"Überall lauert die Gefahr, dass er ausflippt"

Gesine, 27, ist Grafikerin und seit drei Jahren verheiratet. Ihr Mann ist liebevoll, charmant. Was nur sie weiß: Er ist krankhaft eifersüchtig.

Wir haben seit drei Wochen Waffenstillstand. Es ist, als würden wir beide die Luft anhalten, uns bewegen wie auf Eiern, damit keine Granate hochgeht. Die letzte Explosion war an einem Sonntag. Ich habe zum ersten Mal so wütend reagiert, dass ich mich selbst kaum wiedererkannte. Herrliches Wetter, Sebastian fuhr Rad, ich schritt mit einem Notizblock in der Hand unser Grundstück ab. Wir sind erst vor wenigen Tagen in unser neues Haus eingezogen, noch hängen von den Decken Glühbirnen statt Lampen, der Garten ist ein umzäunter Acker. Ich war glücklich, dachte nach, wo ich welchen Strauch pflanzen könnte und wo eine Kinderschaukel am besten hinpassen würde. Trotz unserer Konflikte in der Vergangenheit - ich glaubte in diesem Moment an eine Bilderbuch-Zukunft.

Unser Nachbar stand auch mit einem Blöckchen vor seinem Haus und plante seinen Garten. Wir mussten lachen, als wir uns so sahen. Er lud mich auf einen Kaffee ein. Während wir draußen auf der Bierbank saßen und plauderten, kam Sebastian den Hügel heruntergebraust. Er stoppte an unserem Gartentor. Ich winkte ihm zu, doch er schob mit finsterer Miene sein Rad zum Schuppen. Dann schrie er zu uns herüber: "Geht doch gleich zusammen ins Haus, da stört euch keiner!"

Der Nachbar machte ein total erschrockenes Gesicht. Er sagte nichts. Ich schämte mich. Und sagte auch nichts. Vielleicht würde er ja glauben, Sebastian hätte einen Scherz gemacht, hoffte ich. Meine Hände zitterten, aber ich tat so, als wäre alles normal. Was hätte ich auch tun sollen? Meinen Nachbarn bei einer der ersten Begegnungen einweihen: "Wissen Sie, mein Mann reagiert manchmal wie ein Verrückter?" Ich trank meinen Kaffee aus, sagte: "Vielleicht treffen wir uns bald mal zu viert auf ein Glas Wein." Dann ging ich nach Hause. Sebastian saß vor dem Fernseher. Ich schloss die Balkontür, schrie ihn so laut an, dass das Baby in meinem Bauch wahrscheinlich zu Tode erschrak: "Warum machst du mir solche Szenen? Ich kann mich bald nirgends mehr blicken lassen!" Ich heulte. Er starrte auf die Mattscheibe und sagte: "Ist doch wahr: Wenn ihr euch so super versteht, dann geht doch gleich ins Haus zum Vögeln!"

Wie oft habe ich solche Situationen erlebt. Situationen, in denen Sebastian in ungezügelte Wut gerät, weil er sich von einem x-beliebigen Mann bedroht fühlt. Wie kann ein intelligenter Mensch so primitiv reagieren? Kaum jemand kann sich diese Seite an ihm vorstellen, denn Sebastian tritt überall als Frohnatur, als souveräner, weltoffener Typ auf. Er selbst flirtet sogar gern! Er legt Frauen kumpelhaft den Arm um die Schulter, kann stundenlang Witze erzählen und sich bewundern lassen. Über seine Ausraster spreche ich nur mit meiner engsten Freundin. Ich will nicht, dass andere anfangen, unsere Beziehung auszuzählen wie einen taumelnden Boxer. Es ist ja auch nach vier Jahren noch so: Ich finde ihn ungeheuer anziehend. Er ist der beste Liebhaber, den ich je hatte. Mit niemandem würde ich lieber auf eine einsame Insel ziehen. Sobald wir zu zweit sind, er meine ungeteilte Aufmerksamkeit hat, gibt es zwischen uns keine Probleme. Aber wehe, wenn andere Männer in unserer Umlaufbahn auftauchen.

