Computersucht: Kind ohne Gesicht

Computer spielen, das ist für die meisten Jungen das Allergrößte. Viele sitzen länger vor dem Bildschirm, als gut wäre. Und immer mehr werden darüber krank: die Geschichte eines Kindes mit Computersucht.

Sein kleines, stickiges Jugendzimmer ist dunkel, sehr dunkel, vom Sommer keine Spur. Es interessiert ihn nicht, ob Schwimmbadwetter ist oder die Jungs aus der Nachbarschaft auf der Straße Fußball spielen. Tillmann* lebt schon lange nicht mehr dort draußen.

Er lebt in seiner eigenen, künstlichen Welt, er hat sich selbst aus der Wirklichkeit aus- und in ein Gefängnis eingesperrt: mit Computer, Playstation, Fernseher und Handy.

Tillmann ist 16, ein blasser, kräftiger Junge. Ganz außer Atem streckt er die schweißige Hand zur Begrüßung aus, so als wäre schon der Gang zur Wohnungstür eine anstrengende Sportübung. Dann sitzt er in seinem Reich, am Fenster der Rechner, ein altes Gerät, der Bildschirmschoner zeigt ein Riesenmonster. Im Regal der Fernseher, umringt von Legokisten. Unzählige DVDs neben Harry-Potter-Bänden.

An der Wand das Pop-Sternchen LaFee auf einem Pferd am Strand. Tillmanns Blick huscht zwischen Boden und Bildschirm hin und her, er hat schon lange mit keinem Fremden mehr gesprochen:

"Im Internet bin ich 'Nick', und ich sehe ganz anders aus. Ich mache mich anders, bin groß und sportlich und habe ein Monster-Tattoo auf dem Rücken. Die Mädchen mögen so was." Im echten Leben ist Tillmann keiner, auf den die Mädchen fliegen, und auch keiner, der eine Gang anführt. "Die anderen in meiner Klasse sind doof, die tun so, als gäbe es mich nicht. Die grüßen nicht mal, und die Mädels sind alles Zicken. Dabei bin ich doch intelligent. Sagt meine Lehrerin."

Die Freunde, die ihm fehlen, hat er sich im Netz gesucht, darauf ist er stolz: "Mit bestimmten Tastenkombinationen kann man Leute küssen, streicheln, trösten oder ihnen eine Massage geben. Ja, und wenn man ein besonders guter Chatter ist, so wie ich, dann kann man auch Rosen verschenken."

Ein "guter" Chatter muss mindestens zehntausend Minuten, also 167 Stunden, im Monat online sein. Tillmann schafft das locker. Sechs, manchmal neun Stunden sitzt er täglich vor dem Rechner. "Am Morgen check ich als Erstes die Mails und chatte, dazwischen spiel ich Autorennen oder auch mal Egoshooter wie 'Doom'. Das ist so Horrorzeug, das mag ich momentan besonders. Auch auf DVD schau ich mir am liebsten Horror- und Gruselfilme an, aber meistens schlafe ich dabei ein, mich kann ja nichts mehr erschrecken."

Es ist wie bei einem bösartigen Bazillus, der sich unsichtbar immer tiefer in Tillmanns Hirn frisst, ihm das Gefühl für Zeit und Raum nimmt, sein Empfinden gefriert, seine Fantasie erstickt, jeden Antrieb lähmt. Der Bazillus heißt Computersucht, Tillmann ist ein "zockendes" Kind.

* Name von der Redaktion geändert

Durch diese einfachen Gestern wird die Beziehung gestärkt

"Es sind vor allem die Jungs, diese stillen Einsiedlerkrebse, die kaum Kontakt zu anderen haben", sagt Jannis Wlachojiannis von "Lost in Space". Die von der Berliner Caritas ins Leben gerufene Initiative ist eine der bundesweit ersten - und wenigen - Kontaktstellen für Computersüchtige. Seit einem Jahr versucht der junge Sozialarbeiter, die Flut an Hilferufen zu bewältigen. Immer freitags kommen sie zur Gesprächsrunde: krank aussehende, dickliche Kinder und Jugendliche, fast ausschließlich Jungen, die Jannis Wlachojiannis nicht in die Augen sehen, Sätze nicht zu Ende sprechen und ihre hektischen Finger nicht ruhig halten können. "Sie haben ihre Gesichter verloren - ihre Mimik und Gestik ist wie weggebrannt."

