Vera, Pastorin: "Mein Mann ist toll - aber Sex habe ich mit einem anderen"

Vera, 47, ist Pastorin und seit 20 Jahren verheiratet. Weder ihr Mann noch sonst in ihrer Gemeinde käme auf die Idee: Sie hat einen Liebhaber.

Nie hätte ich gedacht, dass der Satz aus dem Johannes- Evangelium für mein Leben einmal so eine Bedeutung haben würde: "Wer von euch ohne Schuld ist, der werfe den ersten Stein." Diesen Satz spricht Jesus, als die Pharisäer eine Ehebrecherin in den Tempel zerren und ihre Steinigung fordern.

Jetzt ist es raus: Darum suchen sich Männer Partnerinnen, die wie ihre Mutter aussehen

Warum diese Frau die Ehe gebrochen hat, wird in der Bibel nicht gesagt. Warum ich es getan habe, weiß ich nur zu genau. Aber wenn herauskäme, dass ich meinem Mann untreu bin, würde keinen interessieren, wie es so weit kommen konnte. Es gäbe nur die allgemeine Empörung in der Gemeinde: Unsere Pastorin geht fremd.

Mein schlechtes Gewissen meinem Mann gegenüber hält sich in Grenzen. Ein schlechtes Gewissen verspüre ich meiner Berufung gegenüber. Und meiner Gemeinde. Die Leute erwarten, dass wenigstens bei Pastors die Welt in Ordnung ist. Oft höre ich: "Sie sind ein Vorbild für mich, im Glauben wie im Leben." Ich sage dann: "Nun mal langsam. Im Glauben möchte ich gern Vorbild sein, aber im Leben? Diese Bürde ist groß, finden Sie nicht auch?"

Es ist nicht so, dass ich nicht mehr mit meinem Mann zusammen sein mag. Jens arbeitet in der kirchlichen Verwaltung. Ich schätze seine Intelligenz, seine Einstellung, unsere gemeinsame Freude am Reisen, das Familienleben mit unseren beiden Töchtern. Und nicht zuletzt bin ich Jens dankbar dafür, dass ich trotz Ehe und Familie immer problemlos in meinem Beruf arbeiten konnte. Das hört sich alles gut an, nicht? Meine Mutter sagt auch immer: "Jens ist ein toller Mann, so einen hätte ich auch gern." Ich würde dann am liebsten sagen: "Ja, stimmt, er ist toll - aber er schläft nicht mehr mit mir."

Das letzte Mal Sex hatten wir vor 5 Jahren

Das letzte Mal haben wir vor fünf Jahren miteinander geschlafen. Jens gibt mir das Gefühl, dass ich als Frau nicht begehrenswert bin, ich fühle mich auch emotional vernachlässigt, doch das Allerschlimmste ist: Über all das will mein Mann nicht mit mir reden. Er kann das nicht.

Jens und ich kennen uns seit 22 Jahren, für mich war es Liebe auf den ersten Blick. Wir haben schnell geheiratet, dann kamen kurz hintereinander unsere Töchter, sie sind jetzt beide schon aus dem Haus.

Unsere Probleme und mein Gefühl der Unzufriedenheit kamen schleichend. Als ich auf die 40 zuging, nahm ich es das erste Mal so richtig wahr. Damals standen viele Entscheidungen an: Wie würde es weitergehen mit unserem schwierigen Bauprojekt? In einer Konfirmandengruppe gab es Spannungen. Sollte ich trotzdem eine Fortbildung machen? Meine Sorgen konnte Jens nicht nachvollziehen, er sagte nur: "Ach, denk doch nicht so viel nach." Diese Gleichgültigkeit hat mich tief verletzt, ich habe geweint, aber er hat das gar nicht mitgekriegt. Er ist in der Lage, so was auszublenden.

In dieser Phase kam mir der Gedanke: Du könntest dich gar nicht trennen. Nicht aus finanziellen Gründen, wie es bei anderen ja oft der Fall ist. Nein, als Pastorin macht es sich schlecht, wenn du geschieden bist.

Ich habe immer wieder das Grundsatz- Gespräch gesucht: "Was ist mit uns?" Wenn er nicht reden wollte, habe ich nachgebohrt. Ich wollte wissen, warum es nicht mehr so ist wie früher, mit der Zärtlichkeit, mit der Erotik. Jens hat gesagt: "Ach, darüber reden, lass es uns lieber machen."

Aber da tat sich nichts. Ich habe versucht, meinen Mann am Frühstückstisch zu verführen. Ich habe ihm nachmittags die Arme um den Hals gelegt, aber er meinte nur: "Doch nicht mitten am Tag!" Wenn man immer zurückgestoßen wird, hört man irgendwann auf mit seinen Bemühungen.

Ich habe ein großes Bedürfnis nach Zärtlichkeit. Ich bin so aufgewachsen. Jens ist wahrscheinlich nicht so groß geworden. Ich weiß das nicht so genau, wir sprechen ja nicht darüber. Ich kann es aber mutmaßen, seine Mutter ist eine kühle, beherrschte Frau. Es ist schön und gut, Verständnis aufzubringen, nachzudenken, warum sich Dinge so entwickeln, wie sie sich entwickeln - aber die eigenen Sehnsüchte bleiben.