Wir haben uns vor vier Jahren im Tennisverein getroffen. Sebastian war 30, Bauunternehmer und kurz vorher von seiner Freundin verlassen worden. Ich war 23 und hatte eine nur noch halb lebendige Beziehung zu einem Bildhauer, der 300 Kilometer entfernt wohnte. Bei Sebastian und mir funkte es sofort. Er gefiel mir: groß, sportlich, funkelnde braune Augen, mit denen er mich ganz direkt und offen ansah. Wir spielten ein paar Tage später zusammen Tennis, plötzlich küsste er mich - vor allen! Sein Mut, seine Eindeutigkeit imponierten mir. So etwas war ich von meinem Künstler überhaupt nicht gewohnt. Ich war in Sebastians Bann gezogen. Was meine engste Freundin mir damals bereits sagte, ignorierte ich: Sebastian komme ihr extrem besitzergreifend vor. Er ließ mich nicht aus den Augen. Immer legte er den Arm um mich und nahm meine Hand, wenn wir zusammen unterwegs waren. Das tat mir gut. Es tut mir heute noch gut, weil ich mich bei ihm sicher und beschützt und wahnsinnig sexy fühle - aber der Preis für diese Gefühle ist verdammt hoch.

Bei unserer Hochzeit ein Jahr später glühte er vor Stolz. Trotzdem: Bereits da begleitete mich die Angst, dass die Stimmung kippen könnte. Als mein Vater mich zum Walzer holte, fuhr mir der Schreck in die Glieder. Und gleichzeitig dachte ich: "Um Gottes willen, wie eingeschüchtert ich bin, ich wage kaum, mit meinem eigenen Vater zu tanzen." Natürlich habe ich meine Angst überspielt. Als mich andere Männer zum Tanzen aufforderten, strahlte ich sie an und sagte: "Nein danke, an meiner Hochzeit tanze ich nur mit meinem Mann!" Die anderen fanden das schrill und zogen mich damit auf - sie hatten keinen Schimmer, dass ich nicht von seifenopernartiger Liebe zu meinem Mann erfüllt war, sondern Angst hatte, Sebastian für den Rest des Festes zum Feind zu haben. Manchmal denke ich: Sein Misstrauen nimmt mir die Luft zum Atmen.

Vor unserer Hochzeit hatte es einige Erlebnisse gegeben, die saßen mir in den Knochen: Einmal waren wir auf einem Fest eingeladen. Ein Kollege aus der Agentur forderte mich auf. Er tanzt wunderbar Rock'n' Roll, wir hatten riesigen Spaß. Erst verstand ich gar nicht, was los war, als ich zurück an meinen Platz kam. Sebastian tanzte auch - ich fand das völlig in Ordnung, knuffte ihn fröhlich in die Hüfte. Dass er mich die nächsten zwei Stunden völlig ignorierte, irritierte mich dann doch. Er zog eine Frau nach der anderen auf die Tanzfläche, gab Sekt aus, schenkte mir keinen Blick. Ich litt. Ich fragte ihn, was eigentlich los sei. Da knallte er mir wütend hin: "Wenn du mit anderen Männern rummachst, dann mache ich das Gleiche." Mir war schlecht, aber ich tat, als wäre alles in Ordnung. Ich machte ein fröhliches Gesicht, damit niemand merkte, was zwischen uns los war. Der begehrte Sebastian, mein Traummann, wir beide, das Traumpaar - ich wollte nicht, dass dieses Bild Kratzer bekam.

