Kann man sich wieder in den eigenen Mann verlieben?

Was tun, wenn man das Kribbeln und die Leidenschaft des Anfangs vermisst? BRIGITTE-Mitarbeiterin Theresa Bäuerlein hat versucht, sich wieder in den eigenen Mann zu verlieben.

Mein Mann steht in der Küche und gibt heulende Laute von sich, während er uns Kaffee macht. Es klingt, als würde ein Seehund singen. Eigentlich hat mein Mann eine schöne Stimme, heute ist er einfach albern gelaunt. Wogegen nichts einzuwenden wäre, wenn er es mir dadurch nur nicht so schwer machen würde, ihn mit neuen Augen zu sehen. Als würde ich ihn noch nicht in- und auswendig kennen, inklusive seiner Launen und Witze. Denn ein frischer Blick auf den Partner soll nach neuen Ansätzen der Paar- und Sexualtherapie der Schlüssel dafür sein, wieder dieses elektrische Flirren zu spüren. Wieder mehr Leidenschaft und Verliebtheit für den Menschen zu empfinden, mit dem man seit Jahren Bett und Klo teilt. Genau das wünsche ich mir. Tun wir das nicht alle?

Es scheint so, denn dieser Wunsch hat sich zu einem Lieblingsthema der Beziehungsliteratur des 21. Jahrhunderts entwickelt. Verliebtheit hat in der klassischen Paartherapie keinen besonders guten Ruf, sie gilt als unreife Phase, in der Menschen den Realitätsbezug verlieren. Kein Problem, wenn diese Phase vorbei sei, schließlich sei passionierte Liebe auch in langen Beziehungen möglich, versichern Therapeuten.

Einer der bekanntesten deutschen Vertreter dieser Richtung ist der Therapeut Ulrich Clement. Clement meint, dass Leidenschaft ermüdet, weil wir alle zwei fundamentale Bedürfnisse haben, die einander leider völlig widersprechen: Einerseits wünschen wir uns Verlässlichkeit und Sicherheit, andererseits Neuheit und Überraschungen. Es ist normal, beides zu wollen. Aber in einer Beziehung sehr schwer, beides zu bekommen. Denn dafür müssten wir denselben Menschen spannend und erregend finden, der uns Sicherheit und Vertrautheit bieten soll. Weil dieser Konflikt schwer zu lösen ist, versuchen die meisten Menschen, ihr Bedürfnis nach Abenteuer aufzugeben. Nur: Die Sehnsucht danach bleibt, selbst wenn sie verdrängt wird. So erklärt sich wohl auch, dass laut einer Studie der Universität Göttingen angeblich jeder zweite Partner schon einmal fremdgegangen ist. Nicht umsonst spricht Clement vom "Dilemma der Monogamie".

Der moderne Mann zeigt Gefühle

Sind Seitensprünge die Lösung?

Eine Lösungsvariante, der auch Clement nicht ganz abgeneigt ist, wäre natürlich: das klassische Treuemodell infrage stellen und Seitensprünge zulassen. Aber ich halte nichts davon, Herzklopfen outzusourcen. Abgesehen davon, dass ich dann fairerweise auch die Abenteuer meines Mannes ertragen müsste, wäre das eigentliche Problem, nämlich die laue Beziehung zu ihm, weiter ungelöst. Ich glaube, das "Dilemma der Monogamie" ist ohnehin eher ein allgemeines Liebesdilemma. Meiner Freundin Maria geht es jedenfalls nicht anders als mir, obwohl sie in einer Beziehung mit eher lockerer Treuedefinition lebt: "Wir kennen uns einfach zu gut. Nach fünf Jahren Beziehung ist er mein Ein und Alles, aber aufregend finde ich ihn beim besten Willen nicht", erklärte sie neulich beim Frühstück mit schwermütigem Blick auf ihr Croissant. Nein, wenn wir entschlossen sind, einen bestimmten Menschen dauerhaft mit Leidenschaft zu lieben, dann müssen wir die Lösung wohl oder übel in der Beziehung zu genau diesem Menschen finden.

Daher habe ich versucht, meinen Mann wieder mit neuen Augen zu sehen, und inspiriert hat mich dazu Esther Perel. Die New Yorker Psychologin beschreibt in ihrem Buch "Wild Life - die Rückkehr der Erotik in die Liebe" eine ehegelangweilte Klientin, die darüber klagt, dass sie nur leidenschaftlich wollen kann, was sie nicht bereits besitzt, sprich: andere Männer statt des eigenen. "Wie kommen Sie darauf, dass Sie Ihren Mann besitzen?", fragt Esther Perel daraufhin ihre Klientin.

