Warum verlieben wir uns in unerreichbare Männer?

Sie kümmern sich nicht um uns. Dennoch fühlen sich manche Frauen wie magisch von unerreichbaren Männern angezogen. Was steckt dahinter?

Es gibt Männer, deren unergründliches Wesen regelrecht magisch auf manche Frauen wirkt. Selbst in einer Beziehung bleiben sie unerreichbar - sie wollen keine Routine, lieben ihre Freiheit und scheinen einem immer wieder durch die Finger zu gleiten. Doch das Modell "einsamer Wolf" ist für viele Frauen eine Herausforderung, eine Lebensaufgabe. Sie wollen ihn zähmen, ihm zeigen, dass auch er eine Frau braucht. Woher kommt diese Sehnsucht, diese Männer bekehren zu wollen?

Die Hamburger Psychotherapeutin Ursula Böhm erklärt, was dahinter steckt.

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Die Psychotherapeutin, Jahrgang 1954, ist gebürtige Wienerin. In ihrer Praxis in Hamburg bietet sie seit 1994 Einzel-, Paar- und Familientherapien an. Sie hat vier erwachsene Kinder und ist in zweiter Ehe verheiratet. Mehr Infos zu ihrer Arbeit.

BRIGITTE: Frau Böhm, woran liegt es, dass manche Frauen scheinbar verlorene Männerseelen retten wollen?

Ursula Böhm: Unerreichbare Männer haben für manche Frauen etwas Geheimnisvolles, weil sie nicht so fassbar sind. Anderen Frauen gibt es einen Kick, einen Mann zu erobern. Es gibt aber auch mütterliche Frauen, die glauben, der Mann brauche sie. Sie interpretieren viel zu viel in sein Verhalten hinein: Er müsse nur erleben, dass man sich um ihn kümmert und für ihn da ist, dann würde er schon anbeißen und bleiben.

... und sich verändern?

Genau. Es gibt aber auch Frauen mit einem Helfersyndrom, die glauben: Der Arme, der hat doch was! Und irgendwas findet man schließlich bei jedem Menschen. Dann möchten sie helfen. Sie wollen, dass es dem Anderen gut geht und denken, wenn er nur dies oder jenes verändern würde, wäre alles gut. Es sind ganz viele Wünsche und Sehnsüchte damit verbunden, die sie in die Beziehung hineinlegen.

Hat das Helfersyndrom psychische Ursachen?

Einige Frauen sind sich erst dann selbst etwas wert, wenn sie einem anderen helfen. Oder aber sie spüren sich erst darüber, dass sie sich so leidenschaftlich für jemanden ins Zeug legen. Das gibt ihnen das Gefühl, etwas verändern zu können. Anfangs finden viele Männer das auch ganz toll und bescheren den Frauen damit unbewusst ein Erfolgserlebnis, das zur Sucht werden kann. Es gibt aber auch Frauen, die sich deshalb so sehr engagieren, weil sie denken, einen anderen Mann bekämen sie nicht. Und dann gibt es jene, die etwas Übergriffiges haben, die eine gewisse Macht erhalten, indem sie etwas für einen anderen tun. Doch auch Machtbesessenheit kann von einem schwachen Selbstwert rühren. Nach außen hin bläht man sich regelrecht auf, dahinter kann aber eine eigene starke Bedürftigkeit stecken, die auf die Außenwelt übertragen wird: "Ich brauche viel und glaube deshalb, der andere bräuchte auch viel." Auch das Thema Projektion spielt eine große Rolle - es lässt sich alles Mögliche hineinprojizieren in einen Menschen, der einem gefällt.

Besonders zu Beginn einer Beziehung projizieren Frauen ihre Wunschvorstellungen in einen Mann, oder?

