Liebe in Zeiten von SMS: Gute Zeichen, schlechte Zeichen

<3 oder :( ? Eine Studie erklärt, was Art und Anzahl der SMS zwischen Partnern über den Zustand ihrer Liebe aussagen. Und nein, das ist gar nicht so offensichtlich.

Voriges Jahr sind in Deutschland fast 50 Milliarden SMS verschickt worden, eine Milliarde davon vermutlich von der Kanzlerin, sehr viele von Teilnehmern langweiliger Konferenzen oder Unterrichtsstunden. Die restlichen Abermilliarden stammen von Paaren, die sich gegenseitig an irgendwas erinnern wollten: an ausstehende Einkäufe, fortlaufende Streitigkeiten oder möglicherweise daran, dass sie einander immer noch lieben.

80 Prozent aller Paare schreiben sich mehrere SMS am Tag. Im Grunde ist die SMS das Partnerschaftsmedium überhaupt: Keiner kann einem dazwischenreden. Man kann jederzeit alles, was einem durch den Kopf schießt, mitteilen, ohne darauf warten zu müssen, dass der Partner aufgewacht oder das Kind im Bett ist. Gleichzeitig ist die Nachricht auf dem Handy- oder Smartphone-Bildschirm intimer als die Mail oder Facebook-Nachricht auf dem Computer: Man hat das Gerät schließlich direkt am Körper, also fast wie ein Sinnesorgan.

Ein Handy ist fast wie ein Sinnesorgan

Trotz alledem hat es eine Weile gedauert, bis endlich jemand untersucht hat, was das Medium Kurznachricht eigentlich mit der Beziehung macht. Lori Schade und Jonathan Sandberg, zwei Paar- und Familientherapeuten von der Brigham Young University im US-Bundesstaat Utah, haben nun als Erste den Zusammenhang zwischen SMS und Paarzufriedenheit untersucht und die Ergebnisse veröffentlicht. Lori Schade war auf die Idee gekommen, weil ihre Klientinnen und Klienten in der Paartherapie immer wieder mit dem Handy vor ihrem Gesicht herumfuchtelten: "Sie kommen rein und zeigen mir erst mal die verletzende SMS, die sie von ihrem Partner bekommen haben." Dabei merkte die Therapeutin, dass solch eine verletzende SMS oft eine größere emotionale Bedeutung hat als eine Gemeinheit, die jemand einem vor ein paar Tagen ins Gesicht gesagt hat. Denn die Nachricht steht ja nun mal da und bleibt, wie sie ist, ohne in der Erinnerung umgedeutet oder abgeschwächt zu werden: "Die Leute haben Zeit, über eine Nachricht zu brüten."

Schade und ihr Kollege Sandberg befragten knapp 300 junge Erwachsene, verheiratet oder fest liiert, über die Rolle, die SMS in ihrer Beziehung spielen. Das Ergebnis ist erstaunlich vielschichtig und in sich scheinbar widersprüchlich. Denn: Wenn Frauen in einer Beziehung viele SMS schreiben, ist das für sie ein Zeichen großer Beziehungszufriedenheit; für Männer sagt die SMS-Frequenz ihrer Partnerinnen hingegen wenig über die Qualität der Beziehung aus. Je mehr die Frauen jedoch versuchen, per SMS Beziehungsprobleme zu lösen, desto schwächer empfinden beide Seiten die Beziehung.

Gleichzeitig sind jedoch Frauen und Männer umso unzufriedener mit ihrer Beziehung, je mehr SMS der Mann schreibt. Man könnte vermuten, dass dies am Inhalt der SMS liegt ("Digga ey die Arminia!!!!!") oder an ihrer Qualität ("gute n8"), aber die Wissenschaftler vermuten, dass es sich um einen rein statistischen Zusammenhang handelt: Männer schreiben umso mehr SMS, je unaufhaltsamer eine Beziehung sich ihrem Ende nähert, sie nutzen SMS also, um sich aus dem persönlichen Kontakt schrittweise zurückzuziehen.

