"Wir hätten nie gedacht, dass es eine faire Lösung gibt"

Wie es mit einer Mediatorin gelingt, sich als total zerstrittenes Paar auf einen Kompromiss zu einigen

Zu Beginn der ersten Mediationssitzung flogen die Fetzen. Gerd, 42, und Bettina, 40, redeten wild durcheinander. Er forderte, sie solle zurückkommen und wieder zu Hause einziehen. Sie bestand darauf, er sei schließlich schuld an der Trennung, die Kinder bräuchten sie - also müsse er seine Sachen packen und aus dem gemeinsamen Haus ausziehen. "Unsere Mediatorin ließ uns erst mal alles auf den Tisch knallen", erinnert sich Bettina. "Dass wir nach sechs Sitzungen eine wirklich gute Lösung finden würden, hätten wir uns nach der ersten Stunde beide überhaupt nicht vorstellen können."

Gerd, der als Orthopäde arbeitet, hatte eine Affäre mit seiner Kollegin. Für Bettina war das der Schlusspunkt unter einer ohnehin schon brüchigen Beziehung. Sie zog Hals über Kopf aus, nahm sich eine kleine Wohnung. Pflichtbewusst fuhr sie tagsüber zum gemeinsamen Haus, kümmerte sich um den Haushalt und die vier Kinder, abends fuhr sie zurück in ihre Wohnung. Gerd überwies ihr 450 Euro im Monat für die Miete, mehr nicht. Als Honorarkraft an der Volkshochschule verdiente sie im Monat 390 Euro dazu. "Die Situation war schrecklich", sagt sie. Gerd legte unregelmäßig Haushaltsgeld auf den Tisch und verweigerte sich jedem Gespräch. Als Bettina die Scheidung einreichte, drohte Gerd, sie werde auf alle Fälle das Haus verlieren. Gute Freunde rieten dem Paar zu einer Mediation. Zunächst mussten beide schlucken: Eine Sitzung sollte 180 Euro kosten. Doch schnell wurde klar: Wenn sich jeder einen eigenen Anwalt nimmt, um strittige Fragen zu klären, zahlen sie ein Vielfaches davon.

Die Mediatorin, eine ausgebildete Rechtsanwältin und Familientherapeutin, bat das Paar nach der turbulenten Eröffnung, in Ruhe über ihre Wünsche und Befürchtungen zu sprechen. "Jeder von uns hatte das Gefühl, endlich ausführlich zu Wort zu kommen", erinnert sich Bettina. Sobald Vorwürfe und Schuldzuweisungen aufflackerten, verwies die Mediatorin mit Nachdruck darauf, dass es nicht darum gehe, die Verletzungen der Vergangenheit aufzuarbeiten. Sondern darum, eine einvernehmliche Lösung zu finden. Es kristallisiert sich allmählich heraus: Auch Gerd kann sich die Trennung von Bettina vorstellen. Er befürchtet vor allem, die Kinder nicht mehr zu sehen und das Haus zu verlieren, an dem er sehr hängt. Bettinas Wunsch: bei den Kindern zu bleiben und genügend Geld zu haben, um sie zu versorgen. Noch heute, ein gutes Jahr später, wundert sich Bettina, wie schnell es möglich war, konstruktiv und sachlich zu verhandeln. Ihre Erklärung: "Die Mediatorin war völlig neutral. Es war immer klar, dass keiner über den Tisch gezogen wird." Der Kompromiss sieht schließlich so aus: Gerd zieht in eine Stadtwohnung, zahlt 2000 Euro Unterhalt. Sobald die jüngste Tochter erst einmal auf eigenen Füßen steht, wird er zurück ins Haus ziehen und Bettina auszahlen. Sie nimmt sich dann eine eigene Wohnung. In der letzten Stunde wird das Gesamtpaket notariell beurkundet. Alle finanziellen Aspekte sind geregelt. Die Scheidung geht schnell über die Bühne.

Die Kinder kommen mit der neuen Situation gut zurecht. Gerd besucht sie regelmäßig. Bettina hat eine Teilzeitstelle an der Volkshochschule in Aussicht. "Eine Mediation ersetzt natürlich keine Therapie", so ihr Fazit. "Aber sie macht einen fairen Umgang miteinander viel leichter."

Protokoll: Nina Poelchau Ein Artikel aus der BRIGITTE
Themen in diesem Artikel