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Der Liebesschwindler


Sie sind alle auf ihn reingefallen: 15 Frauen, die sich endlich wieder verlieben wollten. Und die für die Hoffnung auf ein neues Glück teuer bezahlen mussten.

Die Geschichte

Der Liebesschwindler
© David Meharey/istockphoto.com

"Ich enthalte Vielheiten", heißt es in einem Gedicht von Walt Whitman. Und vielleicht auch im Kopf von Jens H. Er hat so viele Identitäten, wie es Frauen gibt, denen er bis jetzt geschadet hat. Und sein bevorzugtes Jagdrevier ist das Internet, ein Nicht-Ort, der Platz für alle Vielheiten bietet.

"Ich habe mich von einer Freundin bequatschen lassen, mich bei Friendscout24.de anzumelden", sagt Babette M., 41, groß und schlank, kurze dunkle Juliette-Binoche-Frisur, eine attraktive Frau. Sie sitzt, sehr gefasst, in der Lobby eines Leipziger Hotels, in der das Gespräch stattfindet, auf dem Schoß eine dicke Mappe mit Rechnungen, Anwaltsschreiben, Kontoauszügen und Fotos.

Friendscout, Elitepartner, Ilove, Datingcafé, Parship - so heißen die Partnerbörsen im Netz. Manche kosten Geld, manche nicht, viele sind hoch seriös, arbeiten psychologisch fundiert, andere bieten nichts weiter als eine Plattform für alle, die sich nach ein wenig Liebe sehnen - oder nach ein bisschen Sex. Und alle sind sie: herrlich unverbindlich. Das kann gut sein. Oder schlecht.

"Zieh dir was Schickes drüber, ich komme vorbei"

Nach einer schmerzhaften Trennung hatte Babette sich ein Profil bei Friendscout angelegt. Und an einem Nachmittag im Mai in den männlichen Steckbriefen gestöbert. Bei "Tyson14" war sie kurz hängengeblieben, dann weitergezogen, viel gab es zu sehen am unendlich wirkenden Tresen des virtuellen Single-Clubs. Da rief sie ein "Pling" zurück, sie habe ein Nachricht, hieß es. Tyson14 hatte sie angeschrieben, Babette mailte zurück, so ging das hin und her, dann wurde telefoniert. Er sagte, er lebe in Leipzig, wo sie wohne? Und außerdem: "Was machst du jetzt noch?" - "Nichts mehr", sagte Babette. "Dann zieh dir was Schickes drüber, ich komme vorbei!", hatte er gesagt und aufgelegt.

Sie habe ein schwarzes Kleid angezogen, es klingelte, er stand vor der Tür, groß, schlank, breite Schultern, relativ attraktiv, aber eigentlich nicht ihr Typ Mann. Beim Wein erzählte er, dass er für eine Düsseldorfer Werbeagentur arbeiten würde und in Leipzig eine Niederlassung gründen solle. "Er hat mir an dem Abend einen Heiratsantrag gemacht. Ich habe das nicht für voll genommen - aber von ihm war das so ernst. Wo ich ihn heiraten wolle: Im Dom? Auf dem Leuchtturm auf Sylt?"

Es kam zur ersten Nacht. "Ich war nicht richtig verliebt. Aber es war so ein klasse Gefühl, dass sich jemand für mich interessiert." Babette musste am Morgen ins Büro, er blieb in der Wohnung, wollte später nach Düsseldorf fahren. Da kam ein Anruf auf ihrem Handy: Seine Kreditkarten würden nicht funktionieren, ob sie ihm Geld leihen könnte, 200 Euro. Er schmeichelte, insistierte. Sie gab es ihm. "Super, Schatz, ich liebe dich", hatte er noch gesagt. Weg war er.

Er kam wenige Tage darauf wieder, unangemeldet. Er habe so eine Sehnsucht nach ihr gehabt. "Er machte einen total abgehetzten Eindruck, war verschwitzt, total unruhig. Er habe in Düsseldorf Ärger mit einer Mietsache gehabt, ob ich helfen könne. Ich habe kein Geld, habe ich gesagt. 800 Euro brauche er - er hat geweint, war vollkommen aufgelöst. Ich sagte: 500 ist das Maximum, aber das brauche ich wieder. Ich hatte Urlaub gebucht, den würde ich nicht bezahlen können ohne das Geld." Sie gab ihm die Summe, sehr ungern, aber sie tat es, er fuhr wieder und war einige Tage später wieder da, man wollte das Wochenende gemeinsam verbringen. Da kam ihm ein Geschäftstermin dazwischen, ein Auto müsse gemietet werden. Ob sie, Babette, ihn nicht zum Flughafen, zum Sixt- Schalter, bringen könne. Sie tat es. Dort fiel ihm dann ein, dass er ja sein Kreditkartenproblem bislang nicht habe lösen können. "Widerstrebend habe ich das Auto dann gemietet, für die erste Juniwoche, so habe ich das noch in meinen Papieren", sagt Babette, während sie blättert.

