Die TV-Lüge: "Du, ich guck total selten"

Was natürlich dreist gelogen ist. Warum Paare am Anfang einer Beziehung ihre Fernseh-Leidenschaften voreinander verheimlichen.

Der erwachsene, moderne Mensch verfügt über ein ziemlich stabiles, höchst privates TV-Verhaltensmuster. Und spricht in der Regel auch ganz offen darüber. Erzählt, dass er das ganze Wochenende schlaff auf dem Sofa gelegen und teilnahmslos "historische Bundestagsdebatten" auf Phoenix geguckt habe. Dass er schon seit acht Jahren dienstags keine Verabredungen trifft, um "Emergency Room" nicht zu verpassen. Oder dass er "einfach alles mit Oliver Geissen" guckt, "egal was". Tun sich aber zwei Menschen zu einem Paar zusammen, sieht die Sache schlagartig anders aus.

Scheidungs-App: Bequemer trennen geht nicht

Moderne Paare sehen nicht einfach so fern. Das haben ihre Eltern getan, und so wollen sie nicht enden. Außerdem ist "vor der Glotze hängen" nicht gerade Ausdruck kultureller und intellektueller Agilität. Das zeigt sich schon in der Annäherungs-Phase einer jungen Liebe. Völlig legitim, vorzuschlagen, man könne sich "mal auf ein Bier" treffen oder "mal ins Kino gehen". Völlig undenkbar dagegen, anzuregen, man könne ja nächsten Samstag mal zusammen fernsehen, "ich hab auch Bier da". Tatsächlich spielt Fernsehen am Anfang einer Beziehung eine eher untergeordnete Rolle. Es wäre ja auch wenig charmant zu sagen: "Ich liebe dich, ich habe dich ab der ersten Sekunde geliebt, als ich dich gesehen habe, ich möchte den Rest meines Lebens mit dir verbringen und heute Abend als Erstes mit dir den Tatort' aus Saarbrücken sehen, der wurde in der 'Süddeutschen' sehr gut besprochen."

Bis ein Paar "völlig normal", das heißt: ohne umständliche Erklärungen, Entschuldigungen oder gar Rechtfertigungen, miteinander fernsieht, passiert eine ganze Menge. Gehen wir mal von einem 5-Phasen-Modell der Annäherung "Mann-Frau-TV" aus:

Phase 1: Liebe und Respekt Stellen wir uns zwei Menschen vor, die sich an einem Freitagabend die Liebe gestanden und seitdem das Bett nicht mehr verlassen haben. Jetzt ist es Sonntag Nachmittag. Zwischendurch hat es immer wieder sehr gute und lange Gespräche gegeben. Nach einer längeren Gesprächspause dreht sich einer von beiden — sagen wir mal: er - entkräftet auf die Seite, sein Kopf hängt halb aus ihrem Bett, und sein Blick streift die aufgeschlagene Fernsehbeilage eines Wochenmagazins. Er sieht, dass sie mit fettem Kuli ein Kreuz mit drei Ausrufezeichen eingetragen hat, daneben: "Wenn die Gondeln Trauer tragen". Er schätzt diesen Film auch sehr, der Klassiker des subtilen Horrors, und es wäre ein Leichtes, das Thema auf Film bzw. Lieblingsfilme zu bringen, dann überrascht und begeistert zu sagen: "Das gibt's doch gar nicht, das ist jetzt wirklich Magie: ,Wenn die Gondeln Trauer tragen' ist auch mein absoluter Lieblingsfilm!" Geht leider nicht. Man kann nicht bereits am dritten Abend einer neuen großen Liebe die Glotze anschmeißen - auch dann nicht, wenn ein Meisterwerk der Filmgeschichte läuft. Einfach dableiben und das Kreuz und die Ausrufezeichen ignorieren wäre gemein. Vielleicht hat sie sich schon seit Tagen auf den Film gefreut, den sie seit 20 Jahren irgendwie immer wieder verpasst hat. Also erfindet er einen runden Geburtstag eines Ex-Schwagers, den er in der Aufregung beinahe verschwitzt hätte, und geht. Seine erste Lüge, aber eine Lüge aus Liebe und Respekt. Er hat sie angelogen, damit sie den Film sehen kann, ohne selber lügen zu müssen. Mit diesem schönen Gefühl liegt er wenig später zu Hause auf dem Sofa, hängt in Gedanken noch ein wenig dem großartigen Wochenende und dieser großartigen Frau nach und schaltet dann den Fernseher an. "Wenn die Gondeln Trauer tragen" - ein super Film, genau das Richtige jetzt.

