Paar-Therapie: So schützt ihr eure Liebe

Warum immer mehr Menschen eine Paar-Therapie machen. Wie sie sich anfühlt. Und warum sie sich immer lohnt.

BRIGITTE-Psychologe Oskar Holzberg, 59, arbeitet seit mehr als 20 Jahren als Paartherapeut in Hamburg

Ich bin es so leid. Immer muss ich mich darum kümmern, damit wir mal was gemeinsam machen. Vor dir kommt nichts." Frau S. schaut erst auf ihren Mann, dann auf ihre Hände. Ihre Augen sind feucht geworden. Sie hebt entschieden den Kopf. "Und ich will auch nicht immer die sein, die heult", sagt sie. Und weint. Ich warte etwas. "Sie fühlen sich hilflos mit Ihrem Ärger", sage ich. Ich blicke zu ihrem Ehemann, der scheinbar unberührt auf seine weinende Frau schaut. "Was erleben Sie gerade?", frage ich ihn.

Er zuckt fast unsichtbar mit den Schultern. "Ich sehe das anders", sagt er leicht verärgert. "Sie hat ja mehr Zeit, sich darum zu kümmern, als ich. Und wenn ich mal was besorge, dann ist es ohnehin nicht richtig." Ich unterbreche ihn und sage, dass er sich angegriffen fühlt. "Ich soll immer ihre Erwartungen erfüllen", sagt er. Sie schaut ihn missbilligend an. Sie sind Lichtjahre voneinander entfernt. Es ist körperlich spürbar, wie sie einander verfehlen. Ihre Paartherapie ist fünf Minuten jung. Und wir sind bereits mitten drin. Ich beuge mich also etwas vor. "Komm, Herr S.", sage ich, "hör auf, vernünftige Argumente zu finden.

Vom Ausbruch der Krise bis zur Therapie dauert es im Schnitt sechs Jahre. Aber inzwischen kommen auch immer mehr Paare, die vorbeugen möchten

Deine Frau sehnt sich nach deinen Gefühlen. Sag ihr, dass du verstehen kannst, wie zurückgewiesen sie sich fühlen muss, wenn du dich zurückziehst. Verrate ihr deine Trauer und Hilflosigkeit, sie so zu sehen. Erzähl ihr, wie wichtig es dir ist, dass sie glücklich wird, und wie viel Angst es dir macht, es vielleicht nicht zu schaffen." Danach wende ich mich ihr zu: "Und du, Frau S., sag ihm, wie weh es dir tut, dich so weit weg von ihm zu fühlen. Wie ungeliebt du dich fühlst. Und wie viel Angst es dir macht, vielleicht niemals liebenswert genug für ihn zu sein." Aber ich sage das alles natürlich nicht.

Ich fordere ein Paar nicht einfach auf, mal so eben seine größten Ängste und tiefsten Gefühle auf den Tisch zu legen. Vielleicht können sie irgendwann so miteinander sprechen. Oder so ähnlich. Am Ende ihrer Paartherapie. Seit 2012 sind immer mehr Paare bereit, zu Therapeuten zu gehen.

Auch wenn Untersuchungen besagen, dass durchschnittlich noch satte sechs Jahre vom Ausbruch der Krise bis zur Therapie vergehen, ist die Therapie für Paare mittlerweile eine anerkannte letzte Chance - oder sie erbringt schließlich den endgültigen Beweis, dass es miteinander keinen Sinn mehr macht. Gerade hat auch Bettina Wulff sich dazu bekannt, dass sie und ihr Mann in der schwierigen Phase seines Rücktritts nicht ohne therapeutische Hilfe ausgekommen sind. Aber es kommen inzwischen auch Paare, die vorbeugen wollen, die gar nicht erst in eine ernste Krise stolpern möchten. Stabile, befriedigende Liebesbeziehungen, das haben wir verstanden, sind schwierig und selten. Was selten ist, gewinnt an Wert.

Es geht nicht mehr darum, die große Liebe zu erhalten. Es geht darum, nicht im Überangebot des Lebens verloren zu gehen

Paare sind bescheidener geworden. Es geht nicht mehr darum, die ganz große Liebe zu erhalten. Wir sind aufgeklärte Liebesbezieher. Es geht uns darum, nicht im Überangebot des Lebens verloren zu gehen. Einen Partner zu finden ist immer weniger unser Problem. Wir rufen den Therapeuten an, weil wir unsere Partner nicht ständig wieder verlieren wollen. Und wir wollen unser Leben nicht ständig neu erfinden müssen. Eine stabile Liebesbeziehung bedeutet auch einen Platz im Leben. Der amerikanische Psychotherapeut Al Pesso bezeichnet dieses Bedürfnis als unser erstes Grundbedürfnis. Die Wohnung, das Haus, die Freunde. Das gemeinsame Leben ist nur die äußere Hülle für das, was wir in einer festen Liebesbeziehung finden. Den wichtigen Anderen, der uns Halt im Leben gibt. Lange war das ein verpönter Gedanke.

