Beziehungsunfähigkeit: Welche Rolle spielen die Eltern?

Liebe ist die Antwort auf alle Fragen? Nicht ganz. Sie stellt auch ziemlich viele. Psychologe und Paartherapeut Oskar Holzberg beantwortet sie alle.

Kurz gesagt:

Eine ganze Menge - solange wir uns nicht davon frei machen.

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Jetzt mal ausführlich:

Katharina wird immer unglücklicher, denn sie fühlt sich von ihrem eigenen Mann abgewiesen. Wann immer sie genervt ist, wann immer ihr etwas wichtig ist - sie wird von Martin kritisiert. Sie bringe das viel zu emotional vor. So könne man keine Probleme lösen. Es führe ja nirgendwohin, sich gegenseitig anzuschreien. Es müsse doch möglich sein, auch mal vernünftig miteinander zu sprechen. Manchmal redet Martin dann einfach nicht mehr mit ihr, sondern steht auf und legt sich schlafen.

Katharina macht es unendlich wütend, dass Martin nie auf ihre Bedürfnisse eingeht, sondern sie stattdessen immer nur darüber diskutieren, dass sie sich angeblich falsch verhält. Doch wenn sie ihre Wut darüber zeigt, verschließt er sich erst recht. Also schluckt sie ihre Gefühle runter. Ein zerstörerischer Kreislauf.

Katharina und Martin wissen, dass sie aus völlig verschiedenen Familien stammen. Katharinas Eltern stritten lautstark, aber sie liebten sich und vertrugen sich immer wieder. Martins Eltern dagegen waren niemals laut. Sein Vater argumentierte so lange, bis seine Mutter erklärte, dass er recht habe. Eigentlich klar, dass Martin Angst vor Auseinandersetzungen hat. Aber das sieht er nicht so. In seiner inneren Welt fühlt es sich anders an. Der kleine Martin hat erlebt, dass es in einer Ehe immer "vernünftig" zugeht. Und unbewusst setzt der große Martin das, was er erlebt hat, gleich mit dem, wie etwas zu sein hat.

Oskar Holzberg, 66, berät seit mehr als 20 Jahren in seiner Hamburger Praxis Paare und bekommt immer wieder Beziehungsfragen gestellt. Sein aktuelles Buch heißt: "Neue Schlüsselsätze der Liebe" (242 S., 20 Euro, Dumont).

Das Problem mit der Beziehung unserer Eltern ist nicht, welche Erfahrungen wir gemacht haben. Das Problem ist, welche Erfahrungen wir dabei nicht gemacht haben. Es war die erste Beziehung, die wir intensiv mitbekommen haben. Wir haben gar nicht bewusst darauf geschaut, sondern wie selbstverständlich nebenbei gelernt: So geht Beziehung, so ist die Welt.

Selbst wenn wir die Ehe unserer Eltern und in den Patchworkfamilien einfach grausam fanden, bestimmt das vorgelebte Beziehungsmodell unsere Vorstellung von Partnerschaft - in diesem Fall, weil wir sie völlig anders leben wollen. Zwischen Partner erschallt häufig der Ruf: "Ich bin aber nicht deine Mutter!" Denn wir haben durchaus verstanden, dass uns das Verhältnis, das wir zu unserem Vater oder unserer Stiefmutter hatten, geprägt hat. Vielleicht wissen wir auch, dass wir unsere Gefühle von damals schnell auf unseren Partner von heute übertragen.

Den Einfluss aber, den die Beziehung unserer Eltern zueinander auf uns hatte, übersehen wir leichter. Denn wir fühlen und fühlten uns von ihr nicht so unmittelbar betroffen. Die Beziehung, die uns unsere Eltern vorgelebt haben - wie auch immer sie gewesen sein ma  macht uns nicht selbst beziehungsunfähig. Aber sie engt unseren Blick auf die Welt ein, wenn wir nicht beginnen, sie distanziert zu betrachten. Wenn wir uns nicht von ihr lösen, bleiben wir in der engen Welt unserer Familienkultur gefangen. Und ja: daran können unsere Beziehungen scheitern.

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BRIGITTE 24/2019

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