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Ich bin nicht deine Mutter! Beziehungs-Burnout: Erziehst du deinen Partner?

Partner:innen zu erziehen ist eine schwere – und nicht zu empfehlende – Aufgabe
Partner:innen zu erziehen ist eine schwere – und nicht zu empfehlende – Aufgabe.
© contrastwerkstatt / Adobe Stock
Ein Beziehungs-Burnout droht, wenn du nicht die Rolle eines:einer Partner:in einnimmst, sondern die eines Elternteils. Denn Letzteres kann auf Dauer eure Beziehung zum Kraftakt machen.

Viele Menschen lieben die erste Zeit in einer neuen Beziehung: Alles ist frisch und toll, der:die Partner:in interessant, aufregend, anziehend. Jede Nachricht lässt das Herz höherschlagen, jedes Treffen bringt euch ein Stück näher. Bald ist euch beiden klar: Ihr habt euch gesucht und gefunden. Für viele ist der nächste Schritt dann, eine gemeinsame Wohnung zu beziehen, zwei individuelle Leben noch enger miteinander zu verzahnen. Und spätestens dann beginnt man, andere Seiten am Lieblingsmenschen zu erfahren. Und die sind nicht nur schön.

Das Erziehen von Partner:innen beginnt meist klein

Denn dein:e Partner:in führt vielleicht einen Lebensstil, den du nur bedingt nachempfinden kannst: Ständig wird alles auf den letzten Drücker gemacht, regelmäßig kommt er:sie zu spät zu Verabredungen (mit dir und anderen) oder zur Arbeit. Die Wohnung ist ein Saustall – wenn du nicht gerade hinterherräumst – und offenbar hat dein:e Partner:in nie gelernt, wie man mit Geld umgeht. Nur so würde sich erklären, warum er:sie ständig zu wenig davon hat, dafür aber stets das neueste Smartphone, die angesagteste Kleidung oder die komplette Trainingsausrüstung für einen Sport, den er:sie vor zwei Tagen neu begonnen hat.

Du trainierst deine:n Partner:in, schließlich macht man das so in einer Beziehung – oder?

Und irgendwie kommt dir das alles ein wenig … dumm vor. Irrational und aus deiner Perspektive absolut nicht nachvollziehbar. Aber was tun? Nun, was würde näherliegen, als ein wenig unter die Arme zu greifen? Es beginnt meist klein: Du erklärst ihm:ihr, wie man einen Putzlappen richtig verwendet. Du legst ihm:ihr nahe, dass es sich lohnt, rechtzeitig zur Arbeit oder zu einer Verabredung loszufahren, wenn man nicht regelmäßig zu spät kommen möchte. Du setzt dich mit ihm:ihr zusammen und stellst einen Finanzplan auf. Wie man das eben in einer Beziehung so macht – man erzieht den:die andere. Oder etwa nicht?

Du hast eine:n Partner:in – kein Haustier

Vielleicht mag dir dein Umgang mit dieser Situation zu Beginn ein gutes Gefühl vermitteln – immerhin beobachtest du eine dir unangenehme Situation nicht stillschweigend, sondern tust aktiv etwas, damit sie sich zum Guten wendet! Ziemlich wahrscheinlich wird es allerdings nicht so laufen, wie du dir vorstellst. Dein:e Partner:in wird sich über kurz oder lang genauso verhalten wie sonst auch, und du wirst frustriert sein, weil all deine Arbeit, Mühe und Zeit von dem:der anderen nicht wertgeschätzt wird.

Ist es denn nicht die Aufgabe von Partner:innen, ihren Lieblingsmenschen zu der bestmöglichen Version seiner:ihrer selbst zu formen? Sie zu erziehen, zu trainieren? Kurzum: Nein, absolut nicht. 

Warum möchtest du deinen Lieblingsmenschen erziehen?

Eine Beziehung, in die eine Seite oder gar beide meinen, den:die andere "anpassen" oder "verbessern" zu müssen, ist keine Beziehung auf Augenhöhe und schon einmal gar keine als gesund zu bezeichnende sexuell-romantische Partnerschaft. Vielmehr handelt es sich dabei um die Beziehung, die ein Elternteil mit dem eigenen Kind führt.

Die Frage, die du dir stellen solltest, lautet in diesem Fall: Warum erziehst du deine:n Partner:in? Die Antwort darauf dürfte sehr individuell ausfallen: Vielleicht hast du in deiner Kindheit erlebt, wie deine Eltern miteinander umgehen und mitgenommen, dass es zu einer funktionierenden und glücklichen Liebesbeziehung dazugehört, dass eine Seite die andere erzieht und wie ein Kind behandelt. 

Warum kann ich nicht mal ein bisschen spontaner und weniger besorgt sein?

Möglicherweise hast du aber auch ein Problem damit, dass dein:e Partner:in einen ganz anderen Lebensstil pflegt als du selbst: Während du beispielsweise eher sparsam und ängstlich bist, lebt dein:e Partner:in im Moment, grübelt nicht so viel über die Zukunft und genießt das Leben im Hier und Jetzt. Es mag sein, dass dir deine Art zu leben hierbei einfach als die "einzig richtige" vorkommt und du deinen Lieblingsmenschen ungewollt verurteilst und ändern willst, weil sein:ihr Verhalten Ängste in dir triggert.

Es ist ebenfalls möglich, dass du eigentlich mit dir unzufrieden bist. Vielleicht meint: "Sie ist immer so unbedacht und tut einfach, wonach ihr die Laune steht!" ja eher: "Warum kann ich nicht mal ein bisschen spontaner und weniger besorgt sein?" Und es ist sehr viel einfacher, vermeintliche Baustellen bei anderen zu sehen (und anzugehen), als die eigenen zu bearbeiten. 

Vor dem Beziehungs-Burnout: Was du stattdessen tun könntest

Und was solltest du tun, wenn du merkst, dass ihr in einem Eltern-Kind-Verhältnis gefangen seid? 

1. Möchtest du an der Beziehung festhalten?

Dafür musst du dich allerdings einigen potenziell unangenehmen Fragen stellen wie: Liebst du die Person noch immer? Was genau liebst du an ihr? Vielleicht warst du eine lange Zeit sehr fokussiert auf ihre "negativen" Seiten, doch möglicherweise habt ihr gemeinsame Werte, Prinzipien – kurzum: eine Basis, auf der eure Beziehung einstmals sicher stand. 

2. Konzentriere dich auf dich selbst

Wir können unsere Mitmenschen nicht ändern. Wir können nicht kontrollieren, was sie sagen, denken, tun. Wir können lediglich beeinflussen, wie wir selbst damit umgehen. Es kann schwer sein, sich mit sich selbst auseinanderzusetzen. In solchen Fällen kann auch eine therapeutische Begleitung dabei helfen herauszufinden, warum du an bestimmten Dingen festhältst und was das mit deinen Beziehungen macht.

3. Gib die Kontrolle ab

Viele Menschen brauchen ein Gefühl der Kontrolle, um Sicherheit zu erzeugen. Es fällt ihnen besonders schwer, diese abzugeben, weil sie fürchten, dass ihnen sonst Schlimmes widerfährt. Doch wenn du deinen Lieblingsmenschen wirklich liebst – so, wie er:sie ist – dann gilt es, ihn loszulassen. Sollte dieser Mensch bestimmte Verhaltensweisen für sich selbst als Problem erkennen, dann wirst du da sein und helfen. Doch sollte dem nicht (und vielleicht nie) so sein, dann musst du das akzeptieren.

Verwendete Quelle: psychologytoday.com

cs Brigitte

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