"Der liebe Gott kann auch Internet"

Jedes Paar hat seine eigene Kennenlerngeschichte, jede Liebe ihren Anfangsmythos. Doch worauf greifen Paare zurück, wenn die Liebe aus dem Netz kommt, bestellt wie ein Pullover aus dem Katalog? BRIGITTE-Psychologe Oskar Holzberg über selbst arrangierte Beziehungen

Liebe kennt keine Grenzen und keine Ladenschlusszeit. Wenn die Büros verwaist und die Discounter geschlossen sind, dann brummt in der Boutique d'amour der Laden. Klack, klack, klack - die Nacht beginnt, und in den Single-Apartments klappen Laptops auf. Die Liebeshungrigen gehen online und mailen einander die Bedingungen zu, unter denen sie sich der Liebe hinzugeben gedenken. Und wer im virtuellen Supermarkt nicht ausgerechnet einen rothaarigen Klarinettenspieler sucht, dessen Lieblingssport Versteckspielen ist, vor dem stapeln sich auf dem Bildschirm hunderte möglicher Lover.

Rund sieben Millionen Singles, die meisten zwischen 25 und 50 Jahre alt, besuchen monatlich im Internet Partnervermittlungen. Wenn sich das virtuelle Liebe-Shopping so rasant weiterentwickelt, wird in ein paar Jahren die letzte Disco geschlossen, und wir werden romantisches Schmachten, unbändige Leidenschaft und Amour fou wohl nur noch aus Romanen der durchgeknallten Vor-Internet- Zeit kennen. Romeo und Julia sind dann wirklich mausetot. Denn niemand, der die Liebe fürs Leben sucht, trifft sich mehr heimlich bei Mondschein im Garten. Wer die Liebe fürs Leben sucht, checkt erst mal am Computer aus, ob leidenschaftlicher Speichelaustausch überhaupt eine Chance hätte, zu einer soliden Beziehung zu führen.

Grundlage dafür ist ein Psychotest, den man vor allem bei Partner-Agenturen wie Parship ausfüllen muss, die dauerhafte Beziehungen vermitteln wollen. "Matching" nennt sich dieser Prozess. Und Matching-Punkte sind die Währung der Online-Liebe, denn sie sagen: "Wir passen zueinander!" Sie leiten die Einsamen wie eine aufmerksame Verkäuferin in die Abteilung, in der sie finden, was sie suchen. Einen Er, nicht unter 1,80 Meter, der Kinder will, segelt, nicht raucht, gewissenhaft und partnerschaftlich orientiert ist.

"Selbst arrangierte Ehen", wie der Beziehungsforscher und Professor für Sozialpsychologie Manfred Hassebrauck die online geborenen Beziehungen nennt, bringen mehr Ordnung in unsere Liebesunordnung. Beziehungen, die wildromantisch bis volltrunken entstehen, scheitern häufig an völlig unterschiedlichen Vor- und Einstellungen. An der Bar spielen sie keine Rolle, aber später in der Kindererziehung zerbricht die Ehe daran. In sorgfältig abgewogenen und psychologisch vorgefilterten Online-Beziehungen ist dieses Risiko geringer. Und sie schützen auch vor der Gefahr, nur einer "fatalen Attraktion" zu folgen, bei der die Liebeswilligen erfahren müssen, dass großartiger Sex oder eine Superfigur noch keine gute Beziehung machen. Die Beziehungssuche am Computer ermöglicht eine neue Abgeklärtheit. Der Mittvierziger Albert Röber* empfand dabei überhaupt keinen Überschwang, keine rosa Wolken, aus denen er erwachen musste, sondern ein langsames Anbahnen, ein bewussteres Wählen. Irgendwie hatte er schon ein Basar-Gefühl, aber es gefiel ihm, dass alle Partnerinnen ernste Absichten hatten. Seriös, wie er sagt.

