Balance in der Liebe

Wir wollen uns binden, aber nicht einengen lassen. Wollen Treue, aber nicht auf Leidenschaft verzichten. Sobald aus einer Liebe eine Beziehung wird, verfangen wir uns in einem Gewirr von Widersprüchen - glücklich werden wir nur, wenn wir lernen, diese miteinander zu vereinbaren. BRIGITTE-Psychologe Oskar Holzberg zeigt, wie man die sieben wichtigsten Gegensätze bewältigt.

Sobald aus einer Liebe eine Beziehung wird, verfangen wir uns in einem Gewirr von Widersprüchen - glücklich werden wir nur, wenn wir lernen, diese miteinander zu vereinbaren. BRIGITTE-Psychologe Oskar Holzberg zeigt, wie man die sieben wichtigsten Gegensätze bewältigt.

1. Lust und Pflicht

Nehmen Sie sich, was Sie brauchen!

Wenn die Pflichtfalle zugeschlagen hat, helfen Sofortmaßnahmen: Ein Wochenende raus. Einen Abend in der Woche gemeinsam frei halten. Abwechselnd sind Sie Gastgeber und managen den freien Abend.

Pflegen Sie Ihre Freundschaften: Gute Freunde sind die Zeugen einer Partnerschaft. Ihnen gegenüber gestehen wir am ehesten ein, dass unser Sexleben ein Desaster und unser Romantikfaktor längst jenseits der Wahrnehmungsgrenze liegt. Gute Freunde fördern, dass wir mal die Finger von der Tastatur und unsere Hüften zu Pink kreisen lassen. Oder im Kino Händchen halten. Sie nehmen auch mal die Kinder in Obhut, falls Oma und Schwager es nicht schaffen.

Versuchen Sie nicht, den Partner anzutreiben: "Du könntest doch auch mal wieder segeln gehen!" oder zu appellieren: "Wir waren so lange nicht im Kino!" Ziehen Sie selbst los oder besorgen Sie die Karten.

2. Geben und nehmen

Meine Liebe ist nicht deine Liebe

Je mehr Geben und Nehmen stattfindet, desto erfüllender fühlt sich eine Beziehung an. Es ist wichtig zu wissen, was den Partner wirklich freut, was er sich wünscht. Welche Werte er hat, wonach er sich sehnt, wofür er sich begeistert. Partner verändern sich, und wir müssen unser Wissen über den anderen auf dem Laufenden halten.

Beachten Sie das ständige kleine Geben und Nehmen von Zärtlichkeit und Aufmerksamkeiten? Die kleinen Geschenke, die verbindenden Rituale wie Geburts- und Hochzeitstage, die alltäglichen Vorlieben für die Sportseite oder frische Erdbeeren? Ach ja, und heute schon gelobt?

Häufig sind es die Qualität, die Absicht und die Initiative, die wirklich zählen. Spontane Geschenke bedeuten: "Ich denke an dich." Zeit füreinander zu haben bedeutet: "Ich will mit dir sein." Dem anderen den Rücken frei halten: "Du bist mir wichtig."

Ein hilfreiches Bild für positiven und negativen Austausch ist die Idee, dass wir etwas mehr Gutes zurückgeben, wenn das, was wir empfangen haben, positiv war. Und etwas weniger, wenn wir verletzt oder entwertet wurden. So kann das Gute wachsen und das Verletzende nicht ausufern.

3. Nähe und Distanz

Sich öffnen, damit der andere uns versteht

Das erste Geheimnis für Nähe ist Selbstöffnung. Denn wie nah und vertraut wir auch miteinander sind - der Partner bleibt auch immer ein Fremder. Vertrauen und Sicherheit müssen wir immer wieder schaffen, indem wir einander mitteilen, was wir fühlen und fantasieren. Und dabei geht es nicht nur um die großen Beziehungsthemen. Es geht um die beknackte Gesundheitsreform, die perfekte Mousse und Evis dämlichen Topfschnitt.

Das zweite Geheimnis für Nähe ist Verstehen. Wir möchten verstanden werden. Das Gefühl haben, jemand sieht uns, erlebt uns, fühlt mit uns. Wir möchten unser Leben teilen und mitteilen. Dann sind wir nicht mehr allein. Fühlen uns geborgen. Aber häufig verweigern Partner einander das Verständnis. Weil sie anderer Meinung sind. Verstehen bedeutet, sich in den anderen hineinzuversetzen. Verstehen bedeutet nicht, einverstanden zu sein.

Denn das dritte Geheimnis der Nähe ist das alltägliche, ständige einander-Zuwenden. Die vielen kleinen banalen Bemerkungen, die die Gemeinsamkeit stärken. "Blöd, ich hab noch kein Brot gekauft." "Ich mach das nachher." - "Ich mag diese klare Winterluft." "Ja, die finde ich auch herrlich." Die Unterstützung, die Betonung der gemeinsamen Bewältigung der Welt. "Der Obstverkäufer hat mir schon wieder eine matschige Birne eingepackt." "Den knüpfen wir uns mal vor!" Die kleinen Zärtlichkeiten. Das alltägliche Interesse.

