein Hilfsprojekt für Geflüchtete, für das sich beide engagierten. Amed half als Dolmetscher aus. Die deutsche Sprache lernte er nie im Sprachkurs. "Die Kinder aus dem Kinderheim, in dem ich als einziger Geflüchteter für ein Jahr lebte, brachten es mir mit Händen und Füßen bei", gibt Amed schmunzelnd zu. Nach einem missglückten Suizidversuch gab ihm das Projekt am Bahnhof endlich wieder das Gefühl, für etwas nützlich zu sein – und er lernte Katrine kennen.

Sie wurden Freunde und verbrachten viel Zeit miteinander. Irgendwann gestand Amed, dass er für sie Gefühle entwickelt hatte. "Es hat ein bisschen gedauert, bis ich mich getraut habe. Ich wusste nicht, ob sie das Gleiche empfindet und hatte Angst, dass ich unsere Freundschaft gefährde. Doch dann habe ich es ihr doch erzählt und herausgefunden, dass sie wie ich empfindet", verrät Amed und fügt stolz hinzu: "Ich habe den ersten Schritt gemacht“.

Amed und Katrine stehen öffentlich zu ihrer Liebe!
Amed und Katrine stehen öffentlich zu ihrer Liebe!
© Amed Sherwan

"Die Leute sollen das akzeptieren"

Die Vorwürfe fremder Menschen, dass sie nur zusammen wären, weil Amed den deutschen Pass will und sie abzockt, machen ihn traurig. "Ich bin schon abgesichert: Ich habe einen gesicherten deutschen Aufenthaltstitel und eine eigene Wohnung", erzählt Amed.

Oft verletzen ihn die Hasskommentare, die sich gegen seine Beziehung richten, mehr, als die Beschimpfungen wegen seines Abfalls vom Glauben. Denn sie greifen nicht seine Weltanschauung an, sondern Amed und Katrine persönlich: "Wir schaden ja niemanden. Wir sind einfach zusammen und happy. Und die Leute sollten das akzeptieren."

"Mann muss sich zeigen, um was zu ändern"

Akzeptanz finden Amed und Katrine tatsächlich – insbesondere innerhalb der LGBQ+-Community. In ihrem queeren Freundeskreis können sie ihre Beziehung offen zeigen, ohne dass sie schräg angeschaut werden oder einen dummen Kommentar abbekommen. "Man fühlt sich irgendwie ganz normal und aufgenommen", findet Amed.

Mit Schwulen, Lesben und trans Personen empfindet er eine Verbundenheit: Auch sie werden diskriminiert und erleben Gewalt. Ein Grund, warum er sich mit ihnen für mehr Akzeptanz einsetzt. "Ich will, dass alle Menschen frei leben, lieben und glauben können“, erklärt er sein Engagement. Und seine eigene Beziehung will er auch nicht verstecken: "Man muss sich zeigen, um was zu ändern."

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Doch für einen Großteil der Gesellschaft passt die Beziehung nicht in die Norm, ist unkonventionell. Wenn Menschen im Netz beleidigen, fallen ihnen tausend komplizierte Gründe ein, warum Amed und Katrine trotz hohem Altersunterschied zusammen sind: ein deutscher Pass, Geld, Aufmerksamkeit, Abhängigkeit ... Warum kann die Antwort auf die Frage nach dem Grund der Beziehung nicht einfach "Liebe" lauten? Es kann so simpel sein.

Verwendete Quelle: Interview


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