Als Paar getrennt, als Eltern zusammen – geht das?

Ein Paar, eine Trennung – zwei Sichtweisen!

Sie sagt: "Ich will beides: ihn und euch"

Als Marion* sich vor sieben Jahren in einen anderen verliebte, stand für sie fest: Sie will mit dem Vater ihrer Kinder kein Liebespaar mehr sein, aber die Familie trotzdem erhalten.

Ja, sage ich zu Leuten, wenn sie mich mit diesem Blick anstaunen, neugierig, ungläubig und nicht selten neidisch: Ja, wir leben immer noch getrennt zusammen. Im siebten Jahr. Mama, Papa und zwei Kinder, jetzt 14 und 16. Und das soll, so denken wir uns das, bleiben, bis die beiden selbstständig und aus dem Haus sind. Wobei das mit dem Haus auch nicht so laufen soll, wie es im Bilderbuch für Familien vorgeschrieben steht: Mama und Papa lieben sich bis an ihr Lebensende, haben wie alle anderen anständigen Paare zweimal die Woche Sex, und wenn die Kinder groß sind, gehen sie aus dem Haus, und Mama und Papa wissen nicht, was sie nun mit sich anfangen sollen. Ich wiederhole die Geschichte gerne ein weiteres Mal. Denn immer wieder wollen die Menschen wissen, wie wir das hingekriegt haben: Ihr seid getrennt? Und lebt immer noch unter einem Dach? Habt ihr getrennte Betten? Und neue Partner? Kommen die zu euch nach Hause? Ist er nicht eifersüchtig? Und was sagen die Kinder dazu?

Wenn man Kinder macht, hat man Verantwortung

Es war im Hebst 2011, da begann ich, mich intensiv für einen anderen Mann zu interessieren. Für gefährlich verliebt hielt ich mich anfangs nicht, ich suchte den Thrill und Bestätigung. Das kann passieren. Nach 14 Jahren Beziehung, und wenn man ein bisschen ausgelaugt ist vom gemeinsamen Alltag. Dem Vater meiner Kinder, wir sind nicht verheiratet, war das auch schon passiert. Da waren die Kinder zwei und vier, und es war ein krasser Schock. Nicht, dass er mit einer anderen Sex hatte. Das kann mal vorkommen. Sondern dass er uns verlassen und mit ihr über alle Berge wollte. Das habe ich null verstanden. Er könne sich mit ihr austoben, sagte ich, aber Kinder lässt man nicht im Stich. Und den Partner in Crime darin auch nicht. Kinder brauchen Vater und Mutter, zu möglichst gleichen Teilen. Und wir haben immer versucht, alles zu teilen, das Geldverdienen und das Kinderpflegen, und den Beruf und das Weltbild auch. Wir sind ein gutes Team. Und wenn man Kinder macht, das ist meine tiefe Überzeugung, hat man die verdammte Verantwortung, ihnen eine stabile Bindung zu vermitteln. Denn stabile Beziehungen, Vertrauen, Ehrlichkeit und Verlässlichkeit ermöglichen es einem Menschen, ein gutes Leben zu führen.

Niemals unter der Gürtellinie!

Ein Jahr später interessierte mich der andere immer noch. Also sagte ich zu meinem Freund: Ich will beides: ihn und euch. Ich bleibe. Und ab und zu möchte ich mal gehen. Jetzt kommt der entscheidende Dreh- und Angelpunkt unserer Beziehungsgeschichte: die Stärke des Vaters meiner Kinder, der zu der Idee Ja gesagt hat. Man braucht dazu Toleranz, einen starken Willen, Kraft und Mut. Vor allem aber: Geduld. Von beiden Seiten. So haben wir uns nicht mit einem Knall getrennt, sondern in kleinen Schritten entwöhnt. Und von einem ehemaligen Liebespaar in Freunde verwandelt. Und das auf Grundlage einer ganz wesentlichen Eigenschaft. Das war und ist noch immer: unsere Art zu kommunizieren.

Das sage ich jedem, der mich fragt und sagt: Klingt ja toll, euer Modell, hätt ich auch gern! – So was, sage ich dann, funktioniert nur, wenn man offen und ehrlich miteinander reden kann. Mit den berühmten Ich-Botschaften. Niemals unter die Gürtellinie. Stets mit Respekt und Achtung. Den anderen verstehen wollen statt ihn abzuurteilen. Und außerdem folge ich einem Trick: Ab und zu trete ich neben mich und gucke mir an, was wir da im Leben vollführen. Wie eine Zuschauerin des eigenen Schauspiels. Das schafft eine gewitzte Distanz zum eigenen Ich.