Stimmt. In der Verliebtheitsphase schwebt man auf rosaroten Wölkchen und sieht die Welt ein bisschen zu positiv. In dieser Phase projizieren Frauen Sehnsüchte aller Art in den Mann hinein: "Endlich spricht einer mit mir, endlich berührt mich jemand so, wie ich das möchte." Wenn sie dann nach der Verliebtheitsphase aber feststellen: Da kommt nicht so viel zurück, spüren sie einen Schmerz. Es beginnt die zweite Phase, in der man auch die negativen Seiten des anderen sieht.

Wie viel hat das Helfersyndrom mit der eigenen Kindheit zu tun?

Eine Ursache kann in der Rolle liegen, die einem innerhalb der Familie zugeordnet wurde, inwiefern man für seine Eltern oder die Geschwister da sein musste. Der Druck oder die Gewohnheit, helfen zu müssen, kann dann auch auf den späteren Partner übertragen werden. Auch wie unsere Eltern mit uns umgehen, kann uns prägen. Einige Frauen haben erfahren, von ihren Eltern nur dann geliebt zu werden, wenn sie etwas geleistet haben. So denken sie, auch in Beziehungen eine Leistung erbringen zu müssen, um es wert zu sein, geliebt zu werden.

"Zu einer gesunden Beziehung gehört ein ausgeglichenes Verhältnis von Geben und Nehmen."

Einige Frauen empfinden das Verhältnis mit einem unerreichbaren Mann auch als reizvoll, weil die Sexualität spannender ist. Es muss also nicht immer ein psychisches Problem vorliegen, oder?

Nein, aber Sexualität wird oft über das Erobern erlebt. Das ist es vermutlich, was diese Frauen mit den unerreichbaren Männern verbindet: erobern wollen und sich erobern lassen. Echte Gefühle werden bei solch einem Verhalten aber unterdrückt. Eine Weile mag das funktionieren, aber für eine kontinuierliche, gute Sexualität sind Gefühle zwingend erforderlich. Wer beständig nach dem Kick sucht, und sich dabei auf die Unerreichbaren konzentriert, lenkt von den eigenen Bedürfnissen ab. Die Gefahr ist, dass daraus eine Beziehungssucht oder eine Sexsucht entsteht.

Vielen Frauen tut ein Verhältnis mit einem unerreichbaren Mann nicht gut. Wie kommen sie aus ihrem Dilemma heraus?

Der erste Schritt ist, das Dilemma wahrzunehmen. Das gelingt am ehesten im Gespräch mit anderen Menschen, denn allein ist man oft ein bisschen blind. In dem Moment, in dem man mit einem anderen spricht, kann man aus der Situation heraustreten und sich fragen, "Was mache ich da eigentlich?" Wer sein Verhalten reflektiert, hat die Chance zu sehen, dass etwas nicht stimmt. Sie sollten selbst erkennen: Was gibt mir dieser Mann? Was tut mir gut - und was nicht? Zu einer gesunden Beziehung gehört ein ausgeglichenes Verhältnis von Geben und Nehmen. Es gibt natürlich Phasen, in denen es einem von beiden schlecht geht. Dann unterstützt man sich. Aber auf Dauer sollte sich das wieder ausgleichen. Wenn Sie feststellen, dass gar nichts zurückkommt, ist das eine wichtige Erkenntnis. Dann geht es weiter: Wo ist meine Grenze? Erst wenn Sie beschließen, sich nichts mehr vormachen zu wollen, können Sie die Kraft aufbringen, sich zu trennen. Nicht hilfreich ist es, mit dem Mann darüber zu reden, denn der wird alles Mögliche an Erklärungen finden, Sie beruhigen, das Problem verleugnen, oder weiter Hoffnungen machen. Auch professionelle Hilfe kann sinnvoll sein.

Sollten die Frauen ihr Beuteschema ablegen?

Das Beuteschema muss nicht ganz abgelegt werden. Die Frauen sollten es aber erweitern, sich umschauen und neugierig sein. Gut ist auch eine dauerhafte Selbstreflexion, sich immer wieder zu beobachten. Dann kann man auch mal mit dem alten Beuteschema spielen, weiß aber, wie man sein Verhalten regulieren kann.

Interview: Luisa Köneke
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