Phase 2: Verheimlichung und Kult Die beiden sind jetzt bereits seit ein paar Wochen zusammen, sind offiziell "ein Paar" und wissen schon richtig viel voneinander. Sex, Familie, Freunde, Musik, Kochen - nur übers Fernsehen wurde noch nicht gesprochen. Das soll sich jetzt ändern. Zunächst noch schüchtern eingeleitet durch ein Gespräch über TV-Kindheitserinnerungen. Fies: Er durfte samstags "Fury" nicht gucken, weil sein älterer Bruder "Sportschau" sehen wollte, sie auch nicht, weil ihre ältere Schwester "Beat Club" einschaltete. Jetzt geht es um TV today: Er fängt mit einem Scherz an, dass er jetzt nämlich selbst samstags immer "Sportschau" sieht, weil "Fury" nicht mehr läuft, und "gelegentlich" Champions-League, nicht so sehr wegen des Spiels, sondern weil ihn das "Dummdeutsch dieser Kommentatoren" angeblich immer wieder aufs Köstlichste amüsiert.

Dass er seit dem zarten Alter von acht Jahren in Wahrheit keine einzige live oder als Konserve übertragene Fußball-Sekunde im deutschen Fernsehen verpasst hat, verschweigt er natürlich. Noch. Auch, dass er sich, als sein Ex-Schwager einmal auf der Intensivstation lag und es nicht so aussah, als ob er die nächste Nacht noch packen würde, mit einer schlecht erfundenen entschuldigen ließ, weil er das UEFA-Cup-Qualifikations-Spiel Hertha BSC gegen USC Üxmüll auf gar keinen Fall verpassen wollte. Immerhin: Der Ex-Schwager kam durch, und die Hertha schied aus.

Sie führt im Gegenzug ihre Vorliebe für amerikanische Serienformate ein, mit der Begründung, dass sie selbst ein Jahr als Austauschschülerin in den USA gelebt hat und seither die gesellschaftspolitischen Veränderungen des Landes per TV-Serie verfolgt, "extrem aufschlussreich, sag ich dir". Dass sie Teil 1 der zweiten Staffel von "Desperate Housewives" bereits ein halbes Jahr vor Erscheinen bei Amazon vorbestellt hat, bleibt ebenso unerwähnt wie ihre Gewohnheit, jedes auch noch so kleine Stimmungstief mit einer Folge "Sturm der Liebe" plus Nägel lackieren plus einer Tafel "Milka ganze Haselnüsse" zu kurieren.

Aber immerhin, das Thema "Ich habe eine Fernseh-Vergangenheit" ist jetzt endlich auf dem Tisch, die Frage ist allerdings, wie die beiden ihre Vergangenheit in eine gemeinsame Zukunft umsetzen werden. Entscheidend dafür ist...

Phase 3: Langeweile und Sex Das Paar verabredet sich nun telefonisch und ganz bewusst zu einem Film, den sie in der Regel auswählt, meist hat eine cineas-tisch geschulte Freundin ihn empfohlen, "läuft auf Arte, keine Ahnung, warum der nicht in den Kinos war, aber wahrscheinlich war der den Betreibern nicht kommerziell genug, geht um Immigranten aus Aserbaidschan, kommt zwar erst um 22.30 Uhr, ich würde ihn aber echt gern sehen".

"Klingt interessant", sagt er und entnimmt seiner Programmzeitschrift, dass die Gesprächsrunde "Jogi Low - Klinsis schweres Erbe" bis halb zehn läuft, und sagt erleichtert zu. Sie ist auch ganz froh, dass sie den Dokumentar-Beitrag "Flieg, kleiner Kormoran, flieg! Wie Kormorane fliegen lernen" (bis 22 Uhr) in Ruhe und ohne Zeugen zu Ende sehen kann.

