Die Agentur, die Liebeskummer lösen will

Liebeskummer kann lange schmerzen. Aber deshalb wochenlang die Freunde um Trost bitten oder zum Therapeuten gehen? Eine Berliner Agentur will Leidgeplagten helfen.

BRIGITTE: Wie sind Sie auf die Idee gekommen, eine Liebeskummer-Agentur zu gründen?

Elena-Katharina Sohn: Durch ein sehr schmerzhaftes Liebeskummer-Erlebnis. Vor sechs Jahren hat sich mein damaliger Freund von mir getrennt. Die Trennung lief korrekt ab, aber trotzdem habe ich gelitten. Ich wollte eine Familie mit ihm gründen und dann wurde mir komplett der Boden unter den Füßen weg gerissen. Ich konnte nicht mehr arbeiten, lag nächtelang wach. Ich war zwei Wochen krank geschrieben und habe danach nochmal Urlaub genommen. Nach den ersten Wochen kehrte für mein Umfeld die Normalität zurück, aber ich hatte noch Redebedarf. Da dachte ich zum ersten Mal, dass es eigentlich eine Anlaufstelle für Liebeskummer geben müsste.

Diese 5 Angewohnheiten verheimlichen Männer vor ihren Partnerinnen

Die 34-jährige Berlinerin hat die Agentur Die Liebeskümmerer gegründet. Mit einem Team von Therapeuten unterstützt sie Menschen mit gebrochenem Herzen: Sie können sich per Email oder Telefon beraten lassen und Anti-Liebeskummer-Reisen buchen. Außerdem hat Elena-Katharina Sohn ein Buch geschrieben: Schluss mit Kummer, Liebes (224 Seiten, Ullstein-Verlag, 8,99 Euro).

Aber dafür gibt es doch die eigenen Freunde, die Telefonseelsorge oder Therapeuten?

Das stimmt! Aber manchmal braucht es einfach jemanden außerhalb des Freundeskreises. Die Telefonseelsorge war für mich keine Option, obwohl es mir schlecht ging. Und zum Therapeuten nur wegen Liebeskummer? Das kommt für viele Menschen nicht in Frage. Ich habe im Internet nach Hilfe bei Liebeskummer gesucht und nichts gefunden.

Und wie wurde Ihre Idee dann konkreter?

Ich habe sie erst einmal eine Weile mit mir herum getragen. In der Liebeskummer-Zeit habe ich auch gemerkt, wie wenig mich meine Arbeit in einer PR Agentur erfüllt. Ich habe gekündigt, auf meine Ersparnisse zurückgegriffen und gegründet. Ich habe mich zu dem Thema weitergebildet und mir ein Team von erfahrenen Therapeuten gesucht und einfach angefangen. Ich wollte Menschen mit Liebeskummer helfen und das ist bis heute meine Antriebsfeder.

Ersetzen die "Liebeskümmerer" nicht gute Freunde, die normalerweise in so einer Situation helfen?

Nein, auf keinen Fall. Wir wollen ihnen keine Konkurrenz machen – Familie und Freunde bleiben Anlaufstelle Nummer eins. Aber: Unser Team besteht aus sechs ausgebildeten Psychologen. Sie geben ganz fundierte Ratschläge - das ist eine Ergänzung zu dem, was Familie und Freunde leisten können.

Was genau bieten Sie Menschen mit Liebeskummer an?

Jeder der irgendwie unter Liebeskummer leidet, kann sich bei uns melden. Wir beraten entweder per Email oder telefonisch. Man kann wählen, wie viele Wochen man betreut werden möchte und wie viele Emails und Telefonate in diesem Zeitraum ausgetauscht werden. Manch einer braucht nur in den ersten Tagen des Schocks eine Stütze, andere möchten über einen längeren Zeitraum betreut werden. Der eine möchte einfach eine Geschichte erzählen, eine andere wünscht sich konkrete Ratschläge. Und wir bieten Reisen für Menschen mit Liebeskummer an.

Wenn man einen Urlaub mit anderen Liebeskranken verbringt: Verstärkt das nicht die trübe Stimmung?

Nein, gar nicht! Für viele ist das der Wendepunkt: Es tut ihnen gut zu sehen, dass es anderen genauso geht wie ihnen. Am Anfang gibt es ein Einzelgespräch mit einer Therapeutin und dann Gruppengespräche.

Haben sich auf einer Liebeskummer-Reise auch schon mal neue Paare gefunden?

Nein, bis jetzt noch nicht. Die Menschen, die bei uns eine Reise buchen sind meist noch nicht bereit für eine neue Partnerschaft.

Wie würden Sie Liebeskummer definieren?

Für mich ist Liebeskummer die Kehrseite des schönsten Gefühls, das wir Menschen kennen. Bei einer Trennung sind viele Menschen mit Trauer, Verzweiflung und Angst konfrontiert. Angst, nicht genug zu sein. Angst, vor dem Alleinsein. Bei ganz vielen Menschen ist Liebeskummer das Gefühl der Hoffnungslosigkeit. Wie geht es jetzt weiter? Zerbricht die Partnerschaft, geraten unsere Grundbedürfnisse ins Wanken. Wir alle wünschen uns Liebe und eine erfüllte Partnerschaft.

