"Schwerelos" von Ildikó von Kürthy: Leseprobe

Einen Auszug aus Ildikó von Kürthys neuem Roman "Schwerelos", der am 1. Oktober erscheint, lesen Sie exklusiv auf BRIGITTE.de.

Die biologische Uhr von Ildikó von Kürthys Romanheldin Marie tickt wie ein ausgewachsenes Sprengstoffpaket. Als wäre das nicht schon genug, bitten auch noch ihre Eltern zum Weihnachtsessen. Mit am Tisch: Maries Bruder Dietmar. Und seine Frau, die Supermama.

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Ich muss es ganz klar so sagen: Meine Eierstöcke leeren sich so hurtig wie die Wühltische bei Karstadt kurz nach Weihnachten. Monat für Monat lässt mein braver Körper ein Ei springen, das ungenutzt bleibt. Es ist definitiv höchste Zeit! Irgendwann ist das keine biologische Uhr mehr, die da sanft in dir tickt, sondern ein ausgewachsenes Sprengstoffpaket mit einem Zeitzünder dran, eingestellt auf deinen vierzigsten Geburtstag. Als Frau hast du komischerweise Zweifel, ob das Leben nach diesem magischen Datum überhaupt weitergeht. Als würde, bedingt durch eine tschernobylhafte Reaktorkatastrophe im Inneren deines Körpers, aus deiner Gebärmutter ein verstrahlter Champignon werden, dein Bindegewebe tot umfallen und deine sexuelle Attraktivität in ihre Elementarteilchen zerfallen.

Ich übertreibe? Nein. Das ist der Grund, warum nicht selten Frauen in dieser prekären Lebenszeit Männer heiraten, mit denen sie vorher nicht mal Mittag essen gegangen wären. Oder, ups, aus Versehen schwanger werden, obschon die Verhütung in den letzten 25 Jahren doch immer astrein geklappt hat. Auf einmal muss alles ganz schnell gehen, und ein Erzeuger muss her. Das kann der Tankwart sein, der Kellner des Lieblingsrestaurants oder sonst jemand, von dem man nicht mal den Nachnamen kennt.

"Mariechen, du hast doch eine nette Karriere gemacht. Was hält dich jetzt noch ab, zu heiraten und Kinder zu bekommen?"

Das hatte mein Vater Heiligabend gesagt. Wie ich diese perfide Benutzung des Plurals hasse! Kinder! Gleich mehrere davon!! Pfui!!! Das dient nur dazu, den Druck zu verstärken. Meine biologische Uhr vor ein Megafon zu stellen, damit ich karriereorientiertes Mannweib das Ticken endlich höre.

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Aber ich höre es doch. Sowieso und jeden Tag. Verdammte Biologie! Dieses unzeitgemäße Phänomen der sich frühzeitig verabschiedenden Fruchtbarkeit, das so gar nicht ins moderne Frauenleben passt. Aber ist es nicht eigentlich so, dass sich auch die Biologie nach und nach den sich verändernden Gegebenheiten anpasst? Sind wir etwa noch immer über und über behaart? Ich habe gelesen, dass unser kleiner Zeh biologisch gesehen keine Funktion mehr hat und deswegen in ein paar hunderttausend Jahren verschwunden sein wird. Ähnliches müsste doch eigentlich auch für die weiblichen Fettdepots gelten sowie für brüchige Nägel, Frauen, die in Jeeps zum Shopping fahren, und Männer, die mit Rucksack ins Büro gehen, oder? Verdammt, die Biologie ist so lächerlich unemanzipiert, dass es eine Frechheit ist. Ich bin mir aber absolut sicher, dass die Evolution ein Einsehen haben und die Phase weiblicher Fruchtbarkeit gehörig nach hinten verlängern wird. Ich muss nur noch eine halbe Million Jahre durchhalten.

