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Demente Eltern "Wir warten gemeinsam auf den Tod"

Demente Eltern: Mutter und Tochter halten Hände
© Cavan Images / Getty Images
Ihre Mutter hat Demenz und Parkinson. Katrin, 44, kümmert sich als älteste von drei Geschwistern um sie, aber pflegt sie nicht und erfährt eine ganz neue Nähe.

Es war ein Tiefpunkt in der Betreuung meiner Mutter. Damals lebte sie noch in der Demenz-WG und hatte sich einen Ausflug gewünscht. Ich habe sie im Rollstuhl zur Elbe gebracht und dort in ein gut besuchtes Lokal. Als ich nach der Bestellung zu unserem Tisch zurückgegangen bin, haben die Hände meiner Mutter von ihrem Parkinson stark gezittert, und plötzlich merkte ich, dass alle uns anstarren. Erst habe ich mich geschämt, dann bin ich wütend geworden: Nehmen die Leute ihre schwachen oder älteren Verwandten nicht mit, wenn sie ins Café gehen oder einen Ausflug machen? Es gibt doch so viele Menschen mit Einschränkungen. Wo sind die denn alle?

Eine emotionale Beziehung trotz Demenz

Seit zehn Jahren betreue ich meine Mutter, regle alle organisatorischen, gesundheitlichen und persönlichen Belange. Erst habe ich sie in einer Demenz-WG untergebracht, dann in einem Pflegeheim. Wenn ich erzähle, dass ich sie zweimal in der Woche dort besuche, wollen das viele nicht hören. Ich kann das sogar verstehen, aber ich wundere mich schon über dieses Tabu.

Als meine Mutter nicht mehr allein leben konnte, haben wir drei Geschwister uns zusammengesetzt. Uns war klar, dass nun ein neuer Prozess beginnt, dass wir nun die Verantwortlichen sind. Schließlich haben wir unsere Mutter gefragt und sie entschied, zu mir nach Hamburg zu ziehen. Sicher auch, weil ich ihre älteste Tochter bin und in der Familie schon immer die Belastbare und Zuverlässige war. Natürlich habe ich mich gefragt, ob ich mir das antun möchte. Meine Antwort war ja. Sie ist meine Mutter und ich liebe sie. Und ich möchte, dass Menschen sich umeinander kümmern.

Dabei war unsere Beziehung früher gar nicht innig. Sie war eine harte Frau, ich ging früh zum Studium nach Spanien und kaufte später mit meinem Mann ein Haus viele 100 Kilometer von ihr entfernt. Ich habe mir mütterliche Freundinnen gesucht, von denen ich mir Zuwendung und Verständnis geholt habe. Von meiner Mutter habe ich ja nie viel davon bekommen. Es war entlastend, diese Erwartungen an sie aufzugeben, und hat es mir leichter gemacht, sie zu uns zu holen. Dass ich sie nicht zu Hause pflegen würde, war mir sofort klar – und es war richtig so. Die ersten Jahre haben wir oft zusammengesessen, Fotos angesehen, und sie hat mir viele offene Fragen zu ihrer Biografie beantwortet. Ich kann ihr Leben nun als stimmige Ge-schichte sehen. Hätte ich die körperliche Pflege übernommen, wäre diese Nähe nicht möglich gewesen.

Zwischendurch ein bisschen Normalität

Aber auch ihre Begleitung erfordert enorme Kraft. Ihr Zustand ändert sich ständig. Manchmal habe ich gedacht: Ich kann nicht mehr! Aber irgendwie ging es dann doch immer, auch weil mein Mann, meine Kinder, eine Freundin und eine Bekannte meiner Mutter mich unterstützt haben.

Ich habe immer geschaut, was meine Mutter noch selbst entscheiden kann und ihr noch Freude bereitet. Anfangs in der WG hat sie zum Beispiel ganz viel aus einem Versandkatalog bestellt. Ihr ging es dabei um Normalität; die meisten Aufträge habe ich also storniert oder Pakete zurückgeschickt.

Drei Jahre habe ich in meinem Beruf als Lehrerin pausiert, inzwischen arbeite ich wieder. Meine Mutter ist sehr schwach, sie liegt fast nur noch. Unser Kontakt läuft nur noch nonverbal über Gesten oder Berührungen, wir warten gemeinsam auf den Tod. Das hat etwas sehr Ruhiges, das früher aufgrund der Erkrankung gar nicht entstehen konnte. Inzwischen sind die Besuche bei ihr manchmal Momente, in denen ich sogar mehr zu mir selbst komme. Es ist ein gutes Gefühl, dass wir jetzt hier angekommen sind. 

Brigitte

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