Er ging nicht mehr ans Handy

Warum sie keinen Verdacht geschöpft habe? "Man versucht, den anderen kennen zu lernen, und am Anfang lässt man sich viel gefallen. Ich bin immer, wenn ich kurz zur Ruhe gekommen bin, zusammengezuckt und habe mir gedacht: Was ist hier los? Hier wird ein vollkommen falscher Film gespielt, mit dir in der Hauptrolle - aber ohne Zugriff auf die Regie", erinnert sie sich.

H. hat das Auto erst nach knapp vier Wochen abgegeben, bei Nacht und Nebel abgestellt bei einer Sixt-Station in Peine. Und zwar erst, als der Autovermieter es in die Fahndung geben wollte. "1300 Euro habe ich dafür hingelegt. Dann hat er mit meinen Kreditkartendaten - die standen ja auf dem Durchschlag, den er hatte - ein weiteres Auto ausgeliehen." Er ging dann nicht mehr ans Handy, knapp 3000 Euro betrug der Schaden schon. Babette hat kein Geld mehr. "Die Tierarztrechnung kam, mein Auto ging kaputt." Babette wandelt die Schulden in einen Kredit um, den sie abzahlt. Sie nimmt sich eine Anwältin und zeigt H. an. "Man ahnt ganz viel im Stillen, und an einem Tag x sieht man dann irgendwann klar."

Am allerklarsten wird die Sicht, als im Herbst eine Melanie R. auf ihrem Handy anruft. Ob sie einen Jens H. kenne? Woher sie denn ihre Handy-Nummer habe, fragt Babette. Von der Autovermietung in Peine, sagt Melanie R., 39, Sachbearbeiterin in Bochum, und erzählt ihre Geschichte: Sie hatte bei Ilove, der Online-Börse, gechattet, da wurde sie angeschrieben von diesem jungen, hübschen Kerl. Viel zu jung sei er mit seinen 34 Jahren für sie, schreibt Melanie zurück. Er schrieb, er würde reifere Frauen bevorzugen. Man schreibt, man telefoniert - unregelmäßig, immer nur, wenn er kann, er ist ja ständig auf Shootings, er arbeitet als Fotomodell, wie er sagt. Er komme am nächsten Tag aus Amsterdam wieder heim, schreibt er irgendwann mal im September, und ob Melanie ihn nicht vom Bahnhof abholen wolle."So haben wir das dann auch gemacht.

"Im Bett war er alles andere als liebevoll"

Der Liebesschwindler
© Lukasz Kulicki/istockphoto.com

Er sprühte Charme, er überschüttete mich mit Komplimenten. Und da freut man sich natürlich", sagt Melanie R., greift zur nächsten Zigarette, saugt den Rauch ein. Sie sitzt in ihrer Wohnung, sie wohnt allein dort mit ihrer zehnjährigen Tochter. "Gleich am Gleis nahm er mich direkt an meiner Hand. Ich hatte Herzklopfen. Wir gingen in ein Café, wieder gab es Komplimente: 'Du siehst noch toller aus als auf den Fotos, mit dir kann man sich so toll unterhalten...' Und dann kam ganz schnell die Frage, ob er, da er morgen früh ja schon wieder wegmüsse, nicht bei mir nächtigen kann." Sie gingen zu Melanie, aßen zu Abend mit Melanies Tochter, der erzählte er lang und breit vom Modeln, von den Stars, die er kennt, das Mädchen ist tief beeindruckt.

Melanie bezog ihm dann die Couch und fuhr ihn am nächsten Tag um sieben wieder zum Bahnhof. "Er hatte dann angerufen, alles in Ordnung, er sei in Köln, vielen Dank, Hase." Hase - er nennt sie alle so, stellen die Frauen später fest. Eine Woche später waren sie wieder verabredet. "In der Nacht sind wir auch das erste Mal miteinander intim geworden. Im Bett war er alles andere als liebevoll, sondern abgehetzt, schnell und hektisch."

