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"Ich bin die Geliebte meines Ex-Mannes"


Die Geschichte einer Frau: Ihre Ehe ist gescheitert. Sie hat ihn vor die Tür gesetzt. Er hat eine Neue. Doch plötzlich, nach der Trennung, geht da wieder was...

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"O Gott, das ist Britta!", rief Georg. "Kopf runter, schnell." Was für eine lächerliche Situation! Ich saß mit meinem Mann an einem Fenstertisch unseres Lieblingsitalieners - und muss mich verstecken, weil er Angst hat, dass seine Freundin ihn mit mir erwischen könnte. Weil wir zwar seit einem Jahr getrennt sind, aber seit drei Monaten eine Affäre haben.

Als ich Georg damals beim Kofferpacken half, war ich nur noch erleichtert. Die Monate davor waren ein einziger Kampf gewesen. Um Geld, um unsere 12-jährige Tochter Lilly, um einen Rest von Würde und Anstand.

Es war ein Kampf auf Hauen und Stechen, keiner gab nach, jeder hatte Angst, vom anderen übervorteilt und ausgenutzt zu werden. Ich habe mich selbst in jener Zeit von einer schrecklichen Seite kennen gelernt, habe zeitweise mein Konto gesperrt, zu dem mein Mann den Zugang hatte, habe tobend seinen Lieblingspullover in den Müll geschmissen. Und Georg war kein bisschen besser. Eigentlich ruhig und besonnen, hat er mir sogar auf dem Schulhof eine Riesenszene gemacht, weil ich nicht einsehen wollte, dass ich Unterhalt für ihn zahlen müsste. "Dann finde doch endlich einen Job", schrie ich. "Du hast doch keine Ahnung, du bist Lehrerin, Beamtin, ich tue, was ich kann", schrie er zurück. Wir tranken beide zu viel in dieser Zeit.

Im Gegensatz zu mir wollte er die Trennung nicht. Aber ich war entschlossen. Nach 14 Jahren Ehe ging es einfach nicht mehr: Georgs Dauerbeschäftigungslosigkeit als freier Grafiker und seine daraus resultierende Energielosigkeit hatten mich zermürbt. Ich hasste es, einen Mann zu haben, der finanziell von mir abhängig war, es machte ihn unerotisch und unmännlich für mich, wenn ich ihm zwanzig Euro zum Tanken geben musste. Ich wollte einen Versorger, keinen Versager.

Wenn ich mittags von der Schule nach Hause kam und jede Menge Abituraufsätze zu korrigieren hatte, saß Georg in Jogginghosen am Computer und hatte es mal wieder "nicht geschafft", wenigstens die Wohnung aufzuräumen und einzukaufen. "Ich hab mich online beworben", sagte er. Natürlich habe ich es nicht geglaubt. Vielleicht war ich damals ungerecht. Aber ich konnte es nicht ertragen, meinen Mann, den ich als erfolgreich und kreativ kennen gelernt hatte, so zu erleben. Zum Schluss regte mich einfach alles an ihm auf - seine Art, die Wäsche in die Maschine zu stopfen, sein lautes Ein- und Ausatmen, seine Schuhe im Flur. Sex war unvorstellbar.

Als Georgs Mutter nach Mallorca zog und ihm ihr kleines Reihenhaus überließ, war ich extrem erleichtert. Und freute mich auf ein entspannteres Leben für mich und Lilly. Denn die hatte sich auch nicht mehr wohl gefühlt. Jedes zweite Wochenende holte Georg sie ab, manchmal blieb er zum Essen, ansonsten gingen wir beide erst mal auf Abstand.

Ich vermisste ihn nicht, aber es blieb auch ein kleiner Rest Vertrautheit, den ich nicht abschütteln konnte. Sein Geruch nach Zigaretten und Sandelholzseife steckte noch im Sofakissen. Die krause Nase, die er beim Lachen machte - Lilly krauste sie genauso. Und obwohl mir Georg nicht fehlte, war ich nicht darauf gefasst, wie sehr es mich verletzen würde, dass auch ein Stück meines Lebens wegbrach, das ich immer für selbstverständlich gehalten hatte. Unser großer Freundeskreis zum Beispiel, der mir übel nahm, dass ich ihn verlassen hatte. Zu Festen ging er nun allein, ich wurde einfach nicht mehr eingeladen. "Er braucht uns jetzt mehr als du", sagte eine Freundin, "das verstehst du sicher."

Nein, das verstand ich nicht, die Vorstellung, wie gut es ohne mich weiterging, tat weh. Doch Georg wollte keine andere Frau. Er wollte noch immer mich. Schlug sogar eine Paartherapie vor, aber ich wollte nicht mehr. Der Gedanke, dass wir wieder zusammenkommen könnten, machte mich beklommen. Und das sagte ich ihm auch. Das nahm er mir so übel, dass er den Kontakt abbrach. Wenn er Lilly jetzt abholte, blieb er im Auto sitzen und rief sie auf dem Handy an. Als Lilly mir von einem großen Auftrag erzählte, den ihr Vater bekommen habe, dem ersten seit langer Zeit, rief ich ihn trotzdem an und gratulierte ihm. Und dachte: "Dann liegt er mir wenigstens nicht mehr auf der Tasche."