Man kann also sagen, dass Männer SMS im Zweifelsfall eher nutzen, um sich zurückzuziehen, Frauen hingegen, um Kontakt herzustellen. Dies bestätigt ziemlich deckungsgleich das gängige Geschlechterklischee, denn angeblich nutzen Männer ja immer alles, um sich zurückzuziehen. Man kann daraus aber auch einen übergeordneten Schluss ziehen und sich darauf besinnen: SMS eignen sich für beides, Rückzug und Kontakt. Wie in allen anderen Beziehungen, beruflich, Familie, Freundeskreis: Wir nutzen SMS, um uns unangenehme Dinge vom Leibe zu halten (den langatmigen Kollegen, der einen immer stundenlang vollquatscht, Verwandte ersten Grades, die einen mit den Worten begrüßen, "Aaaaach, dass du dich mal meldest, dein Bruder ruft ja jeden Tag an"), aber auch, um zwischendurch einen schönen Kontakt herzustellen. Weil die SMS sich so gut eignet, um einen flüchtigen Gedanken festzuhalten. Sich jetzt vornehmen, der Kollegin morgen zu sagen, wie gut einem der Text gefällt, den man gerade auf dem Sofa gelesen hat? Oder dem alten Freund nächstes Wochenende erzählen, dass man gerade beim Wegschmeißen alter Unterlagen an den gemeinsamen Urlaub vor fünf Jahren gedacht hat und wie schön das war? Das funktioniert sowieso nicht, das vergessen wir alles oder finden in dem Moment nicht die richtigen Worte dafür oder sind nicht mehr in der Stimmung, aber die SMS ist in diesen Fällen wie ein spontaner Freundlichkeitsblitz.

SMS eignen sich nicht zur Konfliktlösung

Und nur so funktioniert sie offenbar auch in Partnerschaften gut. SMS-Forscherin Lori Schade hat jedenfalls sehr klare Vorstellungen davon, was geht und was nicht: "Grundsätzlich gilt: Wenn man nichts Nettes mitzuteilen hat, sollte man gar keine SMS schicken." Gut, einigen wir uns zumindest darauf, dass kreative Lästereien über Dritte von dieser Regel ausgenommen sind. Und dass man auch logistische Anweisungen und Absprachen als etwas "Nettes" betrachten kann, sofern sie konstruktiv das gemeinsame Leben betreffen und angemessen freundlich formuliert sind.

Die schlichteste Zusammenfassung der neuen Studie lautet: SMS eignen sich gut zur Bestätigung der Liebe ("<3!"), zur Beziehungspflege ("freu mich auf heut abend"), aber nicht zur Konfliktlösung (bitte als Beispiel in Gedanken den letzten nicht enden wollenden SMS-Dialog einfügen darüber, warum jemand "heute morgen so komisch" war, ob jemand "zur Abwechslung auch mal was machen" könnte. Wobei oft ja auch schon ein einfaches "Wo bist du gerade?" oder "Warum gehst du nicht ran?" ausreicht, um per SMS überhaupt erst einen Konflikt entstehen zu lassen, der sich dann allerdings per SMS eben gerade nicht lösen lässt).

Ein Streit per SMS kann aus dem Ruder laufen

Die Wissenschaftler gehen davon aus, dass ein Streit per SMS so oft aus dem Ruder läuft, weil wir von der anderen Person nicht genug mitbekommen: "Von Angesicht zu Angesicht können wir viel schneller auf die Enttäuschung des anderen reagieren. SMS sind sehr dürftig, man bekommt einfach nicht die volle Bandbreite der anderen Person mit", sagt Paartherapeut Jonathan Sandberg, und seine Kollegin Lori Schade ergänzt: "Im persönlichen Kontakt kann man die Stimme heben, um mehr Aufmerksamkeit zu bekommen. Bei SMS macht man das, indem man seine Sprache aggressiver werden lässt. Das passiert Paaren schnell, ohne dass sie groß darüber nachdenken."

Sandberg empfiehlt deshalb, einen SMS-Streit zu beenden, bevor er aus dem Ruder läuft, indem man zum Beispiel sendet: "Das wird mir jetzt zu hitzig, ich möchte nachher lieber persönlich mit dir darüber sprechen." Die wichtigste Nachricht, die man in einem SMS-Streit schreiben kann, ist paradoxerweise also die letzte.

Allerdings gibt es einen Faktor, der die Situation noch mal verkompliziert: Eine repräsentative Umfrage hat gerade ergeben, dass 40 Prozent der unter 30-Jährigen eifersüchtig darauf sind, wie viel Zeit der Partner oder die Partnerin mit dem Smartphone verbringt. Das Gerät ist also vom Beziehungsorgan zum Rivalen geworden. Und wenn der andere das Ding sowieso nie aus der Hand legt, ist es natürlich naheliegend, die Verärgerung darüber und die eigene Eifersucht gleich auf dem direkten Wege auszudrücken. Also: per SMS.

Text: Till Raether Illustration: Inke Ehmsen BRIGITTE 04/2014
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