Du wirst andauernd zurückgewiesen? So kannst du damit umgehen!

Die Psychotherapeutin Dr. Doris Wolf über die Frage, wie man mit Absagen umgeht, warum Frauen mehr unter Zurückweisung leiden — und warum sie genau das nicht sollten. 

BRIGITTE: Frau Dr. Wolf, warum schmerzt uns Zurückweisung so sehr?


Dr. Doris Wolf: Zum einen ist es die Sehnsucht danach, von anderen anerkannt zu werden und in einer Gruppe integriert zu sein, die einem ja auch etwas wie ein Gefühl der Geborgenheit gibt. Der andere Aspekt ist, dass wir unser eigenes Selbstwertgefühl oft genug davon abhängig machen, ob wir bei anderen ankommen und landen können — und wenn die uns dann ablehnen, lehnen wir uns in dem Moment selbst ab. Und schließlich kommt bei einer Zurückweisung noch das Gefühl von Hilf- und Kontrolllosigkeit dazu: Da tut oder sagt einer etwas, und ich habe keinerlei Möglichkeit, darauf Einfluss zu nehmen.

Wie geht man damit um, wenn man immer wieder mit einer Person in Kontakt kommt, die einen spürbar ablehnt?

Ich denke, dass man nicht so schnell aufgeben und in einem wirklich offenen Gespräch herausfinden sollte, woran das liegen kann. Wenn sich dann aber herausstellt, dass diese Ablehnung überhaupt nichts mit der eigenen Person zu tun hat, dann muss man seine eigenen Erwartungen deutlich reduzieren. Und sich immer wieder klarmachen: Es muss nicht Liebe sein, die mir da entgegenschlägt, und ich muss die Person auch nicht lieben. Und sie wird sich auch bei der nächsten Begegnung vielleicht so verhalten und dies sagen – aber ich bin darauf vorbereitet und ich gebe ihr innerlich die Erlaubnis, das zu tun. Wenn es für mich allerdings zu schwierig ist, immer wieder diese Kraft aufzuwenden, dann bleibt tatsächlich nur die Möglichkeit, so weit es geht den Kontakt zu meiden.

Leiden Frauen unter einer Zurückweisung eher als Männer?


Ja, ich würde sagen, das ist tatsächlich so. Frauen werden mehr dazu erzogen, für Harmonie zu sorgen, und sie verbinden ihr eigenes Wohlbefinden stärker als Männer mit der Anerkennung von anderen. Und gleichzeitig neigen sie dazu, weniger Wünsche an andere zu richten, aber insgeheim mehr von ihnen zu erwarten. Und wenn sich das Gegenüber dann ganz anders verhält — vielleicht auch, weil er gar nicht weiß, was sie von ihm möchte —, fühlen sie sich verletzt. Und fangen an zu grübeln: Was könnte ich da falsch gemacht haben? Warum verhält er sich so? Wenn ich das aber in der Fantasie immer wieder durchspiele, wird das Gefühl des Verletztseins am Leben gehalten und es nimmt einen immer größeren Raum ein.


Was sollte man stattdessen machen?

Nachfragen. Hat er oder sie das wirklich so gemeint? Habe ich das richtig so verstanden? Man kann das direkt den anderen fragen oder auch sich selbst: Ist meine Erklärung, die ich mir zurechtgelegt habe, die einzig mögliche? Aber selbst, wenn etwas tatsächlich bewusst kränkend gemeint und eine wirkliche Zurückweisung war, sollte man sich immer wieder bewusst machen: Es ist EINE Sichtweise zu EINEM Zeitpunkt von EINEM Menschen, der mich umgibt. Wie ich meinen Klienten immer sage: Noch nicht mal Jesus wurde von allen geliebt.

Und wenn die Ablehnung eben nicht nur von einem Menschen kommt, sondern sich durch einen Lebensbereich zieht? Man bekommt in der Liebe immer nur Körbe. Oder hat schon 50 Jobbewerbungen geschrieben, ohne Erfolg.

