Ab wann ist eine Paartherapie sinnvoll?

Liebe ist die Antwort auf alle Fragen? Nicht ganz. Sie stellt auch ziemlich viele. Diesmal beantwortet Psychologe und Paartherapeut Oskar Holzberg die Frage: Ist es für eine Paartherapie nie zu früh?

Ja - denn Paare gehen meistens zu spät zur Paartherapie. Und nein - denn vor dem Traualtar hat eine Therapeutin oder ein Therapeut nichts zu suchen.

Die meisten Frauen gehen aus diesem Grund fremd

Es gibt einiges zu beachten

Die Eheleute D. sind das, was Paar-Profis "hochstrittig" nennen. Sobald er zu sprechen beginnt, unterbricht sie ihn verärgert: Was er sage, beweise doch gerade wieder nur, wie gefühlskalt und rücksichtslos er sei. Umgekehrt fällt auch er ihr sofort ins Wort und wirft ihr lautstark vor, dass sie wieder mal die Wahrheit verdrehe und es so alles gar nicht gewesen sei.

Sie sind eines dieser Paare, die überhaupt nicht mehr miteinander sprechen können, weil beide von Wut, Verzweiflung und verletzten Gefühlen überflutet werden. Auf meine Frage an solche Paare, wann die Streitigkeiten begonnen haben, erfahre ich meist, dass das schon Jahre her ist. Es fing an, als sie sich mit den Kindern alleingelassen fühlte, oder als ihn ihr heißer Flirt mit dem Klavierlehrer so verletzt hat.

Paare kommen oft zu spät in die Paartherapie. Weil es lange schwer ist, sich einzugestehen, allein nicht weiterzukommen. Und weil bei streitbaren Paaren alles zum Konflikt wird: Regt einer an, sich Hilfe von außen zu suchen, verweigert der andere das. Wäre es also eine gute Idee, wenn Paare eine Therapie für ihr Beziehungsleben machten, bevor es überhaupt Probleme gibt - vorbeugend sozusagen? Paartherapie wie der alljährliche Gesundheits- Check-up bei der Hausärztin?

Oskar Holzberg, 64, berät seit mehr als 20 Jahren in seiner Hamburger Praxis Paare und bekommt immer wieder Beziehungsfragen gestellt. Sein aktuelles Buch heißt: "Neue Schlüsselsätze der Liebe" (242 S., 20 Euro, Dumont).

Natürlich ist es gut, wenn wir Paarprozesse, Kommunikation und emotional intelligentes Verhalten verstehen. Dazu gibt es unendlich viel Literatur und zahllose Kurse. Es kann auch tatsächlich helfen, präventiv einen Profi aufs Beziehungsleben schauen zulassen, um mögliche Konflikte zu entdecken, bevor sie eskalieren. Aber das ist keine Paartherapie. Und längst auch nicht jedes Paar kommt in die Situation, dass es eine braucht.

Wenn wir die Schwachstellen unserer Liebesbeziehung lieber sofort auf die Therapiecouch legen wollen, bevor es vermeintlich zu spät ist, tappen wir auch in eine Falle. Denn im schnellen Ruf nach dem Beziehungsexperten verbirgt sich die Botschaft, dass eine perfekte Partnerschaft möglich ist - wenn wir nur alles richtig machen.

Man muss immer Kompromisse eingehen können

Aber das ist eine Illusion. Kein Partner ist die verkörperte Erfüllung all unserer Beziehungssehnsüchte. Keine Liebe wird ohne Enttäuschung weiterleben. Jedes Paar muss um Lösungen und Kompromisse ringen. Muss lernen, nach Konflikten wieder aufeinander zuzugehen und schwierige Gefühle miteinander zu teilen. Da kann eine Therapie helfen. Aber wir müssen auch unsere Unzulänglichkeiten und die des Gegenübers annehmen und anerkennen, dass es auf Erden keinen ungetrübten Liebeshimmel gibt. Nur gute Beziehungen, in denen wir zwar resigniert seufzend Abschied von unseren Glücksträumen nehmen, aber wissen, dass wir dafür mit Geborgenheit im Miteinander belohnt werden. Ein Sich-Fügen und Zufriedengeben, um zufrieden zu werden. Diesen inneren Reifungsprozess kann uns niemand abnehmen.

Eine Anregung habe ich aber, damit Paare nicht zu spät zur Therapie gehen: Warum nicht in den guten Zeiten unserer Beziehung vereinbaren, dass es reicht, wenn einer von uns eine Paartherapie unumgänglich findet - damit wir sie dann gemeinsam machen.

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Brigtte 10/2019

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