"Gut gemacht!" So holst du dir genügend Anerkennung

Wahre Anerkennung erkennen wir daran, dass sie uns tief berührt. Aber wenn wir mehr davon wollen, dürfen wir uns nicht allein auf die anderen verlassen.

Die Chefin kam aus Schwaben, und manchmal, wenn jemand sie darauf hinwies, dass diese oder jene Mitarbeiterin für ihre Leistung mehr Anerkennung verdient hätte, sagte die Chefin: "Net gschompfa isch globt gnuag."

Aber das war okay, denn sie meinte es scherzhaft, sie wusste genau, dass Anerkennung die Atemluft ist, die jede menschliche Beziehung zum Leben braucht, egal ob zu Hause oder im Job. Sie verteilte ihre Anerkennung eher so nebenbei, in unerwarteten Augenblicken. Nur das ausdrückliche Loben lag ihr nicht. Sie rief einen nicht zu sich und sagte: "Das haben Sie gut gemacht." Nein. Von Gehaltserhöhungen ganz zu schweigen. Stattdessen steckte sie kurz den Kopf durch die Tür und sagte zu der Kollegin, die etwas über Frauenhäuser geschrieben hatte: "Ihr Text hat mich die halbe Nacht wachgehalten." Zu der Reiseredakteurin sagte sie: "Wegen Ihres Italien-Specials fahren wir jetzt doch in die Toskana." Das klang immer ein bisschen ruppig, übellaunig, aber man fühlte sich anerkannt.

Man muss fein unterscheiden zwischen Lob und Anerkennung, dann wird klar, warum wir oft das Gefühl haben, in Sachen Anerkennung nicht zu bekommen, was wir verdienen.

Ein Lob ist schnell ausgesprochen, am Abendbrottisch oder beim Feedback-Gespräch ("Hast du toll gekocht", "Die Abteilung hat super performt"), aber wahre Anerkennung ist schwerer herzustellen. Denn sie muss uns im Innern berühren.
Die Grenzen sind natürlich fließend, aber Lob ist prinzipiell etwas anderes. Lob kommt immer ein bisschen von oben. "Du hast das gut gemacht" heißt auch "Ich kann das beurteilen", es ist also immer eine kleine unfeine Selbsterhöhung darin versteckt. Anerkennung hingegen ist immer eine Ich-Botschaft: "Das schmeckt mir richtig gut" drückt mehr Anerkennung aus als "Das hast du toll gekocht", weil wir dadurch erfahren, was wir in einem anderen Menschen ausgelöst haben. Seit einiger Zeit ist "Selbstwirksamkeit" ein Lieblingsbegriff der psychologischen Forschung und Praxis, genauer gesagt die "Selbstwirksamkeitserwartung".

Gemeint ist unser Vertrauen darauf, dass wir der Welt nicht hilflos ausgeliefert sind, dass zählt, was wir tun. Je größer die Selbstwirksamkeitserwartung, desto stabiler die Psyche. Oder, in den Worten des amerikanischen Psychologen Nathaniel Branden, Selbstwirksamkeitspionier: "Wer kein ausgeprägtes Gefühl für die eigene Identität, Kompetenz und den eigenen Wert besitzt, hat in turbulenten Zeiten schlechte Karten." Und so funktioniert Anerkennung, darum ist sie so wichtig: Ich bin Teil der Welt, und andere signalisieren mir, dass ich in ihnen, in dieser Welt, etwas Gutes bewirken kann.

Es gibt aber auch Fachleute, die sagen, dass wir viel zu abhängig von der Anerkennung anderer sind und dass die Anerkennung, die wir uns selbst zollen, ungleich viel wertvoller ist.

Der Autor Heinz-Peter Röhr, der lange psychotherapeutisch in der Suchtberatung gearbeitet hat, vergleicht die Anerkennung von außen sogar mit einer Droge: "Man braucht eine immer höhere Dosis. Echte Anerkennung, die es einem erlaubt, diesen Teufelskreis zu verlassen, kann nur von innen kommen. Anerkennung, die von außen kommt, macht einen zum Sklaven der Erwartungen und Anforderungen anderer."
Harte Worte, aber man kann das Phänomen an einem Beispiel nachvollziehen: Wenn man bei Facebook ein Urlaubsfoto hochlädt und 27-mal ein "Gefällt mir" dafür bekommt, dann reicht es einem nicht, wenn man beim nächsten Urlaubsfoto nur 13 "Daumen hoch" kriegt. Das zweite Bild gefällt einem plötzlich selbst nicht mehr ganz so gut. Am schönsten war dieses Bild in dem Moment, als man es ganz allein das erste Mal sah und dachte: Ach, das ist aber schön geworden.

Um mir selbst Anerkennung geben zu können, muss ich auf meine Selbstwirksamkeit vertrauen

Die Psychologie unterscheidet zwischen "explizitem" und "implizitem" Selbstvertrauen, also vereinfacht gesagt: äußerem und innerem Selbstvertrauen. Die Anerkennung für unsere Erfolge, die wir von anderen auf Facebook, im Job, beim Sport oder auf der Party kriegen, zahlt aufs äußere Selbstvertrauen ein, und das kann nie genug davon kriegen. Die Anerkennung, die wir uns selbst geben, stärkt dagegen unser inneres Selbstvertrauen, die Kraft- und Zuversichtsreserve, mit der wir durchs Leben gehen. Die können wir nur selbst aufladen, aber ihre Energie hält länger vor. Ein bisschen klingt das wie der immer gleiche Refrain: Liebe dich selbst, und es ist egal, wen du heiratest/was die anderen sagen/ob du pleite bist. Aber so primitiv ist es nicht, denn das alles hängt auf wunderbare Weise zusammen: Um mir selbst Anerkennung geben zu können, muss ich auf meine Selbstwirksamkeit vertrauen, und um auf meine Selbstwirksamkeit vertrauen zu können, brauche ich durchaus auch ehrliche, glaubhafte Anerkennung von anderen.

Bleibt nur die Frage: Wie kriegen wir diese tiefe Anerkennung, nach der wir uns alle verzehren?

Ein guter Anfang wäre das alte Wie-man-in-den-Wald-hineinruft-Ding: Menschen, die an anderen rumnörgeln, beschädigen ihr eigenes Selbstwertgefühl. Wer aber die Leistungen anderer anerkennt, ist zufriedener mit sich selbst. Darüber gibt es wissenschaftliche Studien, aber schöner hat's eigentlich doch Paul McCartney gesagt, im letzten Song, den die Beatles aufgenommen haben, "The End": "And in the end the love you take is equal to the love you make." Oder: Die Anerkennung, die du anderen zollst, ist so groß wie die, die du zurückkriegst. 

Du wünscht dir mehr Achtsamkeit im Alltag? Bei uns findest du noch mehr Artikel zum Thema. -> Achtsamkeit

Wer hier schreibt:

Till Raether
Themen in diesem Artikel