Ahnenforschung: Uroma im Internet

Woher stammen wir? Schlummert vielleicht mehr in unseren Genen, als wir ahnen? Um Antworten zu finden, machen sich viele im Internet auf die Suche nach den eigenen Wurzeln. Drei Frauen und eine Profi-Ahnenforscherin erzählen.

Vielleicht wurde die Urahnin im Mittelalter Opfer einer Hexenverbrennung. Oder der Urururur-Großvater war ein Graf von und zu, womöglich ein spanischer Eroberer... Nie war es einfacher als heute, mehr über die Vergangenheit seiner Familie zu erfahren: mit einigen Mausklicken lässt sie sich im Internet aufstöbern, ohne verstaubte, kaum leserliche Kirchenbücher wälzen zu müssen.

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Lange Zeit war Ahnenforschung in Deutschland verschrien. Denn unter den Nationalsozialisten mussten alle Bürger ihre arische Abstammung per Dokument nachweisen. Damit hat die Suche nach den Urgroß- und noch älteren Eltern aber heute gar nichts mehr zu tun. Sie ist: Privatsache, Hobby - und kann viel Spaß machen. Manch einer findet bei der Suche nach den Vorfahren am heimischen Computer Erstaunliches heraus:

Drei Frauen, die nach ihren Ahnen geforscht haben, erzählen, warum sie auf die Suche gegangen sind, was dabei herausgekommen ist und geben Tipps für die Suche im Netz.

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Nur nicht aufgeben

Sonja Berg

Sonja Berg (37) erzählt von ihren Erfahrungen:

Ich habe mich vor einem Jahr im Internet auf die Suche nach meinen Vorfahren gemacht, weil ich mit meinen Eltern sehr oft umgezogen bin. Ich wollte erfahren, wo meine Familie herkommt.

Am besten hat mir bislang Ancestry.de gefallen. Dort kann man seinen Stammbaum anlegen, es geht ganz leicht. Außerdem kann man seine Verwandten einladen, ihr Wissen zum Stammbaum beizusteuern. Dadurch hatte ich ein ganz besonderes Erlebnis: Ein Angehöriger hat ein altes Foto von einer meiner Ur-Urgroßmütter hochgeladen, so dass ich zum ersten Mal weit in meine eigene Vergangenheit "sehen" konnte. Allerdings muss man für die volle Nutzung der Webdienste von Ancestry.de Gebühren bezahlen.

Auf die Frage, wo ich herkomme, habe ich aber nach wie vor keine klare Antwort gefunden. Anscheinend waren meine Vorfahren richtige Nomaden: Meine Ahnen sind wahrscheinlich aus Nordspanien über Südfrankreich in die Schweiz und dann nach Deutschland gekommen. Ob ich mit meiner Vermutung richtig liege, weiß ich aber noch nicht.

Deshalb spiele ich mit dem Gedanken, noch einen Schritt weiter zu gehen: Firmen wie Igenea können anhand eines DNA-Tests die Herkunft der Vorfahren bestimmen. Zum Beispiel, ob ich französische oder osteuropäische Vorfahren habe. Es genügt eine Speichelprobe und man weiß Bescheid. Dieser Test würde mir zwar keine Namen und andere individuellen Informationen über meine Vorfahren liefern, aber wenigstens würde ich ein Gefühl für meine geographische Herkunft bekommen.

Persönlicher Tipp: Bei Ancestry.de können alle nahen und fernen Verwandten zusammen einen Stammbaum erstellen.

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Auf der Suche nach blauem Blut

Barbara Schmidt

Für Barbara Schmidt (30) begann es als Zeitvertreib.

Ich habe mehrere Freundinnen, die sich mit ihrem Stammbaum befasst haben. Eine von ihnen konnte ihre Vorfahren bis zu einem bayerischen Adelsgeschlecht aus dem 18. Jahrhundert zurückverfolgen. Das hat mir imponiert, und ich wollte mich auch auf die Reise in die Vergangenheit machen. Mir diente die Ahnenforschung allerdings weniger der Identitätsfindung als dem Zeitvertreib. Es hätte mich einfach amüsiert, herauszufinden, dass ich aus einem Adelsgeschlecht stamme, aber ich weiß jetzt, dass ich nicht blaublütig bin.