Viele sagen: Visionäre Idee, aber das klappt nie. Und, die lustigste Erwiderung, die mir entgegenkam: Die Zeit ist noch nicht reif. Ja, wann denn dann? Ich habe nur ein Leben. Es wird, statistisch gesehen, so lange wie selten in der Menschheitsgeschichte. Noch nie hatten wir, vor allem als Frauen, so viel Freiheit. Überall lockern sich "die Verhältnisse". Es gibt viele Varianten, mit anderen Menschen zusammenzuleben, mit Kindern, mit Freunden und getrennt unter einem Dach. Also nahmen wir uns vor: Wir zeigen’s euch! Es hat funktioniert. Wir sind sehr offen mit unserer komischen Konstellation umgegangen und haben es allen erzählt. Als Letzte erfuhren es nach zwei, drei Jahren unsere Kinder. Weil wir ihnen versichern können wollten: Keine Angst, läuft schon seit Jahren so, und ihr habt gar nichts davon bemerkt.

Aber guck doch mal, die meisten Eltern deiner Freunde haben sich getrennt, und jetzt müssen die Kinder pendeln, das wolltest du nie.

Nach außen hin wirken wir wie eine ziemlich normale Familie. Jeder hat sein eigenes Zimmer. Wir sind beruflich wie privat viel unterwegs, für die Kinder ist das ganz normal. In unserem Heim ist immer einer von uns, Mama oder Papa. Da gibt es gemeinsame Gespräche, gemeinsames Essen und gemeinsam Urlaub. Und dann ist Papa halt mal bei seiner Freundin und Mama bei ihrem Freund. Kürzlich bat unser Großer, dass wir alle drei über Nacht weggehen, damit er daheim feiern kann. Da waren seine Kumpel neidisch. Und der Kleine findet seine Eltern nicht mehr abartig. Anfangs war für ihn unser Modell "total pervers": Niemand macht das so wie ihr! Er ist ein Romantiker, er will, dass sich seine Eltern lieben und herzen und heiraten. Ich versteh das total, sage ich dann zu ihm. Und denke an die zwei Paare in meinem großen Bekanntenkreis, die ich auch nach Jahren noch liebevoll und gut finde.

Ich sage zu ihm: Ich wünsche dir eine Liebe fürs Leben und für immer. Aber guck doch mal, die meisten Eltern deiner Freunde haben sich getrennt, und jetzt müssen die Kinder pendeln, das wolltest du nie. Alles kann ich dir leider nicht geben. Aber möglicherweise, denke ich, wird meinen Kindern später sogar bewusst, dass ihre Eltern ihnen neue Wege und Freiheiten vorgelebt haben. Und wie und dass das geht.

3 Gründe, warum er dich betrügt, obwohl er dich liebt

Nein, unsere neuen Partner sind nicht in der Wohnung, während Familie darin ist. Nein, ich war kein einziges Mal eifersüchtig. Ja, wir gehen uns manchmal auf den Keks. Dann beißen wir die Zähne zusammen oder drehen eine Runde, manchmal auch zu der oder dem anderen. Ja, das Getrennt-Zusammen-Leben erfordert auch Disziplin. Aber welche Familie braucht die nicht? Und wir werden nicht gelangweilt auf dem Sofa sitzen, wenn unsere Jungs mal aus dem Haus sind. Wahrscheinlich kommt es eher andersrum. Und die Kinder führen hier die Kommune weiter.

Er sagt: "Hatte ich mich wirklich emotional gelöst?"

Paul* ist der Vater von Marions Kindern. Die Familien-WG hat ihn einige neue Beziehungen gekostet – weil die Partnerinnen damit nicht zurechtkamen

Wie erkläre ich es ihr? – Das war die Frage, die mich am meisten beschäftigte. Es ist ja schon nicht ganz einfach, einer Frau, die man gerade kennenlernt und auch noch gut findet, zu vermitteln, dass man zwei Kinder hat. Ihr aber zu erläutern, dass man neben den zwei Kindern noch die Mutter der Kinder im Haus hat, ist eine durchaus heikle Angelegenheit. Den Frauen, die ich kennengelernt habe, war anzusehen, dass sie innerlich zusammenzuckten. Ich bin es jedes Mal ganz offen angegangen, habe versucht, den richtigen Zeitpunkt zu erwischen (nicht zu früh und nicht zu spät) und kein großes Ding daraus zu machen. Die Frauen, die ich kennengelernt habe, sind damit überraschend locker umgegangen, anfangs zumindest, aber so locker waren sie dann doch nicht.

