Anatomie einer Liebe: Nicole Kidman und Keith Urban

"Die passen nicht zusammen, das geht nicht gut, was will diese Frau mit so einem Typen?" Offensichtlich weiß Hollywood-Ikone Nicole Kidman sehr genau, was sie von ihm will, diesem Bühnen-Cowboy Keith Urban: Ein Happy End für ihr Leben.

Da war dieses Plakat von einem triefäugigen, Kajal geschminkten Typen, dem blondierte Haarsträhnchen mutwillig und vorgeblich ins Gesicht piekten. Wofür machte der Werbung? Für einen neuen Herrenföhn mit digitalisierter Fünf-Stufen-Schaltung? Nein, der Typ sang. Nächster Klick im Kopf: Jon Bon Jovi, Kajagoogoo, Jürgen Drews? So was in diese Richtung. Und dann kam wenige Tage später der nächste Schock für geschulte Boulevardisten: Dieser Mann mit dem wie ausgedacht klingenden Namen Keith Urban ist das aktuelle Gespons der langgliedrigen, emotional hochgeschlossenen, feingeistigen Hollywood-Schönheit Nicole Kidman. Was lässt diese Frau, deren blasse Haut und Öffentlichkeits-Akkuratesse sie fast schon adelt, diesen tätowierten Country-Nöler um ihre bleichen Fesseln wuseln?

Nicole, die so anmutig in schulterfreiem Dior die Hand zum milden Gruß heben kann, die – groß und hochhackig wie sie ist – stets die beste Statik aller Kinofrauen auf den roten Teppich stellte, diese langstielige Eisblume, die uns Tom Cruise, Virginia Woolf und Chanel No. 5 immerhin ein bisschen näher brachte, sollte sich im Dreitagebart dieses Pseudo-Schönlings verirrt haben? Man hätte ihr zurufen wollen: Glaskühle Nicole, was flirtest du mit so einem schlecht getarnten Hans Dampf aus Nashville? Es wird Scherben geben oder mindestens etwas Unansehnliches zurück bleiben, aus dem schnöde die Luft entwichen ist.

Das Schreckliche an Nicole Kidman ist ihr völlig blank geschrubbtes Sauber-Image. Diese statuenhafte, manchmal wirklich leblose Makellosigkeit. Gut zehn Jahre in einer Ehe mit einem Scientology-Topmitglied und mutwillige Fluchten in so abgründige und verdammt gute Rollen wie die komische Gattenkillerin in "To Die For" oder die malträtierte Grace in "Dogville" haben in die akribisch geschminkte und fehlerfrei blondierte Oberfläche der berühmtesten Australierin keinen fiesen Kratzer hinterlassen, keine unfotogene Schramme, die verraten könnte, auch dieses arme Mädchen musste kotzen, fluchen oder bitterlich weinen. Eigentlich sollte man bei ihr gar keine Angst vor Scherben haben, weil sie aus bruchsicherem Porzellan gemacht sein müsste - glaubt man den Bildern aus Gazetten oder vor Cannes-Treppen.

Und es ist ja bei ihr auch nicht so, dass man sich über die Jahre an ihrem Spiel immer wieder berauschte. Nie sagte jemand: "Hast du gesehen, wie wahnsinnig und umwerfend das Nicole Kidman wieder gespielt hat?" Man dachte immer, einmal so furios und aus-der-Haut-fahrend wie vielleicht Holly Hunter oder Jennifer Jason Leigh müsste sie das doch hinkriegen. Am schrecklichsten war dann eigentlich, dass Hollywood ihr den Oscar für die Rolle der Virgina Woolf in "The Hours" verlieh. Den hat sie leider nur für ihren Mut zur Hässlichkeit und ihr übereifriges Engagement fürs literarische Fach bekommen. Dabei hätte ihr ein Preis für die beste Maske gebührt: Denn sie strahlte mit dieser hollywoodesken Keimfreiheit über eine obskure Dekade komplett hinweg: die frühe Heirat, ein verlorenes Baby, zwei Adoptionen, aufwühlende Erotikszenen vor der Kamera von Stanley Kubrick, das Machtgezerre mit einem der bizarrsten Stars Hollywood – die Kidman strahlte. Immer.

Deshalb schmierte es auch irgendwie aufs Hochglanz-Bild, als sich plötzlich dieser singende Neuseeländer, dieser Bühnen-Cowboy auf Photos über ihr Dekolleté beugte. Bloß, sieht man genauer hin, war dieser Eindruck schändlich ungerecht: Keith Urban war gar nicht der häßliche Weinfleck auf Kidmans neuestem Galliano-Dress, in Wahrheit war er der Heizstrahler, der die Schneekönigin endlich zum Schmilzen brachte. Es gibt einen jüngeren Schnappschuss der beiden, da ist die Schauspielerin in rosarotem Kleid und lila Strickjacke zu sehen, die Haare in einem unspektakulären Dutt, er hat ihre Hand in festem Griff, zieht sie hinter sich her - da ist Nicole Kidman das niedliche Frauchen, das sie in Wahrheit natürlich ist: schüchtern, ergeben und anlehnungsbedürftig.

