Warum ausgerechnet dieser Mann?

Warum gerade dieser Mann? Ihre tolle, erfolgreiche Freundin ist jetzt mit einem - das muss man einfach so sagen - echten Loser zusammen. BRIGITTE-Autorin Alia Begisheva kann das nicht verstehen.

Seit meine Freundin Andrea mit Dieter zusammen ist, sieht sie sehr sexy aus. Ein bisschen zu sexy vielleicht. Andrea, Anfang 40, arbeitet in gehobener Position bei einer großen Bank und trug früher auch privat gern dunkle Hosenanzüge. Jetzt trägt sie kurze Röcke, Stiefel mit Absätzen und ihre Haare offen - weil Dieter das so will. Dieter findet auch, Andrea könnte ein bisschen dünner sein, deshalb geht sie neuerdings joggen.

Dieter, der einen Dreitagebart hat, von dem Andrea aufgescheuerte Haut bekommt, ist hauptberuflich arbeitslos. Im Nebenjob ist er laut Selbstauskunft ein überaus begnadeter Grafikdesigner, der daher auch nicht jeden popeligen Auftrag annehmen muss. Deshalb ist Andrea ständig auf der Suche nach einer Arbeit für Dieter, die ihm gebührt. Ihr Auto hat sie ihm vor Wochen geliehen, seine Klamotten bezahlt sie auch mit. Dass Andrea Bankerin ist, ist Dieter ein wenig peinlich, er findet das spießig und sieht sich gern als Bohemien. Auf Partys tut Dieter so, als wären sie gar nicht zusammen. Andrea redet sich ein, dass das normal und modern ist.

Hat meine Freundin die Warnhinweise übersehen?

Beim Stichwort Dieter rollen wir, ihre Freundinnen, nur mit den Augen. Sie ist doch klug und stark, sieht gut aus und ist beruflich sehr erfolgreich. Wie kann eine Frau wie sie sich überhaupt in so einen Loser verlieben?

Jedenfalls hat Andrea offenbar nicht auf die Alarmsignale geachtet, beziehungsweise die "Red Flags", die die Psychologen Gary Aumiller und Daniel Goldfarb in ihrem Buch-Klassiker "How to Know You're Dating a Loser" benennen. Frauen, schreiben sie, kennen sich selbst in der Regel sehr gut - Männer und ihre Tricks, die "versteckten Botschaften hinter den männlichen Verhaltensmustern" dagegen kaum. Die Formel für "Loser-Potenzial" laute nämlich: schlechte Erfahrungen in der Kindheit + gegenwärtige Probleme + schlechte Erfahrungen mit Frauen + schlechte Einstellungen/ Anfangsphase nicht gelinge, dann "lauert in den Tiefen des Sees ein Monster". Die Monster, die Aumiller und Goldfarb identifiziert haben, sind beispielsweise der Wanderer, der "nie gezwungen wurde, etwas zu Ende zu bringen", der Blutsauger, der "das Leben aus dir saugt", Mr. Ego und schließlich das belastete Biest, das zu viel Gepäck aus anderen Beziehungen mit sich trägt und auf dem Weg ist zum "kalten Ort der Bitterkeit und des Grolls". Einer wie Dieter, der Frauen gern sagt, was sie anzuziehen und zu essen haben, ist der Gehirnwäsche-Meister.

Beziehung: Beieinander schlafen, ohne miteinander zu schlafen?

Haben seine schlechten Eigenschaften sie erst recht angezogen?

Dabei muss keiner dieser Männer übrigens ein schlechter oder unsympathischer Mensch sein - es geht nur um seine Fähigkeit, eine gesunde Beziehung einzugehen. Der Rat der beiden US-Psychologen ist trotzdem unmissverständlich: in die Wüste schicken, und zwar so schnell wie möglich.

Ich denke allerdings, dass meine Freundin Andrea die "Red Flags" einfach bewusst ignoriert und in Kauf genommen hat. Es ist ja bekannt, dass einige schlechte Charakterzüge von Männern auf Frauen überhaupt keine abschreckende, sondern eher eine magische Wirkung zu haben scheinen. Dafür gibt es sogar Studien: In einer analysierte Peter Jonason von der New Mexico State University die Persönlichkeiten von 200 Studenten und befragte sie nach ihrer Einstellung zu Beziehungen, nach ihrem Sexleben, der Zahl der Partner sowie ihrem Interesse an Affären - und stellte dabei fest, dass Männer mit vielen "dunklen" Eigenschaften kürzere Beziehungen, aber eben nun mal auch besonders viele Partnerinnen hatten. Die Kombination aus Machtgier, Selbstverliebtheit und Gefühllosigkeit, die auf erstaunlich viele Frauen offenbar erst mal reizvoll wirkt, bezeichnet Jonason als "Dark Triad", den "dunklen Dreiklang". Prototyp einer "Dark Triad"Persönlichkeit: James Bond.

Dieter ist allerdings kein James Bond. Er entspricht vielmehr dem klassischen "Loser", wie sie in zahlreichen Internetforen als Diskussionsgegenstand auftauchen, wenn es darum geht, warum sich "gute" Frauen in "schlechte" Männer verlieben: der Mann, der sich von der Frau aushalten lässt und dafür auch noch von ihr getröstet werden will. Und der Manieren = Loser-Potenzial. Und das sollte man spätestens nach dem dritten Date erkannt haben, so die Experten. Denn Frischverliebte, Frauen wie Männer, versuchen normalerweise, sich von ihrer allerbesten Seite zu zeigen. Wenn ihnen das aber selbst in der unweigerlich die Frage provoziert: Warum bleiben Frauen bei Männern, die offensichtlich "unter ihrem Niveau" sind? Alles nur Vater-Tochter-Komplex, diese ewige Sehnsucht nach der Liebe des Vaters? Oder die Angst, in ein emotionales Loch zu fallen, wenn man einen Schlussstrich zieht? Werden gute SingleFrauen einfach irgendwann mürbe und nehmen lieber irgendeinen Loser, einen "Alibi-Mann", als gar keinen Mann?

Anders herum würde sich keiner aufregen

Ich weiß es nicht. Aber ich glaube mittlerweile, dass man Andreas Beziehung zu Dieter gar nicht als Zeichen der Schwäche sehen muss. Vielleicht ist es ja sogar ein Zeichen von Stärke.

Schließlich hat sie einen gefunden, der ihr wirklich gefällt und um den sie sich kümmern kann (was für sie tatsächlich sehr wichtig ist), der sie oft genug zum Lachen bringt und mit dem sie guten Sex hat - wenn auch nicht ganz so häufig, wie sie es gern hätte. Sie hat sich für ihn entschieden - ohne dass sie ihn stolz vorzeigen muss. Und das ist nicht selbstverständlich. Es gibt schließlich immer noch sehr viele Frauen, die eher Männer "mit Macht und Geld" attraktiv finden. Und Männer verlieben sich häufig genug in Frauen, die vor allem hübsch und sexy sind. Kaum jemand würde mit den Augen rollen, wenn die Freundin eines erfolgreichen Bankers nicht arbeiten und bis Mittag schlafen würde. Wenn er ihre Klamotten und ihr Auto zahlen und ihre schlechte Laune ertragen würde. Das wäre eine Wahl, die gesellschaftlich völlig akzeptiert wäre.

Warum also nicht auch anders herum? Andrea ist selbstbewusst, souverän und stark genug, um sich diesen Mann leisten zu können.

Ja. So muss man das wohl sehen.

Text: Alia Begisheva
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