Das verflixte vierte Jahr: "Die anderen sagen, Hauptschule ist was für Blöde"

Vier Grundschüler über den Stress kurz vor dem Schulwechsel

"Ich habe meiner Mama immer gesagt: Ein Dreier, das ist doch eine gute Note. Aber mit Dreiern schaffe ich's halt nicht auf die Realschule. Das habe ich erst so um Weihnachten letztes Jahr rum richtig verstanden.

Ich will aber nicht auf die Hauptschule. Da prügeln sich immer so viele. Und die anderen sagen: Hauptschule ist was für Blöde. Jetzt ist es schon sehr knapp. Ich würde viel lieber raus in den Wald gehen oder Fußball spielen. Aber wir können ja jeden Tag eine Probe schreiben. Da muss ich immer ganz fit sein. Meine Mama sagt, meine Augen zucken immer so. Ich hoffe, das wird weniger, wenn ich endlich eine gute Note schreibe."

Hans Schönbach, 10 Jahre

"Die Vierte war schwierig. Es gab so viele Proben, und ich bekam so wenige Dreier. Mehr Vierer und Fünfer. Ich wollte lieber rausgehen und spielen, aber ich musste ständig üben. Trotzdem hatten alle anderen bessere Noten. Ich will doch auf die Realschule.

Ich habe immer so Angst vor den Proben. Dann schäme ich mich für die Angst. Und dann geht alles aus dem Kopf raus. Ich zittere überall und weiß nichts mehr. Mittags habe ich dann nicht mehr viel gegessen. So einen Löffel. Am Anfang der Vierten habe ich noch 32 Kilo gewogen, fast 33. Nach Weihnachten nur noch 30.

Abends hatte ich am meisten Angst: vor dem Morgen, vor der Schule. Wenn ich geweint habe, haben sich Mama und Papa zu mir ans Bett gesetzt. Sie haben mir Geschichten von früher erzählt. Als es mir noch gutging, vom Kindergarten. Als ich noch die Beste war. Ich war immer die Erste auf den Bäumen. Und die anderen waren die, die Angst hatten.

Jetzt bin ich zurückgegangen in die dritte Klasse. Am Anfang hatte ich Angst, dass sie mich auslachen, aber jetzt geht's mir besser, weil die da Sachen machen, die ich schon weiß."

Carla Bauer, 9 Jahre

"Früher habe ich jeden Tag Tennis gespielt. Das geht jetzt nicht mehr. Wenn ich mit den Hausaufgaben und dem Lernen fertig bin, wird es ja gleich dunkel. In der dritten Klasse wollte ich in den Fußballverein. Das wäre zu viel geworden, hat meine Mama gesagt. Zweimal Training in der Woche und samstags Spiel. Ich muss ja auch lernen.

Als ich in die Vierte kam, hat meine Mama weniger gearbeitet. Da musste ich dann noch mehr lernen. Jeden Samstag und jeden Sonntag zwei Textaufgaben. Aber jetzt hab ich's ja geschafft. Ich habe die Empfehlung fürs Gymnasium. Dann ist es zum Glück ja nicht mehr so wichtig, dass ich immer nur gute Noten schreibe.

Klar, Hausaufgaben habe ich da sicher mehr. Aber dafür muss ich da weniger lernen. Tage ohne Lernen habe ich eigentlich nicht. Manchmal den Freitag, da muss ich nur in die Schule - und kann danach gleich raus zum Spielen."

Max Gleich, 10 Jahre

"Als ich in die vierte Klasse kam, wusste ich schon, was für einen Stress es geben wird. Das hat mich sehr bedrückt. Obwohl ich zwei ganz tolle Lehrer habe. Aber dann die vielen Tests und Noten, immer hintereinander, viel mehr als in der dritten Klasse. Mathe mag ich gern, aber als ich nur zwei von vier Belohnungshäkchen für einen Arbeitsauftrag bekam, war ich schon enttäuscht. Und plötzlich haben alle über die weiterführenden Schulen geredet.

In den Ferien oder am Wochenende nach dem Frühstück rief mein Vater ,Lernen', da bekam ich Angst und dachte, dass ich mich jetzt wirklich anstrengen muss. Ich habe ganz viel auf einen Deutschtest geübt. Als es nur eine Drei war, war ich ziemlich traurig. Ich weinte und konnte mich gar nicht mehr beruhigen. Erst als meine Lehrerin sagte, dass sie mir die Arbeit nicht mit nach Hause geben würde. Ich hatte Angst, dass meine Eltern mich schimpfen. Aber so war es gar nicht, sie sagten, sie würden sich freuen, wenn ich eine Empfehlung fürs Gymi bekommen würde, aber Realschule sei auch okay.

In welche Schule ich gehen möchte? In eine, die ich mag, wie meine jetzige, und am liebsten mit meinen Freundinnen."

Lara Sanne, 10 Jahre

PS: Laras Schule, die Französische Grundschule in Tübingen, wurde für ihre didaktischen Konzepte mehrfach ausgezeichnet und kämpft seit Jahren um die Sekundarstufe I.

BRIGITTE Heft 07/08 Fotos: Sabine Höroldt, Markus Feger
Themen in diesem Artikel