VG-Wort Pixel

Paartherapeut verrät Ziehen sich Gegensätze an?

Oskar Holzberg: Ehepaar geht spazieren, Mann hat Fahrrad in der Hand
© Yingyaipumi / Adobe Stock
In der Kolumne unseres Paartherapeuten Oskar Holzberg dreht sich alles um typische Liebesweisheiten und ihren Wahrheitsgehalt, er seziert Sprichwörter, Songtexte und berühmte Zitate.

Ein für alle Mal: nein! Obwohl …

Auf der Suche nach Liebe irren wir wie verwirrte Stabmagneten durchs Leben. So lange, bis wir endlich die Anziehung spüren, auf die wir die ganze Zeit gewartet haben, und damit unseren Lebensmenschen gefunden haben – oder zumindest den Menschen für die nächsten Wochen. Logisch, dass wir die Gesetze dieser Anziehung gerne verstehen möchten. Die Weisheiten "Gegensätze ziehen sich an" und das dazu widersprüchliche "Gleich und gleich gesellt sich gern" beschäftigen daher wohl unausrottbar jede Generation aufs Neue. Wenn wir wüssten, dass wir uns auch wohlgemut auf jemanden einlassen können, der so ganz anders ist als wir selbst, würden wir uns wirklich sicherer fühlen.

Je mehr Gemeinsamkeiten, desto stärker ist die Bindung?

Die Frage, was denn nun stimmt, stellen sich nicht nur Teenies. Auch ernsthafte Wissenschaftler:innen gehen ihr immer wieder nach. Deshalb wissen wir, dass wir bevorzugt Beziehungen zu Menschen eingehen, die aus unserer Gegend kommen, die ähnlich alt, ähnlich gebildet, ähnlich attraktiv sind, aus unserer sozialen Schicht stammen und ähnliche Interessen haben wie wir. Wir lieben das Vertraute, es vermittelt uns Halt und Geborgenheit. Wenn beide ausrufen können: "Ist ja Wahnsinn, ich habe auch alle Ratgeberbücher von Stefanie Stahl gelesen!", sagt das zwar gar nichts, aber unser Bedürfnis nach Seelenverwandtschaft ist trotzdem befriedigt. Und natürlich ist das Leben leichter, wenn beide auf Oldtimer stehen und gerne ins Theater gehen, als wenn nur einer von beiden keinen Fuß in so eine alte Dreckschleuder setzen will und alles außer Binge Watching von Netflix-Serien langweilig findet. Je mehr Fäden uns verbinden, desto haltbarer ist das Band zwischen uns. Und desto weniger Streit gibt es auch über den Bauhaus-Stil im Wohnzimmer oder den schweineteuren Bordeaux im Einkaufswagen.

Allerdings wird unsere Partnerwahl noch durch etwas anderes bestimmt, was der kluge Paartherapeut Jürg Willi in den Satz packte: "Gegensätze vom Gleichen ziehen sich an." Wir erkennen im anderen unbewusst auch, wie er oder sie das Leben meistert. Wir alle sind in unserem Leben verletzt, abgelehnt und entwertet worden und haben gelernt, damit zurechtzukommen. Wenn wir jemanden erleben, der andere Lösungen für die Probleme gefunden hat, die wir auch haben, dann bereichert uns das. Unbewusst zieht das uns an, auch und gerade weil wir am anderen Menschen etwas erleben, was wir uns nicht trauen, was uns fehlt. Wer immer Konflikte in seiner Familie fürchten musste, der hat entweder gelernt, Auseinandersetzungen zu vermeiden, oder aber sie so zu führen, bis der Konflikt gelöst ist. Gegensätzliche Lösungen für das gleiche Problem.

Dass wir glauben, Gegensätze zögen sich an, liegt auch daran, dass sie uns sofort ins Auge springen. Eine sehr Große neben einer sehr Kleinen fällt mehr auf als zwei gleich Große. Der andere Grund ist, dass sich Paare polarisieren. Durch die Je-mehr-du-umso-mehr-ich-Dynamik in Partnerschaften entstehen Gegensätze. Um die Stabilität in einer Beziehung zu wahren, zieht sich eine zurück, wenn sie auf heftige Reaktionen des anderen trifft, und dessen Reaktion wird wiederum heftiger, weil ihr ausgewichen wird. Je mehr eine*r dominiert, desto zurückhaltender wird der oder die andere. Eine Entwicklung, von der wir nur das Endergebnis sehen: ein lauter Typ und sein stiller Partner. Und schon hat es sich für uns wieder gezeigt: Gegensätze ziehen sich an. Aber das stimmt eben nicht. Sie entstehen erst dort, wo wir es am wenigsten vermuten: in den Liebesbeziehungen, in denen sich gleich und gleich gesellt haben.

Neu in den Partner verlieben: Oskar Holzberg
Oskar Holzberg, 67, berät seit über 20 Jahren in seiner Hamburger Praxis Paare und ist seit über 30 Jahren verheiratet. Sein aktuelles Buch heißt "Neue Schlüsselsätze der Liebe" (240 S., 11 Euro, DuMont).
© Ilona Habben
Brigitte

Mehr zum Thema