Holpriger Beziehungsstart: Aufgeben oder laufen lassen?

Liebe ist die Antwort auf alle Fragen? Nicht ganz. Sie stellt auch ziemlich viele. Psychologe und Paartherapeut Oskar Holzberg beantwortet sie alle.

Kurz gesagt:

Ja, warum denn nicht? Aber wenn es nur ewig vor sich hin holpert, sollten wir uns schon ein paar Fragen stellen.

Jetzt mal ausführlich:

Wer heute erklären würde, dass er seine Beziehungspartner von seinen Eltern auswählen lässt, weil er denen das bessere Urteil in Liebesdingen zutraut, der würde zum Psychotherapeuten geschickt werden – vermutlich von den eigenen Eltern. Stattdessen vertrauen wir die wichtigste Entscheidung unseres Lebens schicksalhaften Gefühlsmächten an.

Wir vertrauen der romantischen Verliebtheit und am liebsten sogar der Liebe auf den ersten (Tinder-)Blick. Wir suchen nach etwas, das unsere Liebe unausweichlich erscheinen lässt. Denn wenn wir keine Wahl haben, müssen wir nichts entscheiden. Wenn wir nicht entscheiden müssen, können wir nichts falsch machen. Und wenn wir nicht den Falschen wählen können, dann können wir uns nicht unser ganzes optimiertes Leben versauen. Dem Anfang soll ein Zauber innewohnen, der uns durch die ganze Beziehung trägt. Deshalb darf nichts holpern.

Liebe auf den ersten Blick gibt's nur selten

Nur ist das eine Illusion. Denn Amors Pfeil durchbohrt uns selten sofort. Wie oft verlieben wir uns erst nach Monaten oder gar Jahren in jemanden, mit dem wir schon lange im gleichen Chor singen, in der gleichen Abteilung arbeiten, den wir immer wieder auf den Festen der Freunde treffen. Möglicherweise konnten wir einander nicht ausstehen, fanden ihn langweilig und so gar nicht unseren Typ.

Doch seitdem gegenseitige Zuneigung entstanden ist, finden wir plötzlich allerlei Gründe, wieso wir einander vorher übersehen haben. Wir meinen uns an positive Gefühle zu erinnern, die wir nur nie gelebt haben. Und entdecken in dem Zufall, einander überhaupt noch entdeckt zu haben, ein magisches, schicksalhaftes Ereignis. Im Grunde beginnen also unendlich viele Beziehungen "holprig". Was überhaupt kein Problem ist, solange wir dann eine sichere Bindung mit- und ungestörte Liebesgefühle zueinander entwickeln.

Gefühle sind manchmal widersprüchlich

Falls unser Liebesleben aber endlos weiter stolpert und wir innerlich nie über ein "Jein" hinauskommen, dann sollten wir uns fragen, woran es liegt: Möglicherweise halten wir tatsächlich nur an der Beziehung fest, weil wir nicht alleine sein wollen. Oder wir haben unrealistische Fantasien über die große Liebe und den idealen Partner, die uns behindern. Oder Nähe macht uns Angst, und wir ziehen uns emotional immer wieder zurück. Wahre Liebe zu leben ist nicht so einfach, wie es der romantische Liebesmythos verspricht. Unsere Gefühle sind komplex, oft widersprüchlich, selten eindeutig. Sie sind nicht schwarz-weiß, sondern bunt.

Holpriger Beziehungsanfang kann zusammenschweißen

Wir verstehen Beziehungen viel zu sehr als das Zusammenfügen von Puzzleteilen. Als müssten wir nur das richtige Teil finden, das genau zu uns passt. Aber in Beziehungen verändern wir uns miteinander. Wir wären jemand anderer, wenn wir unser Leben mit einer anderen Liebe verbringen würden. Ein holpriger Beziehungsstart verhindert, dass wir uns wie die füreinander geschaffenen Puzzle-Teile fühlen können. Wir zweifeln leichter an unserer Beziehung, weil wir unseren Zweifeln keine Schicksalsmächte entgegenstellen können. Aber wer "holprig" zueinander findet, kann auch darin den Mythos finden, der die Liebe trägt. Denn verbinden uns nicht gemeinsam überwundene Hindernisse auf eine besondere Weise?

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BRIGITTE 03/2019

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