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Offene Beziehung vorschlagen Paartherapeut erklärt: Darauf solltest du vor dem Öffnen der Partnerschaft achten

Offene Beziehung vorschlagen: Mann und Frau kuscheln im Bett
© Dmytro Kapitonenko / Shutterstock
Liebe ist die Antwort auf alle Fragen? Nicht ganz. Sie stellt auch ziemlich viele. Psychologe und Paartherapeut Oskar Holzberg zum Thema offene Beziehung vorschlagen.

Mit anderen Sex haben ...

... sollte nur herantragen, wer eine offene Beziehung führen kann. Wer es sonst vorschlägt, sollte sich fragen, ob er die Beziehung nicht schon beendet hat. Bonobos sind, neben den Schimpansen, unsere nächsten Verwandten. Und für Bonobos ist Sex ein Mittel, mit dem sie für den Zusammenhalt ihrer Horde sorgen. Bei den Bonobos sind Sex und Beziehungen untrennbar verbunden. Also so wie bei uns. Auch wenn es bei Bonobos um Gruppenbindung geht, während es sich bei uns im Allgemeinen um Liebesbeziehungen handelt. Wenn wir nur noch mit dem Geliebten schlafen und mit niemand anders mehr, dann sind wir ein Paar. Und jedes Mal, wenn wir als Paar Sex miteinander haben, bestätigen wir damit, dass wir zusammengehören.

Sex mit jemand anders ist dagegen die fundamentalste Bedrohung unserer Mikro-Gruppe. Das ist zumindest das grundsätzliche Muster, dem wir folgen. Auch wenn wie immer das Feld der Emotionen riesig ist und Ausnahmen die Regel bestätigen: Paare haben keinen Sex mehr und leben trotzdem zusammen. Andere sind glücklicher Single, in offenen Beziehungen oder verbinden Freundschaften mit Sex.

Porträt Oskar Holzberg
Oskar Holzberg berät seit mehr als 20 Jahren in seiner Hamburger Praxis Paare und bekommt immer wieder Beziehungsfragen gestellt. Sein aktuelles Buch heißt: "Neue Schlüsselsätze der Liebe".
© Ilona Habben

Doch am meisten um Sex gerungen wird in den festen Liebesbeziehungen. Weil einer den "Bonobo-Weg" gehen will und durch Sex alle Spannungen beseitigen möchte, während der andere erst die Spannungen aus der Welt haben will, um sich wieder auf sexuelle Intimität einlassen zu können. Und weil die Lust aufeinander nicht immer gleich ist. Mal will einer mehr, mal der andere gar nicht. Daraus können Konfliktmuster entstehen, die die Sexualität blockieren.

Jeder hat das Recht, keine Lust zu haben 

Alles, was in einer Beziehung geschieht, beeinflusst die Sexualität. Deshalb ist die grundsätzliche Frage, was geschehen ist, dass zumindest einem die Lust vergangen ist. Denn niemand hat "einfach so" keine Lust mehr, so wie niemand "einfach so" mal einen Burn-out erleidet. Jeder hat das Recht, keine Lust zu haben. Aber Sexualität in einer Partnerschaft ist kein rein individuelles Erleben. Deshalb gilt es für das Paar zu verstehen, wie es dazu gekommen ist. Welche Ereignisse, welche Gefühle dazu geführt haben.

Wer stattdessen den Partner anderweitig auf Lustsuche schickt, stellt die Beziehung an sich infrage. Denn die Freigabe der Sexualität wird vom Weggeschickten als Ablehnung erlebt. Seine oder ihre Sexualität, sein oder ihr Begehren werden entwertet, wenn es erscheint, als sei es beliebig zu befriedigen. Außerdem entsteht durch Sex mit anderen fast immer eine Intimität außerhalb der Beziehung, die in der Beziehung dann nicht mehr existiert. Der Vorschlag, die Beziehung zu erhalten, indem einer seine Sexualität mit anderen auslebt, ist deshalb paradox. Die Beziehung wird dann nur weiterleben, wenn das Paar sehr vertrauensvoll im Austausch ist. Wenn ein Paar aber so offen und intim miteinander sein kann – dann kann es auch die Blockaden seiner gemeinsamen Sexualität lösen. 

Offene Beziehung ansprechen: So gehts

Du führst eine vertrauensvolle und kommunikative Beziehung, liebst deine/n Partner:in, möchtest aber das sexuelle Abenteuer auch außerhalb eures Schlafzimmers suchen? Dann kannst du deinem/r Liebsten von deiner Idee erzählen. Das klingt natürlich leichter als getan. Die folgenden drei Schritte können dich auf dem Weg zur offenen Beziehung begleiten:

  1. Was reizt dich an einer offenen Beziehung? Es gibt mit aller Sicherheit einen Grund, warum du eine offene Beziehung ausprobieren möchtest. Weißt du, warum? Wenn du deinem/r Partner:in im Gespräch erzählen kannst, warum du an einer offenen Beziehung interessiert bist, kann er oder sie deine Idee besser nachvollziehen.
  2. Wie stellst du dir eine offene Beziehung vor? Eine Beziehung muss nicht rund um die Uhr an jedem Tag im Jahr geöffnet sein. Hast du eine Idee, wie sie in eurem Fall aussehen könnte? Wollt ihr an einem Tag in der Woche, im Monat oder im Vierteljahr ein sexuelles Abenteuer erleben? Die Art der Öffnung kann deinem/r Gegenüber ebenfalls ein Einblick in das Modell geben.
  3. Welche Regeln sind dir wichtig? Eine offene Beziehung sollte nicht einseitig geschehen. Dein/e Partner:in bekommt auch die Möglichkeit, Sex mit einem anderen Mann oder einer Frau zu haben. Welche Grundregeln würdest du dir für euch wünschen? Darf mit einer Person nur einmal geschlafen werden? Sind Ex-Freund:innen erlaubt? Darf nach dem Sex gekuschelt werden und gibt es Stellungen und Praktiken, die nur dem heimischen Bett vorenthalten sind? Solche persönlichen Regeln für die offene Beziehung schützen vor Eifersucht, Angst und stillem Leid und sorgen für Vertrauen.

Hast du dir alle Fragen beantwortet, heißt es über deinen Schatten zu springen und deine Idee der offenen Beziehung anzusprechen. Suche dir dafür eine ruhige Minute, vielleicht das Wochenende, und rede ehrlich, offen und frei heraus. Es geht um deine Bedürfnisse, die darfst du jederzeit kommunizieren.

Dränge deine/n Partner:in nicht sofort zu einer Entscheidung, sondern beantworte offene Fragen zum Beziehungsmodell, besprecht Zweifel und gelangt zu einem gemeinsamen Nenner. Vielleicht hat er oder sie ebenfalls seit Längerem ein ähnliches Konzept im Kopf. Ehrlichkeit zahlt sich in jedem Fall aus.

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Verwendete Quellen:

BRIGITTE 18/2019 Brigitte

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