Arbeitslos: Wie die Beziehung leidet

Keine Aufgabe, kein eigenes Geld, den ganzen Tag zu Hause. Schlimm genug für eine Frau, die immer berufstätig war. Doch als Vera L. ihren Job verliert, verändert sich nicht nur ihr Alltag, sondern auch die Beziehung zu ihrem Mann.

Es gibt Schlimmeres - damit hat Vera sich ihr ganzes Leben lang getröstet. Als sie sich mit sechs Jahren mit dem Fahrrad so auf die Nase legte, dass sie an der Stirn genäht werden musste. Als sie in der siebten Klasse sitzenblieb. Als ihre erste große Liebe zerbrach. Immer rettete sie sich nach dem erstem Schrecken in diesen Satz: Es gibt Schlimmeres.

Es dauerte ein bisschen, bis er ihr an einem Februarmorgen vor zwei Jahren einfiel; als die Tischlerei, in der sie fünf Jahre lang als Sekretärin Rechnungen geschrieben, Mahnungen geschickt und Kaffee für Kunden gekocht hatte, plötzlich dichtmachte. "Betriebsbedingte Kündigung, rums, und ich war draußen", erinnert sie sich. Arbeitslos, das erste Mal im Leben. "Es fühlte sich an wie ein Schlag in den Nacken." Die Zurückweisung, dieses "Wir brauchen dich nicht mehr".

"Was machst du jetzt?", hat Vera ihre Kollegin Hella an diesem Tag gefragt. "Arbeitslosengeld, was sonst", antwortete die. "Mit 50 will mich doch keiner mehr. Dir passiert ja nichts, dein Mann verdient genug. Und außerdem bist du erst 39." Das war Veras Trost: Hannes hatte einen sicheren Job bei einer Versicherung. Sie würden das gemeinsam durchstehen. Es gab wirklich Schlimmeres.

Hannes war einer, der keine Fragen stellte. Er gab Antworten, und niemals war ein "Geht nicht" darunter. "Irgendwie werden wir es schon hinkriegen!", hat er gesagt, als sie an diesem Abend bei einem Rotwein in der Küche saßen. "Arme Hella, habe ich damals gedacht", sagt Vera, "ohne Mann. Und kein Kind, das einen mit oder ohne Job liebt." Einen Moment lang fühlte sie sogar so etwas wie Glück. Und außerdem: keine drängelnden Kunden, keine Abrechnungen, Stresspause. Stattdessen ein Zuhause mit Zeit für ihre sechsjährige Tochter Lina. Mutter sein und Ehefrau.

"Abends kommst du dann nach Hause, und das Essen ist schon fertig", lockte Vera. Hannes lächelte. Aber vielleicht hatte er auch gar nicht richtig zugehört. Er rechnete: Seine 2000 Euro netto und ihr Arbeitslosengeld, ein halbes Jahr lang. Ein bisschen kürzertreten halt. "Bis Hartz IV dran ist, hast du bestimmt einen neuen Job gefunden!", sagte Hannes. In dieser Nacht schliefen sie miteinander. Und Vera schlief mit dem Gedanken ein, dass nur die Liebe zählt.

Der Morgen danach. Der Alltag. Gleiches Muster, wiederkehrender Rhythmus. Kaffee aufsetzen, Lina ein Schulbrot schmieren, und Hannes, hast du die Thermoskanne eingepackt? Trotzdem ist plötzlich alles anders. Normalerweise war Vera gleichzeitig mit Hannes aus dem Haus gegangen. Diesmal bleibt sie, winkt von der Haustür. Diese Stille im Haus. Das Gefühl, nutzlos zu sein.

Arbeitslos. Das hässliche Wort klebt an ihr. Gestern noch hatte sie sich vorgenommen, mit einem Kaffee in der Hand zurück ins Bett zu kriechen, die freien Stunden als Geschenk anzunehmen und sie zu genießen. Jetzt eilt sie zum Arbeitsamt, füllt Formulare aus. Wieder zu Hause sucht sie den Putzeimer, fängt an, Staub zu wischen, die Böden zu wienern. Sie ruft Hannes im Büro an, möchte ein paar Worte reden, nicht ausgeschlossen sein. "Vera, tut mir leid, aber ich muss jetzt mal weiterarbeiten", unterbricht er sie.

Zahnarzttermin, ein paar Wochen später. Zwei Brücken müssen gemacht werden, sagt der Arzt, 1100 Euro Zuzahlung. Fast zwei Monate Arbeitslosengeld. Mit Hannes hatte sie immer eine gemeinsame Kasse. "Aber plötzlich war das wie fremdes Geld auf dem Konto", sagt Vera. "Das kam ja nur von anderen, von Hannes und vom Arbeitsamt." Hannes runzelt die Stirn, als er den Kostenvoranschlag für die Brücken sieht. Sagt, dass es eng wird. Dann wuschelt er Vera über den Kopf. "Er hat so müde gelächelt, aber vielleicht habe ich mir das auch nur eingebildet. Wir haben ja nie wirklich über meine Arbeitslosigkeit geredet. Das habe ich total gescheut."

