"Ich bin verheiratet und liebe eine Frau"

Sandra*, 48, führte genau das Leben, das sie sich gewünscht hatte: schöne Altbau­wohnung, großzügiger Ehemann, zwei wohl­ geratene Kinder. Dann kam sie

Es war die Abiturfeier von Katrins Tochter. Ein Picknick am Flussufer, Flaschenbier, dazu das vertraute Miteinander unserer Clique. Mein Mann David war irgendwann gegangen, die frischgebackenen Abiturienten weitergezogen in einen Club. Ich gehörte zu den letzten Gästen, wie so oft. Genau wie Katrin, meine langjährige Nachbarin und Freundin. Wir saßen im Gras, etwas abseits, teilten uns ein letztes Getränk, waren aufgekratzt und melancholisch zugleich.

Plötzlich sah sie mich seltsam an. "Ich finde dich schon lange ganz toll", sagte sie leise. Ich tat so, als wüsste ich nicht, wovon sie sprach. "Ich möchte dich küssen", sagte sie, "nur ein einziges Mal." Dann beugte sie sich zu mir herüber. Ein Moment wie im Kino. Wenn ich heute an diesen ersten Kuss zurückdenke, war er harmlos, beinahe noch schwesterlich. Und gleichzeitig wie ein Vorhang, der ein Stück zur Seite gezogen wird und hinter dem etwas gänzlich Unerwartetes wartet.

Bis zu diesem Abend war mein Leben eher konventionell verlaufen. Mit Mitte 20 hatte ich David kennengelernt, war schnell schwanger geworden, wir hatten rasch hintereinander unsere Tochter Nina und unseren Sohn Finn bekommen und waren schließlich in ein eigenes Haus gezogen. Dass ich auch Frauen anziehend fand, spielte in meinem Alltag keine Rolle - vor David hatte es zwei, drei Party-Knutschereien gegeben, nichts Ernstes. Auch als ich in einer Mütterrunde Katrin näher kennenlernte, schlug das keine Funken. Ich hatte zwar mitbekommen, dass sie auf Frauen stand und fand das ganz spannend, aber auch nicht mehr.

Ich war zufrieden mit meinem Leben

In meiner Ehe gab es Aufs und Abs, Sex war selten und unbefriedigend geworden, mir fehlte Aufmerksamkeit. Wiederum: Welche langjährige Beziehung war schon perfekt? Von meinen Freundinnen hörte ich Ähnliches. Und ich hatte schließlich viele Gründe, bei David zu bleiben. Er war ein liebevoller Vater, ich fühlte mich geborgen, und: Er hatte den besser bezahlten Job, sorgte für einen bestimmten Lebensstandard, schuf mir Freiraum. Dass ich mir letztlich in die Tasche log, dass mich all das vielleicht zufrieden machte, aber nicht glücklich - das verstand ich erst in den Tagen nach jener Abiparty, als ich im Fünf-Minuten-Takt mein Smartphone aus der Tasche zog, um zu sehen, ob Katrin geschrieben hatte.

Ich fühlte mich, als stände ich seit Tagen und Wochen ganz vorne auf einem Sprungbrett, ohne zu wissen, was in dem Becken unter mir war

Sie hatte. Und die kommenden Wochen und Monate waren Himmel und Hölle zugleich. Schritt für Schritt gab ich meinen Widerstand auf, und sie ihre Zurückhaltung. Bald waren wir ein Liebespaar, in Worten wie in Taten. Wir trafen uns vormittags, wenn die Kinder in der Schule waren, wir mieteten Hotelzimmer – die klassischen Zutaten einer Affäre. Ständig die bittersüße Erregung, etwas Verbotenes zu tun – auch sie hatte zu der Zeit eine Beziehung, wenn auch nichts Festes.