Meine Güte, ich fühle mich ja schon wie eine Rabenmutter, ohne überhaupt Kinder zu haben. Kinder! Jetzt sage ich es ja schon selbst. Dieser bedrohliche Plural. Als hätte ich noch wie selbstverständlich die Zeit, mehrere zu kriegen. Ab fünfunddreißig zählst du zu den Spätgebärenden. Ab achtunddreißig ist die Wahrscheinlichkeit, dass du schwanger wirst, genauso hoch, wie in deinen Spaghetti Bolognese eine Rasierklinge zu finden.

Und ich? Ich werde in einem knappen Jahr vierzig! Und nach einem Blick auf die Falten rund um meine Augen möchte ich echt nicht wissen, wie meine Gebärmutter aussieht.

"Alles bestens", hatte mein Frauenarzt ungefragt bei meinem letzten Besuch gemeint. "Bei Ihnen spricht nichts dagegen, schwanger zu werden. Außer der Pille natürlich." Noch so einer, der findet, er müsse mich mal subtil darauf hinweisen, dass der Zug in Richtung Kleinfamilie bald abfährt. Aber was, wenn ich in dem Zug gar nicht sitzen will, sondern nur einsteige, um ihn nicht zu verpassen?

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Mein Vater betrachtete mich schwermütig über den gigantischen Weihnachtsputer hinweg und sagte: "Das hat uns also die Emanzipation gebracht: moderne Frauen, die sich zu schade sind zum Kinderkriegen." Er schüttelte missbilligend den Kopf. Meine größte Sorge war, dass sich auch noch meine Schwägerin Katrin zu dem Thema äußern würde. Sie hat, sehr zur Freude meiner Eltern, meinem Bruder Dietmar im pädagogisch sinnvollen Abstand von 3,2 Jahren zwei Kinder geboren, Justus und Lena. Es war also absolut zu befürchten, dass sich Katrin berufen fühlen würde, ein paar fachkundige Sätze abzusondern zum Thema "Die Selbstverwirklichung der Frau im Allgemeinen und der Gebärstreik meiner Schwägerin Marie im Besonderen".

Ihr grundschullehrerinnenhaftes Räuspern weckte in mir bereits Mordgelüste. "Ich möchte mich wirklich nicht in dein Leben einmischen, Rosemarie", begann sie ihren Vortrag. Und nur, weil Heiligabend war und meine Mama am Tisch saß, unterbrach ich sie nicht auf der Stelle mit den Worten: "Dann lass es doch auch, du superspießige Arschkrampe! Frauen wie du sind genau der Grund, warum Frauen wie ich keinen Bock aufs Kinderkriegen haben! Sogar Heiligabend trägst du Kleidung, die man bestenfalls 'praktisch' nennen kann. Schon mal gehört, dass geschnürte Halbschuhe mit rutschfester Sohle einen plumpen Fuß machen? Warum ist es dir egal, wie du selber aussiehst, und warum ist es dir so wichtig, wie deine Kinder aussehen? Warum nennst du meinen Bruder seit deiner ersten Schwangerschaft nicht mehr Dietmar, sondern Papabär? Und warum holst du immer erst Lena ans Telefon, wenn ich meinen Bruder sprechen will? 'Leni, die Tante Marie ist dran. Sag mal was, mein Mausezähnchen. Ja, wer ist denn da? Ist da die Tante Marie? Dadadada, ja, am Telefon, du kleines Schnuppischnuppi, wer ist denn da, ja, das Tantitantitanti!' Stunden meines Lebens zerrinnen, in denen ich einen Hörer an mein Ohr halten muss, aus dem nur seltsame Schmatz- und Gurgellaute und dein schrilles Geschrei kommen. Deine Tochter kann noch nicht sprechen, warum also sollte sie telefonieren?"

All das sagte ich natürlich nicht. Ich bin fast vierzig. Ich lehnte mich zurück, zauberte ein mildes Lächeln in mein Gesicht und kam mir total erwachsen vor.

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"Weißt du, Marie, Selbstverwirklichung mag ja ihre Reize haben, aber auf Dauer wird sie dich nicht zufrieden machen. Wer den eigenen Egoismus über alles stellt, wird nie wirklich glücklich sein. Es sind die Opfer, die man für seine Familie bringt, die einen erst richtig erfüllen", sagte Katrin.