Es war sehr spannend, plötzlich alte Fotos von Vorfahren zu sehen und ihre Namen kennenzulernen. Aber irgendwie bekam ich auch ein mulmiges Gefühl, als ich mit der eigenen entfernten Vergangenheit konfrontiert wurde. Denn auf den Fotos, die ich gefunden habe, waren meine Urgroßeltern etwa in meinem Alter. Das führte mir die eigene Vergänglichkeit vor Augen. Nichtsdestotrotz machte mir die Ahnenforschung großen Spaß.

Der erste Klick ins Internet war allerdings entmutigend: So viele unterschiedliche Anbieter! Wie sollte ich da verlässliche Websites finden? Daher habe ich erstmal den Verein für Computergenealogie kontaktiert. Das empfehle ich übrigens allen, die gerade am Anfang dieses Abenteuers stehen: sich fachmännischen Rat suchen und herausfinden, wie man hilfreiche von nutzlosen Websites unterscheiden kann.

Persönlicher Tipp: Gegen einen Jahresbeitrag von 35 Euro gibt der Verein für Computergenealogie fachmännische Tipps und Unterstützung. Außerdem stellt er werbefreien Webspace zur Verfügung, wo man seine eigene genealogische Website erstellen kann.

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Urkunden, Urkunden, Urkunden

Elisabeth Wolf (48) hätte fast aufgeben:

Ich habe mich schon als Mädchen für Genealogie interessiert. Für mich spielt es eine große Rolle zu wissen, wer meine Vorfahren sind. Immerhin stellen sie einen Teil meiner Identität dar. Ohne unsere entfernten Verwandten hätten wir schließlich nie existiert.

Dieser Gedanke ist für mich ein großer Anreiz, mich mit dem Thema zu befassen. Außerdem möchte ich, dass meine Kinder ein Bewusstsein dafür entwickeln, dass Familie weiter in die Vergangenheit reicht als die Lebensspanne der Eltern und Großeltern. Dadurch können sie einen persönlicheren Bezug zur Geschichte entwickeln, weil sie historische Ereignisse mit dem Schicksal der eigenen Familie verbinden können. Ich habe mit der Ahnenforschung begonnen, indem ich die Familiendokumente durchgeblättert und sortiert habe: Geburtsturkunden, Heiratsdokumente, Taufurkunden, Sterbeurkunden - sie gaben erste Hinweise über Namen und Orte, mit denen ich mich näher befassen sollte. Nachdem ich mir einen ersten Eindruck verschafft habe, wollte ich das Internet nutzen, um zusätzliche Informationen zu bekommen.

Ich hätte fast aufgegeben: Mindestens 200 Ahnenforschung-Websites habe ich gefunden. Die meisten sind kostenpflichtig, und man weiß nie, ob die Informationen am Ende überhaupt stimmen. Auch die so genannte Genealogie-Software, die man überall bestellen kann, finde ich überflüssig, ich habe einfach selbst eine entsprechende Tabelle am PC angelegt.

Bislang bin ich mit meinen Forschungen bis zu Beginn des 18. Jahrhunderts vorgedrungen. Das 17. Jahrhundert ist sehr kritisch, weil damals im Zuge des 30-jährigen Krieges sehr viele Dokumente vernichtet worden sind und es auch sonst viele demographische Bewegungen in Europa gegeben hat. Aber ich bleibe am Ball.

Persönlicher Tipp: 2007 hat die Stiftung Warentest vor Websites wie Genealogie.de gewarnt, weil Besuchern kostenpflichtige Verträge aufgezwungen wurden. Angesichts solcher Probleme möchte ich jedem empfehlen, sich Informationen über zuverlässige Sites einzuholen und nicht wahllos mit der Ahnenforschung zu beginnen. Ich rate Interessierten zu GenWiki. Hier bekommt man einen guten ersten Überblick.