Viele Jungen machen Phasen durch, in denen sie exzessiv Computer spielen. Von einer Sucht sprechen Wissenschaftler dann, wenn ein Spieler die Kontrolle über die Spielzeit verloren und der Computer die Realität verdrängt hat: Der Kontakt zu Freunden versandet, das Selbstbewusstsein ernährt sich nur noch von Erfolgen an der Konsole, Emotionen werden beinahe ausschließlich beim Aufenthalt in der virtuellen Welt erlebt. Viele computersüchtige Kinder leiden zudem an Schlafstörungen, Ängsten oder Kontrollzwängen und reagieren mit schweren Aggressionen bei Computerverbot.

Untersuchungen, wie viele Kinder und Jugendliche in Deutschland süchtig sind, stehen noch aus, fest steht: Rund zehn Prozent aller Computerspieler leiden an einer Computerspielsucht, so eine im letzten Herbst veröffentlichte Studie der Interdisziplinären Suchtforschungsgruppe an der Berliner Charité.

Tillmann weiß, dass er süchtig ist. Er hat seine Sucht, trotz Therapie, nicht im Griff. Maria Kaip*, Tillmanns alleinerziehende Mutter, sitzt still auf dem gelben Sofa im Wohnzimmer und will fröhlich aussehen. "Tillmann hat sich, bis er zehn war, nie für Computer interessiert. Dann hat er sich die Playstation gewünscht." An seinem zehnten Geburtstag zog die virtuelle Welt ins Kinderzimmer ein.

Am Anfang hat er sie genutzt wie andere Zehnjährige auch, erinnert sich Maria Kaip: "Wenn Freunde von Tillmann kamen, sind die im Zimmer verschwunden und haben Autorennen gespielt. Ich hab gedacht, das machen alle, das ist nichts Unnormales." Maria Kaip ist den Tränen nahe, wenn sie von ihrem Jüngsten, ihrem Liebling erzählt: "Früher ist er sehr gut geschwommen, er war im Schwimmverein.

Auch in der Schule gab es nie Probleme." Maria Kaip stockt: "Ich hab es einfach nicht gemerkt, es ist meine Schuld." Die Verwaltungsangestellte war verstrickt in ihre eigenen Sorgen. Da war die Arbeit, die Scheidung, ein neuer Partner. "Tillmann hat ja nie was gesagt, ich dachte: Der war in der Schule, im Hort, jetzt muss er am Abend mal ein bisschen abspannen beim Chatten und Spielen. Und er hat ja auch viele Leute kennen gelernt im Chat."

* Name von der Redaktion geändert

Ein Anruf der Klassenlehrerin weckte Maria Kaip auf. Ihr Sohn erscheine nur noch unregelmäßig im Unterricht, schon seit Wochen. Das war kurz vor Tillmanns 15. Geburtstag. Maria Kaip schrie ihr Kind an, riss die Stecker aus der Konsole, nahm ihm die Spiele weg, strich das Taschengeld und verhängte Hausarrest. Gebracht hat das alles nichts. Tillmann stand nachts auf, wenn sie schlief, und setzte sich an den Rechner. Die Schule schwänzte er weiter. "Es war schlimm, ich hab Tillmann nur noch angeschrien, ich kam mir am Ende vor, als wäre ich in der Pubertät, so hilflos war ich." Die Mutter flehte und bettelte, sie weinte und tobte. Bis der sonst so sanfte Tillmann ausrastete, seine Mutter packte und auf den Boden warf. Da rief Maria Kaip den Jugendnotdienst an.

"Es sind völlig hilflose Eltern, die uns hier täglich anrufen. Tendenz klar steigend." Dr. Sabine Grüsser, Mitarbeiterin der Suchtforschungsgruppe der Berliner Charité, hat 2003 eine Hotline für Computersüchtige ins Leben gerufen. Die Ärztin und Autorin des Buches "Computerspielsüchtig? Rat und Hilfe für Eltern"** weiß, dass Verbote und Strafen keinen Erfolg bringen, denn hinter jeder Sucht verbirgt sich ein tiefer sitzendes Problem. Wichtig ist, dass Mütter und Väter ihre süchtigen Kinder nicht aufgeben, sich nicht für sie schämen und sie so in ihrer Isolation allein lassen, sondern dass sie aktiv Hilfe holen. Auch wenn dabei eigene Fehler und Erziehungsprobleme offensichtlich werden.