Ich faltete meine Hände unter dem Tisch, damit sie nicht doch versehentlich in einem von mir unbewachten Moment nach einem Messer griffen. "Und aus welchem Abreißkalender hast du diese Weisheiten, liebe Katrin? Und von welchen Opfern sprichst du in deinem Fall?" Ich konnte einfach nicht anders, denn Katrin berührte einen wunden Punkt. Und an meine wunden Punkte lass ich nicht gern Leute, die ich nicht leiden kann.

Wenn ich doch bloß selbst davon überzeugt wäre, dass man fröhlich kinderlos bleiben kann, und nicht mit fünfzig - wenn definitiv die letzte Eizelle über die Wupper gegangen ist - bemerkt, dass man einen grauenvollen Fehler gemacht hat. Im Moment fehlt mir kein Kind. Aber wie wird es sein, wenn es demnächst zu spät für eins ist?

"Du weißt doch genau, dass ich auf meine eigene Karriere verzichtet habe, um Justus und Lena eine schöne Kindheit zu geben", sagte Katrin. "Du bist im ersten Berufsjahr von deinem Chef schwanger geworden. Es ist keine Kunst, Opfer zu bringen, wenn man nichts zu opfern hat. Es ist keine Kunst, auf eine Karriere zu verzichten, wenn man einen Beruf hat, der einem nicht am Herzen liegt. Es ist keine Heldentat, die Pille abzusetzen, wenn man einen gut verdienenden Mann, eine Eigentumswohnung und eine engagierte Oma hat. Warum fängst du jetzt nicht wieder an, eigenes Geld zu verdienen und Karriere zu machen? Es hindert dich doch keiner mehr. Lena ist drei, Justus sechs. Und soweit ich weiß, hast du abgestillt."

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"Marie, ich bitte dich, Katrin hat es doch überhaupt nicht nötig, zu arbeiten", mischte sich jetzt mein Bruder Dietmar in die unerfreuliche Unterhaltung ein. Ich dachte, ich höre nicht richtig. "Nicht nötig? Aber du hast es nötig zu arbeiten? Mein Beileid, Papabär."

"Typisch", zischte Katrin, "keine Ahnung haben, aber ironische Kommentare machen. Kinder brauchen ein verlässliches Zuhause und fördernde Zuwendung. Du hast doch nicht den Hauch einer Ahnung, welches Gotteswunder es für eine Frau ist, Leben zu schenken und eine Geburt zu erleben. Das war der schönste Moment meines Lebens!"

Mir fielen all die grauenerregenden Geburtsgeschichten ein, die Mütter ja gern auch ungefragt erzählen, oftmals während eines eben noch köstlich schmeckenden Essens. So wie alte Onkels hingebungsvoll von Front, Kriegsgefangenschaft und mehr schlecht als recht amputierten Gliedmaßen berichten, so schildern Mütter stolz und anschaulich Dammschnitte und Zangengeburten.

Bei der einen hat die Narkose nicht gewirkt. Eine hat nach 48 Stunden Wehen doch einen Kaiserschnitt bekommen. Eine erzählte in aller Ausführlichkeit, dass sie zwei Jahre nach der Geburt immer noch inkontinent war und nur auf weichen Gummibällen sitzen konnte. Sie schloss ihren unwillkommenen Vortrag mit dem Satz: "Nach zwanzig Stunden war die Saugglocke eine Offenbarung, obschon ich dachte, mich zerreißt es." Dann sagte sie noch den oberdämlichen Standardsatz: "Aber in dem Augenblick, in dem du dein Kind in den Armen hältst, hast du alles vergessen." - "Ach was", hatte ich missmutig gesagt, "wenn du alles vergessen hättest, könntest du mir ja kaum seit einer Viertelstunde den Appetit verderben." "Noch jemand Püree?" Ich hörte meiner Mutter ihre Verzweiflung an.

Schwerelos Ildikó von Kürthy 256 Seiten 17,90 Euro Wunderlich

Text: Ildikó von Kürthy Ein Artikel aus der BRIGITTE 20/08
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