Ich hatte meinen ersten One-Night-Stand und fand ihn schrecklich, weil der Mann mich so ganz anders liebte, als ich es gewohnt war. Ich hatte ein paar Wochen später eine Affäre, wo ich genau das so ganz andere, Fremde sehr aufregend fand. Ich hielt dies für einen Reifeprozess und Georg für Vergangenheit - den Vater meiner Tochter, mehr nicht.

Und dann sah ich sie. Sie war genauso groß wie er und hatte lange, rote Haare. "Hexe", dachte ich - und erschrak über die Heftigkeit meiner, ja was? Wut, Unsicherheit, Eifersucht? Sie standen vor der Post, die Arme umeinandergelegt. Ich drehte mich um und ging nach Hause. Ich versuchte, mein unangenehm klopfendes Herz zu beschwichtigen. Georg hatte also eine Affäre, vielleicht eine Freundin. Warum stresste mich das so? War doch sein gutes Recht, ging mich doch gar nichts an. Aber als er beim nächsten Mal Lilly abholte, sagte ich: "Man hat dich in der Stadt mit einer Frau gesehen. Deine Freundin?" Georg grinste: "Ach, du meinst Britta? Ich sag Bescheid, wenn's was Ernstes wird", und ging.

In dieser Nacht konnte ich nicht schlafen, ich lag wach, und mir wurde klar, dass ich trotz unserer Trennung geglaubt hatte, jederzeit wieder zu Georg zurückkehren zu können. ICH hatte die Beziehung beendet. Und ICH würde sie auch wiederaufleben lassen können! Nicht, dass ich es wollte, aber das Gefühl, es jederzeit zu können, war wichtig für mich gewesen. Ich hasste seine Neue, ohne je ein Wort mit ihr gewechselt zu haben, und noch viel heftiger, nachdem ich Georg und sie zufällig im Foyer eines Kinos traf, wo ich leider nur mit einer Kollegin und nicht mit einem heißen Date verabredet war. Sie waren ein schönes Paar. Ihr Anblick verdarb mir den ganzen Abend. Und es wurmte mich, dass Georg nach unserer Trennung nicht nur beruflich, sondern auch bei Frauen Erfolg hatte.

Als Georg das nächste Mal Lilly abholte, klingelte sein Handy, sie war es, und während er mit ihr sprach, betrachtete ich ihn und war auf einmal so unglaublich scharf auf ihn, dass ich ihn am liebsten aufs Bett geschmissen hätte. Klar war es auch die Duftmarke einer anderen Frau, die mich auf den Mann heiß machte, der mich sexuell gelangweilt hatte. Aber noch mehr war es seine Unerreichbarkeit, diese Unabhängigkeit von mir, die mich ihn in einem ganz neuen, ganz fremden Licht sehen ließ. "Ich geh dann mal", sagte er, und in diesem Moment beschloss ich, meinen Mann zu verführen.

Was mir drei Wochen später, Lilly war bei einer Freundin, auch gelang. Wir sprachen über die Möbelaufteilung, tranken ein Glas Rotwein, aus dem innerhalb einer Stunde eine Flaschen wurde. Der Sex war schön. Heiß. Gleichzeitig fremd und vertraut. Als es vorbei war, zog sich Georg an und ging. Zu Britta. Ich legte mich in die Badewanne und fühlte mich - seltsam. Entspannt, weil der Sex wirklich gut gewesen war. Traurig, weil alles so kompliziert war. Meine Gefühle waren total verknäult. Ich war die Siegerin, weil es mir gelungen war, meinen Mann, wenn auch nur vorübergehend, aus den Armen seiner Geliebten zu knacken. Ich war die Verliererin, weil ich genau dadurch mein neues Gefühl von Freiheit wieder gefährdet hatte. Ich war schwach geworden. Und wurde es immer wieder, denn Georg und ich begannen eine Affäre - voller Lust und schlechtem Gewissen und unter Ausschluss der Öffentlichkeit.

Wir sprechen nicht über die Zukunft, aber ich weiß, dass Georg sich nicht von Britta trennen will. "Zu riskant", sagt er, "wer garantiert mir denn, dass du bei mir bleibst?" Stimmt, ich weiß wirklich nicht, ob ich ihn wieder ganz zurückhaben will. Ich weiß nur, dass es so nicht weitergehen kann. Unsere Tochter kommt gerade in die Pubertät, nicht auszudenken, wenn sie von uns wüsste!

Kürzlich hat mich Georg zum 45. Geburtstag eingeladen. SIE war natürlich auch da und wich den ganzen Abend nicht von seiner Seite. Ich glaube, dass mein Ex die Situation durchaus genoss, er war jedenfalls tierisch guter Laune. Da niemand von mir und Georg weiß, fiel es auch nicht auf, dass ich mich nur mühsam beherrschen konnte und einen Drink nach dem anderen in mich hineinkippte. Doch als ich mich schließlich verabschiedete, ist irgendetwas in mir explodiert. Ich habe Georg vor allen sehr zärtlich auf den Mund geküsst und laut gesagt: "Ich glaub, ich will dich wiederhaben."

Aber will ich das wirklich?

Protokoll: Beate Wassermann Foto: Tanja Kernweiß Ein Artikel aus der BRIGITTTE 21/08

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