Auch in der Paartherapie. Ein gutes Paar war ein Team selbstbewusster Einzelkämpfer. "Streiten verbindet" hießen die Bestseller. Die Aussage war so einfach wie durch schlagend: Lass deiner Wut freien Lauf. Dann begegnet ihr euch wirklich. Anschließend galt lange die richtige Kommunikation als der Weg zum Glück. Oder das Aufbrechen eingefahrener Interaktionsund WahrnehmungsSysteme. Aber um die Jahrtausendwende begannen die Paartherapeuten zu diskutieren, dass sie interessanterweise etwas ausgeklammert hatten, worum doch jede Beziehung kreist: Liebe. Die Psychologie versteht sie als Gefühl, das Bindung begleitet. Das war kein Zufall. Die Forschung entdeckte im Gehirn die Vormacht der Gefühle.

Wir brauchen Verbundenheit

Gerade hat der Nobelpreisträger und Psychologe Daniel Kahnemann in seinem Buch "Schnelles Denken, langsames Denken" aufgezeigt, welch irrationale, von unseren Gefühlen bestimmte Wesen wir sind. Gefühle sind kein Beiwerk, sie sind der Kern unseres Erlebens. Und das gilt besonders für das größte aller Gefühle. Wir lieben, weil wir miteinander verbunden leben. Es ist der kleine Unterschied zwischen Erwachsenem und Kind. Er ist viel geringer, als unsere Vorstellung vom unabhängigen, selbständigen Individuum es zulässt. Kinder verzweifeln, wenn niemand für sie da ist, sie schreien vor Angst.

Die Bindungsforschung sagt, dass das auch Erwachsene, auf ihre Art, tun. Wir leiden, wenn wir uns nicht verbunden fühlen. Deshalb kommen Paare zur Paartherapie. Ich gehe im Geiste die 30 Paare durch, die zuletzt bei mir waren. Sechs mussten eine Affäre verwinden. Vier beklagten absolute Sexlosigkeit. Vier andere eine nicht endende Aggressivität miteinander. Bei zwei weiteren Paaren war es zu Gewalt gekommen.

Am Anfang fühlen sich beide wie Opfer. Jeder beschuldigt den anderen und hofft, dass die Therapie der Ort ist, recht zu bekommen

Doch die Hälfte der Paare beklagte, einander nicht mehr nahe zu sein, sich nicht mehr zu verstehen. "Wir müssen unsere Kommunikation verbessern", sagen sie dann. Was sie aber meinen, ist, dass sie einander wieder sicher emotional erreichen möchten. Bist du für mich da? Wenn John Gottman, der weltweit bedeutendste Paarforscher, gefragt wird, welche Probleme Paare heutzutage haben, dann antwortet er: "Es geht nicht um Probleme." Es geht, wie er in seinem neuen Buch "Trust" darstellt, um Vertrauen, um die gefühlsmäßige Verbindung. Frau S. reagiert mittlerweile sehr empfindsam auf das kleinste Anzeichen von Ablehnung durch ihren Mann. Als er auf die Uhr schaut und sagt, er habe noch einen Termin, kräuselt sich ihre Stirn. Sie sagt "Hmmh", aber sie fühlt: Ich bin ihm nicht wichtig. Nach außen zeigt sie Unmut, aber in ihr entsteht, was der Neurowissenschaftler Jaak Panksepp "primäre Panik" nennt.

Die Angst, dass sich unsere wichtige Bezugsperson von uns abwendet. Es dauert 20 Jahre, bis unser Gehirn ausgereift ist. Wir sind die abhängigsten Säugetiere des Planeten. Die Angst, verlassen zu werden oder den anderen nicht mehr wirklich erreichen zu können, bestimmt unbewusst jeden Konflikt eines leidenden Paares. Eine Paartherapie beginnt lange bevor das Paar das erste Mal die Praxis betritt. Was am Küchentisch ungeklärt bleibt, landet im Therapieraum. Honorarpflichtig. Reden ist plötzlich Gold. Und es entsteht eine neue Hoffnung, sich wieder näherzukommen. Das Paar hat sich auf etwas geeinigt, vielleicht nach langer Zeit wieder zum ersten Mal. Aber noch fühlen sie sich wie zwei Opfer, die einander beschuldigen, im Alleingang die Beziehung zu killen. Jeder hofft, dass die Therapie der Ort ist, recht zu bekommen. Es dauert einige Sitzungen, bis das Problem nicht mehr ausschließlich beim Partner gesucht wird. Bis beide schließlich anerkennen, dass niemand falsch sein muss, um einander nicht mehr zu verstehen. Herr S. ist da noch nicht angekommen.

Dauernd will sie reden. Dabei kommt ja nichts raus.