Als ich den Satz das erste Mal lese, erscheint er mir banal. Dann lese ich ihn noch einmal, und etwas in meinem Kopf macht fast hörbar "Klick". Ja, denke ich, wie komme ich darauf? Klar gehe ich bei einem Mann, der mich geheiratet hat, von der Beständigkeit seiner Liebe aus. Aber weiß ich es wirklich? Die meisten Menschen, meint Perel, machen einen Denkfehler: Sie halten den Anspruch auf dauerhafte Leidenschaft für wirklichkeitsfremd, den Anspruch auf Stabilität dagegen für realistisch. Tatsächlich aber garantieren uns weder gemeinsame Jahre noch goldene Ringe, dass der Mensch, den wir lieben, morgen, in einem Monat, in einem Jahr noch da sein wird. Laut Statistiken scheitert jede zweite bis dritte Ehe. Was macht mich so sicher, dass ausgerechnet wir zur den Glücklichen zählen werden? Perel meint, dass wir dieses Wissen normalerweise verdrängen, weil uns generell der Gedanke an jede Form von Ende Angst macht. Genau hier aber liegt die Chance: Wenn wir Unsicherheit zulassen, ändert sich die Sicht auf den Partner. "Durch diesen Perspektivenwechsel erkennen wir das unserem Partner innewohnende Geheimnis", glaubt Perel.

Diesen Ansatz fand ich überzeugend. Mein Mann hatte sich ja nicht groß geändert, mein Blick hat es getan. Das musste sich doch zurückstellen lassen! Also habe ich mich in den letzten Wochen bemüht und getan, was Esther Perel vorschlägt: Ich habe meinen Mann in unserem ganz normalen Alltag beobachtet und mir bewusst gemacht, dass er nicht nur mein Freund, mein Schatz, mein Fernsehkissen ist, sondern ein Mann, der mir genauso wenig gehört wie das heutige Wetter. Ich versuchte, ihn wie eine Frau zu sehen, die ihn seit vier Tagen, nicht seit vier Jahren kennt. Tatsächlich fielen mir schnell Dinge auf, die ich vergessen hatte: Wie schön sein Rücken ist, wenn er sich morgens vor dem Schrank umzieht. Wie anders sich seine Lippen anfühlen, wenn ich beim Küssen nicht an die Einkaufsliste oder den Abgabetermin für ein Projekt denke.

Meine Beziehung kommt mir plötzlich zerbrechlich vor

Aber dauerhaft beibehalten konnte ich diesen Blick nicht. Es ist ein bisschen wie der Vorschlag, den man früher seinen Freundinnen ins Poesiealbum schrieb: Lebe jeden Tag, als wär's dein letzter. Am Anfang stimmt einen so ein Vorsatz feurig, aber bald wird er zur leeren Phrase. Das Schöne an der Verliebtheit ist ja, dass sie von selbst geschieht. Wenn ich sie immer wieder herbeibeschwören muss, fühlt es sich an, als müsste ich mir beim Wassertrinken ständig Champagner vorstellen.

Als mein Mann also an diesem Nachmittag mit dem Singen aufhört und aus der Küche kommt, bin ich kurz davor, aufzugeben. Traurigkeit überfällt mich, als er die Kaffeetasse vor mir abstellt, ein Gefühl von Abschied stellt sich ein. Nicht von ihm - meiner Liebe bin ich sicher -, aber davon, je wieder rauschhaft für ihn empfinden zu können. Mein Mann scheint zu merken, dass etwas nicht stimmt. "Was ist los?", fragt er.

Ich sehe ihn an, sein Gesicht, das ich liebe, das vertraut ist, das in mir aber, wem soll ich etwas anderes weismachen, keinen Hunger weckt, sondern ein sattes Zu-Hause-Gefühl. Und obwohl auch das schön ist, macht es mich in diesem Moment so traurig, dass ich ohne nachzudenken sage: "Ich wäre einfach gern wieder richtig verliebt in dich." Mein Mann stellt die Kaffeetasse hin und schweigt. "Ja, ich auch", sagt er schließlich.

Es dauert einen Moment, bis dieser Satz wirklich bei mir angekommen ist. Dann arbeitet er in mir. Tut weh, weckt etwas auf. Er wünscht sich das auch? Und dann passiert etwas Seltsames: In dem Moment, in dem mir das klar wird, kommt mir meine Beziehung zu ihm zerbrechlich vor. Die Distanz, die ich künstlich zu inszenieren versucht habe, wird plötzlich Wirklichkeit. Ich merke, dass ich alles falsch verstanden habe: Es ging nie darum zu vergessen, wie gut ich ihn kannte, damit ich wieder verliebter sein konnte. Es ging darum zu sehen, dass ich ihn tatsächlich nicht kenne.

Wie ist das, in der Liebe: Gibt es irgendwann nichts mehr in einem anderen Menschen zu entdecken? Oder hört man nur mit dem Suchen auf?

Mein Mann sieht mich an, in seinem Blick ist eine Frage. In der Stille zwischen uns, in die ich normalerweise einfach irgendwas hineinsagen würde, ist jetzt Platz. Eine Distanz, die Lust aufs Überbrücken macht. Ich habe keine Ahnung, ob sich dieses Gefühl festhalten lässt. Aber ich frage mich, ob es tatsächlich sein kann, dass diese Magie eigentlich die ganze Zeit da ist, von mir ungesehen. Meistens.

Text: Theresa Bäuerlein
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