Homosexuelle Paare mit Kindern: Klischee und Wahrheit

Immer homosexuelle Paare wünschen sich eigene Kinder - doch die Adoption wird Ihnen in Deutschland nach wie vor schwer gemacht. Wie weit Klischee und Wahrheit auseinander liegen, zeigt die Fotoserie "Neue Familienporträts" von Verena Jaekel.

Eigentlich hält sich Verena Jaekel für sehr tolerant. Ihre Devise ist: Menschen sind verschieden, soll jeder doch auf seine Weise glücklich werden. Dass aber auch sie Vorurteile hat, wurde ihr klar, als sie ihre erste so genannte "Regenbogenfamilie" besuchte. Ein schwules Paar mit Kind hatte sich bereit erklärt, sich von der Fotografin porträtieren zu lassen. Als Jaekel die genannte Adresse erreichte, war sie überrascht: Sie stand sie vor einem Einfamilienhaus mit Garten, alles war ordentlich und weihnachtlich geschmückt, im Innern wurde gerade das Abendbrot serviert. Ein typisch bürgerliches Familienidyll. "Ich dachte ehrlich, ich hätte mich in der Hausnummer geirrt", gibt die 27-Jährige zu.

Doch Verena Jaekel merkte schnell: Nur weil die Eltern das gleiche Geschlecht haben, heißt das nicht, dass im Wohnzimmer täglich Christopher-Street-Day gefeiert wird. Sie traf im Verlauf ihrer Arbeit ganz normale Familien mit einem normalen Familienalltag, nicht mehr oder weniger flippig als andere Sippen auch. Anders, unkonventionell sind sie nur deshalb, weil ihre Umwelt sie so wahrnimmt.

Mit eben dieser von Klischees verzerrten Wahrnehmung spielen Verena Jaekels Fotografien. Es sind traditionelle Familienporträts, wie sie in ähnlicher Form seit Jahrhunderten an heimischen Wänden hängen. Und doch fallen sie aus dem Rahmen. "Mein Ziel ist es, die Betrachter zu verwirren", sagt Jaekel. "Viele Leute merken zuerst gar nicht, dass die Eltern auf den Bildern das gleiche Geschlecht haben." Auf dem zweiten Blick jedoch stellen sie fest: Ach ja, es gibt ja auch noch andere Formen des Familie als "Vater-Mutter-Kind". Dafür will Verena Jaekel die Menschen sensibilisieren.

Die Idee für ihr Projekt kam der Fotografin aus Berlin während eines USA-Aufenthalts. "Ich habe in Los Angeles jemanden kennengelernt, der bei einer Leihmütter-Vermittlung arbeitet." Sie war überrascht, wie viele homosexuelle Paare sich Kinder wünschen und fasziniert von den Geschichten, die sie zu erzählen hatten. "Die USA sind Vorreiter, was die Akzeptanz von gleichgeschlechtlichen Eltern angeht und weltweit wichtig für die Bewegung."

Tatsächlich hat in den Vereinigten Staaten die Zahl der Kinder mit homosexuellen Eltern in den vergangenen Jahren stark zugenommen, man spricht vom so genannten "Gayby-Boom". Wie viele Kinder mit homosexuellen Eltern es genau gibt, ist nicht bekannt, die Schätzungen bewegen sich zwischen 100.000 und mehreren Millionen. Die Paare kriegen die Kinder per Adoption, Pflegelternschaft, Samenspende und dank Leihmüttern. Viele Kinder stammen auch aus früheren heterosexuellen Beziehungen.

Auch die Familien, die Verena Jaekel fotografiert hat, sind auf die unterschiedlichste Weise entstanden. "Es ging mir darum, die Vielfalt zu zeigen." Auffällig sei, so Jaekel, dass die persönlichen Hintergründe der Paare recht ähnlich seien, ganz gleich, ob sie nun in New York oder Brandenburg wohnten. Doch was die praktischen Bedingungen angeht, haben Schwulen und Lesben in Deutschland mit sehr viel höheren Hürden zu kämpfen.