Am nächsten Morgen muss er wieder sofort los, ein Shooting, ganz dringend alles, ob Melanie ihn nicht zum Bahnhof fahren könne. Beim nächsten Treffen klingelt sein Handy: "Oh, mein Chef", sagt er, "so ein Mist, ich muss morgen in Amsterdam sein. Ich brauche unbedingt einen Leihwagen." Ob Melanie ihn zum Düsseldorfer Flughafen bringen könne, damit er sich dort was mieten könne. Kaum sind sie am Schalter, stellt er fest, dass er alle seine Papiere bei ihr in der Wohnung vergessen hat.

Von da an gleicht Melanies Geschichte der von Babette: Er gibt den Wagen nicht ab, vertröstet Melanie, dann ist er nicht mehr erreichbar. Melanie erstattet Anzeige. Als der Wagen gefunden wird, haben sich bereits Kosten von 1200 Euro aufgetürmt, die Melanie bezahlen muss. "Ich verdiene so viel, dass ich mit meiner Tochter gerade so über die Runden komme, mir bleibt am Monatsende nichts übrig, gar nichts. Ich mache eine Ratenzahlung bei Sixt, das tut auch schon wahnsinnig weh. Mittlerweile ist es schon ein Riesenproblem, ob ich es mir leisten kann, meine Tochter mal ins Kino gehen zu lassen."

Bei Sixt gibt man ihr Babettes Nummer, die beiden entdecken die Parallelen ihrer Geschichten. "Das schmerzt alles sehr", sagt Melanie. Warum ist das passiert? "Vielleicht weil ich den Wunsch hatte, endlich mal wieder so ein kleines Glück zu verspüren. Und wenn da einer kommt, der einem das Gefühl gibt, dass man was Besonderes ist - das macht glücklich." Und wenn dann jemand etwas verspricht, wonach man sich so sehnt, wird das Herz weit und die Vorsicht klein. Das ist nun mal das Prinzip von Liebe.

Er behauptete, er sei beim KSK

Im Oktober meldet sich Renate A. aus Peine bei Babette. Ein Jahr lang war H. bei Renate ein- und ausgegangen, blieb oft wochenlang verschwunden, um dann wieder aufzutauchen, abgehetzt, ruhelos, schwitzend. Er sei beim KSK, dem "Kommando Spezialkräfte", einer Eliteeinheit der Bundeswehr in Afghanistan. "So glaubwürdig hat er mir von Afghanistan erzählt, dass man das wirklich überprüfen konnte, in den Nachrichten später", sagt Renate. "Er hat mir ein Foto von sich aufs Handy geschickt, in seiner gesamten Montur abgebildet." Sie sehen sich fast nie. "Und wenn wir uns gesehen haben, haben wir nie Dinge gemacht, die man normalerweise als Paar macht - wir sind nie ausgegangen, allerhöchstens zum Supermarkt, wobei er da auch im Auto sitzen geblieben ist. Bezahlt habe immer ich. Er wollte sich nie in Peine sehen lassen."

H. hat auf Renates Namen einen Handy-Vertrag abschließen lassen, seine Monatsrechnungen betrugen mehrere hundert Euro. "Er hat bei Ralph Lauren bestellt, hat mit meinen Daten ein Kundenkonto eröffnet, ich hatte Post von Rechtsanwälten, von meinem Konto wurde Geld abgebucht. Ich hatte Karten vom Gerichtsvollzieher im Briefkasten, auf denen angekündigt war, dass die Wohnung gewaltsam geöffnet werden würde, wenn er mich nicht anträfe." 4500 Euro hat Renate das Jahr mit Jens H. gekostet. Auch sie hat Strafanzeige erstattet.

Dann nimmt sich Renate eine der Handy-Rechnungen und beginnt, die Nummern abzutelefonieren, die das Kostenprotokoll auflistet. Und bemerkt, dass die Vielfältigkeit von H. wirklich Schwindel erregend ist - und dass sich die Geschichten aufs Haar gleichen. Sie spricht mit weiteren Frauen, darunter Babette, und immer weiteren: Heike, 39, alleinerziehend, eine Tochter. Mit ihren Kontodaten hatte er sich einen Laptop übers Internet bestellt, ihr Schmuck im Wert von 2500 Euro gestohlen und sich 2000 Euro in bar erschlichen.

Patrizia, 41, vier Kinder, alleinerziehend. Er war bei ihr eingezogen, hatte sich über ihre Kreditkarte bedient. "Es war diese Fürsorge, die von ihm kam, die mich schwach gemacht hat", sagt sie. Annika, 39, auch aus Leipzig. Er hatte von ihrem E-Mail- Account unter ihrem Namen ihre Freunde beleidigt - er wollte sie isolieren. Sie hat weitergeforscht. Und aus dem Stand acht Frauen gefunden, denen er, immer mit derselben Masche, den Hof gemacht hat. "Er sucht sich immer Frauen Ende 30, Anfang 40, ein bisschen einsam, oft alleinerziehende Mütter", sagt Annika bitter.