Plötzlich spürte ich sein Knie an meinem ...

Plötzlich ertappte ich mich bei Tagträumen. Die Hauptrolle darin spielte der Architekt, der unser neues Gemeindehaus plante. Wenn er mir Musterfliesen für die Böden zeigte, stellte ich mir vor, wie es wohl wäre, wenn seine Hände mich streicheln würden. Wenn wir telefonierten, musste ich oft nachfragen - so fasziniert war ich von seiner rauen, tiefen Stimme. Ich habe diesen Mann richtig begutachtet. Ich dachte: Mach was, Vera, eine Therapie, rede mit Jens. Und dann schlich sich ein Gedanke in meinen Kopf: Wie wäre es, wenn du eine außereheliche Beziehung anfängst? Natürlich habe ich mit Jens nicht darüber geredet, auch mit meinen Freundinnen nicht.

Der Architekt blieb Fantasie. Aber seit einem Jahr gibt es Martin in meinem Leben. Wir treffen uns so alle sechs bis acht Wochen. Martin ist auch Pastor, verheiratet, wie ich.

Wir haben uns bei einem Vorbereitungstreffen für den Kirchentag kennengelernt. Martin fiel mir sofort auf: dieses Jungenhafte, Spitzbübische, die Art, wie er die anderen zum Lachen brachte. Er ist so alt wie mein Mann, sieht ihm sogar ähnlich - aber im Gegensatz zu Jens genießt es Martin, Leute um sich zu scharen, im Mittelpunkt zu stehen, zu diskutieren.

Beim Essen am Abend saßen wir uns gegenüber. Erst habe ich gedacht, ich bilde mir nur ein, dass er mir länger als üblich in die Augen sieht. Dann spürte ich sein Knie an meinem. Ich habe mein Bein nicht weggezogen. Natürlich ist später jeder auf sein Zimmer gegangen.

Ich hatte mich über diesen Abend gefreut, ihn aber auch schon fast vergessen, als Martin bei mir im Dienst anrief. Als wir auflegten, dachte ich: Der könnte dein Liebhaber werden. Noch im selben Moment habe ich mich für meinen Gedanken geschämt.

Ich habe Martin dann einen Brief geschrieben - dass es mich freut, für ihn offenbar nicht nur Kollegin zu sein, sondern auch eine Frau. Beim Schreiben dachte ich: Das schreibst du wirklich?

Zwei Monate später haben wir uns dann getroffen. Ich wusste ja nicht: Wie weit würden wir gehen? Ich hatte schon darüber nachgedacht, wohin wir denn . . . Wir gingen nirgendwohin. Diesmal. Aber beim nächsten Mal. Er hatte alles vorbereitet. Es gibt tatsächlich Stundenhotels . . .

Ich genieße es, dass ich wieder begehrt werde

Ich habe Falten, durchaus altersgerecht, meine Haare sind grau, meine Figur geht einigermaßen. Ich dachte manchmal: Vielleicht findet Jens mich nicht mehr attraktiv? Bevor Martin in mein Leben kam, hatte ich ein ziemlich angeknackstes Selbstbewusstsein. Mit Martin fühle ich mich wie ein Teenager. Ich genieße es, dass ich begehrt werde, ich finde mich wieder schön.

Manchmal wundere ich mich, dass Jens so wenig misstrauisch ist. Dass er nicht merkt, wie ich mich verändert habe. Letztes Wochenende sagte er: "Ich fahr nachher in die Stadt, Jochen hat doch seine Fete." Jens weiß genau: Ich kann am Samstag nicht spontan weg, ich muss den Sonntag vorbereiten. Trotzdem sagte er: "Du kannst ja mitkommen." Er nimmt kaum noch an meinem Alltag teil.

Jetzt, wenn ich das erzähle, kann ich darüber lachen. Das wäre bestimmt nicht so, gäbe es Martin nicht. Durch ihn bekomme ich Kraft und Lebensfreude, die mich verrückterweise auch bei Problemen mit Jens trägt. Vielleicht fällt es mir deshalb leichter, bestimmte Sachen nicht so persönlich zu nehmen, weil ich nicht mehr um Zuwendung buhlen muss.

Demnächst fahren Jens und ich für vier Tage auf eine Nordsee-Insel. Ich habe extra ein Zimmer ohne Doppelbett ausgesucht, das ist mir im Moment lieber. Im Freundeskreis entsteht natürlich der Eindruck: Die beiden unternehmen was zusammen, die verstehen sich prima. Nach den Betten fragt ja keiner.

Ich habe mich trotz aller Skrupel entschieden, mich auf die Sache mit Martin einzulassen. Für mich kommt es zwar nicht in Frage, den einen Mann gegen den anderen auszutauschen. Aber ich will eben nicht mehr ohne Zärtlichkeit, ohne Erotik leben. So hat der liebe Gott das Leben für seine Geschöpfe nämlich nicht vorgesehen.

Protokoll: Martina Rellin