Welche Arten von Liebeskummer gibt es Ihrer Ansicht nach?

Bevor ich die Liebeskümmerer gegründet habe, dachte ich, dass vor allem die Menschen Liebeskummer haben, die verlassen werden. Heute weiß ich: Auch jemand, der einen anderen verlässt, kann unter Liebeskummer leiden. Und eine unerfüllte Liebe kann ebenso die Ursache von Liebeskummer sein. Es melden sich auch viele Frauen bei mir, die als Geliebte in einer Dreieckskonstellationen stecken und darunter leiden. Und Dauersingles, die sich fragen: Warum bin ich so lange allein?

Äußert sich Liebeskummer denn immer gleich?

Der Kern ist ähnlich: Das Gefühl der Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit. Man fühlt sich vom Kummer existenziell bedroht. Aber die Symptome können stark variieren. Einige Leute essen bei Liebeskummer viel, andere wenig. Einige liegen den ganzen Tag im Bett. Andere flüchten sich in die Aktivität. Zu diesen Personen gehöre auch ich. Bei meinem letzten Liebeskummer war ich zum Beispiel ganz viel mit meinem Hund im Wald spazieren.

Wie wird Liebeskummer in unserer Gesellschaft gesehen?

Liebeskummer unter Erwachsenen wird in unserer Gesellschaft tabuisiert. Ich stelle das immer fest, wenn Medien sich an mich wenden und jemanden suchen, der öffentlich bereit ist, über seinen Schmerz zu sprechen. Teilweise suchen wir monatelang. Denn die meisten Menschen fühlen sich mit ihrem Liebeskummer schwach und ungeliebt, er kommt ihnen wie ein Makel vor. Oder jemand, der wegen Liebeskummer nicht zur Arbeit kommt – das sieht doch kein Arbeitgeber gern! Ein paar Tage leiden ist okay, aber dann sollte man sich bitteschön zusammenreißen. Denn andere Mütter haben ja auch schöne Töchter und Söhne. Aber in Wahrheit ist Liebeskummer alles andere als eine Lappalie.

Worunter leider Menschen mit Liebeskummer am meisten?

Das kommt ganz darauf an, wie man sich getrennt hat. Es gibt zum Beispiel die Geschichte von Jutta, deren Mann ihr nach 25 Jahren glücklicher Ehe sieben Tage vor der Silberhochzeit gesteht, dass er schon länger eine Jüngere hat und sie verlassen wird. Vor lauter Schock erzählt Jutta niemandem etwas davon, sondern feiert wie geplant mit 100 Gästen das Ehe-Jubiläum – noch in derselben Nacht zieht ihr Mann allerdings aus. Für Jutta ist das Alleinsein anschließend ein ganz großes Problem.

Wie lange dauert so ein Liebeskummer nach einer Trennung?

Länger als man denkt! Alles zwischen sechs und zwölf Monaten ist die Norm. Aber es gibt auch Menschen, bei denen es länger dauert. Es ist wichtig, dass man sich genügend Zeit nimmt. Denn in jedem Liebeskummer steckt eine Chance, wenn man sie nutzt. Man hat die Chance das Leben neu zu justieren, wirklich nochmal herauszufinden, was man selber will und möchte.

Sie haben sicherlich schon einige Liebeskummer-Geschichten gehört. Gibt es eine, die Sie besonders berührt hat?

Ja! Es gibt viele berührende Geschichten. Besonders krass ist die von Julia: Als sie 32 war, tauchte ihr Partner nach mehrjähriger Beziehung von einem Moment auf den anderen ab. Wohnung aufgelöst, Handy tot, Existenz gelöscht – ohne jede Vorankündigung, weder Julia noch seinem restlichen Umfeld gegenüber. So etwas tut nicht nur weh, es ist traumatisierend. Entsprechend lang und massiv hatte sie auch damit zu kämpfen.

Melden sich mehr Männer oder mehr Frauen?

Mehr Frauen - 80 Prozent unserer Kunden sind Frauen zwischen 30 und 50 Jahren. Sie gehen einfach offener damit um, als die Mehrzahl der Männer. Übrigens hatten wir auch schon eine über 80-Jährige mit Liebeskummer. Man denkt es gar nicht, aber es melden sich auch viele ältere Menschen.

Ein Tipp von der Expertin: Wie geht man denn am besten mit Liebeskummer-Geplagten um?

Es gibt kein Pauschalrezept. Aber was die Menschen wirklich wollen, ist jemand, dem sie ihr Herz ausschütten können. Einer Freundin mit Liebeskummer hilft es am meisten, wenn man ihr anbietet einfach da zu sein und zuzuhören. Es ist immer hilfreich, wenn man dem anderen zeigt, dass man selber schon mal Liebeskummer hatte und den Schmerz verstehen kann.

Interview: Daniela Singhal
Themen in diesem Artikel