Einer Reinigungskraft mit zwei Kindern wurden die Konten gesperrt

Am meisten bewegt hat sie dieser Fall: eine Reinigungskraft, zwei Kinder, er hatte sich einen Laptop - den wievielten? - auf ihren Namen bestellt und sie um all ihr Geld gebracht. Ihr wurden die Konten gesperrt, sie konnte die Miete nicht mehr bezahlen, sie wurde aus der Wohnung geklagt. Oder Irmela, mit der behinderten Tochter, der er immer versprochen hatte, mit ihr in den Zoo zu gehen. So viele sind es. Katja. Kathrin. Meike. Stefanie. Dann Svenja. Angela. Melli. Und Kerstin, mit der gab es gerade eine Verlobung unterm Weihnachtsbaum. Kerstin hat kürzlich geerbt. Sie wurde jetzt von den sich immer besser vernetzenden Frauen gewarnt, war geschockt, warf ihn raus.

"Ich habe das alles dann für die Polizei aufgeschrieben", sagt Renate. "Um zu sehen, wo die Wahrheit ist. Aber was heißt schon Wahrheit? Es ist doch eh alles Lüge, was ihn angeht. Mich würde interessieren, wie sein wirkliches Leben gewesen ist."

Sein wirkliches Leben? Er wurde 1974 geboren, ist ältester Sohn unter vier Geschwistern. Hatte sich selbst das Lesen beigebracht, da war er drei. Er wurde als hochbegabt eingestuft, war ein schwieriger Schüler, wechselte vom Gymnasium auf die Realschule, dann auf die Hauptschule. Schloss irgendwann eine Lehre ab und war dann für die Familie meist nicht mehr greifbar. Tauchte höchstens über Nacht auf.

Seine Mutter erzählt dies am Telefon, der Kontakt kam durch verschlungene Wege zustande. Sie kann nicht mehr, ist geschockt darüber, was sie in den letzten Wochen erfahren hat. "Vor einigen Tagen begann er, wie ein böser Geist in meinem eigenen Umfeld aufzutauchen - er hat meine Büroleiterin angebaggert, hat sich von ihr Geld geliehen. Ich habe gemeint, mein Herz bleibt stehen, als ich das erfuhr. Ich habe versucht, mit ihm darüber zu reden. Ich habe gesagt: Du bist zwei Menschen. Mach was, du schadest dir und anderen. Meine anderen drei Kinder sind ganz anders. Und die haben das gleiche Rüstzeug wie er mitbekommen."

Seine Mutter wünscht sich, dass ihr Sohn endlich verhaftet wird

Jens H. hat schon als Jugendlicher den Schmuck der Großeltern versetzt. Hat kurz vor Heiligabend durch Scheckbetrug das Konto der Eltern leer geräumt, so dass man keinem Kind ein Geschenk kaufen konnte, 16 Jahre alt war er da. Was sie sich für ihren Sohn wünschen würde? Die Mutter seufzt, macht eine Pause. "Ganz ehrlich warte ich nur darauf, dass es hier an der Tür klingelt und mir die Polizei sagt, wir haben ihn. Dass er verhaftet wird. Dass er einen guten Anwalt findet, der durchbekommt, dass er eingewiesen wird. Dass man ihm in der Psychiatrie helfen kann. Sein Leben ist ja so nicht schön, er ist auf der Flucht. Und ist jetzt schon wieder bei einer anderen Frau, da bin ich mir komplett sicher, kann ja nicht anders sein, wo soll er denn sonst wohnen." Als ihn Kerstin, die letzte Frau, rauswarf, habe Jens H. geweint. "Du hast mein Leben zerstört! Wir hätten eine Familie sein können", habe er geschluchzt.

Hätten. Können. So viel Konjunktiv im vielfältigen Leben von Jens H. Und so wenig Realität.

Das sagt die Anwältin

Warum Jens H. immer noch nicht im Gefängnis sitzt und was in dem Gerichtsverfahren auf ihn zukommt: Hier lesen Sie das Interview mit der Rechtsanwältin Christina König, die eine der betrogenen Frauen vertritt.

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Text: Verena Lugert Foto: #censored#/<a class="link--external" href="http://www.photocase.com/" target="_blank" rel="noopener">Photocase.com</a> Ein Artikel aus der BRIGITTE 05/09

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