Es fällt mir schwer, das zuzugeben, da ich mich eigentlich für eine emanzipierte Frau halte - aber inzwischen bin ich übervorsichtig mit Männern, wenn Sebastian dabei ist. Viele Kontakte zu alten Bekannten sind deswegen eingeschlafen. Ich erfinde Ausreden. Dass ich nur Sebastians Ausraster vermeiden will, wage ich niemandem zu sagen. Ich kann mir die Reaktionen ja vorstellen: Ich solle mich von diesem Macho trennen! Aber ich will Sebastian nicht verlieren.

Anfangs war ich überzeugt, Sebastians überzogene Reaktionen würden sich legen, wenn er nur erst Vertrauen zu mir hat. Ich redete mir ein, seine extreme Unsicherheit könnte damit zu tun haben, dass seine Freundin mit einem anderen durchgebrannt ist. Ich stellte meine eigenen Bedürfnisse zurück. Zum Beispiel, was meinen Ex-Freund angeht. Als ich Sebastian kurz nach unserer Hochzeit erzählte, mein Bildhauer würde uns besuchen wollen, ging er hoch wie eine Stichflamme: Mit so einer Frau wolle er nichts mehr zu tun haben, ich solle mit meinen Ex-Freunden machen, was ich wolle - zwischen uns sei Schluss. Er riss die Tür auf und schob mich raus. Ich stand vor unserer Wohnung, fassungslos.

Im Nachhinein denke ich: Ich hätte hart bleiben sollen. Klarstellen: Ich pflege die Kontakte, die ich pflegen will. Du bist für mich die Nummer eins, aber ich möchte auch mit anderen Männern tanzen, ein Bier trinken. Ich schaffte es nicht, hatte Angst, dass er mich verlassen würde. Ich merkte ja, wie gut er überall ankam. Er hat diesen offensiven Charme, den Frauen toll finden. Nach der Bildhauer-Szene fuhr ich wie ein geprügelter Hund zu meiner Freundin.

Erst zwei Wochen später war er bereit, mich zu sehen. Zwei Wochen, in denen ich immer mehr in die Knie ging. Als wir uns wieder trafen, überschüttete er mich mit seiner Zuneigung und stellte gleichzeitig klar, er dulde es nicht, dass ich zu meinen Ex-Freunden Kontakt hätte. Er bestand darauf: "So etwas ist nicht normal!" Ich hatte ihn so sehr vermisst, ich war so verwirrt - also brach ich den Kontakt zu meinem Bildhauer ab.

Inzwischen haben viele Bekannte irgendwelche kleinen oder größeren Szenen mitgekriegt. Ich merke, dass die Leute uns nicht einordnen können. Einerseits haben wir diese "Wir lieben uns über alles"-Ausstrahlung. Sebastian rückt meinen Stuhl zurecht, legt seine Hand auf mein Bein, nennt mich "Schätzchen". Andererseits: diese fiesen Bemerkungen, die grimmigen Blicke, die er auf jeden vermeintlichen Nebenbuhler abfeuert. Angesprochen hat mich noch niemand. Nur meine Freundin kennt meine Gefühle. Und die kann die Geschichten schon nicht mehr hören. Vor Kurzem hat sie gesagt: "Entweder du lässt dich scheiden. Oder du kaufst dir eine Burka." Sie zeigt mir das nicht, aber ich weiß, dass sie sich über meine Schwangerschaft nicht mitfreuen kann.

Mir kommt alles so ausweglos vor. Wir sind verheiratet, ich bin schwanger, wir haben ein Haus gebaut. Eheberatung lehnt Sebastian ab. Er will seine Probleme nicht anschauen. Es ist unmöglich, mit ihm über seine Ausraster zu sprechen. Ich habe mich jetzt allein bei einer Beratungsstelle angemeldet. Dass alles besser wird, wenn unsere Tochter auf der Welt ist - daran glaube ich nicht. Nachbarschaft, Kindergarten, Schule, überall begegnen einem Männer, überall lauert die Gefahr, dass Sebastian ausflippt.

BRIGITTE Heft: 21/07 Foto: Brita Sönnichsen Protokoll: Nina Poelchau
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