Beziehung: Familienanschluss ausgeschlossen

Franks Eltern sind ausländerfeindlich. Sie mögen keinen Besuch. Samira ist Afghanin. Sie liebt Frank. Und Familie geht ihr über alles.

Samira*: "Für seinen Vater bin ich eine potenzielle Selbstmordattentäterin"

Ich habe hier in Deutschland nicht viele Menschen, die mir wirklich nahe stehen. Nur ein paar gute Freunde und einen Onkel. Meine Eltern, mein Bruder, weitere Onkel, Tanten und Kusinen - sie leben alle in Afghanistan. Darum war ich sehr neugierig auf Franks Familie. Und fand es schade, als ich erfuhr, dass er keine Geschwister hat und kaum Verwandte. Am schlimmsten aber ist, dass seine Eltern mich nicht kennen lernen wollen. Sie warnen Frank sogar vor mir, wenn er sie in dem kleinen Ort in Sachsen besucht, in dem sie leben.

Ganz am Anfang, als Frank und ich gerade zusammen gekommen sind, dachte ich, dass er in den Erzählungen über seine Eltern bestimmt übertreibt, um mich auf ein mögliches Treffen mit den beiden vorzubereiten. Ich konnte mir einfach nicht vorstellen, dass sie wirklich so schlimm sind, wie er sagt.

Komiker sorgt für Massentrennungen mit diesem Witz

Aber nach und nach hat Frank mir immer mehr erzählt. Dass seine Eltern psychische Probleme haben, dass sie mit der Wende nicht gut klar gekommen sind. Auch gesundheitlich geht es ihnen schlecht: Sie hat Arthrose, er einen hohen Blutdruck und Alkohol-Probleme. Einmal habe ich mit seiner Mutter telefoniert. Sie war total aufgeschlossen, hat gefragt, wie es mir geht und wie mir meine neue Arbeit gefällt. Doch obwohl das Gespräch wirklich nett war, habe ich gemerkt: Ich bin dieser Frau nicht geheuer. Ihr Mann und sie haben Angst, dass ich ihm schade, ihrem einzigen Kind.

Frank hat mir erzählt, dass seine Eltern auch seine Ex-Freundin nicht kennen lernen wollten. Sein Vater lehnt wohl grundsätzlich alles ab, was fremd und neu für ihn ist. Aber mich findet er ganz besonders schlimm - ich bin ja Ausländerin und zu allem Überfluss auch noch Moslem. Und stehe damit unter Verdacht, früher oder später ein Selbstmordattentat zu verüben. Wie soll ich diese Ängste zerstreuen? Bis heute habe ich keine Idee.

Frank sagt, dass seine Eltern weder verreisen noch Besuch empfangen. Sie laden nie Leute zu sich ein, weil es ihnen peinlich ist, wie sie leben. Niemand soll sehen, dass sie alles sammeln und nicht aufräumen. Sie scheinen ziemlich einsam zu sein. Trotzdem wollen sie, dass ihr Leben sich nicht ändert und das ihres Sohnes am besten auch nicht. Ich bin froh, dass Frank seine Entscheidungen unabhängig von seinen Eltern trifft und sich - was uns angeht - nicht beirren lässt.

Böse, dass es mit den beiden so schwierig ist, bin ich nicht, ich finde es eher traurig. In meiner eigenen Verwandtschaft ist es normal, dass man aufeinander achtet, zusammen in die Berge fährt oder Picknick macht. Das alles wird mit seinen Eltern nie möglich sein, damit habe ich mich inzwischen abgefunden. Trotzdem interessiere ich mich für die beiden, es sind schließlich seine Eltern und bestimmt wichtige Menschen für ihn.

Jedes Mal, wenn Frank sie besucht, will ich wissen, wie es ihnen geht. Obwohl mir inzwischen klar ist, dass ich an der Situation nicht viel ändern kann, würde ich sie weiterhin gerne kennen lernen. Ich habe Frank deshalb vorgeschlagen, dass ich in ein paar Monaten einfach mitkomme, wenn er seine Eltern besucht. Ich werde mir ein Zimmer im Hotel mieten und die beiden in einem Café treffen, damit sich seine Mutter keine Umstände machen muss. Bis jetzt wissen sie von den Plänen noch nichts. Aber Frank hat versprochen, das Thema anzusprechen, wenn er die beiden das nächste Mal sieht.

