Unerfüllbare Wünsche - "Was erwartest du von mir?"

Oft projizieren wir Wünsche auf den Partner, die der gar nicht erfüllen kann. Und riskieren damit die Beziehung. Warum tun wir das - und wie kommen wir da raus?

Ich ahnte schon, dass die SMS wieder von ihr kam. Dabei hatten wir gerade erst vor zwei Stunden gesimst. Es ging um heute Abend - und um die Erreichbarkeit. Wir lebten nicht in einer Stadt, wir telefonierten daher häufig und machten dafür oft vorher Uhrzeiten aus. Ich aber war an diesem Abend verabredet und wollte nicht telefonieren. Miese Laune vibrierte am anderen Ende.

Diese Beziehung ist schließlich nach ein paar Monaten daran gescheitert. Meine Freundin wollte zu viel Nähe. Ständig musste telefoniert und getextet werden. Als Rückversicherung für ihre emotionale Engagiertheit. Auch sonst fand sie, dass man als Paar doch am besten alles gemeinsam machen könnte. Das Interessante daran ist, dass ich ihren Wunsch an sich vielleicht gar nicht so störend gefunden hätte, wäre er nicht mit einer unterschwelligen Unsicherheit und Bedürftigkeit einhergegangen, die ich spürte, auch wenn sie es nicht aussprach. Plötzlich fanden sich überall Gründe, die zum Problem hochgekocht und als mangelnde Zuneigung interpretiert wurden.

Durch diese einfachen Gestern wird die Beziehung gestärkt

Gibt es ein Patentrezept für Partnerschaften? Ich weiß es nicht.

Ihre Begründung für das Verlangen nach totaler Nähe war das Killerargument "Liebe". In Wirklichkeit offenbarte sich nach und nach, wie wenig sie bei sich und wie unfähig sie war, allein zu sein. Und ich hatte zunehmend das Gefühl, dass ich riesengroße Defizite aus ihrer Kindheit kompensieren sollte.

Gibt es ein Patentrezept für Partnerschaften? Ich weiß es nicht. Ich weiß nur, dass sich eine Liebesbeziehung wie nichts anderes als Projektionsfläche für unsere Sehnsüchte eignet. Nirgendwo sonst können wir so gut vor unseren Ängsten fliehen - zumindest am Anfang. Wir hoffen dort Geborgenheit zu finden, unser angeknackstes Selbstbewusstsein zu stärken, unsere Defizite auszugleichen. Und meistens treffen wir auf jemanden, mit dem das kurzfristig und vordergründig gelingen kann.

In ihrem Vortrag: "Die innere Scheidung" spricht die österreichische Psychotherapeutin und Supervisorin Prof. Dr. Anneliese Fuchs von der Illusion als Zwillingsschwester der Sehnsucht. Illusionen vernebeln uns und machen uns gierig auf den anderen. Frauen werden ein bisschen betriebsblind (und Männer oft eher triebblind). Am Anfang herrscht noch Friede, Freude und viel Sex. Der Partner ist noch voller Geheimnisse. Alles ist möglich.

Je wackeliger das eigene Selbst, desto größer der Wunsch nach Erlösung - von der Einsamkeit zur Zweisam- oder Dreisamkeit ... Und desto heftiger oft die Nebenwirkungen, heißt: das Erwachen danach. Gerade im ersten Jahr einer Beziehung kann man böse Überraschungen erleben. Heißt ja nicht von ungefähr, dass man sich in jemanden "ver-guckt" und sogar "ver-liebt" hat.

Über kurz oder lang geht jeder Supermann in den Sinkflug - und die Enttäuschung kommt

Richtig desillusionierend wird es aber, wenn der Hormonpegel wieder abebbt, und die rosa Brille durch eine Röntgen-Brille ersetzt wird. Aus dem verklärten Blick wird plötzlich ein kritischer, analytischer, und der Supermann geht auf Sinkflug. Der Partner ist plötzlich schuld, dass wir nicht glücklich sind, weil er unseren Erwartungen nicht gerecht wird. Oder nicht gerecht werden kann. Und dann kommt die Enttäuschung. Entstehen Wut und Aggression, auf den anderen, der uns nicht erlösen kann. Ein Großteil der Projektionen besteht darin, dass die meisten Menschen davon ausgehen, dass sich der andere nach den gleichen Mustern verhält wie man selbst. Dass er ähnlich denkt und fühlt. Was er in den seltensten Fällen tut.

Aber warum geben wir uns diesen Illusionen immer wieder hin? Sollten wir nicht schlauer sein?

Wir alle machen Bindungserfahrungen in der Kindheit und erleben mehr oder weniger Geborgenheit. Wir sammeln Defizite an (zum Beispiel eine große Verlustangst), und wir entwickeln Muster, um diese zu kompensieren. Das alles passiert in der Regel unbewusst. Und genauso unbewusst suchen wir uns einen Partner, der uns retten könnte. Dabei gibt es leider ein ungeschriebenes Grundgesetz: Mangel zieht Mangel an und Fülle wiederum Fülle. Heißt: wir können also davon ausgehen, dass ein eher instabiles, ängstliches Ego nicht jemanden anzieht, der emotional stabil und bei sich ist, sondern wiederum seinesgleichen. Dann treffen zwei Menschen mit zwei ziemlich großen Baustellen aufeinander. Und was sich zuerst noch wie eine "Seelenverwandschaft" anfühlen kann, weil beide ähnliche Themen haben, endet meist unglücklich - nämlich in einem Teufelskreis der Kompensationen.

Natürlich gibt es viele Menschen, die gesunde Beziehungen führen. Die beide sie selbst sind und zusammen einfach noch mal mehr. Die zusammenwachsen, auch an ihren Problemen. Bei denen sich Bedürftigkeit und Geben die Waage hält. Aber das sind in der Regel Menschen mit einem ausgereiften Maß an Selbstliebe. Menschen, mit einem gesunden Selbstwert, die sich genügen, und den anderen als schöne, wertvolle Bereicherung sehen - nicht als Krücke. Das hat sicher auch mit Alter zu tun, mit Lebenserfahrung und ergo erworbener Menschenkenntnis. Aber vor allem hat es ganz, ganz viel mit Selbst(er)kenntnis zu tun.

Ich ganz allein bin für mein Seelenheil verantwort lich: Diese Einsicht hilft enorm

Meine neue Freundin scheint diesbezüglich den totalen Durchblick zu haben. Gleich in der Frühphase unserer Beziehung meinte sie, fast schon weise: Sie würde nicht mehr danach suchen, was sie an einem Mann (also mir in diesem Fall) nicht habe. Sondern sie würde sich erst mal und vor allem darauf konzentrieren, was vorhanden sei, also auf der Habenseite - und nicht im Sollbereich ist.

Außerdem ist sie weder scharf darauf, dass wir demnächst mal zusammenziehen - oder auch nur darüber nachzudenken - noch, dass wir bereits jetzt abends im Bad nebeneinander Zähne putzen oder Pantoffeln teilen. So sinngemäß. Ich kann das sehr gut verstehen. Und nehme es nicht persönlich.

Zu erkennen, dass nur ich ganz allein für mein seelisches Wohlbefinden verantwortlich bin und niemand sonst, erfordert eine gewisse Ehrlichkeit. Aber es hilft. Ungemein. Und was damit einhergeht: Erst wenn ich mit mir selbst im Reinen bin, werde ich auch Menschen anziehen, die wirklich zu mir passen. Und nicht jemanden, der sich in mein Phantom-Ich verliebt.

Text: Jan Jepsen BRIGITTE 11/2016