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Interview mit einer Profi-Ahnenforscherin

BRIGITTE.de: Was genau bedeutet Genealogie?

Andrea Bentschneider: Es gibt zwei Ansätze: Einmal die

Ahnenforschung

: die klassische Suche nach den Vorfahren. Zum Zweiten gibt es die

Familienforschung

. Dabei handelt es sich um eine Suche, die sich von der Vergangenheit hin zur Gegenwart bewegt und die Geschwister und Kinder der Vorfahren einschließt.

Andrea Bentschneider

BRIGITTE.de: Weshalb sind Sie Ahnenforscherin geworden? Gab es da persönliche Berührungspunkte?

Andrea Bentschneider: Ja, unbedingt. Mit 19 Jahren fiel mir ein Foto meiner Großmutter in die Hände, das sie im selben Alter zeigte. Die Ähnlichkeit mit mir war derart frappierend, dass meine Neugier geweckt war. Es war der Auslöser, meine Familiengeschichte zu erforschen. Seitdem bin ich nicht mehr zu bremsen...

BRIGITTE.de: Wie muss man sich Ihre Recherchen vorstellen? Quälen Sie sich noch durch verstaubte Folianten?

Andrea Bentschneider: Das gehört natürlich auch dazu. Das geht gar nicht anders. Da sich leider oft Informationen der Kunden als falsche Familiengerüchte erweisen,

traue ich grundsätzlich nur dem, was ich selber gesehen habe

. Also forsche ich in Archiven, Kirchen und Bibliotheken bevorzugt in Originalquellen. Ich transkribiere in Altdeutsch und Sütterlin geschriebene Dokumente. Außerdem nutze ich einige spezifische Genealogie-Websites als Anhaltspunke.

BRIGITTE.de: Die Suche nach den Vorfahren im Internet wird zunehmend beliebter. Woran liegt das?

Andrea Bentschneider: Durch das Internet wird alles leichter,

Stichworte: Globalisierung und Suchmaschinen.

Da gibt es viel weniger Berührungsängste als vor ein paar Jahren noch. Damals musste man noch direkt in die Stadtarchive oder Kirchen gehen, um etwas in Erfahrung zu bringen. Außerdem verschwindet speziell in Deutschland das Negativ-Image der Ahnenforschung im Zusammenhang mit den Nazis so langsam aus den Köpfen.

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BRIGITTE.de: An welchen Auftrag erinnern Sie sich besonders gern?

Andrea Bentschneider: Kein Forschungsprojekt gleicht dem Nächsten und jedes ist auf seine Weise spannend. Ich hatte das Vergnügen, im Rahmen eines Fernseh-Projektes die Forschungen über die Vorfahren der Schauspieler Christine Neubauer und Armin Rohde durchführen zu dürfen. Dabei habe ich nicht nur viel über deren Vorfahren herausgefunden, sondern vor allem auch zwei sehr nette, bodenständige und interessante Menschen kennen gelernt. Die Forschungen und Dreharbeiten führten bei Armin Rohde bis nach Danzig, die Spurensuche mit Frau Neubauer quer durch Bayern. Nach

mehr als zweieinhalb Jahren der Vorbereitung und Vorrecherchen

wurden die Sendungen im April dieses Jahres ausgestrahlt.

BRIGITTE.de: Wie viele Anfragen bekommen Sie jährlich?

Andrea Bentschneider: In diesem Jahr rechnen wir mit insgesamt

etwa 800 Anfragen. Knapp drei viertel davon kommen aus Übersee

, das heißt aus Nord- und Südamerika sowie Australien und Südafrika von Menschen, die auf der Suche nach den Vorfahren ihrer ausgewanderten Vorfahren sind. 20 Prozent machen Anfragen aus Deutschland aus. Die Tendenz ist steigend. Dabei sind auch Anfragen oder Hilferufe von Hobby-Genealogen, die bei ihrer individuellen Suche nicht mehr weiter kommen. Aber auch von Leuten, die zum Beispiel zu einem runden Geburtstag eine komplette Ahnenforschung mit Stammbaum verschenken möchten.