Schon immer sehnte sich die Tochter eines fortschrittlichen Klinik-Psychiaters und einer Krankenschwester-Ausbilderin nach einem eigenen trauten Heim. In ihrem intakten Elternhaus lernte sie zweierlei: Wie man eine anständige und aufgeklärte Figur in der Öffentlichkeit abgibt und dass sie eine genauso nette harmonische Familie schaffen wollte. Letzteres misslang, das erste betrieb sie im Ausgleich exzessiv. Dafür saß sie dann mutterseelenallein mit ihrem Oscar im Hotelzimmer (was sie damals selbstverständlich niemandem verriet). Für sie war Urban nicht der zweitklassige Starschnitt, der er erst zu sein schien.

Für die gepflegte, gesittete Kidman, diesen tugendhaften Engel, besaß er genau das Maß an Verwegenheit, das sie, zum einen, dringend brauchte, und das, andererseits, maximal zulässig war: Ein Junge, der einst ganz allein von Australien nach Nashville auswanderte, um dort berühmt zu werden, und dann sehr viel Alkohol und Kokain zu sich nehmen musste, um die Einsamkeit der ersten Jahren durchzustehen. Der aber nicht zum Schlamm- und Suffrocker verkam, sondern mit harmlos-sympathischen Country-Dudeleien Plattenmillionär und Grammy-Preisträger wurde. Genau gesehen sind beide sich ziemlich ähnlich in einer Art schablonenartiger Außenwirkung beim Ausüben ihres Jobs: gut, kommerztauglich, streifenfrei.

Viel abendfüllender ist ihr Innenleben: Als sie sich begegneten, waren sie wie zwei von Ruhm angeschossene Rehe, die auf einer Lichtung des Showbiz mit ängstlichem Argwohn aufeinander trafen: Sie verschlossen und sehnsüchtig, er cool und sehnsüchtig. Es dauerte ein bisschen, bis sie sich ihre Wunden zeigten. Endlich war Nicole Kidman auf Bildern wieder so bohnenstangen-spillerig zu sehen, wie sie in ihren ersten Hollywoodtagen ausgesehen hatte, als sie sich am Set von "Tage des Donners" in Tom Cruise verschaut hatte: Da war sie wieder – diese ungelenke, seltsam gebeugte, verliebte Haltung. Sie hatte einen gefunden, der sich bald das Wort "Nicole" auf den Arm tätowieren würde, der ihre Filme nicht kannte und auf Tournee den Fernseher im Hotelzimmer einschaltete, wenn er nach ihrem vermissten Gesicht fahnden wollte, der in Interviews erklärte, länger als eine Woche hielte er es ohne seine Frau nicht aus. Einer, der ihr Mixtapes mit Lieblingssongs aufnahm, wenn er verreisen musste.

Als er sich vier Monate nach der Hochzeit in die knallharte Betty Ford-Klinik einliefern ließ, dachten alle Klatsch-Zyniker dieser Welt siegessicher, auweia, jetzt ist es vorbei mit den beiden, aber das war es ja genau nicht. Letztlich passte der Entzug, den Nicole mit ihrem Mann durchstehen musste, ganz ergreifend und stimmig ins Bild einer Liebe, die sich mit Schlagseiten auskennt. Als hätte nicht jede Beziehung mindestens drei tote Tanten unter dem Sofa. Wer weiß, vielleicht hatte der verliebte Ehemann sogar aus Freude getrunken. Immerhin war er jemand, der die Hand heben konnte, um "Hilfe" zu rufen, wie er einmal in einem Interview seine Selbsteinlieferung beschrieb.

Nicht zu vergleichen mit Cruise, dessen offensichtliche Labilitäten unter Größenwahn und religiösem Eifer verschütt gingen. Für die Kümmerin Kidman, diese tapfere Farmerin der guten Gefühle und der Freundlichkeit, die von Regisseuren angeleitet, aber nicht gegängelt werden will, war dieser Typ, ein Ukulele-Spieler und Schulabbrecher, dessen ersten Eindruck wir längst gelöscht haben, genau der, der sie von ihrem häßlichen Los einer Plakat-Diva erlöste. Neulich erst nahm Keith Urban eine Cover-Version des Alice Cooper-Songs "You and Me" auf. Eine Zeile darin lautet: "Weil wir beide keine Filmstars sind." Zuhause bei Urban-Kidmans, den werdenden Eltern, ist das Lied eine komische Hymne geworden.

Text: Ellen Kaufmann Photos by PR Photos
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