Beziehungsmodelle: Wir müssen Liebe neu denken

Coach Susanne Kohts berät Menschen, die mehrere Beziehungen gleichzeitig führen – und weiß, dass wir auf diese Art lernen können, erwachsener mit unseren Gefühlen umzugehen. 

Eines Ihrer Seminare heißt: "Die Kunst mehrere zu lieben". Warum Kunst?

Susanne Kohts: Weil man es lernen kann, es fällt einem nicht zu. Mehrere zu lieben ist sicher nicht für alle geeignet. Offene Beziehungen sind mit Aufwand verbunden, brauchen Aufmerksamkeit und viel Kommunikation – das passt nicht in jedes Leben. Ich muss mich nicht nur mit einem Menschen darüber verständigen, was wir voneinander wollen – schwer genug –, sondern mit mehreren.

Vielleicht sollten wir kurz klären, was Sie genau mit "offen" meinen.

"Offene Beziehung" wird oft mit "freier Sexualität" verwechselt, also damit, rein sexuell neue Erfahrungen zu machen. Spannend wird es, sobald ich mich tiefer einlasse, also wirklich in Beziehung gehe.

Wie Katja Lewina auf zwei Männer?

So eine "Triade" ist oft emotional und kommunikativ herausfordernd, weil man sich immer wieder neu abstimmen muss. Man braucht regelmäßig Updates mit sich selbst und den anderen: Wie geht es mir gerade, wo gehen wir weiter, wo nicht? Gerade Letzteres ist wichtig: Denn viele öffnen ihre Beziehung zu schnell, sie verlassen sich darauf, dass sie ja alles geklärt haben: Andere zu lieben ist für uns o.k.

Was ist denn daran das Problem?

Vielleicht kommt mein Partner plötzlich mit meinem Tempo nicht mit. Vielleicht kann er, wo ich konkret jemanden date, doch nicht so souverän damit umgehen.

Und jetzt?

Mache ich lieber langsamer, treffe mich erst mal im Café, erzähle zu Hause, wie es war – und gebe meinem Partner die Möglichkeit, sich damit zu befassen.

Erzähle ich wirklich alles, im Detail?

Besser lasse ich ihn fragen, ihn bestimmen, was und wie genau er es wissen will. Aber ja, damit offene Beziehungen gelingen, ist absolute Ehrlichkeit wichtig. Vertrauen auch, Geduld, Ausdauer – und ein klares Commitment, eindeutige Regeln.

Und wenn doch die Eifersucht kommt?

Sollte man sie sich genau ansehen. Wer sich auf die Liebe zu mehreren einlässt, begegnet vor allem sich selbst – seinen Mustern, seinen Themen, vielleicht seinen Traumata. Das kann auch wehtun! Wenn Menschen anfangen, mit offenen Formen zu experimentieren, laufen sie irgendwann meist in die Eifersuchtsfalle. Das kann schmerzhaft sein, ist aber auch eine Chance, uns selbst besser zu verstehen. Oft liegt es an unserem mangelnden Selbstwert, dass es uns schlecht geht, nicht an dem, was unser Partner macht.

Menschen sind ja von Natur aus eifersüchtig. Wie kriegt man die Bilder der anderen mit dem eigenen Mann aus dem Kopf?

Erst mal sollte ich akzeptieren, dass diese Bilder da sind. Der Reflex, sie möglichst schnell wegschieben zu wollen, ist kontraproduktiv, dann kommen sie nur umso stärker. Damit ich mich nicht zu sehr hineinsteigere, sollte ich über meine Gefühle sprechen – mit meinem Partner, mit Freunden oder auch mit professioneller Unterstützung. Das hilft, hinter die Eifersucht zu blicken: Was steckt dahinter? Habe ich gerade wirklich Angst, verlassen zu werden, oder fühle ich mich vor allem austauschbar, weniger wert als "die andere"? Oder vielleicht würde ich mir auch gern selbst erlauben, was sich mein Partner erlaubt? Diese Forschung nach den Ursachen lenkt den Fokus wieder auf mich. Aber ja, manchen Menschen rate ich von Mehrfachbeziehungen ab, weil sie zu viele dieser Themen haben und zu sehr unter dem Kopfkino leiden würden.

Kommt man aus der Eifersucht heraus?

Es wird besser, wenn man sich auf sich selbst konzentriert und lernt, für sich zu sorgen. Je mehr ich für meinen Selbstwert tue, desto weniger muss ich mich mit anderen vergleichen, mit denen sich mein Partner oder meine Partnerin trifft.

Vielleicht hat man plötzlich schlimme Verlustängste, fühlt sich einsam oder ausgeschlossen, wenn sich die Beziehung öffnet. Warum tut man sich das dann an?

Wer sich in der Liebe öffnet, begibt sich auf eine Forschungsreise in sein Inneres – und kann da viel entdecken, was sonst verschlossen geblieben wäre. Wenn es gut läuft, gehe ich danach viel erwachsener mit meinen Gefühlen um.

Und wenn es schlecht läuft? Woran scheitern offene Beziehungen am häufigsten? An der Eifersucht?

Erstaunlicherweise an Zeitmangel. Wer eh schon sehr eingespannt ist mit Job und Kindern, sollte sich gut überlegen, ob er sich auf etwas so Komplexes einlässt. Außerhalb der "Rushhour des Lebens" ist es oft leichter, offene Formen zu leben, weil es so viel mehr Raum für neue Erfahrungen gibt.

Viele junge Liebende interessieren sich gerade sehr für neue Formen. Ein Trend?

Das Thema ist weniger tabu, ja. In meine Seminare kommen immer mehr Jüngere, die Lust haben, sich in der Liebe weiterzubewegen. Sie lieben sehr selbstverständlich, sehr selbstbewusst. Das gibt mir Hoffnung, dass Liebe zu mehreren endlich differenziert gesehen wird. Klischees dazu gibt es ja schon genug. Und es wäre für alle gut, wenn sich mehr Menschen auf neue Wege in Beziehungen einlassen, statt die Beziehung zu verlassen.

Das müssen Sie erklären.

Ich glaube, die Zeit ist reif, dass wir Liebe neu denken. Dass wir dem Entweder-oder, dem Schwarz-Weiß, den vielen Trennungserfahrungen etwas entgegensetzen. Wer sich in der Liebe für neue Wege öffnet, öffnet sich generell für Begegnungen, und es entsteht Verbindung statt Ausgrenzung. Das kann nur gut sein für unsere Gesellschaft.

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BRIGITTE 10/2020

Wer hier schreibt:

Sina Teigelkötter
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