Auch bei Sandra Egger*, 29, war das Postfach stets prall gefüllt mit neuen Partnervorschlägen. Sie erzählt von der ungewohnt bequemen Position, auch nette Kandidaten ablehnen zu können. Es klappte dann ausgerechnet mit Martin. Ein Mann, der sich gerade ein Haus baute. Ein Mann, der nicht gern auf Partys geht. Nur 56 Matching-Punkte. Auf dem Rückweg vom ersten Treffen, nach dem ersten Kuss, versuchte sie ihn sich noch auszureden. Aber am nächsten Abend fuhr sie dann doch noch einmal zu ihm. Und dann immer wieder. Jetzt leben die beiden zusammen.

Als noch niemand die Liebe per E-Mail suchte, was gar nicht lange her ist, schrieb der Psychiater Robert Neuburger: "Ein Paar entsteht dadurch, dass sich zwei Menschen sagen, sie seien ein Paar." Das klingt bescheuert trivial. Aber die Wahrheit dahinter ist zeitlos. Denn Liebe ist einerseits ein Gefühl und andererseits eine Vorstellung, die unser Erleben prägt. Eine Liebesbeziehung entsteht, wenn sich zwei unter die Macht dieser Vorstellung begeben, wenn sie sich unserem ungeschriebenen Liebesmythos hingeben. Was er besagt, kennen wir alle. Dass wir nur diese eine, einzigartige Person lieben. Dass die Liebe ewig ist und sogar den Tod überdauern kann. Dass gegenüber der Liebe jede Ungleichheit, jede Nützlichkeit und die Familie ihre Macht verlieren. Vor allem aber, dass wir uns nicht zufällig gefunden haben, sondern Vorsehung, Schicksal oder höhere Mächte uns zusammengeführt haben. Seit wir dem romantischen Mythos folgen, kann uns nichts mehr dazu zwingen, den fetten, notgeilen, aber wohlhabenden Vetter achten Grades zu heiraten. Wir folgen dem Vogel unseres Herzens und nicht dem Kettenhund der Vernunft. Das Wunder, zueinander gefunden zu haben, macht das Paar besonders und hält es zusammen.

Entstehen jetzt aber Online-Lieben, deren einziger Mythos darin besteht, dass sie sich an ihre gigantischen 84 Matching-Punkte erinnern können? Führt die Entwicklung weg von der Kaste jetzt zum Kästchen? Von der vom Brautvater arrangierten Hochzeit weg jetzt zu der durch das Kreuzchen im Psychotest ermittelten Idealpartnerschaft? Nein, sagen die Paare, die sich im Internet gefunden haben. Matching-Punkte machen nicht verliebt. Das ist nicht ihr Terrain. Sie geben eine Prognose über eine mögliche Beziehung ab. Je besser das Matching, desto größer die Chance auf eine solide, langjährige Beziehung. Aber trotz aller Psychoharmonie, es muss am Ende "klick" machen. Wer die Rechtschreibhürden der E-Mails und den literarischen Wassergraben genommen hat, an dem er seine Empfindungen in Worte verpacken musste, wer den Fotoschock überwunden hat, weil man passabel füreinander aussieht und vielleicht sogar geschmeidig miteinander telefonieren kann, wer Paar genug ist, um ein Treffen zu wagen, für den waren alle Mausklicks vergeblich, wenn jetzt nicht der Liebesklick erfolgt. Die meisten User verleben etliche Abende mit Kandidaten, die sie nett finden. Aber "nett" ist ein Killer, wenn kein Funke überspringt.

Das kommt uns absolut selbstverständlich vor. Denn intuitiv wissen wir, dass der Körper der "beste und der einzige Weg ist, um eine andere Person zu kennen und sich hingezogen zu fühlen", wie die auf die Entwicklung von Liebesvorstellungen spezialisierte Soziologin Eva Illouz schreibt. Im Körperlichen gerinnt die gesamte Lebensgeschichte bis in die feinsten Nuancen, und über unsere Intuition erfassen wir diese Information sehr präzise. Unser Unbewusstes übersetzt Informationen in Gefühle und ist ein Meister darin, aus wenigen Informationen die richtigen Schlüsse zu ziehen, wie der Direktor des Max-Planck- Instituts in Berlin, Gerd Gigerenzer, in seinem Buch "Bauchentscheidungen" aufzeigt. Der Schein ist nicht oberflächlich.