Über die Expertin: Von der Hotelfachfrau zur Ahnenforscherin: Andrea Bentschneider war von ihrer eigenen Suche nach den Wurzeln so begeistert, dass sie ihr Hobby vor fünf Jahren zum Beruf machte. Sie bietet seither unter dem Namen Beyond History professionelle Ahnen- und Auswanderungsforschungs-Dienstleistungen an. Zurzeit recherchiert sie für den australischen Fernsehsender SBS nach deutschen Vorfahren australischer Promis. Für ein ähnliches deutsches Sendeformat der ARD - "Das Geheimnis meiner Familie" - war sie auch schon aktiv.

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Linktipps

Basisinfos

http://wiki-de.genealogy.net/Hauptseite

www.genealogienetz.de

Diese Seiten bieten kostenlos Informationen, die für die genealogische Forschung wichtig sind. Besonders für Einsteiger sind die Websites ein guter Ausgangspunkt.

www.ahnenforschung-genealogie.de

Von dem etwas unprofessionellen Layout sollte man sich nicht täuschen lassen. Die private, kostenlose Website gibt gute Tipps, wie und wo die Suche am besten zu beginnen ist. Außerdem kann man in mühevoller Kleinarbeit erstellte Suchdatenbanken nutzen.

Kontakt zu Experten und Co.

www.dagv.org

Die Website der Deutschen Arbeitsgemeinschaft genealogischer Verbände e.V. liefert zum Beispiel Ansprechpartner, die wissen, ob zu bestimmten Familiennamen bereits Forschungsergebnisse vorliegen. Außerdem erhält man zuverlässige Link-Tipps.

http://berufsgenealogie.net/deutsch/start.html

Die Website des Verbandes deutschsprachiger Berufsgenealogen: Wenn man selbst nicht weiter kommt, kann man hier Experten mit der Ahnensuche beauftragen. Sie gelten als zuverlässig und sind an verbindliche Berufsgrundsätze gebunden.

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Stammbäume online

www.verwandt.de

Ein kostenloses und unverbindliches Angebot, das leicht zu händeln ist. Man kann unter anderem einen Stammbaum anlegen - den auch andere Familienmitglieder anschauen und ergänzen können.

www.familyone.de

Sehr verspielt und User-freundlich: Das Anlegen eines lebenslangen Familien-Albums mit privaten Digitalfotos und Familienvideos ist kostenlos.

www.familysearch.org

Die amerikanische Non-Profit-Website wurde 1999 von den Mormonen in Salt-Lake City ins Leben gerufen, die aus religiösen Gründen Ahnenforschung betreiben. Die "Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage" verfügt über fast unerschöpfliche genealogische Quellen. Auf der Website kann man im International Genealogical Index nach Ahnen suchen. Die Datenbank besitzt Einträge zu mehreren Milliarden kirchlicher Dokumente (Geburtsurkunden etc.), hauptsächlich für die Zeit zwischen 1500 and 1900. Die meisten Dokumente sind von Amerikanern und Kanadiern, es werden aber immer mehr europäische Dokumente in die Datenbank aufgenommen.

www.footnote.com

Wer Originaldokumente sucht, könnte hier fündig werden. Wobei man aufpassen sollte, nicht "die Katze im Sack" zu kaufen, denn einige Bilddarstellungen der angeblich originalen Dokumente sind zu schlecht, um etwas zu erkennen.

No-Go-Websites

Vor diesen Internetauftritten warnen Experten:

www.genealogie.de

www.genlogie.de

www.my-ahnen.de

www.namens-bedeutung(en).de

www.meine-herkunft.de

www.ahnen-portal.de

www.deine-gene.com

www.dein-stammbaum.de

www.dein-stammbaum.com

www.namen-ahnen.de

Text: Anna Gielas / Daniela Barth Interview: Daniela Barth Fotos: Privat / iStockphoto
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