Mal wollte ich am liebsten mit ihr durchbrennen, mal beschwor ich sie, nicht an unserem Arrangement zu rühren, vor allem meiner Kinder wegen. Eine Trennung ist schlimm genug – aber wie würden sie, ihre Freunde, unsere Clique reagieren, wenn zwei Frauen sich als Paar outeten? Würden wir uns zum Gespött der halben Stadt machen? Ich konnte kaum noch schlafen, hatte düstere Tagträume, in denen Nina und Finn meine Handynummer blockierten, den Kontakt zu mir abbrachen. Gefolgt von Visionen, in denen wir alle gemeinsam in einer seligen Hippiekommune zusammenlebten. Ich fühlte mich, als stände ich seit Tagen und Wochen ganz vorne auf einem Sprungbrett, ohne zu wissen, was in dem Becken unter mir war: warmes Wasser, kaltes Wasser – oder gar keins.

Er tat, als hätte er nichts bemerkt

David schien nicht das Geringste zu ahnen. "Hast du abgenommen?", das war seine einzige Frage. Da hatte ich schon zehn Kilo verloren, weil ich nichts mehr essen konnte, vor Verliebtheit und vor Verzweiflung. "Wenn ich mit meiner Freundin Schluss mache, könnte ich dich denn haben?", fragte Katrin mich. Nein, behauptete ich, obwohl alles in mir "Jaaaaaa" schrie. Einmal hat David uns dabei zugesehen, wie wir uns bei der Geburtstagsfeier eines Freundes begrüßten, und plötzlich dachte ich: Jetzt hat er was gemerkt, so wie wir uns ansehen, anfassen, umarmen! Ich spürte Panik und Erleichterung zugleich, dachte, jetzt macht er uns eine Szene und nimmt mir die Entscheidung ab. Stattdessen tat er so, als hätte er nichts bemerkt. Ich glaube, er wollte um jeden Preis unser gemeinsames Leben erhalten. Das hat er vielleicht mehr geliebt als mich als Person.

Heute führe ich ein selbstbestimmteres Leben

Schließlich half er mir doch noch, Nägel mit Köpfen zu machen, wenn auch unbeabsichtigt. "Wer weiß eigentlich von dir und Katrin?", fragte er eines Abends ganz beiläufig, als wir die Küche aufräumten. Ich habe es nicht einmal geleugnet, aber habe heftig Kontra gegeben: "Ach, dich interessiert also nur, was die Nachbarn denken?" Plötzlich stand Finn in der Tür, ganz blass, und sah zwischen mir und David hin und her. In dem Moment wusste ich: Es gibt kein Zurück. Es war, als hätte mich David endlich von diesem verdammten Sprungbrett hinuntergeschubst.

"Okay", sagte ich, "wir vier müssen uns unterhalten. Gleich morgen früh." In der Nacht habe ich kein Auge zugemacht, am nächsten Morgen Brötchen für alle gekauft und gedacht: Das ist das letzte Mal, dass wir zusammen frühstücken. Es war, als stände ich neben mir, als sähe ich einer anderen Person zu. Da saßen sie dann alle in ihren Schlafanzügen auf dem Sofa aufgereiht, nur ich war angezogen. Alle weinten. Und ich war plötzlich ganz ruhig und klar. Was wäre denn die Alternative gewesen - heldenhaft zu verzichten, zu verdrängen und damit nicht nur mir und Katrin, sondern allen Beteiligten wehzutun? Nina, damals 17, brachte es schließlich auf den Punkt: "Mama, du sollst doch auch glücklich sein." Schließlich hat David eine DVD eingeschoben, wir haben zu viert auf dem Sofa gelegen und ein paar Folgen "Breaking Bad" geschaut. Eigentlich vollkommen absurd. Aber diesen letzten Familienmoment haben wir anscheinend alle gebraucht.

Anderthalb Jahre ist das jetzt her. Es war alles andere als ein Spaziergang, aber ich habe noch keinen Tag davon bereut. Katrin und ich leben in ihrer Wohnung zusammen, bescheidener, aber selbstbestimmt. Unsere Töchter sind aus dem Haus, Finn pendelt zwischen David und mir. Es ist nicht so, dass ich mein früheres Leben für einen Fehler halte. Oder heute ein völlig anderer Mensch wäre. Aber ich habe mich verändert: Ich bin stolzer, selbstbewusster, und mache mich weniger abhängig.

*Namen von der Redaktion geändert

BRIGITTE 04/2019

Wer hier schreibt:

Protokoll: Verena Carl
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