Können die Partnerbörsen mit ihrem Persönlichkeits- Matching darauf verzichten? "Die Menschen entwickeln unmögliche Einkaufslisten darüber, was sie von einem Partner haben wollen", sagt der Psychologe Eli Finkel. "Sie glauben, sie wissen, was sie wollen. Aber jemanden zu treffen, der all die Eigenschaften hat, die man für so wichtig hält, ist viel weniger anregend, als man glaubt."

Dass sich auf dem Online-Markt tatsächlich keine Persönlichkeits-Wunschlisten und nicht nur passgenaue innere Werte paaren, verraten die Hochzeitsfotos, die glückliche Online- Paare auf die Seiten ihrer Vermittlerbörsen hochgeladen haben. Frankenstein junior ehelicht keinen Topmodel-Klon, und kein hässliches Entchen küsst Hugh Grant. Es sind ganz gewöhnliche Paare zu sehen. Paare, wie wir sie auch aus dem Schaufenster des lokalen Fotografen kennen. Paare, die sich gemäß des Gesetzes der amerikanischen Psychologin und Attraktivitätsforscherin Elaine Hatfield verhalten, wonach Paarbildung nicht Persönlichkeitsmerkmalen folgt, sondern in hohem Maße auf gleicher Attraktivität beruht.

Auch die großhirnlastige Liebe aus dem virtuellen Supermarkt wird letztlich durch unser Unbewusstes entschieden. Und von unserem überwältigten Verstand entsprechend als Geschenk des Himmels, als Fügung und als Walten größerer Mächte erlebt. Marion Arndt*, 43, wollte schon alles hinwerfen, ihr Profil aus der Datenbank der Agentur löschen, als das Foto kam. Er hatte ein Käppi auf. Denn außer einem "Opakranzerl" hatte Werner Peters*, 45, auf dem Kopf nichts mehr zu bieten. Noch dazu fand sie ihn schrecklich dünn. Ganz klar nicht ihr Beuteschema. Und es passte trotzdem: ein Mann der liest, der tanzt, der so denkt wie sie. Marion Arndt, die mittlerweile Marion Peters heißt, ist sich sicher: "Der liebe Gott kann auch Internet." Auch die online vermittelte Liebe bleibt, trotz aller Bits und Bytes, ein romantischer Triumph.

Der Flirt an der Tastatur ist nichts als eine virtuelle Endlosparty von unendlich vielen Bindungswilligen. Die Tendenz geht dahin, sich einzuloggen und sich recht zügig zu treffen, um zu erfahren, ob das Gefühl hält, was der E-Mail-Austausch versprach. Praktisch, gut, zeitsparend. "Die Anfangsphase des Kennenlernens war nicht so aufregend, nicht so ungewiss. Das war entlastend, aber da fehlte auch ein wenig die Spannung. Und als dann die Verliebtheit kam, da war das mehr so eine sicherere Verliebtheit", beschreibt Katrin Farin*, 31, ihre Online-Erfahrung. Je normaler die online angebahnte Liebe wird, umso stärker wird sie das Bild der Liebe verändern. Vieles an romantischer Überhöhung, der Zweisamkeitskitsch, der Spuk von kosmischer Fügung und Seelenpartnerschaft wird allmählich verschwinden. Wir werden in Zukunft die Liebe mehr im Gemeinsamen finden, als in der Liebe um das Gemeinsame zu ringen, wie wir es jetzt tun. Das ist nicht besser. Das ist nicht schlechter. Das ist nur anders.

Der Liebesmythos besteht auch im Internet weiter. Es macht keinen Unterschied, ob wir die Liebe nach endlos langen Partynächten oder mit einem Bier in der Hand auf dem Betriebsfest finden oder nach dem Durchscannen des virtuellen Hyperangebots beim zwölften arrangierten Treffen. Es muss uns nur immer packen. Denn so beschreibt es der Mythos. Die Liebe ist größer als wir.

* Namen von der Redaktion geändert

Illustrationen: Caepsele Text: Oskar Holzberg Ein Artikel aus der BRIGITTE 22/08

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