Bauer trifft Frau: Aus Liebe nach St. Petersburg

Früher hatte Nils Kalle einen eigenen Milchschaf-Hof im Wendland. Doch er gab alles auf und zog nach St. Petersburg - für einen Menschen, den er genau zwei Wochen und drei Tage kannte. Eine Liebesgeschichte.

Nils wurde aus Liebe vom Landwirt zum Anzugträger

Den ersten Anzug seines Lebens kaufte sich Nils Kalle aus Liebe. Der Gang in den Laden - für andere keine große Sache - kostete ihn einige Überwindung. Menschen in geleckter Kleidung hatte er immer verabscheut. Genau wie Jägerzäune, akkurat gepflegte Vorgärten und Großstädte. Nils war stets ein Landmensch gewesen, er hatte sich für den Erhalt der Natur eingesetzt und an Demos gegen Castor-Transporte teilgenommen. Gemeinsam mit einem guten Freund betrieb er einen eigenen Bioland Milchschaf-Hof in einem 40-Seelen-Dorf im Wendland.

Doch das alles ist Vergangenheit. Seit inzwischen zwölf Jahren lebt er in St. Petersburg. Anzüge sind die Arbeitskleidung des ehemaligen Landwirts, er trägt sie täglich. Heute ist es ein blauer, mit Nadelstreifen.

Gedimmtes Licht, eine Kaviar-Bar, rote Teppiche, Live-Harfenspiel - all das gehört zu seinem Alltag. Der 44-Jährige ist Qualitätsmanager des Grand Hotel Europa, eines der ältesten und teuersten Hotels in St. Petersburg. Er kümmert sich um Kundenbeschwerden und versucht, den Service im Hotel zu verbessern.

Wenn Nils erzählen soll, wie es zu diesem radikalen Lebenswandel kam, muss der Mann mit den kurzen braunen Haaren lächeln. Etwas verlegen schiebt er das goldene "No Smoking"-Schild auf dem kleinen Tischchen des Hotel-Cafes hin und her. Dann erzählt er eine Geschichte, die Rosamunde Pilcher sich nicht besser hätte ausdenken können.

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Sie beginnt mit Sven, einem guten Freund von Nils. Sven wurde im Herbst 1995 von seiner Firma nach St. Petersburg geschickt. Weil er sich dort einsam und fremd fühlte, lud er Nils für zehn Tage nach Russland ein. "Ich kam im November an und hatte das Gefühl, in einem düsteren Comicfilm gelandet zu sein", sagt Nils, "Das Wetter war übel, jeden Tag fiel eine Art Schneeregenmatsch vom Himmel. Bis auf wenige Stunden am Tag herrschte Dunkelheit."

Die Stadt sei in einem grauenhaften Zustand gewesen: heruntergekommene Häuser, Schlaglöcher, Urin-Gestank in den Treppenhäusern, geplatzte Heizungsrohre, kaum eine Straßenlaterne, die auch funktionierte. Die Menschen trugen Schwarz, damit man den Strassendreck auf ihrer Kleidung nicht sah.

Der Besucher aus Deutschland lief wie ein Analphabet durch die Stadt. Er konnte keine kyrillischen Buchstaben lesen, sprach kein Wort Russisch, kaum Englisch. Trotz allem - Niels' erster Eindruck von St. Petersburg war positiv: "Ich erlebte einen Mix aus Verfall und Schönheit, menschlicher Wärme und Kälte, so viele Extreme auf engstem Raum hatte ich noch nie zuvor so gesehen und gespürt. Das alles war extrem surreal, für mich hatte es einen irren Reiz."

Drei Tage vor seiner Rückreise bekam Sven Besuch von seiner Frau aus Deutschland. Die beiden hatten sich lange nicht gesehen - Nils wollte ihnen ein paar ungestörte Stunden ermöglichen und ging allein aus.

In einem Laden namens "Fischfabrik" tanzte er zu "höllenlauter Salsa-Mukke" und trank Bier. Und dann? Ja, dann stand plötzlich diese Frau vor ihm, bei der Kalle sofort wusste: "An der komme ich nicht vorbei". Die beiden tanzten bis morgens um fünf. Am Sonntag und am Montag trafen sie sich wieder. "Ich war sofort sicher, dass ich mit dieser Frau immer zusammen sein will." Die Russin - sie hieß Marina - war skeptischer. Sie hielt den Deutschen für einen Aufschneider, der schon bald nach Hause fahren und sich nie wieder melden würde.

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Nils fuhr wirklich wie geplant zurück nach Deutschland. Aber er vergaß Marina nicht. Die Schafe, der Hof, die Demos - all die Dinge, die bisher sein Leben ausgemacht hatten - waren plötzlich nicht mehr das wichtigste für ihn.

Nils lud die fremde Frau nach Deutschland ein. Sie kam tatsächlich. Nach zwei Wochen war klar: Die beiden wollten zusammen leben. "Marina konnte sich nicht vorstellen, ihre fünf Millionen Stadt zu verlassen um in ein 40-Seelen-Dorf nach Deutschland zu ziehen. Also bin ich am 25. April 1995 mit zwei Koffern nach St. Petersburg gegangen."

Im Hotel Europa

In der fremden Stadt hatte er keinen Job, außer Marina kannte er niemanden. Sein Freund Sven war längst nach Deutschland zurückgekehrt. Trotzdem kam Nils gut klar. Er zog bei Marina in der Kommunalka ein, in der sie sich Küche und Bad mit einer jungen Familie und einem alten Ehepaar teilten. Schon bald fand er einen Job in einem Verlag. Später arbeitete er dann als Immobilienmakler und für verschiedene Firmen als Qualitätsmanager.

Seit 2005 ist er im Hotel Europa angestellt. "In Deutschland kann ich nur Landwirt sein oder irgendwas darunter. Hier in Russland ist jeder Job möglich, man muss einfach nur zeigen, dass man ihn kann." Inzwischen hat Nils drei Töchter. Außerdem besitzt er eine kleine Bed & Breakfast-Pension, die er derzeit an einen Schweizer Freund verpachtet hat.

Viele Dinge, die er früher spießig fand, weiß Nils heute zu schätzen. "Ich ertappe mich dabei, dass ich das aufgeräumte Deutschland irgendwie mag und habe kein Problem mit Jägerzäunen mehr", sagt er. Trotzdem - seine Entscheidung, nach St. Petersburg gegangen zu sein, hat er nie bereut. Nur wenn es April wird und der Winter - und damit der Dreck, der Matsch und die Dunkelheit - in St. Petersburg einfach nicht enden will, vermisst er seine alte Heimat.

Nils bei Bfriends

Ob er seinen Umzug doch in manchen Momenten bereut? Wie weit er noch für die Liebe gehen würden? Wenn Sie Nils etwas fragen möchten - kontaktieren Sie ihn bei Bfriends, dem neuen Social Nework auf BRIGITTE.de!

Text: Katrin Schmiedekampf Fotos: Priit Vesilind/Getty Images / privat
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