Es ist die Angst, dass Hannes denken könnte wie sie: dass sie ihm zur Last wird, dass er sich krummlegt, während sie den ganzen Tag frei hat. Vera schämt sich. Auf dem Rückweg vom Zahnarzt hat sie bei Tchibo eine neue Einkaufstasche erstanden. In Lila, ihrer Lieblingsfarbe. 20 Euro, nicht wirklich teuer. Früher hätte sie beim Nachhausekommen fröhlich die Tasche geschwenkt. Diesmal ist sie ins Schlafzimmer geeilt und hat die Tasche ganz hinten in den Schrank gestopft. Abends im Bett lässt Hannes seine Hand über ihren Körper wandern, sie hat keine Lust, mit ihm zu schlafen und tut es trotzdem. Später weint sie über sich selbst.

Putzen, bis die Fliesen glänzen. Für den Rest ihrer inhaltsleeren Stunden findet sie keine Rechtfertigung. Die Wohnung ist sauber, doch Hannes verliert nie ein nettes Wort darüber, am Abend steht das Essen auf dem Tisch, und allen füllt Vera auf und sich zuletzt. Nichts von Aldi, immer noch aus dem etwas teureren Laden um die Ecke. "Ich wollte nicht, dass sie darunter leiden, dass ich keinen Job mehr habe, aber leisten konnten wir uns das eigentlich nicht mehr."

Hannes kommt aus dem Büro, ängstlich wittert sie jede seiner Launen. "Richtige Antennen habe ich da entwickelt", sagt sie, "ob er angespannter ist als sonst und so. Und immer habe ich gleich alles auf mich bezogen, habe dann zugesehen, dass ich ihm aus dem Weg gehe." Als ob sie ihm nicht in die Quere kommen, sich klein und unsichtbar machen wollte.

Das Geld geht ihnen aus, das ist ihr Rest Gemeinsamkeit. Früher haben sie zusammen über lustige Worte gelacht, die Lina erfand. Jetzt stöhnen sie zusammen über gestiegene Kosten, eine teure Auto-Reparatur. Geld, immer nur Geld. Überall hat es sich festgesetzt, in den Zwischenräumen ihrer Worte, in den Pausen zwischen ihren Sätzen. Nach dem Essen sagt er: "Lina muss aus dem Hort, das sind 250 Euro im Monat, du musst sie abmelden." - "Als ich noch gearbeitet habe, hat Lina sich beschwert, weil sie in den Hort musste, aber als Hannes das sagte, fing sie an zu weinen", erzählt Vera, "weil doch alle ihre Freunde im Hort sind." Vielleicht auch, weil Lina spürt, unter welchem Druck die Eltern stehen. Vera weiß nicht, wie sie ihre Tochter trösten soll, fast ist sie ärgerlich, weil das Kind sich weigert, ihre Stunden mit Sinn zu füllen.

"Sekretärinnen werden doch aber gesucht!" Hannes versteht nicht, warum das Arbeitsamt keine Angebote schickt. "Dabei hatten die schon was geschickt, aber die Firmen erwarteten Englisch", erklärt Vera. In der Tischlerei hatte sie das nie gebraucht. "Dann musst du das mal lernen", sagt Hannes. "Du willst doch wieder was finden, oder?" - "Willst du damit andeuten, dass ich mich nicht genügend bemühe?", schreit sie. "Himmel, bist du empfindlich", schnauzt er zurück. Sie fängt an zu weinen. Möchte ihm sagen, dass sie sich fühlt wie ein Klotz an seinem Bein. Aber sie sagt nichts. Still weint sie. Lina steht schüchtern im Türrahmen, greift ihre Hand.

"Wir sollten mal wieder was allein machen", schlägt Vera Hannes eines Abends vor. Er will nicht, sagt, er sei kaputt vom Büro. Von einer Welt, zu der du keinen Zugang mehr hast, von der du dich verabschiedest hast. Das sagt er nicht. Aber denkt er es vielleicht? Lina kommt erstmals direkt nach der Schule nach Hause. Ohne Hort. Sie schmollt. "Die Hortkinder spielen jetzt", sagt sie ihrer Mutter, "was machen wir?"

Mit der Bahn fahren Vera und Lina in den Zoo, Vera kauft Süßigkeiten. Und bloß nichts Papa sagen, verstanden? Bündnis für den Frieden daheim. Neulich, beim Bäcker, hat sie Hella getroffen. "Und?", hat sie gefragt. "Was soll sein, Hartz IV halt", antwortete Hella. "Bei uns ist es auch nicht so toll", sagte Vera. "Na, komm, du hast schließlich einen Mann, der Geld verdient." - "Stimmt", hat Vera gesagt und: "Es gibt wirklich Schlimmeres."

Text: Silke Pfersdorf Foto: Tim Kubach Ein Artikel aus der BRIGITTE 03/09
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