Auf Marias Kaips Hilfeschrei hin empfahl das Jugendamt eine Familientherapeutin. Einmal in der Woche versuchen nun Mutter und Sohn, gemeinsam die Sucht zu bekämpfen. Kathrin Sander, die Psychologin, war die Erste, die Tillmanns Isolation und Kontaktangst wahrnahm - den Auslöser seiner Computersucht: "Tillmann erzählte mir immer wieder von Freundinnen, die er beim Chat kennen gelernt und mit denen er sich verabredet hat. Getroffen hat er keine Einzige. Genau das ist sein Problem."

Die Therapeutin hat die Vergangenheit aufgerollt, denn mit der Scheidung der Eltern vor zwei Jahren begann für Tillmann die große Einsamkeit. Der Vater war fort, die Schwestern zogen aus, die Mutter arbeitete bis zum späten Nachmittag. Zurück blieb Tillmann, allein - der Rest einer, wie es ihm vorkam, aufgegebenen, verwaisten Familie. Verlockend erschien da die Illusion der Geselligkeit, der großen Freundschaften im Internet. "Es ist wie das Tor zur Welt für ein einsames Kind, ein Ausweg aus einem tristen, bedeutungslosen Alltag." Die Psychologin konfrontiert Maria Kaip mit schmerzhaften Wahrheiten. Aber die Mutter will durchhalten. Sie will ihr Kind zurück.

**Sabine Grüsser und Ralf Thalemann: "Computerspielsüchtig? Rat und Hilfe für Eltern" (118 Seiten, 14,95 Euro, Huber)

Tillmann muss lernen, seine Sucht zu kontrollieren. Es fällt ihm schwer, die straffen Regeln der Psychologin anzunehmen und zu befolgen. Kathrin Sander ist streng: "Warst du Rad fahren, wie lange? Hast du dich verabredet, wann, mit wem und wo? Mehr als vier Stunden gechattet?" Sie versucht, Tillmann in die Normalität zurückzuholen. Ob es gelingen wird, ist offen.

Warum macht die einen krank, was bei anderen eine Phase bleibt?

"Die wissenschaftlichen Erhebungen sind bisher sehr dürftig", kritisiert Dr. Sabine Grüsser. "Eigentlich wissen wir wenig bis gar nichts." Die meisten Beobachtungen und Therapieansätze kommen daher aus dem Praxisalltag. Fest steht: Die Computersucht wird in den kommenden Jahren ein weiter wachsendes Problem werden, gerade unter jungen Menschen. Europas erste Spezialklinik für Computersüchtige gibt es seit diesem Frühjahr in Amsterdam, die erste deutsche Ambulanz für Computersüchtige wird im Oktober an der Mainzer Uniklinik eröffnet, geleitet von Dr. Sabine Grüsser.

In der vergangenen Woche haben sich Tillmann und Maria Kaip mit Therapeutin Kathrin Sander zur Sitzung im Wald getroffen, um Tillmann mal aus dem Haus zu locken. Eine Stunde sind sie an diesem Tag zusammen durch den Stadtwald spaziert, bei brütender Hitze. Der Schweiß tränkte ihre T-Shirts, und Tillmann hatte schmerzende Füße danach. Über die Zukunft haben sie gesprochen, über Tillmanns Träume, und da musste er nicht lange überlegen: "Ich wünsch mir einen Plasmabildschirm, aber eigentlich noch viel mehr wünsche ich mir einen Hund, zum Kuscheln."

Adressen

Yvonne Weindel "Lost in Space", c/o Café Beispiellos, Tel. 030/66 63 34 66, E-Mail: cafe.beispiellos@caritas-berlin.de

Beratungs-Hotline der Interdisziplinären Suchtforschungsgruppe an der Berliner Charité, Mo. bis Fr. 12 bis 17 Uhr, Tel. 030/450 52 95 29

Text: Yvonne Weindel Ein Artikel aus der BRIGITTE 19/07
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