Letztlich sind die Beziehungen (bis auf eine) am Ende auch an meinem Familienmodell gescheitert. Dass ich keinen Arsch in der Hose hätte, warf mir eine der Frauen vor. Nur so konnte sie sich erklären, dass ich noch mit meiner Ex unter einem Dach lebe. Eine andere glaubte, sie sei letztlich nicht mehr als die Liebhaberin, und vermutete, ich würde mit meiner Ex lediglich eine offene Beziehung führen. "Ich will dich nicht teilen", sagte sie. Ich konnte noch so oft versichern, dass die Mutter meiner Kinder und ich schon seit Langem nichts mehr miteinander hätten und wir nur in einer Wohnung blieben, weil die Kinder ihr gewohntes Umfeld behalten sollten.

Einerseits war ich traurig, weil wir es letztlich als Paar doch nicht geschafft hatten, andererseits fühlte ich mich aber auch befreit.

Mich schmerzte das Ende jedes Mal sehr – zum einen, weil es immer schmerzt, verlassen zu werden, zum anderen aber auch, weil ich mich fragen musste, ob diese spezielle Familien-Konstellation nicht letztlich meinem Liebesglück im Weg stand. Und ob ich mich nicht vielleicht selbst belog und in Wirklichkeit gar nicht bereit war, mich vollends auf eine neue Frau einzulassen. Hatte ich mich emotional wirklich gelöst von der Mutter meiner Kinder? Als sie mir damals sagte, sie sei verliebt und wolle beides haben, die Familie und den anderen Mann, war es für mich nicht so einfach, wie es klang, als ich ihr sagte, dass wir es versuchen könnten. Sie war mit ihm unterwegs und ich zu Hause mit den Kindern, und sie so beschwingt zu erleben, verletzte mich, weil es ein anderer war, der sie so schwingen ließ und nicht mehr ich.

Ich erinnere mich gut an das Gefühl, als wir das gemeinsame Schlafzimmer aufgelöst haben: Einerseits war ich traurig, weil wir es letztlich als Paar doch nicht geschafft hatten, andererseits fühlte ich mich aber auch befreit. Mit dieser emotionalen Ambivalenz lebte ich einige Zeit, und möglicherweise spürten das die Frauen, mit denen ich anfangs zusammen war. Aber mit den Jahren habe ich mich emotional gelöst. Nicht wegen der Mutter meiner Kinder wohne ich noch zu Hause, sondern allein der Kinder wegen. Wenn mich eine Frau vor die Wahl gestellt hätte, entweder sie oder mein Familienmodell, hätte ich mich für die Familie entschieden, weil ich mir, aber vor allem den Kindern, Zeit lassen wollte.

Irgendwann möchte meine Freundin mich ganz

Ich gebe zu, dass ich mir anfangs wenig bis keine Gedanken darüber gemacht habe, dass es nicht nur zwei, sondern im besten Fall vier Personen bedarf, damit unser Familienmodell funktioniert: Die neuen Partner müssen mitspielen. Und das verlangt enormes Vertrauen, Verständnis und wirkliche Liebe. Das ist mir mit der Zeit klar geworden, und ich bin meiner neuen Freundin unglaublich dankbar dafür, dass sie sich mit der Situation arrangiert hat, auch wenn ihr das nicht immer leichtfällt. Sie weiß, dass ich es der Kinder wegen tue. Und ich weiß, dass sie eine Perspektive braucht, für uns: Irgendwann möchte sie mich ganz, so ganz man einen Vater mit Kindern aus einer anderen Beziehung eben haben kann. Und weil sie mir diese Zeit gibt, habe ich auch das Vertrauen gefunden in unsere Beziehung, um mich emotional gänzlich auf sie einzulassen; und das ist, finde ich, viel wichtiger als jederzeit verfügbar zu sein.

*Name von der Redaktion geändert

Hast du Lust, mehr zum Thema zu lesen und dich mit anderen Frauen darüber auszutauschen? Dann schau im "Trennungs-Forum" der BRIGITTE-Community vorbei!

Hier geht es zum Abo für die BRIGITTE

BRIGITTE 15/2019
Themen in diesem Artikel