Frank: "Meine Eltern würden wahrscheinlich nicht mal zur Hochzeit kommen"

Meine Eltern haben sofort etwas geahnt. Noch bevor ich mit Samira zusammen gekommen bin. Ich muss irgendwann nebenbei erwähnt haben, dass ich eine Frau kennen gelernt habe, die aus Afghanistan kommt und genau wie ich Medizin studiert hat. Meine Mutter sagte sofort "lass dich bloß nicht von der verführen".

Es hatte Gründe, warum sie diese Warnung aussprach. Was Frauen angeht, bin ich schon oft auf die Schnauze gefallen. Besonders meine letzte Trennung war schrecklich und hat mich sehr aus der Bahn geworfen. Deswegen wollen meine Eltern wahrscheinlich auch nicht, dass ich mit Samira zusammen bin. Mein Vater glaubt, sie würde mich nur ausnutzen. Das hat er meinen Ex-Freundinnen allerdings auch unterstellt. Er hat einfach eine sehr pessimistische Lebenseinstellung: In jeder Ecke lauert für ihn das Böse, er kann sich nicht vorstellen, dass es Menschen gibt, die uneigennützig handeln.

Es ist einfach alles falsch, was in der Welt passiert

Ich glaube deshalb nicht, dass es das Hauptproblem ist, dass Samira Ausländerin ist. Mein Vater würde sich immer aufregen, egal, wo meine Freundin herkommt und was sie macht oder nicht macht. Er schimpft wahllos. Über Linke, Nazis, die schlimmen Amerikaner, die sich in alles einmischen, die bösen Moslems, über die Währungsreform und Frau Merkel, über Dinge, die wir Deutschen tun und die, die wir nicht tun. Es ist einfach alles falsch, was in der Welt passiert.

Meine Mutter ist zum Glück anders, sie kann sich mit neuen Situationen besser anfreunden. Aber auch sie wäre, glaube ich, froh, wenn ich keine Freundin hätte. Am liebsten wäre es ihr, wenn ich einfach wieder nach Hause ziehen und mich um die beiden kümmern würde. Das hat sie zwar nie ausdrücklich gesagt, aber ich weiß es. Meine Eltern sind verbittert über ihr Leben und sie geben sich gegenseitig die Schuld daran. Besonders mein Vater kann sehr ausfallend und verletzend sein. Er streitet sich oft mit meiner Mutter, auch mit mir gerät er immer wieder aneinander. Diese Situationen kann ich keinem zumuten, ich möchte Samira schützen.

Doch selbst wenn mein Vater nicht diese Ausbrüche hätte, könnte ich Samira niemals mitbringen. Meine Eltern leiden am so genannten Messie-Syndrom, sie werfen nichts weg, räumen fast nie auf. Wenn ich sie besuche, muss ich mir zwischen all ihrem Gerümpel einen Platz frei räumen, an dem ich meine Iso-Matte ausrollen kann. Ich möchte nicht, dass Samira mich so sieht und auch meine Eltern schämen sich für die Zustände.

Dass ich mich um die beiden kümmere, hat moralische Gründe, es sind ja trotz allem meine Eltern und ich meine, sie nicht im Stich lassen zu dürfen. Aber es kostet mich Überwindung, das alles auszuhalten. Ich besuche die beiden etwa alle drei Monate. Meistens versuche ich, das Thema Samira auszusparen, weil ich genau weiß, dass es Streit gibt. Über diese Situation bin ich nicht glücklich. Aber dass Samira so darunter leidet, war mir lange Zeit nicht klar. Wir reden oft über das Eltern-Thema, finden aber keine Lösung.

Es ist mir egal, dass ich nicht den Segen meiner Eltern haben werde, wenn ich Samira eines Tages heirate, dass sie wahrscheinlich nicht einmal zur Hochzeit kommen werden. Die beiden sind aber nicht das einzige Problem in unserer Beziehung - Sorgen mache ich mir auch um Samiras Familie. Die weiß ja noch nicht einmal offiziell, dass wir zusammen sind. Vor allem ihre Mutter würde eine Beziehung zu einem Christen nie akzeptieren.

* Name von der Redaktion geändert

Protokoll: Nasrin Manzar C: wueStenfuXX/ Photocase
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