Denn Nähe, und das ist das vierte Geheimnis, lebt davon, die Distanz zu überbrücken. Die wir nur haben, wenn wir sie erlauben. Wer miteinander verschmilzt, ist nicht nah, sondern verschwunden. Nähe haben bedeutet auch zu verstehen, dass und welchen Raum der andere für sich braucht. Vielleicht können wir nicht verstehen, was so toll daran sein soll, zwischen 50 000 anderen im Nieselregen "Tor!" zu brüllen. Oder den halben Monatslohn für klebrige Body-Lotion auszugeben. Aber wir können verstehen, wie wichtig es dem anderen ist.

Wenn die Nähe lebt, dann kann das fünfte Geheimnis der Nähe wirken: Nähe verschwindet manchmal komplett. Es gibt Phasen, da herrscht Sendepause. Endlose Hilflosigkeit. Scheußliche Leere. Vielleicht fehlt die gute Distanz in der Beziehung (siehe "7. Autonomie und Bindung"). Vielleicht hat sich die Nähe nur erschöpft, so wie wir den Ehering nicht mehr fühlen, wenn wir ihn lange tragen. Wenn wir aber Nähe miteinander herstellen können, können wir auch erlauben, dass wir ihr Verschwinden manchmal nicht verhindern können.

4. Anerkennung und Entwertung

Der andere ist nicht dazu da, uns glücklich zu machen

Rückmeldung und konstruktive Kritik sind der Motor einer Liebesbeziehung. Sobald wir aber dem Partner mit der Botschaft gegenübertreten, er verhalte sich falsch, muss er sich wehren, und wir vermeiden es, unsere Enttäuschung zu erforschen. In der Entwertung ist die eigene Sehnsucht vergraben. So gesehen haben wir genau den richtigen Partner gewählt. Gerade weil er uns frustriert, haben wir die Chance, uns den Enttäuschungen unserer Kindheit zu stellen. Wenn wir lernen, die Enttäuschung über den Partner als Herausforderung zu betrachten, können wir von seinem Verhalten sogar profitieren. Die chaotischen Anteile unseres Partners ermöglichen uns dann auch Spontaneität, Spaß und Ungezwungenheit. Seine Ängstlichkeit kann uns helfen, entspannter zu werden.

5. Erregung und Sicherheit

Lieb sein macht die Beziehung unsicher

Selbst die harmoniesüchtigsten Partner nehmen wahr, was den anderen nervt, verärgert, enttäuscht. Um uns fruchtbar auseinander zu setzen, können wir unserem Partner mitteilen, wo wir seine Unzufriedenheit, seinen Frust und Ärger vermuten.

Sich nicht zu streiten ist nicht der Sieg der Harmonie, sondern nur der Triumph der Konfliktscheu. Das Nein in der Liebe schafft Kontakt. Und das sexuelle Spiel lebt vom Führen, Ge- und Verführtwerden. Vom Wechselspiel des Forderns und Erfüllens. Wenn Partner nur brav erfüllen, dann ist das Spiel schnell vorbei.

Untersuchungen zeigen: Paare sind zufriedener, wenn sie etwas gemeinsam unternehmen und nicht nur nebeneinander auf der Couch hocken. Am wohlsten fühlen sich jene Paare, die etwas unternehmen, was sie zuvor noch nie getan haben. Sie müssen nicht gleich Ihr gesamtes Paarleben auf den Kopf stellen. Kleine Veränderung können große Auswirkungen haben.

6. Dominanz und Unterdrückung

Wer nur siegen will, verliert (den anderen)

Wir müssen bereit sein, unsere Einstellung zum anderen immer wieder zu hinterfragen. Wie hält man es in unserer Herkunftsfamilie mit dem "Folgen und Führen"? Was haben wir übernommen - was machen wir anders? Denken Sie an die unterschiedlichen Bereiche Ihres gemeinsamen Lebens: Wer von Ihnen dominiert was? Und wie? Ist das mächtig wirkende Thema "Finanzen" wirklich zufriedenstellend geregelt?

Denken Sie an Ihre wichtigen Gespräche, an Ihre Streite, Ihre letzte Auseinandersetzung. - Fühlten Sie sich danach kritisiert oder gekränkt? - Hatten Sie den Eindruck, für Ihren Partner nicht wichtig zu sein? - Fühlten Sie sich zurückgewiesen? - Konnten Sie Ihren Partner gar nicht überzeugen? - Schränken Sie Ihre Bedürfnisse fast automatisch ein und passen sich an Ihren Partner an?

Wir können Machtkämpfe nur beenden, wenn wir anerkennen, dass wir kein Anrecht auf die Liebe unseres Partners haben. Alles, was wir bekommen, sind Geschenke. Er muss nicht, und wir müssen nicht.

Siegen macht nur dort Sinn, wo wir gewinnen können. Was aber haben wir gewonnen, wenn sich unser Partner von uns besiegt fühlt?

7. Autonomie und Bindung

Was trennt, verbindet wirklich

Die Sehnsucht, geliebt zu werden, übertönt leicht die eigenen Gefühle. Die Lösung ist, sich daran zu orientieren, welche Liebesgefühle ich selbst zum Partner habe.

Es ist schön, füreinander zu sorgen. Aber der Partner muss sich auch darauf verlassen können, dass wir unsere eigenen Wünsche und Bedürfnisse ernst nehmen und uns für sie einsetzen.

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