Wie viele homosexuelle Paare in Deutschland mit Kindern leben, ist nicht genau bekannt. Eine Studie des nordrhein-westfälischen Familienministeriums geht von rund 700.000 Kindern aus, die meisten davon stammen aus früheren heterosexuellen Beziehungen. Seit 2005 dürfen Schwule und Lesben leibliche Kinder ihrer Partner adoptieren (Stiefkindadoption) - eine gemeinschaftliche Adoption hingegen ist bisher nicht möglich. Auch wenn Homosexuelle in einer eingetragenen Lebensgemeinschaft (Homo-Ehe) zusammenleben, ist es ihnen nur erlaubt, als Einzelperson ein Kind zu adoptieren. Der Partner erhält ein Mitspracherecht bei der Erziehung, nicht das volle Sorgerecht.

Dadurch haben Schwule und Lesben bei der Adoptionsvermittlung schlechte Karten: Die Wartelisten für Kinder aus Deutschland sind lang, bevorzugt werden immer verheiratete Paare, am besten gut verdienend und am besten heterosexuell. Bei Auslandsadoptionen sieht es für Schwule und Lesben noch schlechter aus, da die Vorbehalte gegenüber Homosexuellen in vielen anderen Ländern sehr groß sind. Vor allem alleinstehende Männer seien bei der Vermittlung von ausländischen Kindern nahezu chancenlos, gibt man bei der Vermittlungsstelle Global Adoption Germany zu. Auch Verena Jaekel erfuhr bei ihren Recherchen, dass Homosexuelle bei Adoptionen häufig diskriminiert werden. "Ein schwules Paar erzählte mir zum Beispiel, die einzigen Kinder, die man ihnen angeboten habe, seien HIV-infiziert gewesen."

Alternativen zur Adoption sind für gleichgeschlechtliche Paare begrenzt. Kinder über eine Leihmutter auszutragen, ist in Deutschland grundsätzlich verboten. Eine Befruchtung durch eine Insemination (Samenspende) ist Lesben zwar gesetzlich erlaubt - doch die wenigsten Ärzte sind bereit, einen solchen Eingriff bei homosexuellen Frauen vorzunehmen, da die Ärztekammer dies in ihrer Berufordnung ablehnt. Lesbische Paare können sich lediglich privat per Einwegspritze die Samen eines Bekannten einführen lassen. Eine weitere Möglichkeit: die Pflegeelternschaft. Allerdings müssen sich Homosexuelle auch hier hinten anstellen. "Aufgrund homophober Vorurteile bevorzugen viele leibliche Eltern heterosexuelle Paare oder alleinstehende heterosexuelle Frauen", ist die Erfahrung der Initiative lesbischer und schwuler Eltern (ILSE).

In den USA haben es die Paare leichter. Anders als in Deutschland dürfen dort auch unverheiratete Frauen die Dienste eines anonymen Samenspenders in Anspruch nehmen, und schwule Männer können über Leihmütter Vater werden. In fast allen Bundesstaaten ist es schwulen oder lesbischen Paaren außerdem erlaubt, gemeinsam Kinder zu adoptieren.

Doch Verena Jaekel glaubt, dass sich die Situation in Deutschland für Homosexuelle bald bessern wird. "Man spürt, dass gerade ein Umdenken stattfindet." Ginge es nach Bundesjustizministerin Brigitte Zypries, wäre das Umdenken schon längst abgeschlossen. Die SPD-Politikerin setzt sich schon lange für ein allgemeines Adoptionsrecht für Homosexuelle ein. Derzeit läuft im Auftrag des Justizministeriums eine Studie zu Regenbogenfamilien, von deren Ergebnis sich Zypries Argumente für die Durchsetzung ihrer Pläne erhofft. Rückenwind gibt der Ministerin bereits jetzt ein Urteil des Europäische Gerichtshof für Menschenrechte: Im Januar entschieden die Richter, dass Homosexuelle bei der Adoption nicht wegen ihrer Sexualität benachteiligt werden dürfen. Erlaubt ist die gemeinschaftliche Adoption bereits in Schweden, Andorra, Spanien, Großbritannien, Belgien, Island und den Niederlanden.

