Liebe ist eben (doch) keine Wissenschaft

Es klingt verlockend: Experten finden nach wissenschaftlichen Kriterien den richtigen Partner für uns. Doch bei TV-Experimenten wie "Hochzeit auf den ersten Blick" fehlt etwas Entscheidendes, argumentiert BRIGITTE.de-Autorin Simone Deckner.

Wäre es nach den Experten gegangen, hätte es für alle Paare der Datingshow "Hochzeit auf den ersten Blick" ein Happy End gegeben. Doch beim Finale der SAT1-Show wollte die Hälfte der Kandidaten nur eins: sich so schnell wie möglich wieder scheiden lassen.

Gut, das überrascht jetzt nicht SO sehr, betrachtet man die skurrile Ausgangssituation: Bei dem umstrittenen TV-Experiment heiraten Menschen, die sich zuvor noch nie gesehen haben. Richtig gelesen. Klingt komplett durchgeknallt, ist dann aber doch einen Ticken ernsthafter, als sich in Las Vegas nach einer durchsoffenen Nacht von einem adipösen Elvis-Imitator trauen zu lassen: Denn, Tusch: Die Singles begeben sich in die Hände von vier Experten.

Experte - diese Bezeichnung suggeriert Vertrauenswürdigkeit. Das klingt nach jahrelanger Erfahrung. Nach 'mit allen Wasser gewaschen'. Nach Wissensvorsprung. Mit dem Etikett "Experte" wird jedoch gerade im Fernsehen recht großzügig hantiert, man denke nur an die Gleichung Tratschtante = Society-Expertin.

Das beste Kompliment für Männer: Paar kuschelt

Wohnpsychologe durchforstet das Bad

Im Fall der Eheanbahnungssendung handelt es sich immerhin um psychologisch ausgebildete Experten. Ihr Job: die Singles "matchen", wie es neudeutsch heißt. Sprich: Sie überprüfen nach wissenschaftlichen Kriterien, welche Singles "objektiv betrachtet" am besten zusammenpassen.

Dazu werden die Kandidaten vor dem Gang zum Traualtar genau durchleuchtet. Sie öffnen einem Wohnpsychologen die Tür. Sie lassen vor einer systemischen Sextherapeutin die Hosen herunter – verbal. Eine Psychotherapeutin darf in ihrer Beziehungsvergangenheit herumschnüffeln. Der Matchingexperte unter den Experten rührt dann alles zusammen und bastelt schicke Diagramme, die schwarz auf weiß belegen, wo die Liebe am ehesten einzuschlagen gedenkt. Das Credo der Experten: "Aus Wissenschaft kann Liebe entstehen."

Bei "Hochzeit auf den ersten Blick" wird nichts dem Zufall überlassen, sondern das mögliche Liebesglück genau geplant – theoretisch. Und genau das ist das Problem denn: Liebe entzieht sich konsequent wissenschaftlichen Vorhersagen. Mehr noch: Nicht ist unberechenbarer als die Liebe.

Liebe lässt sich nicht planen

Trotz bester Matchingergebnisse stellen sich dann auch bei zwei von vier Paaren keine Gefühle ein – zumindest nicht die erhofften: "Ich möchte die Scheidung weil ich nicht mit meinem Kumpel verheiratet sein möchte", erklärt eine ihrem Ehemann und der Expertenschar. Sie habe sich wirklich bemüht, aber auch nach Ende des sechswöchigen Ehe-Experiments fehle ihr einfach die körperliche Anziehung. Bei einem anderen Paar ist es der Mann, der aus der von Experten arrangierten Ehe flieht: "Wenn keine Gefühle da sind, kann man sie nicht erzwingen."

Bei "Hochzeit auf den ersten Blick" wird nichts dem Zufall überlassen. Und genau das ist das Problem, denn: Liebe entzieht sich konsequent wissenschaftlichen Vorhersagen. Mehr noch: Nichts ist unberechenbarer als die Liebe.

Denn selbst, wenn alle Experten dieser Welt wissenschaftlich nachweisen würden, dass A und B das perfekte Paar seien, entscheiden oft ganz andere, kleine Dinge darüber, ob wir uns verlieben:

  • sein Lispeln, das ihm so süß unangenehm ist
  • die Art, wie er beim Gehen die Zigarette hält
  • ob uns die Farbe seiner Jeans spontan umhaut

Liebe lebt vom Unerwarteten

Zudem kennen wir alle die Paare, die eigentlich so gar nicht zusammenpassen: Die Freundin, deren Traummann groß und dunkelhaarig ist, die sich dann aber unsterblich in einen Blonden mit Bauchansatz verliebt. Den Bekannten, der sich für Kinder immer "zu unreif" gefühlt hat, sich dann aber in eine Frau verguckt, die bereits Mutter ist.

Nach wissenschaftlichen Kriterien hätten sich all diese Menschen NIE kennengelernt. Sie wären schon lange vorher von einer Suchmaschine aussortiert worden. Matching-Experten hätten sie einander unterschlagen.

Natürlich ist der Wunsch, die Liebe vorauszusagen, nachvollziehbar und zutiefst menschlich. Wäre es nicht wunderbar, wenn wir mit Hilfe der Wissenschaft unsere Liebe finden könnten? Ohne zig Mal auf die Schnauze zu fallen. Ohne Liebeskummer. Ohne blaue Flecken auf der Seele.

Doch es wird nicht soweit kommen. Und das ist auch gut so, denn: Die Liebe lebt vom Unerwarteten. Von dem Moment, den niemand planen kann. Vom Zufall. Von Überraschungen. Von einem verpassten Bus, der zu einem Umweg führt, auf dem sie uns dann kalt erwischt - die Liebe.

Da staunt der Laie und der Fachmann wundert sich.

Wer hier schreibt:

Themen in diesem Artikel