Beziehungsunfähig: Kann man Beziehung verlernen?

Liebe ist 
die Antwort auf alle Fragen? Nicht ganz. Sie stellt auch ziemlich viele. Psychologe und Paartherapeut Oskar Holzberg beantwortet sie alle.

Kurz gesagtKann man atmen verlernen, wenn man lange die Luft anhält?

Jetzt mal ausführlich:
Dass wir Beziehungen leben können, ist uns angeboren. Wir können es also grundsätzlich nicht verlernen. Allerdings lernen wir, wie Beziehungen zu leben sind. In unseren ersten Lebensjahren lernen wir, wie die Beziehung mit denen zu führen ist, die uns versorgen. Und was immer wir über Beziehungen lernen, vergessen wir nicht. Im Gegenteil, es kommt uns häufiger in die Quere, weil wir das erlernte Modell von Beziehungen auf alle nachfolgenden Beziehungen übertragen. Wir sind dann enttäuscht, wenn unser Partner nicht so fürsorglich mit uns ist wie unser Papa. Oder wir haben immer Angst, verlassen zu werden, weil Mama so oft im Krankenhaus war. Aber: Wir können umlernen. Beziehungslernen hört nie auf.

Nach einer langen Beziehungspause sind wir unsicher und haben Zweifel - zu unrecht!

Wenn wir längere Zeit Single gewesen sind, dann geht es uns wie jemandem, der ewig nicht Fahrrad gefahren ist. Wir haben es noch drauf, aber wir sind dabei angespannt, unsicher und eiern durchs Gelände, bevor wir allmählich wieder sicherer werden. Da Beziehungen nie schmerzlos enden, ist es immer so, als säße uns unsere letzte Radtour noch in den Knochen, auf der wir unsanft aus dem Sattel geflogen sind. Wir haben überlegt, was wir letztes Mal falsch gemacht haben, und es haben sich vielleicht Zweifel darüber eingeschlichen, ob wir überhaupt beziehungsfähig sind. Da wir als Single ja keine neuen, positiven Liebesbeziehungserfahrungen gemacht haben, sind diese Selbstzweifel und die Verunsicherung immer noch in uns.

Wir haben Angst. Wir möchten keine weitere Enttäuschung erleben.

Hinzu kommt, dass wir in unserer beziehungslosen Zeit durchaus an Beziehungen gearbeitet haben. In unserer Fantasie. Wir haben uns Paare angesehen und gedacht: "Nein danke, so will ich auf keinen Fall leben. Da bleibe ich lieber allein!" Die Auswahlkriterien für Mr. Richtig sind dadurch strenger geworden, die Aktien von Mr. Normal möglicherweise bedenklich gesunken. Wir haben uns in unserem Leben eingerichtet und genießen die positiven Seiten des Alleinseins. Wir können uns gar nicht vorstellen, unsere Selbstbestimmung, unsere Freiräume, Freunde und Hobbys wegen eines neuen Menschen an unserer Seite einzuschränken oder gar aufzugeben. Das kann sich anfühlen, als gebe es keinen Weg zurück ins Zweierbeziehungsleben.

Wenn das Single-Sein zur Gewohnheit wird

Aber was tatsächlich geschehen ist, ist etwas anderes: Wir haben lange etwas zurückgehalten, was die Psychologie so nett "Abhängigkeitswünsche" nennt. Es macht uns Angst, uns jetzt wieder Nähe und Geborgenheit zu ersehnen. Und damit all die Gefühle, die dabei entstehen können. Plötzlich wieder verletzlich zu sein, zurückgewiesen, ignoriert, angegriffen, beschämt oder gar verlassen werden zu können. Und wenn uns diese ganzen unsicheren Gefühle einholen, genau dann denken wir: "Ich glaube, ich kann gar keine Beziehung mehr führen. Ich habe das verlernt!"

Sie können Oskar Holzberg auch live erleben – beim großen BRIGITTE- Symposium "Mein Leben, mein Job und ich" am 27. September in Essen. Infos unter www.brigitte.de/academy.


Brigitte 07/2018

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