Für mehr Akzeptanz in der Gesellschaft setzen sich auch Prominente wie Judith Holofernes ein, die in einer Regenbogenfamilie aufwuchs. Die Sängerin der Band Wir sind Helden empfand es nicht als problematisch, dass ihre Mutter mit einer Frau zusammenlebte. "Das Lesbischsein meiner Mutter hat mir eher das Rückgrat gestärkt. Und das hat mich auch sehr loyal gemacht ihr gegenüber", so Holfernes gegen über der Tageszeitung. Sie spricht sich auch klar dafür aus, homosexuellen Paaren die Adoption möglich zu machen. "Wenn jemand ein Kind adoptieren will, dann ist da ein deutlicherer Impuls da, dass man es haben will, um es zu lieben und ihm ein gutes Zuhause zu geben, als bei den unfassbar vielen Paaren, die Kinder haben, weil sie heterosexuell sind und das mit den Kindern eben so mal passiert ist."

Dass es sich Schwule und Lesben sehr genau überlegen, ob sie ein Kind haben wollen oder nicht, stellte auch Verena Jaekel fest. "Die Paare, mit denen ich gesprochen habe, haben ihre Situation intensiv reflektiert." Wie sieht das Umfeld aus? Ziehen die Familien der Eltern mit? Ist der Wohnort liberal genug? "Es wird sehr ehrlich über alles geredet, auch mit den Kindern." Das offene Gespräch ist wichtig, gerade im Familien- und Bekanntenkreis. "In fast allen Fällen standen Freunde und Verwandte voll hinter den Paaren und und freuten sich über den Nachwuchs", sagt Jaekel.

Doch nicht alle freuen sich über die Vielfalt. Obwohl es mittlerweile viele Studien gibt, die zeigen, dass sich gleichgeschlechtliche Eltern keinesfalls negativ auf das Rollenverhalten und die Geschlechtsidentität der Kinder auswirkt, sind die Vorbehalte noch groß. So hat sich etwa der evangelische Landesbischof Johannes Friedrich jüngst entschieden gegen das allgemeine Adoptionsrecht für homosexuelle Paare ausgesprochen. Für das Kindeswohl sei es angebracht, dass ein Kind mit einer männlichen und einer weiblichen Bezugsperson aufwächst, so der bayerische Kirchenmann. Er kündigte an, sich vehement gegen Brigitte Zypries' Pläne einzusetzen.

Verena Jaekel hofft, mit ihrer Fotoserie zu mehr Toleranz beizutragen. "Es freut mich, dass die Ausstellungsbesucher durchweg positiv auf die Bilder reagieren und sehr interessiert an den Geschichten der Familien sind." Dass ihre Arbeit selbst Skeptiker umstimmen kann, zeigen die Reaktionen auf die Interviews, die per Video parallel zur Ausstellung gezeigt werden. "Mein Gott, zwei Männer und ein Kind?" habe eine Besucherin zu Anfang des Films gesagt und den Kopf geschüttelt. Doch im Verlauf des Films habe sie ihre Meinung geändert, erzählt Jaekel. "Am Schluss war sie sogar richtig begeistert von den Familien und der Art, mit ihrer Situation umzugehen."

Liebe Leserinnen, aus Copyrightgründen, sind die Fotos von Verena Jaekel leider nicht mehr online zu sehen. Sie können sie aber auf ihrer Homepage sehen unter www.verenajaekel.com

Text: Michèle Rothenberg

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