Er wolle ehrlich sein, sagt er, er sei nur mitgekommen, weil sie es immer wieder gefordert hat. Er fühlt sich ohnehin in der Beziehung unter Druck gesetzt. Dauernd will sie reden. Dabei kommt ja nichts raus. Also entzieht er sich. Arbeitet viel. Versucht es mit kleinen Komplimenten, ist freundlich. Versucht Konflikte zu vermeiden. Holt Bestätigung bei den Kindern. Versucht, alles nicht so schlimm zu finden. Frau S. macht das nur verzweifelter. Sie fühlt sich wie vor einer verschlossenen Tür. Und hämmert immer stärker dagegen. Er zieht sich erst recht zurück und wehrt sich wütend. Ein Partner greift an, der andere entzieht sich. Irgendwann haben sich beide voneinander zurückgezogen. Das typische Muster. Das Paar befindet sich in einer sich endlos wiederholenden Abfolge von Reaktionen aufeinander. Frau S. spürt genau, dass ihr die Nähe zu ihrem Mann verlorengegangen ist. Sie kämpft auch in der Therapie weiter darum, versucht ihm aufzuzeigen, wie wenig Zeit er mit ihr verbringt.

"Du kommst spät, und am Wochenende gehst du in deinen Ruderclub! Die ganze Verantwortung für die Kinder bleibt an mir hängen." Er hört nur: "Verantwortungslos!" Also ätzt er zurück: "Ach so. Na klar. Im Büro bin ich ja auch nur zu meinem Vergnügen. Oh, mein Gott, und dann rudere ich auch noch!" "Kann ich mich wirklich darauf verlassen, dass du mir mit den Kindern hilfst? Bin ich dir wichtiger als dein Sport?" Das sind die Fragen, die Frau S. eigentlich stellt. Variationen der entscheidenden Beziehungsfrage: Bist du für mich da? Herr S. kann das nicht hören. Er achtet nur auf die Fakten, nicht auf die Wahrnehmungen seiner Frau. Ich frage ihn: "Was, meinen Sie, geht in Ihrer Frau vor, wenn Sie auf ihre Bitte zu bleiben nicht reagieren und zum Sport gehen?" - "Das weiß ich nicht", sagt Herr S. Und braucht sehr lange, bis es ihm gelingt, sich in seine Frau hineinzuversetzen. Im Jahr 1922 saß eine junge Frau namens Bluma Zeigarnik in einem Wiener Kaffeehaus und beobachtete fasziniert, wie die Ober aufwändige Bestellungen aufnahmen, ohne sich eine einzige Notiz zu machen.

Die alles entscheidende Beziehungsfrage heißt: „Bist du für mich da?“

Sie befragte die Ober später, und es stellte sich heraus, dass sie, nachdem sie serviert hatten, die Bestellung sofort vergaßen. Heute nennt man dies den "Zeigarnik-Effekt". Was für uns nicht abgeschlossen ist, das erinnern wir 90 Prozent besser. John Gottman wendet das auf die Konflikte von Paaren an. Wenn sie nicht gelöst werden, beginnen sie das Erleben des Paares zu dominieren. Der "ZeigarnikEffekt". Die negativen Gefühle nehmen überhand. Die positive Bindung aneinander geht verloren. Um sie wieder herzustellen, musste Herr S. lernen, dass es wirklich etwas bedeutet, wenn er seiner Frau zuhört und auf ihre Bedürfnisse nach gefühlsmäßiger Verbindung eingeht. Sein Ruderclub ist kein Problem, wenn sie sich geschätzt von ihm fühlt. Klingt zu einfach? Nur, wenn wir vergessen, wie schwer es ist, dahinzukommen. Herr und Frau S. mussten an diesem Punkt ihrer Therapie ihre Sexualität klären. Genauer: den unscheinbaren Rest, der noch lebendig war.

Sexualität ist nicht nur ein Erleben, in dem wir uns nichts vormachen können.

Sie ist auch untrennbar von den Gefühlen, die Partner zueinander haben. Der sexuelle Frust brach bei Herrn und Frau S. aus, als ihr erstes Kind geboren wurde. Eine vorhersehbare Krisenzeit. So wie die erste gemeinsame Wohnung. Ein neuer Job. Ein verlorener Job. Das zweite Kind. Dann ist das Paar gefordert. Und schnell überfordert, wenn es ohnehin schon unbewältigte Konflikte mit sich trägt. Die Partner sind überflutet und überfluten einander mit Kritik, Vorwürfen. Auch das ist Teil einer Paartherapie: zu lernen, sich selbst und den anderen zu beruhigen. Ein Paar steht niemals still. Es befindet sich entweder gerade in einer positiven Eskalation oder aber in einer negativen. In der positiven geben die Partner einander Zeichen von Zuneigung. Sie teilen ihre weichen Gefühle miteinander. In einer negativen Eskalation verletzen sie einander immer weiter. Bitten werden plötzlich wie Ansprüche erlebt. Ansprüche wie Kriegserklärungen. Als Herr S. das erste Mal Tränen in den Augen hatte, weil er sich so einsam fühlte, wusste ich, dass wir auf dem richtigen Weg waren.

Text: Oskar Holzberg
Themen in diesem Artikel

Unsere Empfehlungen

teaser_3