Der Plot des Immigranten-Films erweist sich schnell als sperrig, die Bildsprache als spröde, die beiden langweilen sich, sagen es sich aber nicht. Statt dessen haben sie Sex, den ersten Sex vor laufendem Fernseher. Das finden sie nicht schlimm, eher ganz scharf. Hinterher lachen sie.

Ist ja auch ganz lustig, zu vögeln, wenn ein Film auf Arte läuft. Das Kernproblem in Sachen Fernsehen hat unser Paar leider immer noch nicht gelöst.

Phase 4: Kalkül und Betrug Die beiden sind jetzt zusammengezogen. Potenzielle Beziehungskiller wie "Wie viel Meter Bücherregal habe ich?" oder "Zimmerpflanzen ja oder nein?" haben sie erstaunlich souverän gelöst, normal fernsehen geht immer noch nicht. Das nervt beide, sie würden jetzt auch in Sachen TV gern zu ihrer Tagesroutine zurückkehren, sprechen aber immer noch nicht darüber. Sondern belauern sich gegenseitig: "Toll, dass du jetzt noch die Kraft zum Joggen hast!", ruft er ihr zu, steht mit der Fernbedienung am Fenster, wartet, bis sie unten aus der Haustür kommt, wirft, als sie um die Ecke verschwindet, "Marienhof an und reißt eine Tüte Chips auf. Im Anschluss gibt es eine Live-Schaltung ins Sommer-Trainingslager seiner Lieblingsmannschaft.

"Das wird dir echt gut tun, mit dem Dirk mal wieder einen trinken zu gehen, warst schon lange abends nicht mehr weg", sagt sie am nächsten Abend aufmunternd, holt die "Milka ganze Haselnüsse" aus dem Kühlschrank, stellt den Nagellack bereit und freut sich auf den Beitrag: "Gerade erst flügge, schon Mutter: Wie junge Kormo-ran-Mamis ihre Babys hegen".

Worauf es in dieser Phase ganz entscheidend ankommt: wach bleiben, immer mit der Fernbedienung in der Hand lauschen und - sobald der Schlüssel in der Tür geht - sofort auf "Heute Journal", "Tagesschau" oder Arte umschalten. Keine Frage, die beiden sind noch nicht so weit, warten wir noch ein Jahr. Warten wir auf...

Phase 5: Erschöpfung und "Tatort" Dafür braucht es ein anstrengendes, aber auch schönes Wochenende. Und einen "Tatort" aus München. Es braucht eine harte Arbeitswoche, eine schöne, aber eben auch anstrengende Einladung am Freitagabend, einen hektischen Einkauf am Samstag, einen Abend mit Gästen, die mehrgängig bekocht wurden, und einen restlos entkräftenden Ausflug ans Meer oder in die Berge am Sonntag. Dann, auf der Heimfahrt, sagt einer von beiden, ungefähr zehn Kilometer vor der Haustür, endlich den entscheidenden Satz: "Weißt du, was ich gleich zu Hause machen werde?" "Was?" "Mich aufs Sofa legen, die Glotze einschalten und den 'Tatort' sehen." "Weißt du was?" "Was?" "Ich werde mich sofort dazulegen. Und weißt du noch was?" "Was?" "Der ,Tatort' kommt aus München." Wenig später ist das Paar endlich angekommen. Ist doch echt prima, wenn man nach einem schönen, aber auch eben sehr anstrengenden Wochenende zu Hause einen "Tatort" vorfindet, zumal noch einen mit Batic und Leitmayr. Und sich ganz normal darüber freuen kann.

Bleiben zwei Fragen offen. Erstens: Hätten die beiden das nicht früher haben können? Nö, siehe Phase 1. Zweitens: Sieht sie jetzt täglich "Sturm der Liebe", lackiert sich dabei die Fußnägel und isst "Milka ganze Haselnüsse"? Und: Muss er sich ein Zweitgerät anschaffen, um seiner Lieblingsmannschaft endlich auch per Pay-TV beim Duschen zusehen zu können?

Keine Ahnung, das müssen die beiden untereinander aushandeln. Sollte doch kein Problem sein, jetzt, wo sie offen darüber reden können.

Text: Mark Kuntz BRIGITTE Heft 21/2006
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