Wenn man immer wieder mit Ablehnung im Job oder in der Liebe zu tun hat, sollte man schon nachforschen, welchen eigenen Anteil man daran hat. Das kann ja vieles sein: die Kleidungswahl, die Körpersprache, wie ich ein Gespräch anfange, wie ich es weiterführe, aber auch die Art der Menschen, mit denen ich versuche, in Kontakt zu kommen. Da es natürlich schwierig ist, das selbst herauszufinden, ist es sinnvoll, sich von einer vertrauenswürdigen Person eine ehrliche Rückmeldung darüber einzuholen. Aber: Auch das bedeutet ja nicht, dass ich als Mensch nicht in Ordnung bin. Sondern nur, dass es vielleicht einen oder zwei Aspekte gibt, an denen ich viel­leicht was ändern könnte. Das eigentliche Problem ist, wenn ich mich quasi selbst wegwerfe und als Persona non grata sehe: Der hat mich nicht zum Geburtstag eingeladen, also halten mich vermutlich alle Menschen für unattraktiv, uninteressant und nicht liebenswert.

Eine Serie von Ablehnungen – gerade bei so großen Lebensthemen wie Liebe, Freundschaft oder Beruf – geht aber wohl jedem ans Selbstwertgefühl.

Es wird einfacher, wenn ich mir das, was gut läuft, immer wieder vorhalte: Ich habe eine intakte Familie, ich habe früher Erfolge gefeiert, ich kann etwas. Und was die Liebe angeht: Es gibt Leute, die zu mir kommen und sagen, sie würden nie jemanden finden, sie hätten absolut nichts anzubieten. Das ist nichts weiter als ihre persönliche Bewertung, denn es gibt kein einziges Kriterium, das besagt: Wenn du das hast oder so bist, bist du völlig unattraktiv für alle anderen. Und wenn mich die zehn Menschen, die ich mir ausgeguckt habe, nicht haben wollten, ist die Schlussfolgerung auch nicht, dass ich unfähig bin, einen Partner zu finden. Sondern, dass ich vielleicht nur an der falschen Stelle geguckt habe.

Nirgendwo gibt es so viel Ablehnung wie in den sozialen Medien. Im Internet geht es oft sehr persönlich verletzend zu.


Ja. Und dadurch, dass der andere sich hinter einem Pseudonym verstecken und man ihn noch nicht mal erreichen kann, nimmt die eigene Hilflosigkeit zu. Ich bekomme manchmal bitterböse Mails. Dann denke ich: Was ist das für ein Mensch, der es nötig hat, einem anderen Menschen, den er gar nicht persönlich kennt, so ans Bein zu pinkeln? Wie viel Hass muss in ihm stecken, der nichts mit mir zu tun hat? Aber genau das muss auch ich mir bewusst in Erinnerung rufen. Erst mal lese ich nur. Und bin betroffen.

Was tue ich, wenn mein Kind abgelehnt wird? Wenn ich merke, dass es nirgendwo eingeladen wird, keine Freunde hat – soll ich mich da einmischen?

Es gibt ja Kinder, die mit sich selbst völlig zufrieden sind, die lieber lesen, anstatt mit Freunden draußen zu spielen. Wenn das Kind nicht gemobbt wird und bei ihm kein Leidensdruck da ist, dann würde ich nichts unternehmen.

Und wenn Leidensdruck da ist und das Kind gern mehr dazugehören würde?


Dann sind die Eltern gefordert, zu schauen, woran es liegt: Hat das Kind Angst vor anderen? Ist es aggressiv? Oder hat es ein körperliches Merkmal, über das sich andere Kinder lustig machen? In letzterem Fall wäre es auch die Aufgabe der Kindergärtnerin oder Lehrerin, darüber zu sprechen. Ich würde zudem den Eltern raten, gemeinsame Aktivitäten mit anderen Kindern zu organisieren, am besten solche, wo das eigene Kind Stärken hat, damit die anderen es mal in einem anderen Licht sehen können. Aber viel mehr Möglichkeiten haben sie als Eltern nicht. Nur noch eine ganz wichtige: das eigene Kind zu stärken, damit umzugehen. Und ihm sagen, dass man eben nicht von allen Menschen gemocht wird — manchmal auch nicht von denen, von denen man ganz besonders gemocht werden will. Das ist ja eine Lebenslektion, die jeder irgendwann lernen muss.

Das Buch der Interviewpartnern über den Umgang mit Ablehnung und Zurückweisung: "Ab heute kränkt mich niemand mehr" (248 S., 14,80 Euro, PAL) 

 

Dr. Doris Wolf ist Diplom- Psychologin und Psychotherapeutin mit eigener Praxis in Mannheim sowie Verfasserin zahlreicher Sachbücher zu psychologischen Themen.

BRIGITTE Psychologie Spezial 03/2017

Wer hier schreibt:

Sonja Niemann
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Ablehnung: Verzweifelte Frau
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